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City-Hof

Tschüss, Nachkriegsmoderne

 

Häuser abzureißen hat Tradition in Hamburg. Dass diese nun mit dem City-Hof am Hauptbahnhof fortgesetzt wird, ist trotzdem fragwürdig.

"Kann das weg?" – so betitelte vergangenen Sommer ZEIT-Autor Benedikt Erenz einen Text über das Abrissverhalten der Hamburger. Denn was der Große Brand von 1842 und der Zweite Weltkrieg übrig ließen, geriet nach dem Krieg schnell in das Visier der Stadtentwickler. Zahlreiche prächtige Häuser fielen ihnen zum Opfer. Eine Immobilie des neuen Hamburgs ist der sogenannte City-Hof aus den fünfziger Jahren, ein Hochhauskomplex gegenüber dem Hauptbahnhof und Sitz des Bezirksamtes Mitte. Den will der Senat jetzt verkaufen und der Investor abreißen. Wer den City-Hof heute sieht, kann das gut nachvollziehen: graue Plattenbauten, recht unansehnlich.

Nur: Die vier Hochhausscheiben sahen einmal ganz anders aus, elegant, nüchtern, sehr hell, beste Nachkriegsmoderne. Erst in den Siebzigern wurden sie grau verschalt und verschandelt. Seit 2013 steht der City-Hof unter Denkmalschutz.

Das Vorhaben wirft Fragen auf. Zum Beispiel, warum die Stadt anstatt des Abrisses nicht auf die anscheinend vernünftigste Lösung einer Bestandssanierung zurückgreift. Also zurück in den hell-weißen Zustand von 1958. Dafür spricht etwa die Geschichte der sanierten Grindel-Hochhäuser, deren Bau bereits 1946 begann. Deren Wohnungen sind heute begehrt, für Touristen gehören die eleganten Blöcke längst zu Hamburgs Sehenswürdigkeiten.

City-Hof
Durchsicht auf zwei der vier Scheiben des City-Hofes über den Hauptbahnhof hinweg © Carl-Günther Jastram

Es existiert sogar ein Entwurf für die Sanierung des City-Hofs, der den Komplex so weit wie möglich in den hellen Ursprungszustand versetzt. Er stammt von einem Konsortium um den Hamburger Architekten Volkwin Marg und dem Konzern Hochtief. Die Stadt hat diesen aber abgelehnt. Das Verhalten der Finanzbehörde im Umgang mit dem eingereichten Marg-Plan machte einen zumindest diskussionswürdigen Eindruck. Heute sagt Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD), dem Marg-Hochtief-Vorschlag fehle es an Verbindlichkeit. Doch das kann man verhandeln und klären. Dafür sollte es auch auf städtischer Seite Experten geben.

Eine weitere Frage ist, wie sich die verkaufende Finanzbehörde einfach so über den Denkmalschutz der Kulturbehörde hinwegsetzen kann. Welchen Sinn soll der Denkmalschutz da noch haben? Das mögen sich zukünftig vor allem private Besitzer einer solchen Immobilie fragen. Überhaupt scheint im Umgang mit alten Hochhäusern eher Willkür zu herrschen. Warum wird das architektonisch und städtebaulich indiskutable Uni-Geomatikum von 1975 am Schlump aufwendig renoviert und der City-Hof wird abgerissen?

In ästhetischer Hinsicht gibt es zudem wenig Gründe, anzunehmen, dass ein Neubau anstelle des City-Hofs attraktiver wäre als eine sanierte Variante des Altbaus. Ein Investor hat nichts zu verschenken, er wird bei einem Neubau eine maximale Ausnutzung der Fläche anstreben. Warum auch nicht!

Das, was die Bürgerschaft am Donnerstag beschlossen hat – den Denkmalschutz des City-Hofs zu ignorieren und einfach zu verkaufen – macht einen völlig ignoranten Eindruck. Man bleibt damit zwar in der baugeschichtlichen Tradition der Hamburger Stadtplaner. Nur, was spricht dagegen, die sanierte Nachkriegsmoderne des City-Hofs an dieser exponierten Stelle der Innenstadt zu einer strahlenden Visitenkarte der Hansestadt werden zu lassen? Man muss es nur wollen.

 

 

11 Kommentare

  1.   Wolfgang Passehl

    Wie so immer scheinen handfeste finanzielle Interessen dahinter zu stecken, an vielen Stellen in Hamburg werden schöne Altbauten abgerissen und anstelle dessen nüchtern kühle Bürokomplexe errichtet. Ein städtebauliches Gesamtkonzept ist fast nirgends zu erkennen.

