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Amon Amarth

Was für ein tolles Geschepper

 

Die Band Amon Amarth überzeugt in der Sporthalle mit brachialem Schweden-Metal. Und das, obwohl das obligatorische Propeller-Headbanging schwerfällt.

Nein, man möchte als Fan von Viking Metal in der Regel nichts von Torfrock hören. Indes sehen einige Gäste an diesem Sonnabend mit ihren Plüsch-Hörnerhelmen so aus, als ließen sie sich auch die Bagaluten-Wiehnacht gefallen. Die meisten Besucher der nicht ganz ausverkauften Halle sind jedoch klassisches Metal-Publikum mit dunkler Klamotte; lange Haare und Bart sind häufig gesehene Accessoires. Der Abend verspricht Geschepper.

Die erste Vorband Grand Magus wird leider wegen Schienenersatzverkehrs verpasst, doch Amon Amarth haben mit Testament noch ein echtes Schwergewicht verpflichtet. Die Veteranen aus der Bay Area, Kalifornien, spielen Thrash Metal der alten Schule mit sägenden Gitarren, peitschenden Drums und wütenden Vocals. Einen Tag zuvor ist das neue Album Brotherhood of the Snake erschienen, dessen Songs das Publikum natürlich noch nicht mitschreien kann – umso ausgelassener ist es bei den Klassikern der Kalifornier, etwa bei Into the Pit. Das schaurig-schöne Schlangenbild mit leuchtenden Augen hinter der Band und ein solider Sound, keine Selbstverständlichkeit in der Sporthalle, runden den Testament-Auftritt ab.

Vor dem Headliner ist noch kurz Zeit, sich am Merchandise-Stand umzusehen. Bedauerlicherweise gibt es trotz eines Frauenanteils von etwa 25 Prozent kaum Artikel für die weiblichen Fans. Von Testament findet sich gar keiner, von Amon Amarth nur ein einziges Girlie-Shirt, aufgedruckt sind die Textzeilen eines Songs mit Gastbeitrag der deutschen Sängerin Doro Pesch. Als ob sich die Mädels nur mit ihr identifizieren könnten.

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Amon Amarth in der Sporthalle Hamburg (c) Justus Ledig

Dann geht es los mit den Wikingern. Proppenvoll ist es auf den Stehplätzen, so, dass die Sicht zum echten Problem wird. Es braucht eine Weile, bis die Aura von Chefnormanne Johan Hegg mit seinem kolossalen Bart und seiner Bärenstimme wirkt, und auch das obligatorische Propeller-Headbanging ist in der Enge kaum möglich. Ein intimerer Ort wie die Markthalle, wo es sich durch abgestufte Stehplätze aufgelockert anfühlt, erscheint als der bessere Rahmen für eine Band dieses Kalibers.

Doch Amon Amarth machen das Beste aus dem Raum, den die Sporthalle bietet. Immer wieder zucken Feuerstöße in die Höhe, im Bühnenhintergrund laufen Bilder aus den verschiedenen Schaffensphasen der Band, sogar ein Schwertkampf wird dargeboten. Wie weit man sich an Fantasy-Wikingerbilder angenähert hat, beweist der gigantische Hörnerhelm, auf dem das Schlagzeug thront.

Das im Frühjahr erschienene Album Jomsviking markiert den Schwerpunkt der Setlist, aber auch Klassiker wie Pursuit of Vikings (bereits als Opener) oder Death in Fire fehlen nicht. Sänger Hegg feuert die Menge an, man möge doch bitte das Oberhausener Publikum vom Vortag in die Schranken weisen. Obwohl der Sound der Schweden tief im Death Metal verwurzelt ist und die Vocals in Körperregionen erzeugt werden, wo die Sonne nicht scheint, singt Hamburg eifrig mit. Da ist es ganz egal, ob man die Texte kennt, wie Hegg selbst feststellt. Mit ein paar Ansagen auf Deutsch hat der Hüne die Menge bedingungslos im Griff.

Auch wenn man mit der Sporthalle weiterhin nicht ganz warm wird und so mancher geliebte Song aus der Diskografie auf der Strecke bleibt: Amon Amarth sind Vollprofis, sie wissen, wie sie ihre Fans begeistern. Bierselig wird es bei Raise your Horns, einem Song, dem nicht viel fehlt, um ein Schlager zu sein. Bei Deceiver of the Gods betritt eine Loki-Gottgestalt die Bühne, die aus einem Marvel-Film stammen könnte. Ohnehin passt der epische Sound wundervoll zu etwas überkandidelten Comic-Verfilmungen. Es wird einiges geboten. Da lässt es sich verschmerzen, dass es zu recht früher Stunde vorbei ist, nach immerhin 17 Songs.