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Keine Evidenz für die Basarökonomie Deutschland

 

Wie erfolgreich ist der Exportweltmeister? Sehr, sagen die einen – und sie sind in der Mehrzahl. Ein Land, das in alle Welt Güter exportiert und dessen Firmen auch noch Gewinne machen, muss einfach wettbewerbsfähig sein. Die Löhne können kaum zu hoch sein. Die anderen bezweifeln diese Argumentation und verweisen auf die medial geschickt vertretende These der Basarökonomie. Es gibt eine heiße Debatte unter deutschen Volkswirten: Mutiert Deutschland wirklich zu einer Wirtschaft, die nur noch Handel treibt, in der aber keine Wertschöpfung mehr stattfindet? Das behauptet zumindest seit zwei Jahren Hans-Werner Sinn. Der einflussreiche Chef des Münchener Ifo-Institutes fordert deshalb unablässig "runter mit den Löhnen".

Im November hat sich das gewerkschaftsnahe IMK mit einer neuen Studie zu Wort gemeldet: Im neuesten IMK Report haben Gustav Horn und Sabine Stephan die Ursachen für den im Vergleich zu den deutschen Importen starken Anstieg der Exporte deutscher Unternehmen untersucht. Die Ergebnisse ihrer Simulationsstudie wiedersprechen der These von Hans-Werner Sinn, dass sich Deutschland zu einer Basarökonomie entwickelt.

Nach Sinns These würde ein zunehmender Anteil des Wertes der deutschen Exporte, aus Vorleistungen bestehen, die aus dem Ausland importiert und in Deutschland lediglich zu Endprodukten zusammen gesetzt werden. Die Wertschöpfung würde also immer weniger in Deutschland und immer mehr im Ausland stattfinden. Der Grund hierfür, so Sinn, sei der Umstand, dass deutsche Arbeitsplätze international nicht mehr wettbewerbsfähig seien und deshalb verloren gehen. Mit dieser These soll der Umstand, dass die deutsche Exportwirtschaft im internationalen Wettbewerb sehr erfolgreich ist, mit dem Glaubenssatz zu teuerer und von daher nicht wettbewerbsfähiger deutscher Arbeitsplätze in Einklang gebracht werden.

Die Ergebnisse von Horn und Stephan lassen einen solchen Schluss nicht zu. Im Gegenteil

"… die deutsche Wirtschaft weist langfristig Überschüsse im Außenhandel auf, die sich aus der trendmäßig verstärkten Integration der Weltmärkte speisen. Mit anderen Worten unabhängig von der teilweise günstigeren Konjunktur im Ausland und hoher preislicher Wettbewerbsfähigkeit profitiert die deutsche Wirtschaft von der verstärkten internationalen Arbeitsteilung: Es entsteht in der Tendenz mehr Wertschöpfung und damit mehr Wachstum. In einer Basarökonomie würde diese Tendenz negativ sein." (meine Hervorhebung)

Dies bestätigt frühere Untersuchungen der These. Unter anderem hatte sich ihr der Sachverständigenrat in seinem Jahresgutachten 2004 (Tz 465-468) gewidmet. Und bemerkt dazu:

"Ein erstes Indiz dafür, dass die deutsche Wirtschaft nicht zu einem Basar degeneriert ist, stellt bereits die Entwicklung des Außenbeitrags dar. Selbst unter der unrealistischen Annahme, dass sämtliche Importe Deutschlands letztlich als Vorleistungen für die deutschen Exporte dienen, bedeutet ein steigender Außenbeitrag eine Zunahme der durch den Export anfallenden Wertschöpfung im Inland."

Bei der genaueren Analyse der Bedeutung importierter Vorleistungen, kommt der Rat zum Ergebnis, dass der ausländische Wertschöpfungsanteil der Exporte im Zeitraum von 1991 bis 2002 von 26,7 Prozent auf 38,8 Prozent gestiegen ist. Dies muss aber kein Indiz für die Basarökonomie-These sein, denn so der Rat:

"Ein sinkender inländischer Wertschöpfungsanteil lässt sich als Beleg einer effizienten Einordnung der deutschen Exportunternehmen in die internationale Arbeitsteilung verstehen, und hier sind die Möglichkeiten durch die Marktöffnung in Mittel- und Osteuropa seit Beginn der neunziger Jahre für deutsche Unternehmen vielfältiger geworden." (meine Hervorhebung)

