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Eine Träne für den Rheinischen Kapitalismus

 

Lassen Sie uns gemeinsam Abschied nehmen vom Rheinischen Kapitalismus. So haben vorzugsweise die Franzosen das Erfolgsmodell der deutschen Wirtschaft genannt. Andere haben dafür den etwas schrägen Begriff „soziale Marktwirtschaft“ verwendet. Auf jeden Fall galt das deutsche Wirtschaftssystem lange Zeit als ungewöhnlich erfolgreich und als so etwas wie der „dritte Weg“ zwischen dem Kapitalismus angelsächsischer Prägung und dem Sozialismus. Aus und vorbei!

Irgendwann Mitte der 90er Jahre schlichen sich die Usancen des angelsächsischen Modells in das deutsche ein und haben den Kapitalmarkt und sein Denken hoffähig gemacht. Seither krachte es ganz schön im Gebälk – die Empörung über Massenentlassungen trotz Rekordgewinne ist beredtes Beispiel. Stimmt, so etwas hat es im Reihnischen Modell nicht gegeben. Doch ich bin optimistisch: Die Anpassungskrise ist überwunden. Die deutsche Wirtschaft tickt jetzt viel stärker wie der angelsächsische Kapitalismus und dürfte schon bald wieder erfolgreich sein – nur eben anders.

Das einzige was noch fehlt, sind die Streiks. Deutschland war immer das Land in der kapitalistischen Welt, das den Arbeitskampf nicht kannte, zumindest fiel er nie ins Gewicht. Vier ganze Tage pro Jahr auf 1000 Arbeitnehmer sind im Schnitt der vergangenen zehn Jahre für einen Streik draufgegangen. In Amerika sind es 44, in Irland 78 und in Frankreich fast 100. Die Gewerkschaften hängen wohl noch der Illusion nach, es werde wieder alles wie früher. Das können sie vergessen. Die Unternehmen haben nur noch den Aktionär im Sinn. Sie können (und dürfen) nicht mehr anders. Deshalb müssen die Arbeiter sehen, wo sie bleiben.

Der nachfolgende Text ist in verkürzter Form im aktuellen Wirtschaftsteil der ZEIT (Manager ohne Moral?) enthalten. Hier ist sozusagen eine „extended version“ der Vorgänge, die sich auf der Finanzierungsseite abspielen. Es werden zum einen die Merkmale des Rheinischen Kapitalismus herausgearbeitet und beschrieben, wie die Kapitalrendite sich den normalen (angelsächsischen) Verhältnissen angepasst hat. Der Ausblick ist optimistisch. Im nächsten Jahr müsste die Arbeit wieder etwas mehr vom Kuchen abbekommen, so die Prognose.

Noch Anfang der 90er Jahre wussten Finanzvorstände von börsennotierten Unternehmen mit dem Begriff Eigenkapitalrendite wenig anzufangen. Sie war keine Steuerungsgröße, sondern floss lediglich in die Berechnung des Kalkulationszinsen für Investitionen ein. Die einzige Kommunikation, die mit den Aktionären stattfand, lief über die Höhe der Dividende. Cash flow und Shareholder value waren Fremdworte im doppelten Sinne. Denn der „Rheinische Kapitalismus“ oder die „Soziale Marktwirtschaft“, obwohl eine Spielart des Kapitalismus, unterschieden sich so grundsätzlich vom angelsächsischen Modell, dass es kaum Analogien gab.

In Deutschland spielte der Kapitalmarkt zur Finanzierung der Unternehmen keine Rolle. Die Minderheitsaktionäre, Fondsgesellschaften, ausländische Investoren hatten nichts zu melden. Dafür „übernahmen die Großbanken die Rolle des zentralen Koordinators“, sagt Reinhard H. Schmidt von der Uni Frankfurt. Sie finanzierten die Unternehmen mit Kredit, sie waren an den Industrieunternehmen beteiligt, sie saßen in so gut wie jedem Aufsichtsrat und gaben dem Management die Richtung vor. Es war ein System, das auf die Kontrollen der Insider setzte. Im Aufsichtsrat saßen alle Stakeholder, Großaktionäre, Banken, Gewerkschaften sowie wichtige Kunden und Lieferanten. Die Konflikte zwischen den Parteien wurden intern und im Kompromiss gelöst. Es war die berühmte Deutschland AG, die das Land regierte. Es war ein System, das sich durch ein besonders hohes Maß an Stabilität auszeichnete.

