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Myron & E

US-Showmanship mit schlapper Combo

 

Während der WM-Endrunde durch Europa zu touren: Haha, müssen wohl Amerikaner sein! Obwohl: Selbst in den USA gibt es jetzt Public Dingsbums! (Nicht zum Aushalten, jener Terminus, hat denn niemand mal vorher im Englischlexikon nachgeschlagen, um zu sehen, dass public viewing "öffentliche Aufbahrung" bedeutet?) Nächste Woche sind Myron & E allerdings wieder in England (auf einer kleineren Bühne des Glastonbury-Festivals haben sie letztes Wochenende schon gespielt), und dort ist das Fußballinteresse vermutlich schon etwas abgeebbt …

Die Retro-Soul-Alben Back to Black (Amy Winehouse) und The Way I See It (Raphael Saadiq) bleiben unerreicht, die Latte für Retro-Soul with a twist liegt ohnehin hoch, und der allerneueste Schrei ist es auch nicht mehr. Im Prinzip natürlich egal. Immerhin konnten der langjährige Backgroundsänger Myron Glasper und DJ/Produzent Eric "E da Boss" Cooke ihr Debütalbum Broadway letzten Sommer beim Hipster-Label Stones Throw aus Los Angeles veröffentlichen. Dort erscheint seit Jahren wildes, innovatives Zeugs von Peanut Butter Wolf, Madlib und James Pants (früher auch von R&B-Star Aloe Blacc, inzwischen im Mainstream abgesoffen). HipHop, Jazz, Punk, Funk, Techno, egal.  Am besten alles zusammen.

So bahnbrechend ist Broadway nicht, aber lässig und gekonnt, soundmäßig leicht aufgebrezelter Soul alter Marvin-Gaye- und Al-Green-Schule, eingespielt mit Finnlands routinierten Soul Investigators, der langjährigen Band von Nicole Willis und Jimi Tenor. Die Rare-Groove-DJ-Legende Gilles Peterson aus London zählte Broadway immerhin zu den besten Alben des Jahres 2013. Das relativiert sich etwas, wenn man dessen Vorliebe für leicht zippeligen Dancefloor-Jazz kennt – quasi die Genese für die 1992 etablierte, weltbekannte Marke "Mojo" und den zugehörigen, seit Ende 2012 runderneuerten Club an der Reeperbahn.

Genau dort steht nun am spielfreien Donnerstag das Soul-Duo auf der Bühne, professionell gut gelaunt, amerikanisches Showmanship hat seinen Ruf zu Recht. Denn so wenige Zuschauer haben den zum Hüfte wiegen anregenden Midtempo-Hit If I Gave You My Love oder das sich selbst erklärende Do It Do It Disco (brandneu geremixt auf Maxisingle) wahrlich nicht verdient. Es wird auch brav getanzt und bereitwillig mitgeklatscht, aber, ums kurz zu machen, richtig toll ist’s insgesamt nicht: Ohne die Soul Investigators, dafür mit einer weißen Vierer-Combo, die das Album leidlich nachspielen kann, auch Tighten Up von Archie Bell & The Drells, weniger Get Back von den Beatles. (Insgesamt Typ Dauerstudent meets Soulfan, also Vollbart und Schiebermütze, der fähige Drummer trägt ein T-Shirt mit Aufschrift "St. Pauli".)

Bisschen schief singen die beiden Stars bisweilen auch. Myron mit Fliege und meist im Falsett, Krawattenträger E bedient den Bariton, beide etwas unernst, aber weit entfernt von einer Sam & Dave-Parodie à la Blues Brothers. Sympathisch und warmherzig, die Herrschaften. Einigermaßen sensationell die leichthändige und taktsichere Tamburintechnik von Myron übrigens – Respekt!

Mit der leicht verschreckt wirkenden Tourband haben sie sich allerdings keinen allzu großen Gefallen getan. 60 Minuten Soul without a twist also vor eben so vielen Zuschauern, die gerne noch eine zweite Zugabe gehabt hätten, aber nicht bekamen. Vielleicht wollten die beiden auch nur schnell auf die Party von Stones Throw-labelmate Anika: Gerüchten nach beging die weltgewandte deutsch-englische Sängerin gestern in Hamburg ihren 30. Geburtstag mit einer großen Sause.

1 Kommentar

  1.   Matthias Strzoda

    Es passte etwas zu gut: Trotz kurzer Nachfrage bei einem bekannten Hamburger DJ („Wirklich die Anika, die neulich auch im Pudel Club war?“ – „Ja, genau.“) kam es zum Missverständnis, es handelte sich gleichwohl um eine andere, weitere A(n)nika. Das Alter der genannten Künstlerin bleibt somit angemessenerweise offen, in Wikipedia (engl.) stehts jedenfalls nicht…