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Keine Inflation, nirgends

 

Jetzt hat die Europäische Zentralbank (EZB) schon wieder ihr Ziel verfehlt: Zum sechsten Mal in Folge ist es den eigentlich doch sehr strengen Währungshütern nicht gelungen, die Inflation „unter, aber nahe zwei Prozent“ zu halten. Und da es die Währungsunion erst seit sieben Jahren gibt, darf man auch schreiben: Die EZB hat ihr selbstgestecktes Ziel erst einmal, nämlich 1999 erreicht. Doch es ist müßig, die Ursachen in der Geldpolitik der EZB zu suchen. Das Inflationsmaß kaschiert die Wahrheit.

Das ist das Ergebnis einer neuen Studie von Jörg Bibow, die das gewerkschaftsnahe IMK herausgegeben hat. Bibow ist einer der interessantesten deutschen Postkeynesianer, der sein Brot in der italienisch sprechenden Schweiz verdient. Der deutsche Lehrbetrieb hat für Andersdenkende wenig Stellen übrig.

Seine empirische Studie legt dar, dass es vor allem die indirekten Steuern sind, die die europäische Inflationsrate künstlich nach oben treiben. Ohne höhere Tabaksteuern, Mehrwertsteuererhöhungen, oder zum Beispiel die Einführung der Praxisgebühr, hätte die EZB in den vergangenen vier Jahren einmal exakt zwei Prozent erreicht und dreimal eine Inflationsrate, die drunter lag. In den vergangenen Jahren haben die sogenannten administrierten Preiserhöhungen, für die außer den Finanzministern niemand etwas kann, zwischen 0,3 und 0,7 Prozentpunkte ausgemacht.

Die administrierten Preiserhöhungen spielen in der geldpolitischen Debatte Eurolands zwar eine gewisse Rolle, aber ein bescheidende. Die EZB gibt selber Datenreihen heraus, in denen sie den Effekt versucht abzuschätzen. Aber Bibow gelangt zu dem Schluss, dass die EZB-Reihen den Effekt zum Teil massiv unterschätzen. Kein Wunder, sonst hätten die konservative Notenbank noch weniger Argumente vor Inflationsgefahren zu warnen und tendenziell Zinserhöhungen zu befürworten.

Wichtige Schlussfolgerungen:

1. Die EZB hat die Inflation perfekt im Griff, eher zu perfekt, worunter das Wachstum leidet.

2. Die EZB muss den administrierten Preiserhöhungen/senkungen stärkere Beachtung schenken. Sonst droht sie, die wahre Inflation ständig zu unterschätzen/überschätzen. Aber nur auf die unterliegende Dynamik kommt es an, die am besten über die Lohnerhöhungen abzugreifen ist. Solange die Lohnentwicklung so schwach ist, kann die EZB ruhig eine auf den ersten Blick laxere Geldpolitik betreiben.

3. Die Gefahr einer Deflation ist umso höher, je größer die Effekte aus administrierten Preiserhöhungen sind und je sturer die EZB auf die Headline-Inflation starrt.

4. Wenn Deutschland im nächsten Jahr tatsächlich die Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte nach oben setzt, ergibt das einen Tax-Push für Euroland um rund 0,5 Prozentpunkte. der bei voller Weitergabe durch den Einzelhandel auch die Inflation um den selben Satz nach oben treiben könnte. Ein gefundenes Fressen für die Falken im Rat, die Zinsen stärker zu erhöhen als nötig.

5. Das Grandiose und für Uneingeweihte Erschreckende an Bibow’s Studie: Die Euroländer erhöhten genau in dem Moment die administrierten Preisen, in dem es mit der Konjunktur bergab ging. Denn die Finanzminister fürchteten das dämliche Maastrichtziel von drei Prozent Neuverschuldung nicht einhalten zu können. Deshalb ging die Inflationsrate im Abschwung nicht zurück und lieferte all jenen Munition, die am liebsten überall Strukturprobleme diagnostizieren. Denn kundige Ökonomen vermuten zurecht, dass die Inflation im Abschwung, in der Rezession, wenn die Kapazitäten unterausgelastet sind, sinken muss. Tut sie es nicht, dann liegen Verkrustungen vor. Ohne die Bereinigung der Inflationsrate um administrierte Preise könnte man kurzschlussfolgern: In Euroland ist alles verkrustet. Her mit flexibleren Arbeitsmärkten. Doch wie die Grafiken zeigen, ist an diesen Folgerungen alles falsch. Ja, es kommt noch schlimmer: Weder waren die Deregulierungen die richtige Antwort auf die nicht vorhandenen Verkrustungen, noch war die Geldpolitik angemessen locker, um der wahren Preisdynamik gerecht zu werden. Wundert es einen, dass Euroland so schwach wächst?

Hier die drei wichtigsten Grafiken, die Jörg Bibow HERDENTRIEB dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt hat.