  2.   Klabunde

    Sehr geehrte Frau Stapelfeldt, als promovierte Kunsthistorikerin sollten Sie doch eigentlich für die Pflege und den Erhalt von historisch bedeutsamen Werken stehen. Ihnen sollte die Charta von Venedig – die Internationale Charta über die Konservierung und Restaurierung von Denkmälern und Ensembles von 1964 – ein Begriff sein. Mehr noch: Wenn nicht Sie, wer sollte sich ihr sonst verpflichtet fühlen?! Von Ihnen erwarte ich, dass Sie sich für einen Erhalt des City-Hofs stark machen!

    „Als lebendige Zeugnisse … vermitteln Denkmäler der Gegenwart eine geistige Botschaft der Vergangenheit. Die Menschheit, die sich der universellen Geltung menschlicher Werte mehr und mehr bewusst wird, sieht in den Denkmälern ein gemeinsames Erbe und fühlt sich kommenden Generationen gegenüber für ihre Bewahrung gemeinsam verantwortlich. Sie hat die Verpflichtung, ihnen die Denkmäler im ganzen Reichtum ihrer Authentizität weiterzugeben.“

    Als in Hamburg lebender und arbeitender Architekt schäme ich mich für diesen Hamburger Provinzialismus. Die Vorgehensweise dieses Senats ist einer sogenannten „Weltstadt“ unwürdig.

    Cornelius Gurlitt sagte 1904 „Man soll aber ehrwürdige Greise nicht totschlagen, weil man sieht, dass sie doch bald sterben werden!“

    Denkmal drüber nach…

  3.   blickdahinter

    erhalten aus prinzip? die haeuser haetten in der form nie an diese stelle gebaut werden duerfen. und nun wird der fehler korrigiert. man muss auch goenne koenne.

  4.   Stiftung Warentest

    Warum nicht zurück in den hell-weißen Zustand von 1958?

    Die Antwort: Weil es unter den heute gültigen Regeln der Energieeinsparverordnung ein sündhaft teurer Umbau wäre.

    Anderslautenden, unverbindlichen Versprechungen von Hochtief würde ich, bedenkt man deren skrupelloses Verhandlungsgebaren beim Bau der Elbphilharmonie, nicht trauen.

    Wüsste auch mal gerne, ob man das überhaupt mit den Materialien und dem damaligen Volumen hinbekäme, wie sie bei den Originalfassaden verbaut wurden.

    Wenn nicht, hat das, was die vorgeblichen Freunde des Denkmalschutzes fordern, ja auch nichts mehr mit Denkmalschutz zu tun.

  5.   Pumpelstielzchen

    @Stiftung Warentest #4:
    Das gilt aber eigentlich fuer fast alle historischen Gebaeude, oder? Muessten die dan nicht alle weg?

  6.   Rüdiger IHLE

    Ich sehe wahrhaftig wenig Sinn darin, jeden Zweck-Bau – um einen solchen handelt es sich hier mE – gleich zum schützenswerten Kulturobjekt hochzujubeln, nur weil er den 50sten schon hinter sich gebracht hat .
    Alter alleine ist nicht schützenswert. In diesem Sinne : Ja, das kann weg .

  7.   Klabunde

    @ Stiftung Warentest. Denkmalgeschützte Gebäude müssen bei einer Sanierung die Vorgaben der EnEV nicht erfüllen!

  8.   Stiftung Warentest

    @Klabunde
    Danke für den Hinweis. Bin auf dem Gebiet nur interessierter Laie.

    Aber man braucht dann doch auch Mieter, die bereit sind, die höheren Energiekosten dauerhaft zu tragen.

  9.   Klabunde

    Wenn es denn tatsächlich zu höheren Energiekosten kommt ;-) Ich bezweifle das einfach mal und bin sehr froh, dass mich niemand zu irgendwelchen hanebüchenen Massnahmen an meinem denkmalgeschützten Häuschen zwingen kann.

    Meine Empfehlung lautet: Nutzen Sie den (relativ unbekannten) Paragrafen 25 EnEV und lassen Sie sich auf Grund unwirtschaftlicher Anforderungen von diesen wahnwitzigen Vorgaben befreien!

    Falls es Sie interessiert, so lesen Sie doch z.B. hier einmal nach: http://www.faz.net/aktuell/finanzen/meine-finanzen/mieten-und-wohnen/daemmung-ist-oekologisch-zweifelhaft-und-teuer-12933587.html

  10.   Mariecurryreis

    @ Stiftung Warentest

    Es wird Mieter geben, die höhere Nebenkosten bezahlen, wenn sie denn nun wirklich höher sein sollten. Was meinen sie warum selbst die kaputt saniertesten Altbauten, und damit meine ich alles vor 1945, so beliebt sind? Weil man immernoch ein besseres Wohngefühl im Gegensatz zu den meisten pragmatischen form follows function Wohnwürfeleinheiten der Nachkriegsmoderne hat, wo mir der Nachbar bei 2,45m Deckenhöhe auf dem Kopf rumtrampelt und ich es durch die low cost Bauweise alles höre. Übertreibung macht anschaulich, man lasse es mir ;-)