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Obdachlose

„Ihre Ressentiments sind ein Stück weit nachvollziehbar“

 

Wie reagieren Obdachlose darauf, dass für Flüchtlinge auf die Schnelle Unterkünfte gebaut werden? Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer beobachtet viel Neid.

Interview: Lea Freist

Am Freitagmorgen ist es bereits voll in der Zentrale des Straßenmagazins Hinz & Kunzt. Die Verkäufer erwerben hier einen Stapel neuer Zeitschriften, die sie später an verschiedenen Stellen in Hamburg und Eimsbüttel anbieten. Sie scherzen, tauschen sich über das Geschäft aus und trinken eine Tasse Tee, bevor sie wieder nach draußen in den Nieselregen verschwinden. Stephan Karrenbauer ist Sozialarbeiter und Sprecher bei Hinz & Kunzt. Er berät die Verkäufer bei Sucht, Einsamkeit und Geldsorgen. Karrenbauer arbeitet in einem kleinen Büro mit Glasfront, aus dem er das Gewusel im Vorderraum im Blick hat. Nur wenige hundert Meter entfernt vom Hinz & Kunzt-Quartier an der Steinstraße liegt der Hamburger Hauptbahnhof, an dem täglich neue Flüchtlinge ankommen und umsorgt werden.

Eimsbütteler Nachrichten: Herr Karrenbauer, wie ist die Stimmung unter den Obdachlosen gegenüber Flüchtlingen?

Stephan Karrenbauer: Die Stimmung ist schlecht. In den Medien lesen die Obdachlosen, dass Unterkünfte für Flüchtlinge in Hamburg geschaffen werden. Egal, wie die jetzt tatsächlich aussehen: Sie lesen Überschriften wie "Es werden Unterkünfte geschaffen" oder "Flüchtlinge müssen untergebracht werden" und fühlen sich schon ein Stück weit verletzt. Da kommt Neid auf. Obdachlose spüren, dass sie bisher wenig – und jetzt gar nicht mehr – wahrgenommen werden. Das schürt den Verteilungskampf. Das macht sich auch bei uns im Projekt bemerkbar mit Beleidigungen und Vorurteilen gegenüber den Flüchtlingen. Wobei es in der Gesellschaft schon bevor die Flüchtlinge gekommen sind so war, dass Obdachlose ganz hinten anstanden und nichts bekommen haben.

Eimsbütteler Nachrichten: Nehmen ihnen die Flüchtlinge denn etwas weg?

Karrenbauer: Nein, weil die Obdachlosen schon vorher nichts hatten. Und die Obdachlosen sind nicht erst durch die Flüchtlinge ins Hintertreffen geraten. Sie waren es schon, bevor vor dem Krieg geflohene Syrer und Afghanen kamen. Was ich entscheidend finde, ist die Tatsache, dass wir, der normale Mittelstand, seine Kleidung spendet und sich dabei gut fühlt: Wir haben das Gefühl, etwas dazu beizutragen, dass es den Flüchtlingen besser geht. Aber wir haben es auch leicht, die Guten zu sein. Menschen, die nichts haben, können auch nichts geben. Noch nicht einmal emotionale Wärme. Die sind selbst extrem bedürftig. Deswegen bin ich immer sehr nachsichtig bei den Obdachlosen, die sich verletzt fühlen und einen doofen Spruch bringen. Es dauert sehr lange, bis wir bei Hinz & Kunzt Hausverbot erteilen, weil ich Ressentiments ein Stück weit nachvollziehen kann. Sie sind Ausdruck davon, wie schlecht es den Obdachlosen geht.

Stephan Karrenbauer, Sozialarbeiter in der Anlaufstelle des Obdachlosen-Magazins Hinz & Kunzt. Foto: Lea Freist

Eimsbütteler Nachrichten: Wie oft kommt es denn vor, dass die Obdachlosen Vorurteile äußern?

Karrenbauer: Es sind Einzelne, die Stimmung machen und das wird untereinander weitergetragen, die Sorge und der Neid verbreiten sich wie ein Lauffeuer unter den Obdachlosen. Aber ich merke, sobald sie eine feste Unterkunft haben, denken sie anders. Wir haben jetzt gerade am Hamburger Flughafen ein Projekt initiiert, bei dem Obdachlose Pfandflaschen sammeln. Vier Leute haben dadurch einen festen Arbeitsplatz bekommen und vor allem eine gesicherte Unterkunft. Jeden Monat finden sie rund fünfzig geschlossene Getränkeflaschen, die in die Tonne geschmissen werden, und heben sie auf. Das erste was sie gesagt haben: "Mensch, die können wir doch den Flüchtlingen bringen." Was ich sagen will: Wenn die Obdachlosen etwas haben und geben können, sind sie vielleicht sogar stärker als andere dazu bereit zu helfen. Weil sie wissen, wie es sich anfühlt bedürftig zu sein.

Eimsbütteler Nachrichten: Sie haben vor einer Weile zusammen mit einer Gruppe von Obdachlosen die Flüchtlingsunterkunft in den Messehallen besucht. Was sollte dieser Auflug bezwecken?