Budgetsaldo und Tax-Push-Beitrag

Die Grafik zeigt den zuletzt beschriebenen Zusammenhang: Im falschen Moment das falsche getan. Warum wurden im Abschwung die indirekten Steuern erhöht, die den sowieso schwachen Konsum bremsen? Wie eine besser koordinierte Geld- und Fiskalpolitik in Euroland aussehen könnte, habe ich im letzten Blogeintrag (Ho, ho, ho Barroso) versucht darzulegen.

Tax Push und Inflation

Diese Grafik müsste die EZB lieben. Sie zeigt, dass das sehr strikte Inflationsziel fast jedes Jahr erreicht worden ist, wenn man die administrierten Preiserhöhungen herausrechnet.

Inflationsentwicklung

Diese Grafik zeigt die wahre Inflationsentwicklung in Euroland. Zum einen sind die Verbraucherpreise, der HVPI abgebildet, zum anderen die Kernrate, die um die administrierten Preissteigerungen bereinigt worden ist. Die Kernrate ist in Amerika das bevorzugte Inflationsmaß. Sie errechnet sich in dieser Grafik aus den Verbraucherpreisen abzüglich der Preisentwicklung bei Öl und Nahrungsmitteln (OECD-Definition). Beide Güter schwanken so stark, dass es allgemein als richtig gilt, nicht mit der Zinspolitik auf einen Anstieg von Ölpreisen oder Gemüse zu reagieren, solange sich die höheren oder niedrigeren Preise dort nicht in die übrigen Preise fortpflanzen. Bibow nennt seine Kreninflationsrate: marktbestimmte Kerninflation. Diese wahre Inflationsrate zeigt sehr schön, dass unsere Wirtschaft viel flexibler ist, als allgemein vermutet.

47 Kommentare

  1.   Heinrich Kaspar

    Auf so einen Kommentar habe ich nachgerade gewartet. Herdentrieb’s Einschaetzung stellt und faellt mit der Unterstellung, eine um-was-auch-immer „bereinigte“ Inflationsrate sei ein besseres Mass fuer Inflationsdruck als die Inflationsrate selbst.

    Allein ein Blick auf die letzte Graphik des Herdentrieb-Artikels sollte Zweifel anmelden. Mitte 1999 begann Headline-Inflation scharf anzusteigen. Damals wie heute behaupteten einige Kommentatoren, die Kerninflation bleibe ja unveraendert niedrig, deshalb sei kein „wirklicher“ Preisdruck auszumachen. Bald wuerde die Inflationsrate auf die Kernteuerungsrate zurueckfallen (und damals wie heute wurde die EZB der Verblendung bezichtigt, als sie die Zinsen anhob).

    Mit 12-18 Monaten Verpaetung passte sich dann aber – die Kerninflationsrate an die Headline-Inflationsrate an, nicht etwa umgekehrt. Die Headline-Inflationsrate erwies sich als zuverlaessigerer Indikator fuer Preisdruck als die Kerninflationsrate.

    Fazit: auch Preisdruck der vom oeffentlichen Sektor oder von steigenden Energiepreisen ausgeht ist Preisdruck. Ist die notwendige Liquiditaet vorhanden, wird dieser Preisdruck ueberwaelzt in das allgemeine Preisniveau. Will die Zentralbank das verhindern – etwa weil sie ein Inflationsziel verfolgt – muss sie gegensteuern.

    Man kann natuerlich aus dem Konsumtenpreisnidex alles moegliche herausrechnen, bis man das Ergebnis bekommt das man sich wuenscht. Wer fuer einen schaerferen Kurs der EZB ist koennte z.B. die Preisentwicklung der Mikroelektronik herausrechnen (welche stark deflationaer ist aufgrund von Produktivitaetsfortschritt). Abrakadabra, ploetzlich steht die „bereinigte“ Teuerungsrate bei 4 Prozent und mehr. Dies besagt dann aber leider nicht mehr und nicht weniger, als dass das Preisniveau ohne Mikroelektronik um 4 Prozent steigt – es sagt nichts ueber die Veraenderung des Preisniveaus selbst.

    Nicht anders verhaelt es sich bei den Bibowschen Inflationsmassen.

    Gruss
    HK

    PS: all das erklaert die EZB uebringes ausfuehrlich in ihrem Monatsbericht von November oder Dezember – ist das Herdentrieb entgangen?

    PPS: meine hier…
    http://blog.zeit.de/herdentrieb/?p=35#comments
    … vorgebrachte Frage bleibt natuerlich unveraendert bestehen: woran genau macht Herdentrieb die Behauptung einer restriktiven EZB-Politik fest? Geldmengenwachstum, Kreditwachstum, das Differential zwischen Taylor-Zins und Zentralbankzins, Realzinsen, das GESAMTE geldpolitische Analyseinstrumentarium deutet auf eine stark expansive Geldpolitik. Wieso sollen wir all das ignorieren und stattdessen das Gegenteil dessen behaupten, was wir sehen?

