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FC St. Pauli

Warum lasst ihr die eigenen Talente gehen?

 

Während in Frankreich die EM läuft, plant der FC St. Pauli für die nächste Zweitliga-Saison – und begeht dabei nach Meinung unseres Autors einen großen Fehler.

Auf die Jugendarbeit ist man beim FC St. Pauli besonders stolz. Das liegt zum einen daran, dass das Nachwuchsleistungszentrum des Kiezclubs, kurz NLZ, drei Sterne vom DFB verliehen bekommen hat. Zum anderen aber auch an der einzigartigen Förderung der Jugendarbeit durch die Mitglieder des Vereins. Mehrere Millionen Euro steuerten diese für den Ausbau des Zentrums bei. Dumm nur, dass sich seit dem Antritt von Ewald Lienen die Quote der Jungstars, die es aus der eigenen Jugend in den Profikader schaffen, noch einmal verringert hat. Zuletzt auf null.

Während die gestandenen Profis Marc Rzatkowski, Sebastian Maier und Lennart Thy den Verein in diesem Sommer unter viel Wehklagen verlassen haben, sind fast unbemerkt auch drei der talentiertesten Spieler des FC St. Pauli ausgezogen: Andrej Startsev, Yannick Deichmann und Okan Kurt. Alle drei Abgänge sind nachvollziehbar. Den drei Talenten mangelte es an einer realistischen Perspektive, bald am Millerntor auflaufen zu dürfen. Und das, obwohl Sportchef Thomas Meggle noch vor eineinhalb Jahren auf die beiden Nachwuchskicker Kurt und Startsev setzte, als er kurzfristig den Cheftrainerposten übernahm. Vom Verletzungspech verfolgt, trudelte der FC St. Pauli damals, im Herbst 2015, dem Tabellenboden entgegen, was sicher nicht an den jungen Wilden lag. Im Gegenteil, Startsev und Kurt bekamen viel Lob für ihre Leistungen, sie lernten im eisig kalten Wasser des Abstiegskampfes Schwimmen. Trotzdem spielten sie auf einmal nicht mehr.

Ewald Lienen, der die Mannschaft von Meggle übernahm, setzte auf erfahrene Zweitliga-Spieler wie Bernd Nehrig, nicht auf Talente. Eine Strategie, die erfolgreich war und uns half, den Abstieg zu verhindern. Die Frage ist jedoch, warum Lienen Startsev, Deichmann und Kurt auch, als der FC St. Pauli wieder souverän auftrat, keine Chance gab? Denn auch in der vergangenen, erfolgreichen Saison des FC St. Pauli veränderte sich nichts an seiner Vorliebe für etablierte Spieler. Die oft bemühte Durchlässigkeit nach oben, vom Nachwuchszentrum in den Profikader, war schlicht nicht vorhanden, die Talente-Pipeline scheint verstopft. Und ich befürchte, dass es auch in der nächsten Saison so sein wird.

Meggle und Lienen verpflichteten jüngst lieber mit Vegar Eggen Hedenstad und Marvin Ducksch zwei Talente von anderen Vereinen, als auf die eigene, so hoch gelobte Jugendarbeit zu setzen.  Etwas Hoffnung, dass sie diese Strategie in Zukunft doch noch überdenken könnten, macht mir eine Verpflichtung, die nicht als Spieler auf dem Platz stehen wird: Der FC St. Pauli hat mit Roger Stilz in diesem Sommer einen neuen Leiter für sein NZZ eingestellt. Ich glaube, er kann gut vermitteln, dass drei Sterne am Ende wenig nutzen, wenn die Eigengewächse gegen eine gläserne Decke stoßen, wenn sie reif für die ersten Profieinsätze sind.