Ein Indiz dafür, dass die Integration der deutschen Wirtschaft in die internationale Arbeitsteilung einen positiven Beschäftigungseffekt hat, sieht der Rat darin, dass:

"… die insgesamt gestiegene exportinduzierte Bruttowertschöpfung mit 4,6 vH stärker zugenommen hat als die Wertschöpfung der übrigen Wirtschaftsbereiche im Durchschnitt (3,4 vH). Folglich ist auch der Anteil der durch die Exporte erzeugten Wertschöpfung an der gesamten Wertschöpfung größer geworden." (meine Hervorherbung)

Ein solcher Effekt lässt sich auch beobachten, denn:

"Im Verarbeitenden Gewerbe, der Säule der deutschen Exporttätigkeit, kam es seit Mitte der neunziger Jahre zu einem merklichen exportinduzierten Aufbau an Beschäftigung, und dies in einem Zeitraum, in dem die Gesamtbeschäftigung dieses Sektors weiter zurückging."

6 Kommentare


  1. Zitat: „Im Verarbeitenden Gewerbe, der Säule der deutschen Exporttätigkeit, kam es seit Mitte der neunziger Jahre zu einem merklichen exportinduzierten Aufbau an Beschäftigung, und dies in einem Zeitraum, in dem die Gesamtbeschäftigung dieses Sektors weiter zurückging.“
    Dies ist auch ein Zeichen der unzureichenden nationalen Nachfrage. Die stetige Senkung des verfügbaren Einkommens für die Mehrzahl der abhängig Beschäftigten durch Lohn- und Zulagenkürzungen, sowie Erhöhung der Sozialabgaben mit dem Ziele die internationale Wettbewerbsfähigkeit auf dem Lohnkostensektor zu erreichen, hat zu einer Abwärtsspirale geführt.
    Die Gleichung Mehr Jobs= Mehr Konsum funktioniert noch immer. Die Frage ist doch die, wie erreichen wir mehr Jobs und mehr Konsum.
    Die Nachfrageorientierten sehen dies durch höhere Löhne oder eine höhere Staatsverschuldung, die zur Tätigung von Investitionen genutzt wird. In einer geschlossenen Wirtschaft mag diese Gleichung noch stimmen, aber in einer offenen Volkswirtschaft, gehen höhere Löhne nicht, da dies zu Arbeitsplatzverlagerungen führt. Aber auch eine höhere Neuverschuldung führt nicht nur zu nationalen Effekten, sondert fördert auch nichtnationale Unternehmen.
    Aber auch das Neoliberale (Angebotsorientierte) Lager verkennt, dass mit sinkenden Lohnkosten und damit verbundenem sinkenden Steueraufkommen die bestehenden Infrastrukturellen Vorraussetzungen für Wachstum (Straßen, Bildung, Forschung, etc.) zumindest erodiert werden.

  2.   Friedhelm Frank

    Wer in diesen Tagen, den Wirtschaftsteil deutscher Zeitungen liest, lernt viel zum Thema „Basar Ökonomie.“Adieu, Deutschland: Der Dax haut ab, schreibt die FAS. Conti-Chef Wennemer legt noch einmal nach:“Auch die Entwicklung wird verlagert“. Den Chor ergänzt VDA-Präsident Gottschalk:“Wir haben den Höhepunkt der Beschäftigung überschritten. „Da fragt sich der Homo Ökonomikus, was kommt auf uns zu? Nimmt man die Pisa Ergebnisse, es fehlen angeblich 17000 Ingenieure, den Brain Drain der verbleibenden Fachkräfte, gibt es bald viel Basar und wenig Ökonomie.

    Mit freundlichem Gruß Friedhelm Frank

  3.   Heinrich Kaspar

    Es ist schwer der Horn/Stephan-These irgendeinen Sinn abzugewinnen. In der Debatte wurde laengst geklaert, dass ein Leistungsbilanzueberschuss keine verlaessliche Kennziffer fuer Wettbewerbsfaehigkeit sein kann – schliesslich kann er schwache Importe widerspiegeln (was meistens der Fall ist), welche wiederum oft die Folge von Kapitalflucht und (als Konsequenz) mangelnden Investitionen seien koennen – genau wie dies im Dtld. der vergangenen Jahre der Fall war. Und Kapitalflucht bedeutet EXAKT DAS GEGENTEIL von Wettbewerbsfaehigkeit.

