So funktioniert Kapitalismus

Es scheppert nur

Von 25. Mai 2006 um 20:27 Uhr

Werden wir uns eines Tages an den 8. Mai 2006 erinnern? So wie wir noch immer den 10. März 2000 nicht vergessen können? Den Tag, als die heile Welt an den Finanzmärkten zerbrach, als Höchststände gefeiert worden sind, denen wir noch Jahre später nachtrauern?

Der 8. Mai gilt wahrscheinlich bei einigen Rohstoffen wie Kupfer oder Aluminium als besonderer Höhepunkt, wahrscheinlich auch bei einigen Aktien wie den deutschen Solarwerten oder russischen Rohstoffproduzenten wie Gasprom. Vielleicht auch bei den niedrigen Renditeaufschlägen für Anleihen riskanter Unternehmen. Zwar scheinen die Übertreibungen an den Finanzmärkten derzeit deutlich geringer als um die Jahrtausendwende mit der irren Technologieblase. Doch es gibt ein paar Risiken, die trotz weniger Übertreibungen als 2000 ein ähnliches Drama nach sich ziehen könnten.

Zunächst der Blick auf die vergangenen drei Wochen: Er entblößt nichts Erschreckendes. Dort, wo besonders viel heiße Luft drin war, hat es am lautesten gescheppert. Am stärksten verloren die Aktienmärkte in Russland, in der Türkei, Brasilien, Südafrika und Argentinien. Auch die deutschen Aktien hat es getroffen, galten sie doch in den vergangenen Monaten als heißer Tipp. Sie haben stärker verloren als beispielsweise die Aktien aus Schwellenländern in Asien, oder japanische Titel.

Was war der Auslöser für den Wetterumschwung, vor dem hier im Blog ja schon gewarnt worden ist (Sturmwarnung bei 6.000 Dax-Punkten )? Ich glaube man kann es ziemlich genau nachzeichnen: Der überraschend starke Inflationsanstieg in Amerika hat die globalen Makro-Hedge-Funds zum Rückzug getrieben. Ich hatte Anfang Mai mit ein paar Verwaltern von Fonds sonderbare Gespräche über globale Inflationsgefahren, die mich nun gar nicht umtrieben und auch heute noch nicht umtreiben. Aber plötzlich kam diese Inflationszahl und der Rückzug der spekulativen Gelder begann. Und dort, wo es besonders heiß zugegangen war in den vergangenen Monaten, blinkten die Minuszeichen plötzlich ziemlich dick. Die Analysten von ABN Amro erklären sich die seither bessere Entwicklung von US-Anleihen, Aktien und dem Dollar genau damit. Die meisten Makro-Hedge-Funds sitzen in Amerika und bringen die Gelder nun zurück, was paradoxerweise die Assets stützt, die doch eigentlich von den Gefahren Inflation und Dollarrückgang am meisten betroffen sein müssten.

Bis zu der Inflationszahl, ging die Herde am Kapitalmarkt davon aus, dass die amerikanische Notenbank die Zinsen bei 5 Prozent belässt. Die Wahrscheinlichkeit wurde sogar höher eingeschätzt, dass der nächste Zinsschritt nach unten denn nach oben gehen würde. Diese Wette ist unsicherer geworden.

Die Reaktion an den Märkten zeigt, dass nach wie vor das meiste Geld und die stärkste Feuerkraft in Amerika sitzt. Und diese Manager sind wie alle anderen home biased, was so viel heißt, dass sie das, was zu Hause passiert, viel höher gewichten als alles andere. Ich hatte angesichts der überraschenden Zinswende in Japan und Europa etwas früher mit dem Rückzug des spekulativen Geldes gerechnet. Jetzt ist es passiert.

Wie geht es weiter? Ich glaube, bis Oktober wird es kaum Spaß machen, an den Märkten aktiv zu sein. Das Risiko ist zurückgekehrt und damit die Unsicherheit, die Kurssprünge und raschen Tendenzwechsel. Ich glaube nicht, dass es sich um eine „gesunde Konsolidierung“ handelt, nach der es umso kräftiger nach oben geht. Die Märkte müssen sich erstmal wieder an die Sorge vor Inflation gewöhnen und die Sorge vor Deflation aus ihren Köpfen streichen. Das dauert ein paar Monate. Auch ist mir der Optimismus an den Märkten derzeit noch viel zu hoch. Nach einem richtigen Sell-off sah das noch nicht aus.

