So funktioniert Kapitalismus

Trichet singt Piaff’s Non, rien de rien ….

Von 2. Mai 2006 um 15:42 Uhr

… je ne regrette rien.

Wenn sich der Rat der Europäischen Zentralbank am Mittwoch und Donnerstag trifft, wird sein Präsident, der Franzose Jean-Claude Trichet, ganz schön unter Druck stehen. Er war es nämlich, der auf der vergangenen Sitzung das Gremium fast gezwungen hat, sich klar gegen eine Zinserhöhung im Mai auszusprechen. Jetzt hat er den Salat. Denn seither gab es so gut wie keine Daten, die gegen weitere Zinserhöhungen sprechen würden. Im Gegenteil: Stimmungsindikatoren, Geldmengenwachstum und Inflation überraschten am oberen Rand der Schätzungen. Nur die Arbeitslosigkeit, ein Indikator, der den Herren Notenbankern nicht als erstes einfällt, baute sich etwas langsamer ab, als erwartet.

Aber Trichet wollte im April ein Zeichen gegen die überbordende Markterwartung setzen. Ihm ging die Erwartungen der Händler und Analysten zu weit, die noch ganz viele Zinsschritte eingepreist hatten. Zudem hätten ihn „Market News“ geärgert, heißt es in Frankfurter Notenbankzirkeln. Market News ist ein kleines Team, das sich auf Nachrichten aus Notenbankerkreisen spezialisiert hat und damit Geld verdient. Irgendwo scheint Market News im Eurotower oder bei der Bundesbank eine sprudelnde Quelle zu besitzen, heißt es. Diese Quelle oder gar Quellen, die niemals zitiert werden, sind harte Burschen, die immer gerne die Zinsen erhöhen wollen. Also zitiert Market News diese Quellen und treibt damit die Erwartungen der Marktteilnehmer noch weiter nach oben. Auch Market News sollte bestraft werden.

So weit, so gut. Jetzt kann Trichet nur hoffen, dass ihm seine Kollegen nicht allzu sehr aufs Korn nehmen. Denn die zwölf nationalen Notenbanker, wie der Deutsche Axel Weber, der Österreicher Klaus Liebscher, oder der Franzose Christian Noyer, sind alles kleine Götter, die sich sehr ungern von Trichet etwas vorschreiben lassen. Trichet kann nun entweder Piaff summen und die Prügel einstecken, oder eine Vorwärtsstrategie entwickeln. Sie sähe wie folgt aus: Die EZB hört endlich auf, überall „up-side“-risks zu identifizieren sondern schlägt moderatere Töne an und nimmt das ganze Bild in den Blick. Sie verweist darauf, dass sich die Finanzierungsbedingungen seit der ersten Zinserhöhung im Dezember bereist deutlich eingetrübt haben. So sind zum einen die langfristigen Zinsen um mehr als einen halben Prozentpunkt gestiegen und liegen jetzt bei 4 Prozent. Der Dollar hat sich gerade in den jüngsten Tagen erheblich abgeschwächt und notiert jetzt bei rund 1,27 Dollar je Euro. All das wirkt bremsend auf die Konjunktur, hinzu kommt der Ölpreis, der auf Rekordniveau notiert. Rasche Zinserhöhungen der EZB braucht Euroland nicht. Es reicht, wenn es gemächlich geht mit einem kleinen Zinsschritt alle paar Monate. Wenn Trichet dieser Sprung gelänge, dann zöge ich meinen Hut. Dann könnte sich die EZB allmählich von ihrem Fluch des „too little, too late“ und im Aufschwung „too much, too early“ lossagen. Dann endlich würde auch die EZB eine moderne Notenbank, mon dieu!

Meine Einschätzungen zu den Marktspekulationen, die mit einer kleinen Wahrscheinlichkeit dennoch auf einen Zinsschritt im Mai setzen, bzw. auf einen großen, um 50 Stellen im Juni: beides ist unwahrswcheinlich. Ich glaube, die EZB erhöht im Juni um 25 Stellen, auf dann 2,75 Prozent. Und das nächste mal nach der Sommerpause, wenn dann das konjunkturelle Umfeld immer noch so rosig ist, und der Dollar noch nicht bei 1,40 Dolla je Euro steht.

