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Osterfeuer

Bei Euch brennt es doch!

 

Die Osterfeuer in Blankenese sind eine uralte Tradition – bei Behörden aber zunehmend unbeliebt. Unser Autor meint: Gut, dass die Anwohner dagegen aufbegehren.

Seit der ersten massenmedialen Erwähnung in der Aktuellen Schaubude vor mehr als 30 Jahren ist es am Blankeneser Elbstrand zu Ostern rappelvoll. Touristen aus Hamburg, Pinneberg und von noch weiter weg machen sich – nicht immer nüchtern – am Abend vor Ostern auf den Weg in den sonst so dörflich wirkenden Stadtteil und bestaunen die vier großen Feuer der Anwohner.

Vergleichbares öffentliches Interesse wecken in Hamburg, zumindest in meiner Wahrnehmung, nur Eisvergnügen auf der Alster und Heimspiele des FC St. Pauli. Leider ist es nun so, dass mit ihm eine Paranoia der Behörden einhergeht. Sie reglementieren und verbieten die Feuer. Das nimmt gefühlt von Jahr zu Jahr zu – und erweckt die Widerspenstigkeit der Blankeneser.

Gemeinsam für eine Sache einzustehen, das ist eine Tradition, die sich der Stadtteil zum Glück bewahrt hat, sie ist mindestens so alt wie die der Osterfeuer. Sie ist geblieben, obwohl der Stadtteil zu den gefragtesten Wohngegenden Hamburgs gehört und in den Häusern am Hang längst keine Kapitänswitwen mehr leben. Sie speist sich aus den Resten einer Solidarität, die das Fischerdorf zusammenhielt, wenn die Söhne und Väter mal wieder auf der Nordsee geblieben waren.

Osterfeuer "Viereck" in Blankenese. Foto: Philip H.
Osterfeuer Viereck in Blankenese. Foto: Philip H.

Jedes Jahr wetteifern in Blankenese bis zu vier Großfeuer miteinander. Sie heißen Viereck, Knüll, Osten und Mühlenberg. Aufgebaut werden sie von den Familien, die am Hang wohnen. Bei welchem Feuer man hilft, hängt davon ab, wo man in Blankenese wohnt. Meine Familie beispielsweise gehört zum Viereck-Feuer. Einen zentralen Veranstalter gibt es nicht. Anders als bei Demonstrationen oder Dorffesten anderer Art gibt es keinen Anmelder. So was hat man nie gebraucht, und irgendwie wurde das auch von den Hamburger Behörden nie vermisst. Bis zu diesem Jahr.

Schon am frühen Sonnabendmorgen, das Holz wurde gerade kunstvoll Lage um Lage um einen Mittelmast gestapelt, bekamen die Osterfeueraufbauer Besuch von der Polizei. Wer denn der Verantwortliche sei, wurde gefragt. Mit der Antwort, dass es wie üblich keinen gebe, gab sich der Beamte zunächst zufrieden. Später am Tag, der gewaltige Turm des Viereck-Feuers hatte schon eine beträchtliche Höhe erreicht, kam er allerdings wieder.

Es sei verfügt worden, dass die Feuer maximal fünf Meter hoch sein dürften, teilte der Polizist mit. Die Feuerbauer hätten ihren Mittelmast auf die geforderte Länge abzuschneiden. Die Anwohner am Viereck-Feuer beratschlagten kurz und weigerten sich dann, ihren Mittelmast abzuschneiden. Schließlich hing an ihm auch die Puppe, die symbolisch für den Winter steht, der bei diesem Brauch vertrieben werden soll. Das hatte es noch nie gegeben! Mehr noch als die Konsequenzen eines zivilen Ungehorsams fürchteten sich die Blankeneser davor, den eigenen Aufbau zu zerstümmeln. Es wäre eine Blamage im Wettbewerb um das höchste Feuer geworden. Denn auch darum geht es bei dieser Tradition. Ein zu mickriges Feuer kann noch auf Wochen für Gesprächsstoff unter den Nachbarn sorgen.

