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Nachtrag zu Bini Smaghi, höheren Löhnen und Kerninflation

 

In der neuen ZEIT gibt es ein sehr interessantes Interview mit Lorenzo Bini Smaghi, dem Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB). Ich halte den italienischen Volkswirt, der sich seine Sporen in Chicago verdient hat, für den spannendsten und flexibelsten im Direktorium der EZB. Auf zwei Passagen möchte ich hinweisen, die die auf HERDENTRIEB heiß geführten Debatten um „Lohnstückkosten via Abwertungswettlauf“ und „Keine Inflation, nirgends“ befruchten könnten.

ZEIT: Wie werden sich die zunehmenden Ungleichgewichte innerhalb Eurolandes, besonders beim Vergleich Deutschlands mit Italien, abbauen?
Bini Smaghi: Deutschland ist durch einen Anpassungsprozess gegangen, der seine Wettbewerbsfähigkeit kräftig verbessert hat. Das ging über Entlassungen, moderate Lohnabschlüsse, höhere Produktivität und längere Arbeitszeiten. Deutschland hat seinen Anteil an den Ausfuhren innerhalb Eurolands deutlich gesteigert. In Italien ist genau das Gegenteil passiert. Die Löhne sind zu schnell gestiegen, Italien hat an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Dafür war der private Verbrauch relativ stark, in Deutschland dagegen ist er niedriger. Deshalb muss nun in Deutschland der Konsum wieder anziehen. In Italien muss die Wettbewerbsfähigkeit über geringes Lohnwachstum wiederhergestellt werden.
ZEIT: Hat Deutschland zu viel Lohnzurückhaltung geübt?
Bini Smaghi: Deutschland kann nicht unendlich allein aufgrund seiner Exporte wachsen. Irgendwann muss der private Verbrauch anziehen.
ZEIT: Also müssen die Löhne in Deutschland steigen?
Bini Smaghi: Sie sollten jedenfalls im Einklang mit dem Produktivitätszuwachs steigen. Sehr wichtig ist, dass der deutsche Arbeitsmarkt besser funktioniert und es mehr Beschäftigung gibt.

Dem ist aus meiner Sicht nichts hinzuzufügen. Es ist die makroökonomisch richtige Antwort auf den notwendigen Anpassungsprozess. Wenn Deutschland weiter Lohnzurückhaltung betreibt, müssen Italiener, Spanier und Griechen demnächst mit sinkenden Löhnen ihre Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellen. Interessant auch, wie sehr die FAZ in Unkenntnis der makroökonomischen Zusammenhänge in Reaktion auf Bini Smaghis Äußerungen geschäumt hat.

Unter der Überschrift „Bini Smaghis Fehltritte“ kommentiert Kollege Patrick Welter: „… Nun aber lässt er Zweifel an seinen an seinen ökonomischen Qualitäten aufkommen und an seiner Befähigung, möglicherweise EZB-Chefvolkswirt zu werden. Bini Smaghi rät den Deutschen, die Löhne im Einklang mit dem Produktivitätswachstum zu steigern, damit der Konsum wieder anspränge. Offensichtlich ist ihm nicht klar, dass genau diese Lohnpolitik zu Massenarbeitslosigkeit führte und die jüngste Lohnzurückhaltung nur ein erster Schritt ist, um diese zu bekämpfen. Überraschender ist noch, dass der Italiener seinen Landsleuten gerade das Gegenteil dessen empfiehlt, was er den Deutschen rät, und zur Lohnmäßigung aufruft, um Wettbewerbsfähigkeit zu erlangen. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.“

Anscheinend weiß, oder will Welter nicht wissen, dass in einer Währungsunion die Lohnstückkosten die Funktion von Wechselkursen übernehmen, noch scheint er die aktuellen Daten zu kennen, die ganz klar für Bini Smaghis Aussagen sprechen. Hier frische Zahlen der Bundesbank zu der Entwicklung der Preislichen Wettbewerbsfähigkeit gegenüber EWU-Ländern.

Veränderung 4. Quartal 2005

 gegenüber
 4. Quartal 1998
zum langfristigen Durchschnitt seit 1975 
in Prozent in Prozent
Deutschland  -9,5 -8,7
Belgien 7,1 3,5
Frankreich -5,2 -6,3
Griechenland 8,7 16,06
Italien 9,4 13,6
Holland 5,5 -1,95
Österreich 0,5 3,45
Portugal 3,6 13,09
Spanien 13,7 13,17

Anmerkung: Ein negatives Vorzeichen bedeutet eine Verbesserung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit, bzw. gemessen am langfristigen Durchschnitt, eine günstige preisliche Wettbewerbsfähigkeit.