Ein Finanzierungssystem, das auf den Bankkredit als wichtigstes Finanzierungsmedium setzt, produziert nicht auf Teufel komm raus hohe Eigenkapitalrenditen. Denn hohe Gewinne für die Aktionäre sind nicht in erster Linie im Interesse der Banken, denen es vor allem um die langfristige Bedienbarkeit der Kredite ging. Die Bilanzierungsregeln waren natürlich an den Interessen der Gläubiger ausgerichtet. Lieber Reserven bilden als Gewinne ausweisen. So konnten die Firmen in schlechten Jahren das Ergebnis glätten, blieben zahlungsfähig – für den Zins- und Schuldendienst sowie die Dividende. Deshalb zeichnete sich der Rheinischen Kapitalismus durch eine Langfristigkeit aus, die das angelsächsische Modell nicht kennt.

Plötzliche Werkschließungen, Massenentlassungen, hektische Verkäufe von einzelnen Beteiligungen waren unnötig. Zum einen sorgte die konservative Bilanzierung dafür, Liquiditätskrisen gar nicht erst entstehen zu lassen, zum anderen gab es den Druck des Kapitalmarktes nicht, möglichst rasch die versprochene Eigenkapitalrendite zu bescheren. Und vor feindlichen Übernahmen schützten die Überkreuzbeteiligungen.

Das änderte sich Mitte der 90er Jahre. Die immer stärker in deutschen Aktien investierten ausländischen Investoren, Pensions- und Investmentfonds, verlangten eine höhere Publizität, einen besseren Schutz, eine andere Vertretung im Aufsichtsrat. Im Gegenzug stießen deutsche Großkonzerne im Ausland auf Hemmnisse, weil sie anders bilanzierten. Irgendwie schien der Rheinische Kapitalismus nicht globalisierungstauglich. Als eine der ersten Konzerne verzichtete die Deutsche Bank 1995 auf die deutschen Bilanzierungsvorschriften und nutze die gesetzliche Möglichkeit ihre Bilanz nach dem kapitalmarktorientierten Standard IAS zu erstellen. Hinzu kamen die Vorbereitungen auf einen einheitlichen europäischen Kapitalmarkt, in denen sich die Vertreter der einzelnen Länder meist nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, die Usancen des angelsächsischen Modells einigten.

Und natürlich hielt die Shareholder-value-Philosophie viele Verlockungen bereit. Die Vorstände, die sich bislang immer um einen Kompromiss mit ihrem Aufsichtsrat bemühen mussten und international bescheiden verdienten, wollten auch endlich richtig Kasse machen. Was gab es da Eleganteres, als den Aktienkurs zum allein seligmachenden Maßstab zu bestimmen, und damit nur noch die Interessen der Aktionäre, die Stimmung der Börse zu bedienen? So führten zum Beispiel die Vorstände bei Deutscher Bank und Daimler Benz erstmals im Jahr 1996 Aktienoptionen ein. Die Regierung verabschiedete ein Finanzmarktförderungsgesetz nach dem anderen, um den Kapitalmarkt aufzuwerten – auch weil sie große Privatisierungen plante wie die Telekom. 1998 durften Unternehmen zum ersten Mal eigene Aktien zurückkaufen, und bekamen so die Möglichkeit zu schrumpfen. 2001 wurde das Übernahmegesetz verabschiedet, das klar regelt, wie in Deutschland ein börsennotiertes Unternehmen aufgekauft werden darf.

