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James Taylor

Schöne Mädchenmusik mit James Taylor

 

Anhaltender Applaus, als James Taylor die Bühne betritt. Die Vorfreude im Publikum ist groß, die Qualität seiner Konzerte ist vielen aus früheren Besuchen bekannt, ein langjähriger Wegbegleiter wird begrüßt. Der Auftritt beginnt mit Something In the Way She Moves von seinem Debütalbum, aufgenommen 1968 in London, erschienen als erste Veröffentlichung von Apple Records, dem damals brandneuen Label der Beatles. Das zweite Stück Today, Today, Today, freundlicher Country-Pop, ist von 2015. Das Album dazu erscheint im Juni, es heißt Before This World.

In dieser langen Zeitspanne hat James Taylor seinen lieblichen, einhüllenden, mit Soul- und Gospelharmonien versehenen Akustikgitarren-Folkrock nie geändert und damit vor allem einen Sound kreiert, der Dank seiner markanten, weichen Stimme immer unverwechselbar blieb. Für die härtere Rockfraktion damit stets: Mädchenmusik. Sein Greatest Hits-Album von 1976, das in der Laeiszhalle fast vollständig gespielt wird – die Carole King-Coverversion You’ve Got A Friend wie üblich ganz am Schluss –, gehört immer noch zu den Topsellern von Warner Brothers und hat sich weltweit inzwischen 20 Millionen Mal verkauft.

Zur Setliste gehören Stücke aus allen Perioden, auch aus den Achtzigern, der schwierigen Zeit. Die Ehe und das Familienleben mit der Sängerin Carly Simon waren gescheitert, der Weg aus der langen Heroinsucht schmerzhaft. Aber erfolgreich: Hat man Taylor sein Junkie-Dasein schon zu seiner Schnauzbart-und-Langhaarfrisur-Zeit kaum angesehen, fehlt inzwischen zwar die Kopfbehaarung (und auch der etwas unvorteilhafte graue Ziegenbart, den er im März noch trug), aber er macht einen vitalen und frohen Eindruck.

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James Taylor (2014) (c) Rommel Demano/Getty Images

Man kann das Rad nicht jeden Abend neu erfinden: Einige Ansagen, manche sogar auf Deutsch, macht der 67-Jährige häufiger, aber sehr lässig und mit viel Witz. Die Sache mit der 20-minütigen Pause hätte nicht er sich ausgedacht. Es würden noch so viele gute Songs folgen, erst einige neuere, später „hit after hit after hit“, dass er im Prinzip gleich weitermachen könne. Er stünde dementsprechend solange hinterm Vorhang und würde ungeduldig auf die Uhr sehen.

An anderer Stelle macht er sich lustig über den "Hippie-Bullshit", der in seinen Klassikern auftaucht. Wohl zu Recht. In Wirklichkeit hat man sich längst an die Annehmlichkeiten des Leben gewöhnt, da nehmen sich Künstler und das mit ihm lachende Publikum nichts. Gesettelte Atomkraftgegner und dereinst progressive Akademiker mit gepflegten Altbauwohnungen in Eppendorf schätzen ihre CD-Regale aus Nussbaum. Taylor, der aus einer wohlhabenden Ostküstenfamilie stammt, präsentiert einen geschmackvollen Getränkeständer, der ihm das lästige Abstellen der Wasserflasche auf dem Boden erspart. Das nicht rock’n’roll-kompatible Utensil gehört offenbar zum Reisegepäck, wie aus älteren Fotos hervorgeht.

Nicht gespart wurde auch bei der Auswahl der Musiker, fast jeder in der Allstar-Band veröffentlicht eigene Platten. Der Keyboarder Larry Goldings spielte mit seinem vielgerühmten Jazztrio tatsächlich am Vorabend im Hamburger Club Birdland in der Gärtnerstraße. Der dreiköpfige Chor ist umwerfend. Gitarrenstar Michael Landau entlockt seinem Instrument raffinierterweise auch Pedal-Steel-artige Country&Western-Sounds. Und Steve Gadd, einer der bekanntesten Studioschlagzeuger der Welt (Taylor: "a bit of a legend"), schüttelt unablässig unorthodoxe Rolls und Abschläge aus dem Ärmel.