    Dies ist “Grundlagen der Aussenwirtschaftslehre erste Vorlesung”, und dass sowas der Klaerung bedarf wirft bereits ein peinliches Licht auf die deutsche Debatte.

    Nur behaupten Horn und Stephan – der Himmel weiss weshalb – dass wenn man den Leistungsbilanzueberschuss in reale Groessen umrechnet eine unsinnige Kennziffer sich in eine sinnvolle verwandeln soll. Selbst bei angestrengtem Rumstochern lasst sich darin kein Korn oekonomischer Logik erkennen. Schiesslich sind Importschwaeche und Kapitalflucht nicht die Folge von relativen Preisaenderungen.

    Herdentrieb scheint sich vorgenommen zu haben, die schlechtesten Artikel, die von deutschen Oekonomen publiziert werden, breitzutreten und in den Rang alternativer oekonomischer Weisheit zu heben.

    HK

  4.   Uwe Richter

    Sehr geehrter Herr Kaspar,

    Sie müssen da etwas falsch verstanden haben, es bestand hier in keiner weise die Absicht die Sinn’sche Basarökonomie These breitzutreten und in den Rang einer alternativen Weisheit zu heben.

    Aber nun zum ernsthaften Teil ihres Kommentars. Hier verstehe ich zwei Sachen nicht:

    Was ist die Horn/Stephan These? Ich finde nirgends in dem Beitrag von Horn und Stephan die These, dass ein Leistungsbilanzüberschuss eine „verlässliche Kennziffer“ für Wettbewerbsfähigkeit sein soll. Falls dies ihre Horn/Stephan These sein sollte, dann gibt es diese nicht. Ich lasse mich aber gern eines Besseren belehren.

    Im übrigen glaube ich, dass hier etwas durcheinander geraden ist. Es geht nicht darum, dass irgendjemand behauptet, dass ein Leistungsbilanzüberschuss ein Ausweis für die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft ist. Ganz abgesehen davon, dass sich über die Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften nicht vortrefflich streiten lässt, weil der Begriff viel zu weit ist. Wenn man Lohnstückkosten meint, dann sollte man das Kind auch beim Namen nennen, aber damit ist doch nicht das abgedeckt, was die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft bzw. deren Standortbedingungen ausmacht. Es wurde der Punkt gemacht, dass steigende Exporte nicht darauf hindeuten, dass die deutsche Wirtschaft im internationalem Handel hoffungslos unterlegen ist. Auch ist es nicht so, dass die deutsche Exportwirtschaft dramatisch an Anteilen im internationalen Handel verliert. In einem Jahr legt sie in einigen Märkten zu, in anderen verliert sie. Und im nächsten Jahr ist es wieder anders. Da ist keine dramatische Entwicklung zu sehen. Der Außenbeitrag, im Sinne des Handelsbilanzsaldos, kam in die Diskussion um die Basarökonomie, weil er ein Indiz gegen diese Hypothese ist. (Siehe oben das Zitat aus dem Gutachten des Sachverständigenrats) Wenn jetzt so getan wird, als ob diejenigen, die die Basarökonomie These bezweifeln, dies mit der ‚abwegigen Begründung‘ täten, der Leistungsbilanzüberschuss sei ein Maß für die Wettbewerbsfähigkeit, dann geht das an der Sache vorbei. Ein Leistungsbilanzsaldo ist weder ein Maß für hohe noch für geringe Wettbewerbsfähigkeit.

    Und bei letzterem ist es doch eher so, dass ein Leistungsbilanzüberschuss, von Herrn Sinn und anscheinend auch von ihnen als Maß (!) für die geringe Wettbewerbsfähigkeit bzw. die schlechten Standortbedingungen betrachtet wird. Ich möchte in diesem Zusammenhang nur auf ein in der ZEIT veröffentlichtes Streitgespräch zwischen Herrn Sinn und Herrn Bofinger [Link] hinweisen, in welchem Herr Bofinger auf die Dynamik der Exporte (!) hinwies, und Herr Sinn darauf hin, den Außenbeitrag und den Kapitalexport (er meinte offensichtlich Außenbeitrag im Sinne des Leistungsbilanzsaldos) als Ausweis schlechter Standort- bzw. Investitionsbedingungen (d.h. Abwesenheit von Wachstumsimpulsen) ins Spiel brachte.
    Der Zusammenhang zwischen Leistungsbilanzsaldo und Wettbewerbsfähigkeit ist also ein Punkt in der Sinn’schen Argumentation. Aber wie ich bereits sagte: Der Leistungsbilanzsaldo ist weder ein Maß für noch ein Maß gegen eine wie auch immer definierte Wettbewerbsfähigkeit.