„Die Märkte erleben ein Wettrennen zwischen schwächerem Wachstum und steigenden Inflationsgefahren“, schreiben die Analysten von JP Morgan. Ersteres ist gut für Anleihen, letzteres schlecht. Ersteres ist in der Tendenz gut für riskante Titel wie Aktien, Rohstoffe und Schwellenländerfonds, letzteres katastrophal. Fällt das Wachstum jedoch zu schwach aus, dann überwiegen die Sorgen vor Überkapazitäten die günstigen Finanzierungsbedingungen und das Spiel für riskante Titel ist aus. Das Horrorszenario lautet Stagflation. Also schwaches Wachstum plus höherer Inflation. Dann bleiben nur variable verzinsliche Anleihen als letzte Rettung.

Aus meiner Sicht spricht derzeit nichts für Stagflation, auch wenig für Inflation. Ein schwächeres US-Wachstum geht in Ordnung. Nur glaube ich, dass die Herde den Einfluss Amerikas zurzeit überschätzt. Der Rest der Welt ist durchaus in der Lage ein schwächelndes Amerika zu verkraften, wenn gleich kein rezessives! Deshalb bin ich halbwegs gelassen. Aber bis wir mehr Gewissheit über die globale Makroökonomie haben, ist es Herbst. Aus dem Bauch heraus traue ich dem Dax ein Abrutschen auf 5.200 Zähler locker zu.

Wo liegt das größte Risiko?
Das habe ich im GELDSpezial beschrieben. Es ist die immer stärkere Gleichschaltung der Akteure an den Finanzmärkten. Überall wird mit ganz ähnlichen Risikomessmodellen gearbeitet, überall schreibt die Aufsicht, Stichwort Basel II, genau diese Gleichschaltung vor. Wenn aber alle gleichgeschaltet sind, kann aus einer kleinen Krise eine Katastrophe werden.

Auch für dieses Risiko ist es nicht schlecht noch ein paar Reserven zu besitzen!

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Interessanter Beitrag, der letzte Absatz laesst mich fragen: warum laesst man mit Basel II in Hinsicht auf die Auswirkungen (aus Muecke mach Elefant) der Gleichschaltung so ein starres Risikomessmodell ueberhaupt zu? Waere das nicht flexibler moeglich gewesen?

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    • 25. Mai 2006 um 21:55 Uhr
    • ASkobe
  2. 2.

    Solange die FED M3 nicht mehr veroeffentlicht, duerfte es mindestens sehr nach Inflation riechen. Da der Optimismus seinen Hoehepunkt erreicht hat, wuerde dies auch Stagflation ermoeglichen.

    Basel II ist wie jede grosse politische Entscheidung der letzten Jahre darauf bedacht, die haves zu staerken und die have-nots zu schwaechen. Als Ergebnis kommt das Gegenteil von Risikoeliminierung bzw. -diversifizierung heraus. Statt vieler kleiner Banken, wird es wenige grosse mit, wie von Ihnen gesagt, identischer Risikoueberwachung geben. Wohl bekomm’s, das bringt Volatilitaet und Korrelation, die in ebendiesen Modellen aufgrund ihrer historisch modellierten Daten, so nicht beruecksichtigt sein wird.

    Weiterhin wird Basel II auch die Wirtschaft weiter schwaechen. Fuer den Mittelstand, der Arbeitsplaetz schafft und Steuern zahlt, wird die Krediterlangung schwerer , bzw. ist es schon, transnationalen Grosskonzernen, die im Zuge der Rationalisierung immer weniger Beschaeftigte benoetigen, wird das Geld hintergeworfen…

    Basel II ist somit ein Werkzeug der Konzentration in der Geldwirtschaft und der Wirtschaft!

    Der kurzfristig entscheidendere Punkt duerfte jedoch M3 sein. Meiner Meinung nach wird die grosse amerikanische Blase durch das Laufenlassen der Notenpresse wohl bis zum naechsten Krieg, der dann alles ueberdeckt, noch gestuetzt.