Leser-Kommentare
  1. 9.

    @ Sebastian

    OK, wenn wir von Hyperinflation sprechen ist das so richtig (und mit "Privaten" meinte ich private Banken).

    In M3 sind ein paar verzinsliche Titel drin, aber sehr viel mehr verzinsliche Titel sind ausserhalb von M3. Eine Zinserhoehung verschiebt die Nachfrage deshalb wahrscheinlich eher weg von M3 – sofern sie die Verzinsung dieser anderen Titel beeinflusst. Letztere ist nur eine von mehreren Unsicherheiten. Deswegen hat Greune ja recht dass man sich auf M3 allein nicht verlassen kann – aber voellig ausser acht lassen sollte man sie auch nicht. Auf der Bilanzgegenseite von Geld steht schliesslich Kredit, und Kreditwachstum ist nicht ganz unwichtig fuer die reale Volkswirtschaft – eine Ansicht die Herdentrieb ja sicher teilen wird.

    Antworten

    • 3. Mai 2006 um 23:34 Uhr
    • Heinrich Kaspar
  2. 10.

    @Heinrich Kaspar,

    "Auf der Bilanzgegenseite von Geld steht schliesslich Kredit, und Kreditwachstum ist nicht ganz unwichtig fuer die reale Volkswirtschaft – eine Ansicht die Herdentrieb ja sicher teilen wird."

    Worum soll es denn sonst gehen, wenn nicht um die "reale Volkswirtschaft!".

    M3 ist sehr wohl wichtig … es hat sich hier ueberhaupt nicht auf die Wirtschaft ausgewirkt .. das wird aber noch kommen ! Wenn Sie wissen wollen wo das Ganze hingeflossen ist, dann sage ich nur: 1. Spanien, Irland und Suedfrankreich bzw. Immobilienblase 2. Carry Trade … was ist wohl jetzt mit Island .. 18 Mrd. ausstehende Staatsanleihen und toedlich hohe Zinsen begleitet von einer 20% Abwertung und das bei einem Volk welches nur so gross ist wie eine durchschnittliche deutsche Grossstadt!

    Hyperinflation faengt in den USA Stueck fuer Stueck … schauen sie sich mal den Dow an … die Gewinne aus dem operativen Bereich in den USA brechen ein … und die Kurse steigen! Immobilienpreise … 500.000 $ Durchschnittpreis fuer ein normales Haus in der Pampa! Industiepreise sind im Jahresvergleich um 46% gestiegen … Importpreise ohne Rohstoffe um 7,5% (das sind die sogenannten deflationierenden Preise!), Nahrungsmittel 6%, Metale bei 63% … und schaut euch mal die USAToday was bezueglich Energiepreise angeht … inzwischen will die Regierung 100 Dollarschecks fuers Tanken verteilen, Medicare hoch 15%, Grundsteuer hoch um ca. 30%, die Post hat dieses Jahr Briefmarkpreise zum zweiten mal erhoeht … binnen Monaten und und .. was ist das wenn nicht Inflation … ?

    Eine Hyperinflation kommt nicht von heute auf Morgen .. sowas baut sich auf … stueck fuer stueck … !

    Und Mr. Trichet macht mit … sonst knallt der Dollar .. was das Zeug haelt … aber viele halten diesen Harvard/FED Irrsinn fuer gerechtfertigt, M3 sei nicht wichtig … der hat scheinbar nicht verstanden in was fuer ein Problem wir uns hier befinden ..

    Die Kommentare und Parallelen die in den 30ern zur grossen Depression fuehrten .. sind so verblueffend .. da koennte man wirklich angst kriegen ..