    Und damit komme ich zu dem zweiten Punkt.

    Wenn ich Sie richtig verstehe, dann sagen Sie, dass der Leistungsbilanzüberschuss die Folge von Kapitalflucht sei und damit der Grund für geringe Nettoinvestitionen im Inland. Und deshalb sei der Leistungsbilanzüberschuss ein Maß für die Abwesenheit von Wettbewerbsfähigkeit.

    Nun, Sie verweisen auf die „Grundlagen der Aussenwirtschaftslehre erste Vorlesung“. Das ist eine nicht besonders originelle Rhetorik. Aber mich würde es trotzdem interessieren, was Sie da gelernt haben.

    Ihr Begriff der Kapitalflucht zum Beispiel, da kann ich mir bezogen auf Deutschland (Mitglied der europäischen Währungsunion) nicht so recht etwas drunter vorstellen. Aber vielleicht meinen Sie einfach den Vorgang des Kapitalexports. Dann stellt sich aber die Frage, wie ein Kapitalexport, worunter eine reine Finanztransaktion zu verstehen ist, notwendig zu einem Leistungsbilanzüberschuss führt. Außerdem stellt sich mir die Frage, wie sich aus der Höhe des Leistungsbilanzsaldos die Höhe der inländischen Nettoinvestitionen ergibt.

    Nach meiner ökonomischen Kenntnislage gibt es keinen direkten Zusammenhang zwischen der Höhe des Leistungsbilanzsaldos einer Volkswirtschaft, der gleiche der Änderung des Nettogeldvermögens aller Inländer ist, und der Höhe der Nettoinvestitionen, die gleich der Änderung des Sachvermögens aller Inländer ist, sieht man von Wertänderungen von Sachvermögensbeständen einmal ab.

    Natürlich ist der Leistungsbilanzüberschuss identisch gleich (!) mit dem Nettokapitalexport. Aber für einen Leistungsbilanzsaldo braucht man Leistungstransaktionen. Nur durch diese kommt es zu einem entsprechenden Nettokapitalexport bzw. -import. Der Verweis, dass Inländer Finanztransaktionen durchführen, reicht da nicht aus. Man kann nicht dadurch sparen, dass man von Ausländern Finanzvermögenstitel kauft. Auch lässt sich nicht vom Erwerb solcher Titel auf die Höhe der Nettoinvestitionen im Inland schließen. Wie lang oder wie kurz muss die Kapitalbilanz (einschließlich Leistungsbilanzsaldo) denn sein, dass die Nettoinvestitionen im Inland eine bestimmte Höhe haben?

    Sie sprechen von einem „peinlichen Licht“, das da auf die „deutsche Debatte“ geworfen wird. Ich sehe so ein Licht auch, allerdings kommt es bei mir aus einer anderen Richtung. Nämlich von dort, wo scheinbar ökonomisch zwingende Zusammenhängen postuliert werden, die angeblich selbst evident sind. Als ob man es sich dann ersparen könnte, kontingente Bedingungen für die Gültigkeit der Behauptung angeben zu müssen. Oder es werden triviale Identitäten so formuliert, als ob es sich um kausale Beziehungen handelt.

    Mit freundlichen Grüßen

  5.   Die Fragen

    Herr Richter,

    diese Argumentation stimmt einfach nicht. Die Leistungsbilanz repräsentiert einen zu Grunde liegenden Prozess. Siehe

    http://blog.zeit.de/herdentrieb/?p=22#comments

    (Sie könnten doch mal auf die dort vorgebrachten Argumente und Erklärungen eingehen…)

    Im Übrigen ist ein Kapitalexport doch keine reine Finanztransaktion. Die Gegenbuchung fehlt. Und wenn wir von einem Nettokapitalexport ausgehen, d.h. eine Kapitalimport als Gegenbuchung mal ausschließen, dann werden eben Güter exportiert. Wo ist also die reine Finanztransaktion?