Bis auf das Knüll-Feuer, früher das Rockerfeuer in Blankenese, weigerten sich alle Osterfeuer, ihren Mittelmast zu kappen. Lieber würden sie auf das Anzünden verzichten, teilten sie mit. Zum Glück waren zu diesem Zeitpunkt schon zahlreiche der über 10.000 Gäste angereist. Die Feuerwehr und die Hamburg Port Authority entschlossen sich so nämlich zumindest dazu, das Viereck-Feuer zu genehmigen, natürlich unter strenger Aufsicht. Wegen des starken Südostwindes und des enormen Funkenfluges wurden das Osten- und das Mühlenberg-Feuer zunächst nicht angezündet. Das Feuer am Knüll wurde trotz entschärfter Höhe fünf Mal in dieser Nacht abgelöscht, weil es der Feuerwehr zu gefährlich erschien. Vielleicht lagen sie damit richtig, viele der Maßnahmen im Vorfeld  aber waren sicherlich unnötig.

Feuerwehr löscht Blankeneser Osterfeuer. Foto: Joachim Granzow, mit frdl. Genehmigung.
Feuerwehr löscht Blankeneser Osterfeuer. Foto: Joachim Granzow, mit freundlicher Genehmigung.

Die Blankeneser haben ihre Feuer dennoch gefeiert. Vielleicht in dieser Form zum letzten Mal.

Wenn sich in Zukunft keine Entspannung einstellt zwischen Behörde und Anwohnern, nimmt diese Tradition womöglich bald ein Ende. Ein weiteres Kapitel einer technokratisierten Welt, in der Behörden ihre Haftungsrisiken begrenzen wollen und dafür das, was wir bislang als öffentliches Leben wahrgenommen haben, opfern. Ein schleichender Wahnsinn. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass wir Verbote und Regulierungen kaum noch hinterfragen. Gemeinwesen übernehmen keine Verantwortung mehr. Die wird in Form von Drohungen und Verboten auf das Individuum abgeschoben.

AIDA Kreuzfahrtschiff vor dem Blankeneser Osterfeuer. Foto: Philip H.
Aida-Kreuzfahrtschiff vor dem Blankeneser Osterfeuer. Foto: Philip H.

Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da wurde man nicht genötigt, den gesamten Flug angeschnallt zu bleiben, weil etwas passieren könnte. Das war jedem selbst überlassen. Auch das anfangs erwähnte Vergnügen auf der zugefrorenen Alster, mit Buden und Glühwein, wird in dieser von Angst geprägten Welt unmöglich. Dem öffentlichen Leben in Hamburg schadet das enorm. Mit den Osterfeuern droht es eine weitere unverfälschte Tradition zu verlieren.

Insofern freue ich mich über die unbeugsamen Blankeneser, über meine Nachbarn. Wie man hört, fragten die Erbauer des Feuers Osten noch am Sonntagvormittag bei der Feuerwehr nach einer Genehmigung.

18 Kommentare

  1.   Occam

    Da wäre ich aber mal auf ein paar Beispiele gespannt gewesen, wo angeblich mal Gemeinwesen Verantwortung übernommen haben.
    Die „da ist noch nie was passiert“-Argumentation fällt recht schnell in sich zusammen, wenn dann doch mal was passiert. Dann heißt es sofort, „wer war schuld“, warum hat keiner vorher aufgepasst. Ich wäre da vorsichtiger mit Vergleichen, insbesondere weil einem im Zusammenhang mit dem Geman-Wings Absturz gerade wieder deutlich vor Augen geführt wird, dass Entschädigungen für Todesfälle in Deutschland ein Witz sind.

  2.   Infamia

    Ach, wo soll man bei so viel Ignoranz anfangen und wo aufhören? Niemand nötigt, Sie, den ganzen Flug über angeschnallt zu bleiben. Es ist lediglich eine Empfehlung, dieses zu tun. Schon mal mit einem Flieger in ein Luftloch gefallen und dabei nicht angeschnallt gewesen? Es gab Fälle, da hat es einigen dabei schon das Genick gebrochen. Übrigens meist Stewardessen, weil die oft längere Zeit nicht angeschnallt sind.

    Und dann die Frage, wer löscht denn das Feuer, wenn es außer Kontrolle gerät? Der Autor mit seiner Spritzpistole oder die Feuerwehr, die dabei evt. sogar Laib und Leben riskiert? Ist ja immer doll, zivilen Ungehorsam zu fordern, wenn man anschließend die Konsequenzen nicht tragen muss.

