So funktioniert Kapitalismus

Mehr Jobs = mehr Konsum

Von 17. November 2005 um 22:33 Uhr

Die Gleichung mehr Jobs = mehr Konsum stimmt immer. Das ist meine Antwort auf die Zweifel von Herrn Speck in seinem Kommentar zu meinem Wachstumsoptimismus.

Warum?

Die deutschen Volkswirte machen es sich in der Regel einfach: Sie erklären Anomalien in der Volkswirtschaft mit mangelndem Vertrauen der Menschen und Unternehmen in die Politik. Davon halte ich gar nichts. Besser ist es nach Gründen zu fragen und eine plausible Geschichte zu erzählen.

In den vergangenen Jahren ist die Sparquote in Deutschland leicht gestiegen. Das passt nicht. Denn in einem normalen Konjunkturzyklus sparen die Menschen in der Rezession weniger oder verschulden sich stärker, weil sie davon ausgehen, dass es sich lediglich um ein Tal handelt, das wieder von einem Anstieg abgelöst wird.

In Deutschland haben wir das Muster in den vergangenen Jahren nicht gesehen. Und das hat zwei Gründe, die mit einander zusammenhängen:

Zum einen gab und gibt es die sehr deutliche Umverteilung zwischen Lohn- und Gewinneinkommen. Vom Zuwachs des Bruttoinlandprodukt (BIP) ist nichts bei den Löhnen hängen geblieben. Das Bruttoinlandsprodukt lässt sich auf die zwei Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital aufteilen. Soviel wie gegenwärtig hat das Kapital seit der Wiedervereinigung nicht vom BIP-Kuchen abbekommen und – bei aller statistischen Ungenauigkeit – wahrscheinlich sogar seit den frühen 70er Jahren nicht mehr. Wenn das Lohneinkommen nicht steigt, kann auch der Konsum nicht anspringen. Die nachfolgende Grafik habe ich freundlicherweise von Dirk Schumacher zur Verfügung gestellt bekommen. Dirk ist der Deutschland-Volkswirt von Goldman Sachs, der amerikanischen Investmentbank. Das erklärt auch die englische Beschriftung. Ich bitte um Entschuldigung.

Gewinne und Lohneinkommen

Zum anderen spricht wenig dafür, dass die Menschen in Deutschland mehr sparen. Wenn aber trotzdem die Sparquote steigt, dann kann das daran liegen, dass ein kleiner Teil, der aber ein hohes Gewicht hat, mehr spart. Ich glaube, dass durch die Verschiebung zwischen Lohn- und Gewinneinkommen der Zuwachs des BIP eben zu denen gewandert, die eine hohe Sparquote haben. Das ist plausibel. Wer hat vor allem Vermögen und Aktiva in dieser Republik? Bestimmt nicht die Niedriglöhner und Minijobber. Dieser Effekt dürfte der Grund für die höhere gesamtwirtschaftliche Sparquote sein.
Das ist auch meine Antwort auf die Annahme von Herrn Speck, dass die Menschen dazu neigten immer weniger Geld auszugeben und immer mehr für die private Altersvorsorge zurücklegen. Das Gros der Menschen hat gar nicht so viel Geld, um überhaupt großartig sparen zu können. Sehr gut gefällt mir die folgende Grafik, die die Sparquote nach Einkommensklassen unterteilt. Sie zierte den ZEIT-Artikel “Die wahre Rentenlüge”.

Aus beiden Grafiken lässt sich nur ein Schluss ziehen: Gibt es endlich wieder mehr Jobs, steigt auch das Lohneinkommen wieder und damit der Konsum. Das selbe gilt natürlich, wenn die Löhne wieder steigen. Mit mangelndem Vertrauen hat das alles herzlich wenig zu tun. Es ist die Anpassung der deutschen Volkswirtschaft an internationale Renditeanforderungen.

Diese Anpassung dürfte inzwischen abgeschlossen sein, was die heftigen ausländischen Investitionen von „Heuschrecken“ und anderen Fonds und Funds in Deutschland beweisen. Deshalb spricht viel dafür, dass die Investitionen wieder anziehen, und damit auch die Jobs und der Konsum.

Kategorien: Wissen und Glauben
Leser-Kommentare
  1. 9.

    Ihr Artikel verdeutlicht nur noch mehr das Dilemma vor dem wir stehen. Denn die Schlußfolgerung aus ihrem Artiekl passt für eine geschlossene Volkswirtschaft (wie die meisten mir bekannten Wirtschaftstheorien). Aber spätestens seit der weitgehenden Globalisierung und der EU-Erweiterung leben wir nicht mehr in einem geschlossenen System.
    Deshalb stimmt auch die Gleichung steigende Lohneinkommen = mehr Konsum (Keynes) leider nicht mehr. Ich stimme zwar nicht in allem den Neoliberalen zu, aber steigende Löhne und Gehälter würden unsere exportlastige Wirtschaft belasten und den bereits bestehenden Trend zur Arbeitsplatzverlagerung weiter verschärfen. Zudem würden Lohnsteigerungen aufgrund der Kopplung der Sozialabgaben an die Bruttolöhne die Kosten überproportional steigen lassen.
    Doch sind nicht allein die Lohnkosten für den Arbeitsplatzabbau und die geringe Investitionsneigung ursächlich. Aus Sicht vieler Unternehmen ist Deutschland ein schrumpfender Markt. Ursächlich dafür ist neben der sinkenden Geburtenrate und der Überalterung auch das stetig sinkende verfügbare Einkommen immer breiterer Bevölkerungsschichten.
    Weder Elementen aus den Baukästen Keynesianischer oder Neoliberaler Theorie werden wir dieses Dilemma lösen können.
    Wir brauchen neue Ansätze: Mein Liebelingsthema: erhöhte Abschreibungen für Unternehmen auf Personalausgaben. Wirkt wie eine Steuersenkung, fördert Arbeitsplätze und vermindert die Anreize zum Arbeitsplatzabbau.