  2.   Otto N

    Sehr schöne Analyse, Herr Kasper! Ich bin nur Laie, aber sie bringen eine langgehegte Vermutung auf den Punkt: Die Inflationsrate ist ein Spielzeug für Wirtschaftswissenschaftler und Zentralbanker. Sie hat nichts mit der Lebenserfahrung zu tun und wird auch von einem Großteil der Bevölkerung als irreal empfunden. Um im Beispiel zu bleiben: Wie viel Mikroelektronik muss ich denn jeden Monat kaufen, um meine „persönliche“ Inflationsrate unter 2% zu drücken?!? Die gefühlte Inflation wird v.a. durch die Preise für Energie, Verwaltungsakte/öffentliche Dienstleistungen (vom Müll bis zum Pass/Personalausweis) bestimmt, und diese Inflation hat mit 2% überhaupt nichts zu tun, ehr mit 5-8% … Von Dienstleistungen (Autowäsche, Handwerker, Gastronomie etc.) ganz zu schweigen. Den Preisdruck für Energie und Müll/Abwasser oder Verwaltungsakte z.B. kann ein Haushalt nur ganz schwer durch Produktivitätssteigerung ausgleichen…

    Ist die Zentralbank für die Wirtschaftswissenschaften oder für die europäische Bevölkerung da? Da wackelt doch wiedermal der Schwanz mit dem Hund…


  3. der warenkorb für die inflationsentwicklung ist so unrealistisch, dass die zwangsläufig eher zu niedrig angesetzt ist.

    die argumentation der zahlen hilft nur für kurzfristige marktschwankungen. langfristig setzt sich die realität durch. der größte aller gags ist die kerninflationsrate.

    statistisch ist das alles schön. den bürger juckt das aber nicht, wenn er geld ausgeben soll, dass die preise ja eigentlich viel niedriger steigen müssten. ;o)

  4.   Otto N

    @wiwe_CH Bestätigt das meinen Eindruck, dass die Inflationsrate nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat? Ich denke schon. Wie soll ich (als EZB, Finanzminister etc.) auf die Wirklichkeit reagieren, wenn meine Maßzahlen nichts mit der Wiklichkeit zu tun haben? Wo ist da die Wissenschaft, mal aus der Sicht des dummen Naturwissenschaftlers gefragt?


  5. aus meiner sicht ja.

    zum thema inflation fällt mir eigentlich immer nur ein, dass kollektive intelligenz zwar nicht funktioniert, aber kollektive wahrnehmung immer recht nah an der realität ist (schätzen sie das gewicht des bullen. ergebnis: schätzwert 1g unter dem realen gewicht).

    und warum sollte das bei der gefühlten inflation anders sein?

    http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm2005/p4040530.htm

  6.   Otto N

    @wiwe_CH: Sehr interessanter Link, dann lag ich mit meinen „gefühlten“ 5-8% gar nicht so falsch. Die EZB steuert als mit verbundenen Ohren nach dem Fahrgeräusch des Tanker „Euro“, wenn es knirscht, langsam einbremsen. Sehr beruhigend…

  7.   wienhof

    @Robert von Heusinger

    Ihr Artikel endet als Resüme mit:
    „Diese wahre Inflationsrate zeigt sehr schön, dass unsere Wirtschaft viel flexibler ist, als allgemein vermutet.“

    Wie haben Sie die „allgemeine Vermutung über die Flexibilität der Wirtschaft“ denn gemessen?

  8.   Robert von Heusinger

    @wienhof

    Wenn Sie sich die letzte Grafik anschauen, dann sehen Sie, dass die unterliegende Inflationsdynamik abgenommen hat. Und da nun mal vor allem die Entwicklung bei den Löhnen die wahre Infaltion bestimmt, spricht der Rückgang für geringere Lohnzuwächse. Geringere Lohnzuwächse kann es aber nur bei einem halbwegs flexiblen Arbeitsmarkt geben. In Deutschland sind die Löhne letztes Jahr sogar gefallen. Einen Fall, den es in keinem Standardlehrbuch zur Makroökonomie gibt. Dort wird allgemein vorrausgesetzt, dass die Nominalläöhne rigide sind, selbst in flexiblen Volkswirtschaften.
    Woran messen Sie denn Flexibilität?
    Grüße

  9.   wienhof

    @Robert von Heusinger

    Ihre Argumente kann ich nachvollziehen. Heißt das in der Konsequenz, dass die Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften seit etwa 2002 volkswirtschaftlich sinnvoll war?

  10.   Robert von Heusinger

    @wienhoff

    Ja. Was unsinnig war, war der Reformeifer der Regierung, der zu Lasten der einkommensschwachen Schichten ging, genauso wie das Sparen in der Rezession.