  3.   augenhoehenpendant@gmx.de

    sind ja wahre freiheitskaempfer, die blankeneser! ich vermute aber, sie sind froh, wenn die behoerden fussgaengerueberwege, tempo-30-zonen fuer ihre wunderkinder durchsetzen. und ich vermute, es ist wie in eppendorf, uhlenhorst…: man selbst kann am besten beurteilen, welche behoerdlichen massnahmen sinn machen und welche nicht! es haengt einfach davon ab, inwieweit sie einem persoenlich nutzen oder den eigenen komfort nicht einschraenken.


  4. Update: „Eine kleine Anmerkung – es waren wohl die Erbauer vom Osten Feuer, die am Sonntagvormittag noch nach einer Genehmigung fragten.
    Mühlenberg wurde in der Nacht von Samstag auf Sonntag nach 23.30 Uhr noch angezündet. Dies wurde sehr spät genehmigt.“

  5.   letter to the editor

    Vielleicht geht es gar nicht um Wohlstandsanarchie, denn kein Feuer würde ohne das o.K. der örtlichen freiwilligen Feuerwehr angezündet , das sind die Kumpel aus dem Dorf.
    Allerdings sind die hamburgweit agierenden Behörden auf so einen Gemeinsinn im Dorf gar nicht eingestellt und haben dafür keine Formulare.
    Statt dessen wurden die Feuer von Bereitschaftspolizisten umstellt, um ein Anzünden zu verhindern.
    13jährige werden beim traditionellen gegenseitigen Tannenbaumklauen von Polizeibeamten belehrt, das es sich dabei um ein Eigentumsdelikt handeln würde.
    Der Staat präsentiert sich auf unvorteilhafte Weise.
    Vielleicht ist das jetzt ja auch das Erbe der untergegangenen Ostdeutschen Republik, das man dem Einzelnen nicht zutraut zu überblicken, was gut für die Gemeinschaft ist.
    So hat statt Marx doch noch Konfuzius den Weg aus dem Osten geschafft.

  6.   WZNKM

    Herr Hauth, an den Kommentaren sehen Sie, der durchschnittliche Bürger wünscht das Durchgeglementierte. Und andere, die Behörden, wissen besser, was für einen gut ist. Bevormundung ist ein Feature .

    Ich finde den Artikel und Inhalt gut und richtig.

  7.   halbrecht

    Wenn ein Dieselauto vorbeifährt ist der Feinstaub eine Gefahr für Leib und Leben, heißt es. Wenn eine Autofirma mit den Feinstaubwerten trickst, ist es ein Verbrechen, oder?

    Kann ja sein, dass die Blankeneser nicht zustimmen, aber falls doch, erscheint es mir inkonsequent, ein Feuer anzuzünden, das tausende mal mehr Feinstaub erzeugt. Einfach aus Bock oder weil das Tradition ist.


  8. Vielen Dank für den Link. Sie können es nicht wissen, aber dass Sie in ihrem Kopf einen Blogpost von mir mit einem von Don Alphonso, genannt Fonsi, verbinden, ist da, wo ich herkomme, in Bloggerhausen, sehr lustig. :)

  9.   prbo

    Ich kann mich noch an Zeiten vor etwa 40 Jahren erinnern, wo blankeneser Jugendlichen herumwanderten und alte Weihnachtsbäume sammelten, um sie später beim Osterfeuer zu verbrennen. Die Holzberge hatten entsprechend auch nur vernünftige also eher bescheidene Ausmaße, auch wenn der Wettbewerb um das größte Feuer auch damals Tradition hatte. In späteren Jahren kamen allerdings mehr und mehr Lastwagen mit Brennmaterial und die Berge nahmen entsprechende Ausmaße an, die Anwohner mit Reetdächern bei entsprechender Windrichtung um ihre Häuser fürchten lassen.
    Wenn ich aber heute einen Filter für meine Kaminofen einbauen soll, um Feinstaub zu vermeiden, dann frage ich mich schon, ob es notwendig ist, Berge von mehr als 5m anzuzünden, wobei mehr Holz verbrannt wird, als in meinem Kaminofen im ganzen Leben verbrannt wird – ohne jeglichen Filter. Traditionen sind eine schöne Sache, aber über Auswirkungen sollte man schon mal nachdenken.