Zur selben Zeit wurde die Stellung der Banken im deutschen Modell geschwächt. Im Finanzministerium hatten während der Regierung von SPD und Grünen, die Kapitalmarktfreunde die Oberhand. „Die Vorstellung, dass Banken in der Corporate Governance keine Rolle spielen sollten, fing mit der ersten Regierung Schröder an“, sagt Schmidt von der Uni Frankfurt. Das Gesetz, das die Deutschland AG in die Auflösung schickte, war das Geschenk der Steuerfreiheit für Beteiligungsverkäufe des Ex-Finanzminister Eichel. Damit brachen die Schutzwälle. Der anonyme Aktionär hatte sich auch in Deutschland von der untersten Hierarchiestufe ganz nach oben gearbeitet.

Vollends zerbarst das System des Rheinischen Kapitalismus in den Nachwehen des Börsencrashs zur Jahrtausendwende. Die Banken, durch die Vorbereitung auf die neue Regulierung Basel II bereits geschwächt, schlitterten 2002 und 2003 nur knapp an einer Krise vorbei. Derart in Not zogen sie sich aus der günstigen Finanzierung vieler Firmen zurück und gaben ihre herausgehobene Stellung auf. Mit dramatischen volkswirtschaftlichen Folgen: „Plötzlich wurde die geringe Rendite auf das eingesetzte Kapital zum Problem“, sagt Dirk Schumacher, Deutschlandschefvolkswirt von Goldman Sachs. Nach seinen Berechnungen lag die gesamtwirtschaftliche Kapitalrendite im Jahr 2000 um rund drei Prozentpunkten unter der in der EU. Zur Steigerung der Rendite stoppten die Vorstände die Investitionen, gingen auf Konfrontation mit den Gewerkschaften und drückten die Lohnkosten wo irgend möglich, durch unbezahlte Mehrarbeit, weniger Pausen und Urlaubstage sowie die Streichung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Das letzte konstituierende Element des alten Systems, die Sozialpartnerschaft zwischen Arbeit und Kapital, war dahin. Die Banken ihrerseits verlangten höhere Kreditzinsen. Nach Schumacher’s Berechnungen stiegen die Kreditzinsen für Unternehmen in Deutschland seit 2000 – obwohl die Europäische Zentralbank zur selben Zeit die Notenbankzinsen kräftig gesenkt hatte.

Diese Anpassungskrise des alten Finanzierungssystems an das neue, angelsächsische lässt sich in der Verteilung zwischen Lohn- und Gewinneinkommen ablesen.

(zum Vergößern auf die Grafik klicken)

Seit fünf Jahren steigt der Anteil der Gewinne am Volkseinkommen und sinkt der Anteil der Löhne – nur so steigt die Kapitalrendite. „In Frankreich gab es diese krasse Umverteilung trotz Globalisierung, trotz China und Osteuropa nicht“, sagt Sylvain Broyer, Deutschlandchefvolkswirt bei der französischen Investmentbank Ixis. Die stagnierenden Lohneinkommen lasten auf dem Konsum und damit auf dem Wachstum.

Doch es mehren sich die Anzeichen, dass die Anpassungskrise überstanden ist. Die deutsche Kapitalrendite liegt inzwischen höher als im Rest der EU. Die deutschen Unternehmen samt großer Teile des Mittelstandes sind „äußerst wettbewerbsfähig“, sagt Norbert Irsch, Chefvolkswirt der KfW und verweist auf die steigenden Marktanteile am internationalen Handel, was keinem anderen Industrieland in den letzten Jahren gelang. Selbst Michael Hüther, der Chef des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft macht sich um die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Unternehmen keine Sorgen mehr. „Wir bekommen aus dem Unterholz der Volkswirtschaft gute Signale.“ Der begonnene Investitionszyklus werde sich 2006 fortsetzen und auch am Arbeitsmarkt könnte es zur Trendwende kommen. Es gebe zwar immer noch weniger Unternehmen, die nächstes Jahr einstellen statt entlassen wollen. Aber „der Saldo ist der geringste seit Beginn des Jahrtausends“, so Hüther. Optimistisch stimmt Irsch auch das Kreditneugeschäft der Banken und Sparkassen. Es hat sich nach Schätzungen der KfW im dritten Quartal erstmals stabilisiert, nachdem es seit Anfang 2002 Quartal für Quartal gesunken ist.