    Und dass man nicht sparen könne, wenn man ausländische Vermögenstitel kauft halte ich für schlicht falsch.

    Erklären Sie doch bitte etwas genauer, warum Sie hier offensichtlich anderer Meinung sind.

  6.   Heinrich Kaspar

    Sehr geehrter Herr Richter:

    erstmal ein Stueck Semantik-Klaerung: wie soll man folgenden Absatz von Horn/Stephan

    „… die deutsche Wirtschaft weist langfristig Überschüsse im Außenhandel auf, die sich aus der trendmäßig verstärkten Integration der Weltmärkte speisen. Mit anderen Worten unabhängig von der teilweise günstigeren Konjunktur im Ausland und hoher preislicher Wettbewerbsfähigkeit profitiert die deutsche Wirtschaft von der verstärkten internationalen Arbeitsteilung: Es entsteht in der Tendenz mehr Wertschöpfung und damit mehr Wachstum. In einer Basarökonomie würde diese Tendenz negativ sein.“ (meine Hervorhebung)

    … anders verstehen als dass „die langfristigen Ueberschuesse aus dem Aussenhandel …. [zu] mehr Wachstum in Deutschland fuehren? Und was ist die Faehigkeit zu dauerhaft Aussenhandels-getriebenem Wachstum anderes als Wettbewerbsfaehigkeit (oder zumindest eine Implikation derselben – was dann von den Autoren sogar noch unterstreichen wird mit der Betonung „preislicher Wettbewerbsfaehigkeit“)?

    Soweit ich sehen kann steht die von mir genannte Horn-Stephan-These expressis verbis in dem Zitat, welches Sie selbst ausgewaehlt haben.

    Ansonsten bin ich offengestanden etwas verwirrt in Bezug darauf, was genau Ihr Einwand gegen meine Horn-Stephan Kritik ist. Deswegen lassen Sie mich die Kritik nochmal in der simpelst moeglichen Form vorbringen – und vieleicht koennen Sie da dann einhaken.

    Wie schon erwaehnt koennen Leistungsbilanzueberschuesse auschliesslich importgetrieben sein. Ein Land, das nicht investiert (wie Dtld. in den vergangenen 5 Jahren), importiert in der Regel eben auch weniger. Nehmen wir ein einfaches Zahlenbeispiel: ein Land exportiert bei normaler Konjunktur 10 und importiert 10, Leistungsbilanzsaldo 0 (bei Abstraktion von Einkommensstroemen und Transfers). Nun bricht die Konjunktur ein, z.B. weil aufgrund zu hoher Lohn- und/oder Kapitalkosten die Investoren abwandern. Effekt auf die Importe minus 5. Zugleich wird heimische Vorporduktion durch auslaendische ersetzt (der Basar-Effekt), Effekt auf die Importe +2, auf die Exporte 0.

    Fazit: die Leistungsbilanz wird ueberschuessig UND zugleich ist der Basar-Effekt am Werk, d.h. inlaendische Wertschopefung geht ans Ausland verloren. Horn und Stephan allerdings wuerden auf die Leistungsbilanz starren und behaupten, es sei MEHR Wertschoepfung entstanden. Das ist offensichtlich Unsinn

    (ich habe mich jetzt schwer zusammenreissen muessen um nicht ein Wort zu verwenden, dass Ihre Misgunst erregt haette).

    Ansonsten behaupte ich natuerlich NICHT, ein Leistungsbilanzueberschuss sei notwendig ein Anzeichen von Wettbewerbsschwaeche. Solche Eindeutigkeitsbehauptungen sind Horns und Stephans Sache, nicht meine (und uebrigens auch nicht die Sinns – ich weiss nicht wie sie darauf kommen. Sinn schreibt explizit das Gegenteil).

    Ueber den Konjunkturzyklus hinweg kann die Dynamik der Kapitalbewegungen und der Export- und Imporstroeme in verschiedene Richtungen wirken. Druecken Kapitalimporte die Produktionskosten nach oben (sei es weil sie eine Waherungsaufwertung verursachen, sei es weil sie konkunturstimulierend und damit der Tendenz nach preistreibend wirken), dann verschlechter sich die Wettbewerbsfaehigkeit. Haelt dieser Zustand lange genug an, so bestehen ein Leistungsbilanzdefizit und schlechte Wettbewerbsfaehigkeit nebeneinander – dies ist z.B. die gegenwaertige Situation der USA. Sobald dies aber zur Umkehr der Kapitalstroeme fuehrt (und damit zur Korrektur der Leistungsbilanz) kehrt sich auch das Verhaeltnis zwischen Leistungsbilanzsaldo und Wettbewerbsfaehigkeit um.

