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Rumer im Mojo Club

Feinste Falsett-Stimme, aber nie am Limit

 

Rumer im Hamburger Mojo Club: Die Sängerin aus England macht alles genau richtig. Das ist beeindruckend, bisweilen aber auch etwas langweilig.

2010 war Sarah Joyce, genannt Rumer, der nächste große Gesangsstar. Ihr Debütalbum Seasons Of My Soul erschien und man nannte sie in einem Atemzug mit Adele und Duffy. Burt Bacharach und Elton John klingelten an der Tür, alle verglichen sie mit der legendären Karen Carpenter von den Carpenters. Zu Recht. Eine große Stimme.

Aber auch eine zerbrechliche, traumatisierte Person auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit. Erst mit elf erfuhr Sarah, jüngstes von sieben Geschwistern, dass sie die Folge eines Seitensprungs in Pakistan war. Später pflegte sie ihre Mutter in Südengland, die 2003 dem Krebs erlag. Als sie danach nach Islamabad reiste, um ihren Vater zu finden, kam sie zu spät, er war wenige Monate zuvor verstorben.

Es hat bestimmt auch mit diesen Erlebnissen zu tun, dass Rumer der Druck zu groß wurde, der auf ihr lastete. Sie zweifelte an ihrem Star-Dasein. Kürzlich erst scheint sie ihr Glück in Kalifornien gefunden zu haben, bei Rob Shirakbari. Er hat das dritte Album Into Colour, mit dem Rumer nun auf Tour ist, produziert und mitkomponiert. Und mehr noch: Die beiden wollen angeblich im Mai heiraten.

Auch unter dem Namen Rob Shrock bekannt, arrangierte Shirakbari zuvor für Burt Bacharach und Dionne Warwick. Und als Keyboarder war er bereits am Orchesterpop-Meilenstein Painted From Memory (1998) von Elvis Costello & Burt Bacharach beteiligt.

Dangerous, Eröffnungsnummer des Konzerts am Sonntag im Mojo Club und die Single zum Album, schrammt gefährlich nahe an gepflegtem Urlaubsdiscosound à la Gabrielle entlang. 250 größtenteils gutbürgerlich aussehende Hamburger, viele auf Stühle platziert, wippen leise mit der Fußspitze. Daran ändert sich bis Ende auch nichts. Eine geschmackvoll und konservativ angelegte, ganz dem Star gewidmete Show in guter Dusty-Springfield-Tradition. Rumer macht sparsame Ansagen wie diese: "Viele unschöne Nachrichten zurzeit, das stimmt. Aber: Die Welt ist gar nicht so schlecht. Die meisten Menschen sind gute Menschen." Es folgt die neue Ballade Better Place. Textprobe: "You make the world a better place / with your kindness / and your grace."

Es fehlt etwas Glamour, um diese gutgemeinten Allgemeinplätze erstrahlen zu lassen. Dazu trägt auch Rumers Erscheinungsbild bei. Über dem schwarzen Hosenensemble flattert eine rotgelbe, türkengemusterte Seidenbluse in Übergröße: trutschiger Damen-Chic für die Frau von Mitte 40. Damit macht sie sich um zehn Jahre älter, als sie ist. Auch die schlagerhaften, behäbigen Gesten zur Untermalung ihres Gesangs können nicht dauerhaft fesseln.

Vielleicht einmal zu oft gibt Rob Shirakbari hinter seinem Flügel den gestrengen Kapellmeister. Wie alle Musiker äußerst gruppendienlich agierend, weist er dennoch den Gitarristen Darren Hodson und den Schlagzeuger Alex Torjussen mit erhobener Hand in ihre Schranken. Ob es dazu dient, die Ausgewogenheit der Aufführung in CD-Qualität zu wahren? Oder will er dem Publikum zeigen, wer der Bandleader ist?

Besonders Torjussen reagiert auf die dezenten, dennoch oberlehrerhaften Ermahnungen mit einigem Desinteresse. Schließlich gilt der 22-jährige Londoner als neuer Star der englischen Studioszene. Er hat alle Qualitäten, um in die Fußstapfen von Steve White zu treten, seinerzeit der Teenager-Wunderdrummer von Paul Wellers Band The Style Council. Der vollbärtige Darren Hodson, als Solokünstler The Southern Companion auch der Opening Act im Mojo Club, ist ein geschmackssicherer Leadgitarrist, er spielt mit leicht angezerrtem Vintage-Ton. Sein kleines Gesangssolo in der geschmeidigen Hall-&-Oates-Coverversion I Can't Go for That (No Can Do) zeigt mehr Emphase als Rumer im gesamten Konzert.

Überhaupt gehören die nachgespielten Stücke zu den Highlights. Jimmy Webbs Klassiker P.F. Sloan kommt als großer, wehmütiger Frühsiebziger-Westcoast-Rocksong. Noch besser ist die letzte Zugabe: Die White-Soul-Pophymne Love Is The Answer, ein 1977 von Todd Rundgren für die Band Utopia komponiertes Meisterwerk, lässt die Band glänzen, auch der Backgroundchor ist betörend.

Die Sängerin selbst trifft zwischen sonorem Alt und feinstem Falsett jeden Ton spielerisch. Milde, warm und ohne Druck in der Stimme ist sie allen Notensprüngen gewachsen, nie gerät sie auch nur annähernd an ihr Limit. Schade, könnte man einwenden. Eine Ballade im Dreivierteltakt wie Reach Out vom neuen Album, die dazu prädestiniert ist, magisch und theatralisch anzuwachsen, bleibt knapp unterhalb der Klimax hängen, die man herbeisehnt. Bei all dem Wohlklang würde das wahre Begeisterung hervorrufen – und nicht nur freundlichen Beifall.