Und selbst die Aktieninvestoren, die neuen Herren in den deutschen Unternehmen, setzen wieder auf Expansion. Laut der Fondsmanagerumfrage von Merrill Lynch, hat im November erstmals die Mehrzahl der befragten 300 internationalen Vermögensverwalter verstärkten Investitionen das Wort geredet. (siehe auch „Vorstandschefs, hört auf die Investoren“) Damit ging eine 15monatige Phase zu Ende, in der die Investoren vor allem eins sehen wollten: Geld. Der Cash flow sollte für Aktienrückkäufe und Dividendenerhöhungen eingesetzt werden, hieß es seit August 2004.

Wenn wieder investiert wird, dürfte auch die Arbeitslosigkeit zurück gehen – und damit dürfte sich auch die Umverteilung von Arbeitseinkommen zu Kapitaleinkommen ihrem Ende nähern. Bereits in den nächsten Tarifverhandlungen erwartet Ralf Zimmermann, Aktienstratege beim Bankhaus Sal. Oppenheim, dass die Gewerkschaften unterm Strich etwas höhere Abschlüsse durchsetzen können als in den vergangenen Jahren. „Waren es früher 1,5 Prozent Lohnsteigerung für 18 oder 24 Monate, könnten es nächstes Jahr 2,x für nur noch zwölf Monate werden.“ Und auch Schumacher glaubt, dass sich die krasse Umverteilung des Jahres 2005 sich nicht wiederholt. Nach seinen Schätzungen haben sich dieses Jahr die gesamtwirtschaftlichen Profite um 7 Prozent erhöht, während die Lohnsumme um 0,3 Prozent zurückgegangen ist. Für die nächsten zwei Jahre sagt es 4,2 und 3,3 Prozent für die Gewinneinkommen voraus und 1,9 sowie 2,4 Prozent für die Lohneinkommen.

Damit bleibt das Kapital weiter im Vorteil, aber die Arbeit partizipiert wieder am Zuwachs des Volkseinkommens.

13 Kommentare

  1.   Saviano

    Sehr guter Artikel!
    Solche Überlegungen helfen auch die volatilere Entwicklung an den deutschen Börsen in den späten 90er und seit 2000 meiner Meinung nach zum Teil gut erklären und sollten unbedingt in einer Betrachtung der Aktienmärkte einbezogen werden. Den positiven Ausblick für den Faktor Arbeit (und für die deutsche Wirtschaft insgesamt) teile ich auch mit.

  2.   Harald Schumann

    Die Analyse klingt überzeugend, allein die Schlussfolgerung im letzten Absatz erscheint als bloßes Wunschdenken. Denn die “Anapassungskrise” hat schließlich die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer so dramatisch geschwächt, dass sie doch nur noch in Ausnahmefällen Lohnerhöhungen in Anlehnung an den Produktivitätszuwachs durchsetzen können. Der übergreifende Trend in der Arbeitswelt scheint mir eher die wachsende Prekarisierung der Arbeistverhältnisse und damit eben auch die verbreitete Ohnmacht. Ohne eine drastische Steigerung der gewerkschaftlichen Organisationsfähigkeit (und die ist angesichts der trägen mittleren Hirarchieebene in den Apparaten derzeit bei keiner deutschen Gewerkschaft in Sicht) sehe ich keinen Grund, warum die Kapitalseite größere Zugeständnisse machen sollte. Schließlich haben die Jungs in den Chefetagen (Frauen sinds ja fast nie) schon hinreichend bewiesen, dass sie weder für die volkswirtschaftlichen (Nachfrage) noch für die gesellschaftlich-moralischen Argumente (Zusammenhalt, massenhafte Abstiegsangst) zugänglich sind. Wodurch sollte sich das ändern? Der Fall der Arbeitslosenquote von 10 auf 8 Prozent wird da wohl nicht reichen.