Bini Smaghis Äußerungen zur Kernrate der Inflation stützt dagegen ganz und gar nicht meine Ansicht:

DIE ZEIT: Herr Bini Smaghi, seit sechs Jahren verfehlt die Europäische Zentralbank (EZB) ihr Ziel, die Inflation in der Eurozone unter zwei Prozent zu halten. Ärgert Sie das?
Lorenzo Bini Smaghi: Nicht wirklich. Vergleichen Sie andere Länder mit der Eurozone, und Sie sehen, wie erfolgreich wir waren. In diesem Zusammenhang dürfen Sie den Anstieg des Ölpreises nicht vergessen. Er ist seit 1999 von 10 Dollar je Barrel auf über 60 Dollar geklettert. Ohne diesen Anstieg hätte die Inflation in der Eurozone im Schnitt unter zwei Prozent gelegen. Selbst Länder wie Deutschland hatten in der Vergangenheit nur selten eine Inflationsrate unter zwei Prozent. Letzten Endes ist unsere Leistung überhaupt nicht schlecht.

ZEIT: Wäre es nicht klüger, nur auf die Kernrate der Inflation zu schauen, also die schwankungsanfälligen Energie- und Nahrungsmittelpreise herauszurechnen, so wie es die amerikanische Notenbank Fed macht?
Bini Smaghi: Es geht hier doch um den möglichen Verlust von Kaufkraft der Verbraucher. Die Kernrate der Inflation hilft nur dann, die Entwicklung der Verbraucherpreise vorherzusagen, wenn der Ölpreisanstieg vorübergehend ist. Das aber war in den vergangenen Jahren nicht der Fall.
ZEIT: Auch staatlich verordnete Preissteigerungen treiben die Inflation, zum Beispiel höhere Mehrwertsteuern, höhere Tabaksteuern oder die Einführung der Praxisgebühr. Wie muss eine Notenbank mit diesen Inflationstreibern umgehen?
Bini Smaghi: Das ist eine sehr wichtige Frage. Theoretisch sollte eine Notenbank solche Einmalmaßnahmen unberücksichtigt lassen. Aber in der Praxis kommt es Jahr für Jahr zu staatlich verordneten Preiserhöhungen. Im Durchschnitt der vergangenen Jahre gehen rund 0,4 Prozent des Inflationsanstieges in der Eurozone darauf zurück. Ich sehe das Risiko, dass die europäischen Finanzminister auch künftig versuchen, ihre nationalen Haushalte hauptsächlich durch höhere indirekte Steuern in Ordnung zu bringen. Dann aber mutiert eine Einmalmaßnahme zur permanenten Inflationssteuer. Das können wir nicht unberücksichtigt lassen. Sonst erhöht sich die Inflationserwartung und damit der Druck auf die EZB.
ZEIT: Allein die deutsche Mehrwertsteuererhöhung im kommenden Jahr treibt die Inflation im Euroraum um 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte. Führt das zu tendenziell höheren Zinsen der EZB?
Bini Smaghi: Unsere Aufgabe ist es, die Inflation unter und nahe zwei Prozent zu halten. Die Finanzminister erhöhen die Steuern. Warum beschneiden sie keine Ausgaben?
ZEIT: Moment! Wenn die EZB wegen der deutschen Mehrwertsteuererhöhung die Zinsen erhöht, verlangsamt sich auch das Wachstum. Dann fallen die Steuereinnahmen geringer aus, und die nächste Mehrwertsteuererhöhung steht auf der Tagesordnung. Die EZB riskiert einen gefährlichen Teufelskreis.

Bini Smaghi: Noch sind wir nicht in diesem Teufelskreis. Ich hoffe ganz einfach, dass die Finanzminister vernünftig handeln, ihre Haushalte nicht länger durch höhere indirekte Steuern ausgleichen wollen und des Weiteren strukturelle Änderungen in ihren Haushalten vornehmen, um das Verbrauchervertrauen zu verbessern.