    Langfristig, d.h. ueber den Konkunkturzyklus hinweg sollte gar kein Zusammenhang zwischen Wachstumspotential und dem Leistungssbilanzsaldo bestehen (zumindest nicht in erster Approximation); schliesslich ist schwer zu sehen wie ueber den Zyklus Angebot und Nachfrage systematisch auseinanderklaffen sollen.

    Sie haben recht dass „Wettbewerbsfaehigkeit“ schwer zu definieren und noch schlechter zu messen ist. Aber bessere Indikatoren als die Leistungsbilanz gibt es ohne Zweifel, z.B. der der internationale Marktanteil der Exporte. Und da hat sich – im Gegensatz zu Ihrer Behauptung – in den vergangenen Jahren Gewaltiges getan: der Anteil dt. Exporte in der Euro-Zone ist von 1990 bis 1998 z.B. von 43 auf 36 Prozent gefallen, und hat sich seitdem wieder auf 41 Prozent erholt. Aehnlich verhaelt es sich mit dem Weltmarktanteil dt. Exporte.

    Was mich zum letzten Punkt bringt: nein, in ihrer extremen Form Teile ich Sinns Basar-Hypothese nicht (was aus meiner Rezension der „Basar-Oekonomie“ klar hervorgeht, welche ich im Thread „noch einer gegen Hans-Werner Sinns Einseitigigkeit“ eingestellt habe). Die pathologische Export-Steigerung bei Anstieg der Lohnkosten ist ein theoretischer Spezialfall, der sich einstellt wenn das betreffende Land NUR im Wettbewerb um Vorprodukt-Prodution mit Niedriglohnlaendern steht – aber nicht wenn es z.B. auch und vor allem mit anderen Hochlohnlaendern um Endproduktion konkurriert. D.h. ob der pathologische Effekt dominiert oder nicht ist eine empiritsche Frage, und die hohe Korrelation zwischen deutschem Exportanteil und relativen deutschen Lohnstueckkosten weisen auf das Gegenteil.

    Die hohen Exportwachstumsraten der vergangenen Jahre sind dann schlicht das Ergebnis der Besserung der Wettbewerbsfaehigkeit der dt. Volkswirtschaft im selben Zeitraum, wobei der Basar-Effekt mitgeholfen haben mag, die aber ganz wesentlich auf geringere Lohnwachstumsraten zurueckzufuehren ist.

    Ich bedauere dass Sinn sein Blatt so ueberreizt. Denn dies macht sein Argumentation anfaellig fuer berechtigte Kritik an Details, die er fuer sein Grund-Anliegen aber gar nicht benoetigt. Das da ist: angesichts des verschaerften Wettbewerbs im Rahmen der Globalisierung muss Dtld. Mittel und Wege finden, wettbewerbsfaehig zu bleiben – und in den vergangenne 20 Jahren hat es sie nicht gefunden.

    HK

    PS: das ZEIT-Interview lese ich voellig anders. Bofinger behauptet, starke Exporte wie auch der Leistungsbilanzueberschuss spraechen fuer strukturelle Wachstumsdynamik. Sinn widerspricht. Und Sinn hat natuerlich recht.

    An dem Interview finde ich uebrigens besonders erschreckend, dass Bofinger mit dem definitorischen Zusammenhang zwischen Leistungs- und Kapitalbilanz schlicht ueberfordert zu sein scheint.

    >> Bofinger: Moment. Was heißt hier: Kapital läuft weg? Das stimmt doch nicht. Wenn wir den Außenbeitrag nicht gehabt hätten, wäre unsere Binnennachfrage noch schwächer gewesen. Das ist der Punkt.

    Sinn: Das ist Voodoo-Ökonomie. Wie können Sie behaupten, dass ein Land, das einen positiven Außenbeitrag hat, einen strukturellen Wachstumsimpuls bekommt? Das ist abwegig.

    Bofinger: Das steht doch auch in Ihren Gutachten.

    Sinn: Das ist nur kurzfristig, konjunkturell richtig, aber nicht strukturell. >>