  3.   Sawwas Maletzidis

    Ich denke auch, daß Herr Heusinger die falschen Schlußfolgerungen zieht. Warum sollte sich ein Unternehmen den Luxus der teuren deutschen Arbeitnehmers leisten, wo es doch im Ausland ähnlich Qualifizierte Arbeitnehmer gibt, die einen Bruchteil der Kosten verursachen ?
    Durch die Techniken, die heutzutage zur Verfügung stehen ist es problemlos möglich die Mehrzahl der Arbeitsplätze in Niedriglohnländer zu verlagern. Die Realität zeigt doch, daß diese Verlagerung ausgiebig praktiziert wird, und auch noch die Aufwände dafür sozialisiert werden. Es stört diese Herrschaften keinesfalls, daß in Deutschland die Märkte nach und nach wegbrechen, solange sie nur im Ausland aufgebaut werden.

  4.   Robert von Heusinger

    Sehr geehrter Herr Kollege Schumann,

    ich bin deshalb nicht ganz so pessimistisch, weil auch in anderen “angelsächsischen Systemen”, die Löhne mit der Produktivität steigen, obwohlauch dort die Gewerkschaften nicht stark sind, sieher Amerika oder England. Klar ist, dass solange die Arbeitslosigkeit so erdrückend ist, nicht viel gehen wird. Aber wenn die Makropolitik besser wird (schlechter gehts ja nimmer), dann sind auch sechs Prozent Arbeitslosigkeit und weniger drin. Dann ist die Verhandlungsposition automatisch besser, für jeden Einzelnen, auch ohne starke Gewerkschaften.

  5.   Alexander Hofmann

    Das Lesen dieses Artikels ist ein Spiegel des wirtschaftlichen Problems dieses Landes. Der Autor scheint nicht zu wissen, dass die deutsche Wirtschaft vom Mittelstand getragen wird. Der Vergleich mit Frankreich anhand der Grafik wirft die Frage auf, um den Status Quo der franzoesichen Wirtschaft. Allein die Beantwortung dieser Frage macht diesen Artikel hinlaenglich. Streiks sind fuer beide Teilnehmerparteien kontraproduktiv und die Nachfrage nach Investitionsgueter gewichtet staerker als die Konsumgueterindustrie. Das Problem dieses Artikels ist, dass die Leute die sich nicht intensiv mit Oekonomie beschaeftigen der Verfuehrung unterliegen koennen die Aussagen fuer bare Muenze zu halten. Im Uebrigen sollte man auch bedenken, dass die Moeglichkeit, dass Unternehmen gewinne erzielen und sie nicht an die Arbeiter direkt weitergebn durchaus positiv gesehen werden. Sie werden in weitere Geschaeftsmodelle investieren. Diese schaffen Arbeitsplaetze. Der Konsum wie dieser text uns vermitteln vermag kann alleine die Wirtschaft nicht ankurbeln. Erinnern wir uns an den Osten nach der Wende. Durch die Zuschuesse aus dem Westen haette es dort ein wahres Wirtschaftswunder geben muessen.

  6.   Jens Schabacher

    Sehr geehrter Herr Heusinger!

    Wenn ich Ihren Artikel richtig verstanden habe, so hat es in Deutschland eine Transformation vom “Rheinischen Kapitalismus” zum angelsächsischen Modell gegeben, insbesondere im Finanzierungssystem. Deutschland unterscheidet sich aber in diesem Text zu anderen Ländern darin, dass erstens die Gewerkschaften immer noch nicht streiken, und zweitens durch steigende Marktanteile im internationalen Handel, “was keinem anderen Industrieland in den letzten Jahren gelang.” .

    Ich frage mich nach den Gründen für den Erfolg im internationalen Handel innerhalb Ihrer Darstellung: Der einzige nennenswerte Unterschied liegt bei der Lohnzrückhaltung der Gewerkschaften, die Finanzierungsseite hat sich ja verändert. Sollte es also zu vermehrten Streiks kommen, ist der Wettbewerbsvorteil dahin.
    Ein Hoch auf den rheinischen Kapitalismus!