Diese Einstellung halte ich aber für problematisch. Auf der einen Seite hören die Finanzminister von den Allokationstheoretikern unablässig, dass indirekte Steuern das non plus ultra seien. Auf der anderen Seite kämpft die EZB mit höheren Zinsen gegen die Inflationseffekte dieser Steuern an. Das schwächt das Wachstum unnötig und hält die Arbeitslosigkeit hoch.

Und noch was: Die Kommentatoren von „Keine Inflation, nirgends“ scheinen sich einig zu sein, dass das Konzept der Kernrate nichts taugt. Hier zwei namhafte US-Wissenschaftler, Alan Blinder und Ricardo Reis aus Princeton zum selben Thema. Unter dem Kapitel „Core inflation and the reaction to oil shocks“ schreiben sie:

„Another Greenspan innovation, which is rarely mentioned but is like to prove durable, is the way he has focused both the fed and the financial markets on core, rather than headline, inflation. This aspect of the Federal Reserve monetary policy contrasts sharply with the concentration on headline inflation at the ECB and to the stated inflation targets of most other central banks, which are rarely core rates. And it is not an inconsequential detail. In the US today an oil shock is viewed as a “blip” to the inflation process that does not affect long term inflationary expectations and should mostly be ignored by the Fed because it will fade away of its ow naccord. This is not the way in Europe.“

Dann evaluieren die beiden, ob die Kernrate eine bessere Vorhersagbarkeit für künftige Headline (Verbraucherpreise) liefert, oder die aktuellen Verbraucherpreise die künftigen treffsicherer vorhersagen. Sie schlussfolgern nach einem statistischen Test: „Indeed, once you take core inflation into account, adding headline inflation has at best no effect on forecasting performance, and at most horizonts makes forecasts worse.“ Also: ein klarer Punktsieg für die Kernrate.
Kann es sein, dass Amerikas Wirtschaft auch deshalb in puncto Wachstum und Arbeitslosigkeit in den vergangenen Jahren so viel besser abgeschnitten hat, weil drüben die Geldpolitik einfach klüger gemacht wird?

24 Kommentare

  1.   Otto N

    „… Sie schlussfolgern nach einem statistischen Test:…“

    Ich bin kein Ökonom, aber das Statistik dazu da ist, die eigenen Vorurteile zu beweisen (durch „geeignete“ Auswahl von Rohdaten und Methoden), das weiss ich wohl.


  2. Von einem muss ich den Heusinger noch abbringen (ansonsten scheinen unsere Ansichten ja in wichtigen Punkten zu konvergieren): dass kompetitive Abwertungen notwendig was Schlimmes seien. Wir sind geneigt dies zu denken, weil wir an der Uni in Aussenwirtschaftslehre 1 mal was von „Beggar-thy-Neighbor“ policies gehört haben und deren angeblich verheerenden Auswirkungen während der Weltwirtschaftskrise.

    Aber dies ist eine lang veraltete Weisheit (wenn es denn jemals eine war). Es ist zwar richtig dass kompetitive Abwertungen bei VOLLBESCHAEFTIGUNG nutzlos sind, und sogar schädlich wenn sie Strafzoelle und andere Vergeltungsaktionen provozieren (wie von eclair in einem anderen Thread ausgeführt). Dies stimmt aber NICHT bei Arbeitslosigkeit—weder während der Weltwirtschaftskrise noch heute.

    Während der Weltwirtschaftskrise steckte die Welt in der Liquiditätsfalle. Herkömmliche Geldpolitik war machtlos, expansive Fiskalpolitik linderte die Symptome aber kurierte nicht die Ursachen. Der Ausstieg aus dem Goldstandard (=Abwertung) verbilligte die Währungen relativ zu Gold und anderen Gütern. Dies führte den Volkswirtschaften Liquidität zu und schuf so die Voraussetzungen für die Überwindung der Weltwirtschaftskrise. Auf der Strecke blieben nur jene Volkswirtschaften, welche sich an den Abwertungen nicht beteiligten—hätten sie sich daran beteiligt hätten auch sie profitiert.

    Dies ist das zentrale Ergebnis in Barry Eichengreens and Jeffrey Sachs berühmten Artikel von 1985 „Exchange Rates and Economic Recovery in the 1930s” http://www.j-bradford-delong.net/…/eichengreen_and_sachs.html – beides übrigens Ökonomen mit einwandfreien keynesianischen „Credentials“—der die gängige Einschätzung der Abwertungen der 1930er fundamental verändert hat (Eichengreen hat das Argument in seinem Buch „Golden Fetters“ noch ausgeweitet und verstärkt).