    Also liebe Theoretiker tobt euch aus.

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  2. 10.

    Guten Tag,

    endlich einmal jemand, der die Lage in Deutschland realistisch sieht: Es gibt inzwischen immer mehr Menschen, die gar kein Geld mehr zum Sparen haben.
    Man muss nur einmal mit offenen Augen und Ohren durch die Welt laufen, sich einmal kümmern und bei den Menschen nachfragen. Auch wenn sie vielleicht nicht unbedingt den eigenen “Kreisen” angehören!

    Vermutlich macht sich kaum jemand Gedanken darüber, dass eine nicht unbedeutende Zahl der Bürger bereits ohne Strom, Heizung und sogar Wasser dasitzt. Rund 30 % der Bevölkerung ist bereits in den Strudel der Armut geraten. Es werden täglich mehr.
    Was sollen diese Menschen wohl sparen? Menschen, die kein Geld haben, sich neue Brillengläser zu kaufen, kein Geld für Zahnersatz oder andere Notwendigkeiten haben? Wovon sollen die wohl sparen? Ich möchte nicht wissen, bei wie vielen Menschen in Deutschland z.B. Weihnachten ausfällt. Wie viele Kinderaugen traurig die Weihnachtsbäume der Nachbarn betrachten!

    Aber so beruhigt jeder sein Gewissen. Deutschland ist ein so reiches Land, jeder spart, Armut gibt es nur woanders. Dass der Nachbar vielleicht schon am 25. des Monats nichts mehr zu essen hat, geht uns ja nichts an. Es ist die Ignoranz und der unglaubliche Egoismus vieler Bürger, die unser Land immer mehr ins Unglück stürzt. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

    Gespart wird von denen, die Geld genug haben. Die sparen doppelt und dreifach. Was sollen sie auch noch kaufen? Sie haben ja bereits alles. Und wenn diese Leute tatsächlich einkaufen, dann fliegen sie mal eben nach Paris, Cannes oder Mailand. Oder bestellen maßangefertigte Möbel in Italien.
    Ich kenne mich in dieser Szene aus. Die lassen ihr Geld kaum in Deutschland! Also – bitte einmal nachhören, sich umschauen, selbst ein Bild machen!

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    • 22. November 2005 um 09:10 Uhr
    • anna maria
  3. 11.

    Die Sparquote

    Das HANDELSBLATT ist nicht einverstanden damit, daß die Sparquote der Deutschen in den letzten fünf Jahren von 9,2% auf 10,7% der Einkommen gestiegen ist und wünscht sich, daß die Sparquote in den nächsten Jahren doch bitte wieder sinken soll. Wi…

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  4. 12.

    Hallo an alle! Hallo Herr Meven!

    Erst behauptet Frank Meven, daß “die Gleichung steigende Lohneinkommen = mehr Konsum (Keynes) leider nicht mehr” stimme, um zwei Absätze später festzustellen: “Aus Sicht vieler Unternehmen ist Deutschland ein schrumpfender Markt. Ursächlich dafür ist neben der sinkenden Geburtenrate und der Überalterung auch das stetig sinkende verfügbare Einkommen immer breiterer Bevölkerungsschichten.”

    Also doch: zuwenig Einkommen. Warum dann aber mehr Lohn = mehr Konsum falsch sein soll, bleibt offen.

    Nun, Deutschland hatte immer dann hohe Wachstumsraten, wenn auch die Löhne entsprechend gestiegen sind.

    Die Behauptung, die Bevölkerung würde überaltern, scheint mir auch nicht einleuchtend. Die demographische “Idealpyramide” ist schließlich nur möglich, wenn entweder immer mehr und mehr Kinder geboren werden, und somit die Bevölkerung theoretisch auf eine Milliarde und mehr anwächst, oder daß durch Katastrophen oder schlechte gesundheitliche Vorsorgung massenhaft gestorben wird, und zwar in allen Altersgruppen. Aber ob wir das wollen???
    Die letzte Katastrophe war hier der 2. Weltkrieg – aber auch Pest oder Aids könnten wieder die A-Pyramide herstellen …

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    • 3. Januar 2006 um 15:01 Uhr
    • Kalter Kaffee
  5. 13.

    [...] ist nicht zuallererst das Käuferverhalten, sondern primär die Wohlstandsverteilung in Deutschland. http://blog.zeit.de/herdentrieb/?p=19 >> > > Der Umsatz solcher Geschäfte stagniert und schrumpft. >> > >> [...]

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  6. Kommentar zum Thema

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