    Mit freundlichen Grüssen

    J. Schabacher

  7.   iceman

    Bei der Analyse von v. Heusinger kommen mal wieder die wichtigen “weichen” Faktoren der Kinderquote und des Bildungssystems zu kurz, die langfristig viel stärker über den Erfolg einer Volkswirtschaft entscheiden.

    Ganztagskinderstätten und gute Bildungseinrichtungen zu finanzieren, sei es indirekt durch hohe Löhne oder direkt durch höhere Abgaben, liegt keineswegs im Interesse der Unternehmerseite.
    Deshalb wird auch eher ein skandinavisches Modell (Finanzierung der Sozialsysteme über Privateinkommen und Mehrwertsteuern) überlebensfähig sein als ein anglo-amerikanisches Modell. Wobei ja die Unternehmenssteuern in Schweden, so hörte ich, auch bloß bei 30% liegen.

    Klar könnte man darauf hinweisen, daß in den USA die Kinderquote auch recht hoch ist, nur – was sind das denn für Bevölkerungsgruppen, die sich da erhöht fertilisieren, und wie hoch sind die Chancen dieser Kinder später auf gute Sozialisation und Ausbildung?

    Meine volkswirtschaftlichen Kenntnisse halten sich wirklich in Grenzen, aber gibt es nicht auch jenseits des spezialisierten Wissens so etwas wie einen allgemein erkennbaren Zusammenhang dieser Faktoren? Psychologische Faktoren (Konsumbereitschaft in Zeiten ständiger Verunsicherung) sind da ebenfalls nicht erfaßt.

    Ich bin der Meinung, daß eine Gesellschaft ohne ausreichenden Zusammenhalt (Ethik, Moral, Gemeinsinn, wie immer man es nennen mag) auf Dauer nicht erfolgreich sein kann. Und ich habe das Gefühl, daß sich daran auch dann nichts ändern würde (auf Dauer gesehen) wenn die nächsten Jahre für die Beschäftigten tatsächlich etwas rosiger aussehen würden:

    Der Artikel von v. Heusinger kommt mir ein bißchen so vor, als klammere sich da jemand an die allgemein verbreiteten Auffassungen der letzten Jahre, die sich zunehmend als Fehlweg erweisen.

  8.   gayorg

    Der Artikel ist sehr interessant. Doch es passt Einiges nicht, oder ist unschlüssig. Das Wichtigtste zuerst. Woher weiß Herr Heusinger, daß die deutsche Wirtschaft stärker tickt als der gesamte angelsächsische Kapitalismus ? Das scheint mir pure Überheblichkeit, die völlig unangebracht ist. Das Nächste: Deutschland ist doch schon Exportweltmeister. Was soll also eine weitere Steigerung bringen? Nein, die Probleme sind so nicht zu lösen. Was Mitte der 80er Jahre hier zu recht (und natürlich auch wo anders) diskutiert wurde, war ein neuer Begriff von Arbeit und Arbeitsteilung. Das hat damals aufgehört.
    Jetzt heißt es diejenigen wieder einzustellen, die keine Arbeit haben. Es fehlt die Antwort darauf wo. Im produzierendem Gewerbe ? Bei kräftigen Rationalisierungsimpulsen, die bei einer Steigerung der Investitionen erfolgen, schein mir das doch sehr unwahrscheinlich. Im Diensteistungssektor – wie in den angelsächsische Staaten – könnte die Lösung sein. Deutschland ist Service-Wüste. Aber nein. Alles dreht sich wieder um die Produktion und die alten Definitionen von Arbeit. ( siehe oben )
    An dieser Stelle hätte ich mir mehr versprochen. gruss georg

  9.   supertackler

    “Keine Träne für den Rheinischen Kapitalismus” wäre wohl ein passendere Beitrag. Der Autor bekommt glücklichweise im letzten Abschnitt des Textes die Kurve, indem er auf die Fortschritte der sicher harten aber notwendigen Anpassungen der dt. Wirtschaft verweist. Damit zeigt er gleichzeitig, dass es sich nicht lohnt dem Rheinischen Kapitalismus eine “Träne” nachzutrauern.