    Gerne haette ich von Ihnen eine Analyse zur Formel der Berechnung des US-Wirtschaftswachstums gesehen. Boese Zungen behaupten, der Deflator ist falsch, und somit wuerde Inflation als Wachstum eingehen…

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    • 26. Mai 2006 um 10:26 Uhr
    • SSchanz
  3. 3.

    @SSchanz,

    "Gerne haette ich von Ihnen eine Analyse zur Formel der Berechnung des US-Wirtschaftswachstums gesehen. Boese Zungen behaupten, der Deflator ist falsch, und somit wuerde Inflation als Wachstum eingehen"

    Genau so ist es!

    mfg,

    greenjg

    Antworten

    • 26. Mai 2006 um 14:33 Uhr
    • greenjg
  4. 4.

    @SSchanz:

    1. Wieso staerkt denn bitte B2 die Grossbanken??? Die steuern doch bereits nach viel komplexeren internen Modellen! B2 hilft den kleineren Banken, ebenfalls komplexere interne Modelle aufzubauen, die zwar vielleicht mit den Grossbanken nicht ganz mithalten koennen, ihnen aber immerhin ein Stueck naeherkommen. Oder wollen Sie gerne die B1-Risikogewichte behalten? Die foerdern naemlich tatsaechlich eine Fehlallokation!

    2. B2 schwaecht den Mittelstand? Sehe ich auch nur bedingt. Die Kunden mit einem Rating, bei dem die Differenz B1-B2 gross ist, werden benachteiligt. Wieso sollte dies besonders den Mittelstand treffen? Sie scheinen mir Ratings an sich zu kritisieren! Dann bitte ich aber um eine Erklaerung, wie sie ohne ordentliche Risikoquantifizierung ihr Risiko steuern wollen.
    Zweitens werden die Damen und Herren MIttelstaendler mal verpflichtet, ihre wahre Vermoegenssituation vorzuzeigen (bislang hatten viele riesige stille Reserven aus Angst vor dem Finanzamt). Die Ratings werden aber mit schlechter Eigenkapitalausstattung tendenziell schlechter, sodass der eine oder andere eine Gueterabwaegung zu treffen hat. Mein Bedauern diesbezueglich haelt sich arg in Grenzen.

    3. Dass Mittelstaendler in letzter Zeit generell wenig Kredite erhalten haben, scheint mir weniger eine Folge von B2 (netter Suendenbock) zu sein als vielmehr der schlechten Gesamtsitaution der deutschen Banken geschuldet. Wie v.Heusinger bereits mehrfach berichtet hat, scheint sich dies aktuell wieder zu wandeln.

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    • 28. Mai 2006 um 08:33 Uhr
    • Jens
  5. 5.

    [...] auch wenn ich Robert von Heusinger Recht gebe: „bis Oktober wird es kaum Spaß machen, an den Märkten aktiv zu sein. Das Risiko ist zurückgekehrt und damit die Unsicherheit, die Kurssprünge und raschen Tendenzwechsel.“ (siehe „Es scheppert nur“). [...]

    Antworten

  6. 6.

    "Wie geht es weiter? Ich glaube, bis Oktober wird es kaum Spass machen, an den Maerkten aktiv zu sein."

    Da sagt die Statistik etwas anderes. Wenn der Mai eines Jahres besonders schlecht ist, dann ist die Performance ueber den Sommer besonders gut:

    http://www.marketwatch.com/...

    Und wir hatten einen schlechten Mai. Im S&P 500 sogar den schlechtesten seit 22 Jahren.

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    • 1. Juni 2006 um 12:42 Uhr
    • Olaf
  7. 7.

    [...] Im Artikel “Es scheppert nur” im Weblog “Herdentrieb” schreibt Robert von Heusinger, dass es ” kaum Spaß machen [wird], an den Märkten aktiv zu sein”. [...]

    Antworten

  8. 8.

    @ Olaf
    wirklich ein guter Einwurf. Meiner Meinung nach eine Folge der viel befolgten Weisheit: "Sell in May and go away"

    Wenn besonders viele die Weisheit befolgen, gibt es einen schlechten Mai. WENN dann die Kurse im Sommer unerwarteterweise doch steigen, muessen viele den steigenden Kursen hinterhecheln und treiben sie damit immer hoeher.
    Aber da ist ja noch ein grosses "WENN"…

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    • 2. Juni 2006 um 13:31 Uhr
    • Arne
  9. Kommentar zum Thema

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