    Ähnlich verhält es sich mit kompetitiven Lohnsenkungen. Heusinger schreibt ja selbst, dass bei festen Wechselkursen Lohnpolitik die Rolle von Wechselkurspolitik übernimmt. Eben. In Analogie sind bei Arbeitslosigkeit weitere Abwertungen dann nicht nur nicht schädlich sondern geboten. Natürlich würden Lohnsenkungen hier die Löhne in Italien unter Druck setzten—aber Italien hat ebenfalls Massenarbeitslosigkeit, d.h. dies ist exakt was Italien braucht. Gesamtwirtschaftliche Nachfrage ginge dabei übrigens kein Cent verloren, im Gegenteil. Schließlich wird bei Abbau von Arbeitslosigkeit brachliegende Kapazität wieder in Betrieb genommen. D.h., Lohnsenkungen STEIGERN die Produktion und damit das Einkommen. Und zwar europaweit, wenn der Lohnsenkungswettbewerb sich durchsetzt.

    Ich habe übrigens nicht den Eindruck, dass Patrick Welter hier “Unkenntnis der makroökonomischen Zusammenhänge“ demonstriert. Wie auch er halte ich es für glatten Irrsinn, angesichts von 5 Millionen offenen und 3 Millionen verdeckten Arbeitslosen bereits „Sieg“ zu rufen, nur weil die Konjunktur wieder anspringt. Die Rückkehr zu normaler Konjunktur zeigt ja nur, dass das Lohnkostenniveau DER BEREITS BESCHAEFTIGTEN wieder wettbewerbsfähig ist, nicht jedoch das der 8 Millionen Unbeschäftigten. Wollen wir irgendeine Chance haben, diese wieder in den Arbeitmarkt zu integrieren, müssen die Lohnkosten im Niedriglohnbereich weiter runter. D.h. die Löhne müssen dort LANGSAMER wachsen als der Produktivitaetsfortschritt. Wenn europäischer Lohnkostenwettbewerb dabei helfen kann, umso besser.

    Was mich zu einem generellen Punkt bringt: wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass niedrigqualifizierte Arbeit in Zeiten der Globalisierung unter pernamentem Lohndruck steht. Deswegen sehe ich—im Gegensatz zur ZEIT—im Kombilohn keinen „Kombihohn“, sondern halte es für DAS Gebot der Stunde das Sozialsystem so umzustrukturieren, dass es Beschäftigung subventioniert und nicht Arbeitslosigkeit (dass dies einfach sei hat keiner behauptet).

    Die Alternativvorstellungen Herdentriebs zur Reduzierung der Arbeitslosigkeit würden mich interessieren.

    Noch ein paar Anmerkungen zur Kerninflation:

    • Wie Smaghi betont kommt es darauf an, ob ein Preisschock temporär oder dauerhaft ist. Um einen temporären Preisschock muss sich die Zentralbank nicht viel kümmern, sofern die Inflationserwartungen unter Kontrolle sind. Der gegenwärtige Energiepreisschock dauert aber schon seit 3 Jahren an—d.h. von „temporär“ kann schon lang keine Rede sein. Selbst die Oelschocks der 70er/frühen 80er, welche Inflation und Inflationserwartungen völlig aus der Bahn warfen, dauerten nur 12-18 Monate. Die Ursache ist vermutlich, dass die Welt an die Kapazitaetsgrenze gestoßen ist–d.h. der Schock ist nachfrageseitig, nicht angebotseitig wie in den 70ern/80ern.

    • Die gleichen Kriterien gelten für administrierte Preissteigerungen. Macht eine Regierung sowas einmal, kann es die Zentralbank es ignorieren. Macht sie es aber jedes Jahr, dann geht vom öffentlichen Sektor permanenter Preisdruck aus, und auf den MUSS die Zentralbank reagieren. Diesen permanenten Preisdruck herauszurechnen und zu zeigen, dass die Inflationsrate jahrelang niedriger gewesen wäre wenn die Regierungen die indirekten Steuern nicht angehoben hätten ist eine ebenso nutz- wie sinnlose Übung.