    Wie gut das dt. Sytem funktioniert/funktionierte zeigt eines der wenigen prominenten Überbleibsel der “guten alten Deutschland AG” – VW. Nur eine mehrheitliche Landesbeteiligung sichert hier noch den Kuschelkonzern “vor den Fängen der HEUSCHRECKEN”. Kommentare mit Blick auf Milliarden Gewinne kann man sich hier wirklich ersparen, denn erst diese Woche äußerte sich Wolfgang Bernhardt – in VW unüblicher Offenheit – zu den von ausländischen Standorten quersubventionierten dt. Werken. Während Japaner – allen voran Toyota – durch hohe Produktivität sprich schlanke effiziente Produktion weltweit Marktanteile gewinnt, Werke aufbaut, hält VW an seinen Strukturen fest. Hier beschweren sich unsere Shareholder Value Kritiker offenbar nicht, denn nur die Landesbeteiligung sichert hier die ca. 100.000 dt. Beschäftigungverhältnisse.

    Richtig, alle interessiert nur noch Cash Flow, Return on Equity etc. und das ist gut so! Wir leben in einem globalen Wettbewerb, wo wir jederzeit branchenweit, länderübergreifend verglichen werden. Wird in ein dt. Unternehmen investiert oder in ein kanadisches? Wird ein an der Börse niedrig bewertetes dt. Unternehmen von Ausländern aufgekauft, ist das Geschrei groß. Also heißt es Investoren anlocken, um eine hohe Bewertung zu erreichen und Aufkäufer abzuschrecken.

    Verabschieden wir uns von der Deutschland AG ohne Tränen, denn mehr Wettbewerb zwingt zu Effizienz und Innovation und bringt viele Vorteile – siehe Lebensmittelpreise, siehe Telefonmarkt, … Freuen wir uns auf die hohen Kapitalrenditen der dt. Wirtschaft und deren Investitionen in Zukunft. Sie werden sicherlich an Deutschland nicht vorbeigehen.

    Auf die Zukunft!

  10.   baudolino

    Der Artikel ist sehr interessant aber die Schlussfolgerungen sind etwas zu voreilig getroffen. Fakt ist, dass sich die Weltwirtschaft auf absolutem Neuland befindet. Die Netto-Effekte von 3 Milliarden neue ‘Kapitalisten’ in China, Indien und Osteuropa auf die Weltwirtschaft sind weder fuer die deutsche Wirtschaft noch für das ‘angelsaechsische Modell’ vorhersehbar. Die fortschreitende De-Industrialisierung der klassischen Industrielaender, die durch das Streben nach Renditemaximierung beschleunigt wurde, sorgt fuer haushohe Defizite in den Laendern des klassischen ‘angelsaechsischen Kapitalismus’ (UK und USA) und fuer eine unhaltbare Ueberschuldung die mit dem bervorstehenden Immobiliencrash im vollen Masse spuerbar werden wird. Der Vorteil der deutschen Marktwirtschaft liegt wahrscheinlich darin, dass sich Deutschland seine industrielle Substanz bis jetzt erhalten konnte und dies sicherlich Dank der zaehen Langlebigkeit des so genannten rheinischen Modells. Das rheinische Modell hat in einer globalisierten Wirtschaft an Legitimation verloren. Die Staerke des angelsaechsischen Modells ist sicherlich darin zu sehen, dass es so gut wie keine soziale und moralische Erwartungen setzt. Wer keine Erwartungen setzt, muss auch keine erfuellen. Die Frage ist sicherlich, wie lange es dauern wird und wie viel Leid entstehen muss, bis diese Kaltschnaeuzigkeit auch diskreditiert wird. Meist folgt die Gegenreaktion auf kostspielige Exzesse und Markteinbrueche.

    Die Geschichte geht weiter und es bleibt spannend. Irren ist menschlich, und als Wahl-amerikaner muss ich gestehen – Marx hat doch Recht gehabt.