Das Gesang/Schlagzeug-"Duell" in Country Road zwischen ihm und Taylor entfacht Begeisterungsstürme. Ausgerechnet der Latin-Groove beim alten Hit Mexico schwächelt etwas, vielleicht lag’s am fehlenden Percussion-Spieler, der eigentlich auf der Webseite versprochen wurde. Jedenfalls feierte Gadd zwei Tage zuvor seinen 70. Geburtstag, Respekt.

In Wirklichkeit nutzt James Taylor die Zeit vor dem zweiten Set blendend gelaunt für Autogramme und Selfies am Bühnenrand, ein Spaß auch für die übrigen Zuschauer. Die Hintergrundmusik dazu – die Band groovt bereits seit Minuten soft und funky – wird zu Stretch Of The Highway, einer tollen Nummer mit Steely-Dan-Chorsatz vom kommenden Album. Mit You And I Again, auch neu, folgt eine klaviergetragene, lyrische Ballade über Liebe, die die Zeit überdauert.

Wer hier bereits schluckt, kann sich beim berühmten Song Fire And Rain von 1970, verpackt in warme Westcoast-Akkorde, nicht mehr zurückhalten. "I've seen lonely times when I could not find a friend / But I always thought that I'd see you again", es tut so schön weh. Man fühlt "früher", "Zuhause", "Sehnsucht", "Vergeblichkeit", "Hoffnung". Jeder kennt’s, vor allem eben auch James Taylor, und für diese Offenheit und Sentimentalität liebt man ihn. Viele Zuschauerbrillen werden abgenommen, um Tränen zu trocknen. Eigentlich hatte man es vorher gewusst und war deswegen hingegangen.

 

2 Kommentare

  1.   Cherrycoke

    „“Matter of fact, if I ever get down to Carolina I’m gonna try to figure out a way to off James Taylor. Hate to come on like a Nazi, but if I hear one more Jesus-walking-the-boys-and-girls-down-a-Carolina-path-while-the-dilemma-of-existence-crashes-like-a-slab-of-hod-on-J.T.’s-shoulders song, I will drop everything (I got nothin’ to do here in California but drink beer and watch TV anyway) and hop the first Greyhound to Carolina for the signal satisfaction of breaking off a bottle of Ripple (he deserves no better, and I wish I could think of worse, but they’re all local brands) and twisting it into James Taylor’s guts until he expires in a spasm of adenoidal poesy.“

    Lester Bangs, „James Taylor Marked for Death“

    Wahrscheinlich ist Strzoda wegen seines Musikgeschmacks bei den Go-Betweens rausgeflogen…

    (Only kidding.)

  2.   Matthias Strzoda

    Was möchte uns Leserin Cherrycoke sagen?

    „James Taylor zum Töten freigegeben“ ist der hasserfüllte Mordaufruf eines zynischen Rock- und Drogenfreaks aus dysfunktionalem Haushalt. (Zitat Wikipedia: „Seine strenggläubige Mutter war Mitglied der Zeugen Jehovas. Sein alkoholkranker und vorbestrafter Vater kam bei einem Hausbrand um, als der Junge neun Jahre alt war.“) Die Aggression von Lester Bangs richtet sich möglicherweise nur indirekt gegen James Taylor und dessen bildungsbürgerlich gereimtes Upper-Class-Trübsal, sondern gegen die eigenen Eltern – mindestens seinen Vater –, die sich nicht um ihn kümmerten. Dr. Isaac Taylor zum Beispiel holte seinen heroinabhängigen und verzweifelten Sohn James 1967 aus New York zurück nach Hause, um ihn gesund zu pflegen (was zunächst nur vorübergehend gelang).

    Lester Bangs selbst dagegen wurde nur 33, er starb 1982 an „Medikamentenunverträglichkeit“. Keiner kann etwas für seine Herkunft und die pathologische Vorprägung, und es kostet viel Willen und Mühe, etwas dagegen zu unternehmen. Als Meinungsführer taugt Bangs meines Erachtens jedenfalls nur bedingt.

    (Richtig aufregen könnte man sich übrigens mal über Carole Kings berechnende Anbiederung in „You’ve Got A Friend“.)