    • Zu Blinder/Reis: deren Sample deckt die Periode von Oktober 1987 bis März 2005 (Greenspans Amtszeit). D.h. KEIN EINZIGER permanenter Ölpreisschock ist abgedeckt, sondern NUR temporäre Dips (was den gegenwärtigen Schock angeht ist es zu früh, bereits Schlussfolgerungen zu ziehen). Kein Wunder dass die Autoren finden, dass für diese Periode gegenwärtige Core Inflation künftige Headline Inflation besser voraussagt als gegenwärtige Headline Inflation. Nichts anderes hätte ich erwartet. Aber jede Wette, dass bei einem bereits 1970 beginnenden Sample das Ergebnis anders ausfallen würde—wie Greenspans Vorgänger Paul Volcker auch ohne Regression bestätigen würde. In anderen Worten: Blinders und Reis’ Studie liefert kein Material, um Smaghi zu attackieren.

    Ganz generell passt mir aber „die ganze Richtung“ nicht. Dieses Starren ausschließlich auf die Konsumgüter-Inflationsvorhersage macht mir Angst, denn es lässt genau das außer Betracht, was Herdentrieb (zu Recht) so betont: Kredit und Asset-Preise. Ursache aller großen Krisen des Kapitalismus—vom Gründerkrach über die Weltwirtschaftskrise bis zur Japan-Depression der 1990er—war Asset Price Inflation, bzw. das Auftürmen riesiger Schuldenberge welche sie provozierte. Genau dies beobachten wir jetzt wieder, in den USA, in Großbritannien, in Australien, usw. usf..—alles Länder, deren Zentralbanken mehr oder weniger offen Inflation Targeting betreiben (die Fed demnächst ebenfalls offen). Herdentriebs Begeisterung für die Fed erscheint mir in dem Zusammenhang ziemlich inkonsistent. Man muss die Bedeutung von Geld und Kredit ignorieren, um sich für Greenspan begeistern zu können.

    Der Ansatz der EZB ist mir da 10mal lieber. Mit der Betrachtung breiter Geldmengenaggregate behält die EZB zumindest ein Auge auf der Schuldenentwicklung. In den Worten Herdentriebs macht mich das wohl zum altmodischen „Monetarismus-Gedusler“, aber damit kann ich gut leben. Mag sein dass bei Monetarismus-Geduslern mancher Aufschwung etwas weniger spektakulär ausfällt–aber die Krisenanfälligkeit bleibt mit Sicherheit geringer. Ich prophezeie dass wir eines Tages, nämlich wenn die Haus- und Bondpreisblasen rund um den Globus geplatzt sind, Issing und co. noch sehr dankbar sein werden.

    Grüsse, HK

  3.   Die Fragen

    Jetzt muss ich mich an dieser Stelle mal in die Diskussion einschalten, da ich Herrn Kaspar (mal wieder) nur zustimmen kann! Der Kombilohn, auch wenn man über seine konkrete Ausgestaltung streiten kann, ist DAS Zukunftsinstrument, um mit der Globalisierung klarzukommen. Und Mitnahmeeffekte sind erwünscht, denn es geht darum, den Lohn zu senken um mehr Menschen die Möglichkeit einzuräumen, zu arbeiten und ihnen gleichzeitig ein würdiges Auskommen zu sichern.

    Wer meint, für gute Arbeit müsse man auch einen Lohn bekommen, der einem dieses Auskommen ermöglicht, hat schlicht keine Ahnung von der Realität. Und an dieser Stelle kann ich nur auf PISA verweisen: Wenn ein Viertel (!) der Deutschen mit 15 Jarhen nicht vernünftig Rechnen, Lesen und Schreiben kann, ist es utopisch zu glauben, es würde sich auch nur ein Arbeitgeber in Deutschland finden, der bereit ist, das zehnfache eines Lohns in einem Entwicklungsland zu zahlen.

    Mein Vorschlag ist da sehr radikal:

    – Jedem Menschen (!) 500 Euro pro Monat zahlen, dafür jedes Einkommen ab dem ersten Euro besteuern (ein Freibetrag ergibt sich dann in Kombination mit den 500 Euro).

    – Dafür Sozialhilfe, Arbeitslosenhilfe, Agentur für Arbeit (komplett, auch die lokalen Arbeitsämter), Sozialämter, Kindergeld, alle Freibeträge (Kinder-, Sparer- und auch Arbeitnehmerpauschbetrag und wie sie alle heißten) und ähnliches abschaffen. Abschaffen!