    Aber sicher wird jetzt einer alles Widerlegen wollen und sagen .. das die Preise vollkommen in Ordnung sind .. schaut euch die Energiepreise an .. die Commoditypreise .. die massive Kreditexpansion .. die Staatsverschuldung an … die Zinsen koennen nicht steigen .. denn sonst steigt die Zinslast des vollkommen ueberschuldeten Landes … und die Steurerhoehungen von 3% MwSt. sind Peanuts gegen dem was noetig waere, um den Haushalt auszugleichen …

    Die Zentralbanken .. haben maechtig Angst Ihre Zinsen zu erhoehen aus Angst die Carry Trades koennten massiven Schaden anrichten .. Sie haben es schon getan .. die Zinsen muessten in Euroland wahrscheinlich bei ca. 8-10% liegen ! Was das bedeuten wuerde … brauch ich wohl nicht zu sagen …

    mfg,

    greenjg

    Antworten

    • 4. Mai 2006 um 09:38 Uhr
    • greenjg
  3. 11.

    Wo ist eigentlich ECLAIR?

    Antworten

    • 4. Mai 2006 um 10:25 Uhr
    • Die Fragen
  4. 12.

    @ greenjg

    wir leben zweifelsohne in einer Zeit ueppigster weltweiter Liquidtaetsversorgung, die bislang vor allem zu Asset- statt zu Gueterpreisinflation gefuehrt hat. Wenn das Ihre Sorge ist dann teile ich die, auch wenn ich es vielleicht ein bisschen anders nennen wuerde ("Hyperinflation" weckt bei mir andere Assoziationen – 1923, nicht 1929).

    Aber weltweit drehen die Zentrabanken jetzt den Liquiditaetshahn zu: die Fed schon seit einiger Zeit, die EZB seit Dezember, und die Bank of Japan faengt jetzt auch an (damit schliesst sich die Tuer fuer Carry-Trade). Die naechsten Jahre werden spannend – sie werden unter anderem zum Real-Time Test fuer den Einfluss der Geldpolitik.

    Mir ist naemlich noch immer nicht ganz klar wer eigentlich die Faeden in der Hand haelt: (i) die westlichen Zentrabanken, welche Liquiditaet in den Rest der Welt exportieren; oder (ii) die Zentrabanken und Regierungen Chinas, Russlands und Saudi-Arabiens, die ihre Exportueberschuesse in die Industrielaender transferieren und so die langfristigen Zinsen niedrig halten.

    ENTWEDER sind die Exportueberschuesse der Schwellenlaender eine Folge der starken Nachfrage der Industrielaender, erzeugt durch ueppige Liquditaetsversorgung – in dem Fall wird das globale Zuegelanziehen schnell Folgen zeigen.

    ODER die erste Ursache ist die merkantilistische Wechselkurs- und Kaptialexportpolitik der Schwellenlaender, und die ueppige Nachfrage der Industrielaender ist lediglich eine Folge derselben, erzeugt durch niedrige LANGfristige Zinsen – in dem Fall kann die Sache weiter gehen so lange die Schwellenlaender lieber produzieren als konsumieren.

    Im ersten Fall schafft die Nachfrage ihr Angebot, im zweiten das Angebot seine Nachfrage.

    Wie sehen Sie (und andere) das?

    Gruss, HK

    Antworten

    • 4. Mai 2006 um 14:34 Uhr
    • Heinrich Kaspar
  5. 13.

    Jetzt mal was ganz anderes, eher unpassend und rechthaberisch, muss aber sein. Von einem Journalisten, auch wenn es "nur" ein Blog ist, wuensche ich mir doch etwas gegen die Apostrophitis in diesem Land. Moechte man doch fast sagen: Herr von Heusinger, bitte lassen Sie dem Piaff sein Genitiv-"s" dran in der Ueberschrift.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Apostrophitis

    Nix fuer ungut!

    Antworten

    • 4. Mai 2006 um 20:57 Uhr
    • bananenkiste
  6. 14.

    hallo,

    hier gibt es news zu der aberwitzigen immoblase in den usa

    http://www.immobilienblasen.blogspot.com/

    gruesse,
    jmf

    Antworten

    • 11. Juli 2006 um 21:42 Uhr
    • jmf
  7. Kommentar zum Thema

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