Karrenbauer: Wir haben beschlossen, mit einigen Obdachlosen, die sehr massiv Stimmung bei uns machen, gemeinsam eine Unterbringung zu besuchen. Als wir dort aufgetaucht sind und anschließend mit Flüchtlingen gesprochen haben, herrschte eine beklemmende Stille. Niemand hat mehr etwas gesagt, auch die lautesten nicht. Denn so will niemand untergebracht werden: fast über tausend Menschen in der Halle, eng zusammengepfercht, manche nur auf dünnen Matratzen auf dem Boden gebettet. Das war schon gespenstisch. Dagegen schien den "Hinz und Künztlern" das Pik As, eine Übernachtungsstätte für Obdachlose, fast schon luxuriös.

Eimsbütteler Nachrichten: Seit Anfang November läuft das Winternotprogramm für Obdachlose. Hat das die Stimmung verbessert?

Karrenbauer: Die Stadt hat es zwar geschafft, 900 zusätzliche Schlafplätze für Wohnungslose bereitzustellen. Allerdings müssen die Obdachlosen unbegreiflicherweise tagsüber wieder raus, egal, wie ihr körperlicher Zustand ist. Auch das schürt Wut und führt nicht gerade dazu, dass sich Obdachlose gleichbehandelt fühlen. Wir haben nicht genug Tagesaufenthaltsstätten, in denen sich alle Hamburger Obdachlosen tagsüber aufhalten können. Die irren bei den Temperaturen durch die Stadt und warten darauf, dass es dunkel wird, damit sie wieder zurück in ihre Unterkünfte können. Aber es ist keine öffentliche Aufmerksamkeit für die Obdachlosen und keine Empörung über diese Zustände da, wie es bisher in der Regel gewesen ist, wenn es kalt wurde.

Eimsbütteler Nachrichten: Wie groß ist die Gefahr, dass ihre Klagen in der momentanen Situation benutzt werden, um Flüchtlinge und Obdachlose gegeneinander auszuspielen?

Karrenbauer: Man muss schon aufpassen, dass Gruppen, die vorher Obdachlose als Asoziale bezeichnet haben – nämlich die Rechten – diese Ungleichheit jetzt nicht instrumentalisieren. Auf einmal bezeichnen sie Obdachlose als ihre Freunde und fordern, "unsere deutschen Obdachlosen" zu schützen und vorzuziehen. Das ist verqueres Denken. Davon distanzieren wir uns entschieden. Vor allem, da es "unsere deutschen Obdachlosen" schon lange nicht mehr gibt. Die Straße ist vielfältig und bunt: In Hamburg gibt es sehr viele Rumänen, sehr viele Bulgaren. Wanderarbeiter, die noch vor drei Jahren ein ganz großes Thema in der Öffentlichkeit waren und Rufe laut wurden, sich für diese Menschen einzusetzen. Die kommen heute gar nicht mehr vor. Jetzt heißt es, die hätten ja selbst Schuld, dass sie überhaupt in Deutschland auf der Straße landen. Für uns ist jeder, der keine Unterkunft findet, eine Person, der man helfen muss. Es scheint als hätten Obdachlose, die keine Flüchtlinge sind, keine politische Lobby.

Eimsbütteler Nachrichten: Ärgert es Sie, dass für Flüchtlinge auf die Schnelle zahlreiche Unterkünfte gebaut werden, während Sie als Sozialarbeiter und Sprecher von Hinz & Kunzt für genau das jahrelang vergeblich gekämpft haben?

Karrenbauer: Das kann man so nicht sagen. Das Positive an der ganzen Flüchtlingsgeschichte ist ja, dass sichtbar wird, wie viel in Hamburg möglich ist, wenn eine ganze Stadt sich anstrengt. Bisher war es undenkbar, viel härter gegen Leerstand vorzugehen und Obdachlose in leerstehenden Bürogebäuden unterzubringen. Der Flüchtlingsandrang kann also auch als Anstoß für ein allgemeines Umdenken gesehen werden – und ich hoffe, dass auch die Wohnungslosen davon profitieren.

Eimsbütteler Nachrichten: Was erwarten Sie vom Senat?

Karrenbauer: Hamburg hat 2015 rund 20.000 Flüchtlinge untergebracht. Dann kann man auch weiteren 2.000 Obdachlosen eine Unterbringung beschaffen.Wir fordern, dass ohne Wenn und Aber alle Menschen in Not untergebracht werden, mit dem Ziel einer dauerhaften Lösung. Es muss dafür Sorge getragen werden, dass Menschen nicht jedes Jahr im Frühjahr wieder vor die Tür geschickt werden, sondern dass ein richtiges Konzept erstellt wird. Das verdammte Winternotprogramm muss überflüssig gemacht werden.

1 Kommentar

  1.   Cousron

    „Mensch, die können wir doch den Flüchtlingen bringen.“ hat mich zu Tränen gerührt. Die ärmsten der Armen denken an andere. Ich denke wir sollten uns in Zukunft viel stärker für Obdachlose einsetzen. Es kann doch nicht wahr sein, dass sie Tagsüber auf die Straße geschickt werden.