    – Wer nicht arbeiten will, kann ja von den 500 Euro leben, die bekommt jeder, egal ob er bedürftig ist oder nicht. Aber die Anreize zu arbeiten sind so hoch genug.

    – Rentenversicherung, was nichts anderes ist als ein Umverteilungssystem, langfristig ebenfalls abschaffen, für eine Grundrente ist ja gesorgt. Einfach Renten nie mehr erhöhen, dann sinken sie, bis alle auf 500 Euro gelangt sind.

    – Krankenversicherung, ob nun Bürgerversicherung (was nichts anderes heißt als höhere Steuer) oder Kopfpauschale (was nichts anderes heißt als gerineren Grundbetrag) ist logischerweise völlig egal – wie es im Übrigen auch heute völlig egal ist.

    Das wird natürlich großen Druck auf die Löhne im unteren Bereich ausüben, aber das ist gewollt, da NUR so die Arbeitslosigkeit gesenkt werden kann – oder ist Herdentrieb tatsächlich der Meinung, 8 Mio Arbeitslose seien durch eine besser Konjunktur wieder in Arbeit zu bringen???

    Mich würde Ihre Meinung sehr interessieren. Insbesondere Ihre, Herr Kaspar.

    Beste Grüße

  4.   Robert von Heusinger

    @ Heinrich Kaspar

    Schön, dass Kaspar meint, wir konvergieren! Nur einen Gedanken zum letzten Punkt, dass wir Issing & Co noch eines Tages dankbar sein werden, wenn weltweit die Immobileinmärkte implodieren. Wie sieht denn dann Ihr Szenario aus? Meins wie folgt: Der Dollar stürzt ab, in Euroland droht Rezession und die EZB wird nur eine Möglichkeit haben: Fluten, den Dollar stabilisieren über nicht sterilisierte Interventionen und den Leitzins auf null setzen. Der Euro wird in diesem Moment die Funktion der Leitwährung übernehmen und muss der Welt die Liquidität zur Verfügung stellen, die bislang in der Deflationsphase von 2002 bis 2004 Alan der Große dem Rest der Welt zur Verfügung gestellt hat.
    Da wäre es im Vornhinein besser gewesen, Euroland hätte sich an der Bekämpfung der Deflation ansehnlich beteiligt, auf den Stabi-Pakt gepfiffen und hier ein Wachstum erzeugt, was die Ungleichgewichte nicht ganz so schrecklich hätte werden lassen.
    Die Moral von der Geschicht: Im Kapitalismus mit mehreren Währungen gibt es keine Abkoppelung von der Politik des Leitwährungslandes.

    Grüße

  5.   Globalisierer

    Ich denke Herr Heusinger hat völlig Recht. Die generelle Lohnzurückhaltung in Deutschland ist weit genug gegangen. Wir haben nun einen Überschuss in der Handelsbilanz von 7% unseres BIP. Warum wollen wir weiter für den Konsum der anderen produzieren? Und die Gewinnquoten erreichen schon jetzt fast neue Allzeit-Hochs. Wo soll das hinführen? Unser Arbeitslosigkeitsproblem müssen wir an seinen Wurzeln anpacken und nicht auf andere abladen.

    Nicht verstanden habe ich die Idee von Heinrich Kaspar, dass der generelle Lohnkostenwettbewerb dabei helfen soll unsere Arbeitslosigkeit nachhaltig zu senken. Was wir brauchen ist mehr Lohndifferenzierung. 50% der Arbeitslosen in Westdeutschland haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Aus der Außenhandelstheorie wissen wir alle, dass bei uns in Deutschland der relativ knappe Faktor (niedrig qualifizierte Arbeit) relativ billiger werden sollte wenn wir mehr mit Osteuropa und China handeln. Da dies lange Jahre in großen Koalitionen verhindert wurde haben wir nun so eine hohe Arbeitslosigkeit. Aber warum auch Journalisten, Ingenieure und Wissenschaftler in Deutschland deshalb weniger verdienen sollen (wie die Befürworter der allgemeinen Lohnsenkung ja möchten) geht mir nicht in den Kopf. Ihre relativen Preise sollten steigen! Die Preise für Akademiker sind in Deutschland zu niedrig und nicht markträumend. Viele Unternehmen suchen händeringend nach Ingenieuren und Entwicklern.

    Sinkende Marktlöhne am unteren Ende sind notwendig, genauso wie die negative Einkommensteuer – bei signifikantem Absenken der Ansprüche. Zweites Muss um die Arbeitslosigkeit zu senken ist eine bessere Ausbildung. Hier sollte auch „Die Frage“ besser differenzieren. Für Leute mit schlechter Ausbildung wird in Deutschland nicht das zehnfache des Lohnes in einem Entwicklungsland bezahlt. Aber für die gut ausgebildeten Menschen bezahlen viele Unternehmen gerne gute Preise, da sie offensichtlich mit ihnen in diesem Land gefragte Produkte und gute Gewinne erzielen können. Es ist beeindruckend wie die Menschen auf Anreize reagieren. Hartz IV ist kaum ein Jahr alt, da können die Abendgymnasien den Ansturm der Bewerber schon nicht mehr bewältigen. Mehr davon und wir haben wieder mehr Menschen die auf dem Markt ein höheres Einkommen erzielen können.

    Weltweite Grüße


  6. @ Globalisierer

    Pardon, aber Sie haben mich falsch verstanden. Ich bin NICHT fuer niedrigere Loehne fuer Journalisten, Ingenieure und Wissenschafler. Sondern fuer mehr Lohndifferenzierung, d.h. sinkende Marktlöhne am unteren Ende, plus die negative Einkommensteuer (=Lohnsubventioen), also genau das was Sie vorschlagen, und mit der gleiche Argumentation.

    Sinkende Marktlöhne am unteren Ende erzeugen allerdings zusaetzlichen Lohndruck im Niedriglohnbereich auch in anderen Euro-Mitgliedslaendern. Dies ist (oder so verstehe ich) Heusingers Einwand; mein Gegeneinwand ist dass an diesem Lohndruck nichts falsch ist, solange potentielle Niedriglohneverdiener massenweise arbeitlos sind.

    Um die Bruecke zur aktuellen Diskussion zu schlagen: mit Lohndifferenzierung etc. NICHT vereinbar sind across-the-board Lohnerhoehungen in der Metall- und Elektrobranche von 5 Prozent, wie von der IG Metall und ihren Hausoekonomen gefordert. Und auch nicht Lohnsteigerungen in Hoehe des Produktivitaetszuwaches in allen Branchen.

    Alles was dies erzeugt sind noch mehr Langzeitarbeitslose.

    Gruesse, HK


  7. @ Robert Heusinger

    >> Schön, dass Kaspar meint, wir konvergieren! >>

    In einigen wichtigen Punkten. Andere Punkte, die wir weiterhin unterschiedlich zu sehen scheinen, habe ich in meinem gerade wiederbelebten Blog zusammengefasst: http://www.kolumne.blogspot.com

    >>Wie sieht denn dann Ihr Szenario aus? Meins wie folgt: Der Dollar stürzt ab, in Euroland droht Rezession und die EZB wird nur eine Möglichkeit haben: Fluten, den Dollar stabilisieren über nicht sterilisierte Interventionen und den Leitzins auf null setzen. >>

    Es kann schon sein dass die EZB so wird handeln muessen, wenn rings um sie herum die Volkswirtschaften in Schulden ertrinken. Was mir nicht einleuchtet ist die Schlussfolgerung:

    >> Da wäre es im Vornhinein besser gewesen, Euroland hätte sich an der Bekämpfung der Deflation ansehnlich beteiligt, auf den Stabi-Pakt gepfiffen und hier ein Wachstum erzeugt, was die Ungleichgewichte nicht ganz so schrecklich hätte werden lassen.>>

    Weil die Fed und andere Zentralbanken in den vergangenen 10 Jahren (potentiell deflationaere) Schuldenberge noch und noecher gezuechtet haben, haette die EZB noch eine zuechten sollen?

    Soweit ich sehe verschaerft dies die Ungleichgewichte anstatt sie abzubauen.

    >> Die Moral von der Geschicht: Im Kapitalismus mit mehreren Währungen gibt es keine Abkoppelung von der Politik des Leitwährungslandes.>>

    Ich sehe die Moral so: eine eigene Waehrung verschafft der Zentralbank enen gewissen Freiraum, seine Geldpolitik von der des Leitwaehrungslandes abzukoppeln (ausser wenn die Passiva der Volkswirtschaft in weitgehend in der Leitwaehrung denominiert sind, aber dies ist in Europa nicht der Fall). Und diesen Freiraum soll sie soweit als moeglich nutzen, insbesondere wenn die Politik des Leitwaehrungslandes kurzsichtig und unverantwortlich ist.

    Gruesse
    HK

  8.   Jan

    Lohndifferenzierung ist sicherlich ein vernünftiges Mittel und mit dem Kombilohn lässt sich sicherlich im Niedriglohnbereich etwas machen, aber kann das alles sein?
    Ich denke, dass dieses Maßnahmen nur funktionieren können, wenn man gleichzeitig in der Bildung nachzieht. Hohe Löhne für hochqualifizierte und miese Jobs für den Rest funktionieren nur wenn der Rest die Chance hat auch durch Bildung aufzusteigen. Ich finde es immer etwas schade wenn der deutsche Yuppi sich überlegt, dass der Arbeitslose ihm, wenn er ihn schon bezahlt, doch auch für`n Euro die Stude die Schuhe putzen kann. Das zeugt eher von Arroganz und elitärem Denken.
    Niedriglohnjobs so sinnvoll sie auch sein mögen, sollten doch eher als Abschreckung dienen, damit so mancher nochmal in der Schule ranklotzt um eine Vernünftige Chance auf einen akzeptablen Job zu bekommen.
    Das wäre natürlich auch wünschenswert, den letztendlich möchte doch jeder lieber qualifizierten Service kaufen. In der Industrie sollte man allerdings überlegen, ob man die Konkurenz zu China sucht. Es stellt sich da eher die Frage, ob die Industrie als Massenarbeitgeber nicht einfach von der Zeit überholt wurde, wie schon einst die Landwirtschaft. Man könnte sich damit also auch einfach abfinden und sich auf wichtigeres konzentrieren.


  9. @ Die Fragen

    So ungefaehr sollte das dem Grundsatz nach aussehen – ohne mich auf spezifischen Zahlen festschreiben lassen zu wollen. In der Praxis liegt der Haken allerdings weniger bei Alleinstehenden – da ist es relativ einfach, sich einen anreizkompatiblen und finanzierbaren Kombilohn auszudenken – als bei Familien mit Kindern, wo die Sozialhilfe oft schon mehr zu Verfuegung stellt als ein volles Erwachseneneinkommen. Und natuerlich bei Alleinerziehenden, wo bei Arbeitsaufnahme ausserdem noch Kinderbetreuungskosten anfallen. Und dann ist in Deutschland jede Reform – vor allem jede sinnvolle – sofort verfassungswidrig wenn „Ehe und Familie“ nicht genug geschuetzt werden, d.h. solange das reichste Ehepaar nicht die gleichen Leistungen erhaelt wie der aermste Alleinerziehende.

    Aber will man dass diese Leute arbeiten dann muss man ihnen dafuer etwas geben. Leitgedanke einer jeden Kombilohnreform muss mAn sein, den effektiven Grenzsteuersatz fuer jeden potentiellen Arbeitnehmer auf hoechstens 70 Prozent zu senken – aehnlich wie bei Working Families Tax Credit in Grossbritannien.

    Ich muss aber zugeben, dass ich mich mit den Details dieser Thematik schon laengere Zeit nicht mehr befasst habe.

    Gruesse, HK

  10.   Maynard

    Zur Kombilohndebatte: Kann es nicht einfach sein, dass wir ein faktisches Mindestlohnproblem haben. Sozialhilfe bzw. ALG II ist so hoch, dass es keine Anreize gibt, niedrig bezahlte Tätigkeiten ausserhalb der Schattenwirtschaft anzunehmen. Natürlich werden solche Tätigkeiten „schwarz“ erledigt, aber offiziell bleibt man natürlich arbeitslos, damit man seine „Stütze“ nicht verliert. Selbst wenn man nicht zu einer solchen Gruppe gehört, verlängert sich die Sucharbeitslosigkeit in Abhängigkeit von der Höhe der Unterstützung. Unser Problem ist hausgemacht und da es vor allem die schlecht ausgebildeten und gering qualifzierten trifft, dürfte es ein Mindestlohnproblem sein.