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Ölpreis – das Schlimmste ist vorüber

Von 22. Januar 2007 um 01:19 Uhr

Donnerstag Abend hat der Ölpreis in New York mit 50 Dollar gekämpft (wie ich übrigens Ende Dezember schon vorausgesagt habe). Das Fass Rohöl war damit so billig wie zuletzt im Mai 2005 und rund 40 Prozent billiger als im Sommer vergangenen Jahres sowie rund 20 Prozent billiger als zum Jahreswechsel. Das ist eine beeindruckende Konsolidierung, eigentlich sogar ein kleiner Crash. Doch nun dürfte das Schlimmste ausgestanden sein.

Der milde Winter hat die Spekulanten auf dem falschen Fuß überrascht. Jetzt rennen alle gleichzeitig zum Ausgang und verkaufen so gut es geht ihre Longpositionen, also ihre Wetten auf steigende Preise. Das drückt den Preis immer weiter nach unten. Doch ich glaube, dass der Wendepunkt in Sicht ist. Gut möglich, dass der finale Ausverkauf noch bevorsteht, aber das war’s dann.

Warum? Weil sowohl von der Angebots- als auch der Nachfrageseite starke Kräfte stabilisierend wirken: Der kräftige Anstieg des Ölpreises bis zur Jahresmitte 2006 hat das Wachstum der Ölnachfrage auf nur noch ein Prozent verringert. Doch jetzt dürfte durch den Ölpreisverfall zum einen das Wachstum der Weltwirtschaft wieder angekurbelt werden, zum anderen wieder verschwenderischer mit Öl umgegangen werden. Deshalb halte ich die Schätzungen der meisten Analysten, dass das Wachstum der Ölnachfrage sich wieder auf 1,75 Prozent beschleunigt für realistisch.

Auf den Angebotsseite rentieren sich inzwischen erste Ausbeutungsprojekte nicht mehr. Noch wichtiger: die OPEC wird angesichts des Preisverfalls mit der bislang in Hinterzimmern diskutierten Kürzung in Höhe von 500.000 Barrel pro Tag ernst machen.

Mehr zu den Aussichten für Metalle, Aktien, Anleihen und Wechselkurse in meinem monatlichen Ausblick: Wermuth’s Investment Outlook*)

Wermuth’s Investment Outlook – January 2007 (pdf, 239KB)

*) Unser Hirte Dieter Wermuth wird von nun an einmal monatlich seinen ausführlichen Investment Outlook zunächst kostenlos auf HERDENTRIEB einstellen. Die Einschätzungen erscheinen auf englisch und sind als pdf-file abzurufen (heu).

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ich muss echt grinsen als ich den Artikel gelesen hatte. ;)
    50 Dollar als unterer Grenzwert zu bezeichnen, und mit den Werten 40%/20% um sich zu schmeissen, finde ich schon sehr lustig, wenn man bedenkt, das vor nicht allzulanger Sicht alleine die 50 Dollar ein Katastrophal hoher Wert darstellte. Inzwischen wird er als “normal” angenommen, naja, da sieht man wie in wenigen Jahren sich die Sichtweisen schnell ändern (man ist ja flexibel ;) ).
    Unabhängig davon stimme ich dem Kern zu das der Markt an seiner aktuellen Basis angelangt ist. Die Umstände für günstiges Öl sind so gut, wie schon sehr lange nicht (Warmer Winter, Abschwächung der US-Konjunktur, eine extrem friedliche Hurrikansaison). Einzig ein sofortiger Friede im Irak kann dafür sorgen, das es mit dem Preis noch weiter runtergeht. Nur das dürfte wohlauf absehbarer Zeit noch in weiter Ferne befinden.
    Davon mal abgesehen, spüre ich als Endverbraucher so gut wie nichts von dem Preisverfall. Maximal 20-40% des Kursverlustes kommen am “Verbrauchermarkt” an. Der Rest wird mal wieder dick einkassiert.

    Gruss,

    Coki

    • 22. Januar 2007 um 09:55 Uhr
    • Coki
  2. 2.

    Nichts hat sich geändert. Europa und Amerika sind nach wie vor die beiden dicksten Verbraucher, China macht sich als Dritter stark und stärker, und das Öl kommt noch immer aus politisch unsicheren Gegenden der Welt. Jede neue Krise wird also auch in Zukunft sofort auf den Börsen registriert werden.

    • 22. Januar 2007 um 13:51 Uhr
    • Bodo
  3. 3.

    Vielleicht wird der Preis nur noch einmal runtergepegelt, um die Lager billig zu füllen, bevor es im Iran zum Einmarsch kommt…

    • 22. Januar 2007 um 15:41 Uhr
    • OttoN
  4. 4.

    Soso, der Hirte schreibt auf englisch.

    Nennt Euch doch in TIME um und schreibt grundsätzlich auf englisch.
    Zeugt eindeutig von Internationalität. Wer gibt sich denn mit Provinzsprachen ab …

    • 23. Januar 2007 um 00:09 Uhr
    • Schimi
  5. 5.

    Sehr geehrte/r Schimi,

    ihr Vorschlag in allen Ehren, aber da gefällt uns der Name HERDENTRIEB dann doch viel besser.

    Jaja, Dieter Wermuth schreibt auch auf englisch, unter anderem den Investment Outlook, den wir zur Information und zur Diskussion für die Leser unseres Blogs einmal im Monat hier zum Herunterladen bereitstellen.

    Warum auf englisch? Weil Dieter Wermuth den Investment Outlook für ein internationales Publikum schreibt, und leider weder er, noch Robert von Heusinger, noch ich die zeitlichen Ressourcen haben, ihn für den Herdentrieb ins Deutsche zu übersetzten.

    Und deshalb geht es nicht darum, dass wir uns den Flair des Internationalen geben wollen, wie Sie offenbar vermuten, noch dass wir das Deutsche für eine Provinzsprache halten.

    Das Thema Wirtschaft ist nun einmal ein internationales, und warum sollte man sich da Quellen verschließen, die in anderen Sprachen verfasst sind.

    Beste Grüße
    Uwe Richter

    • 23. Januar 2007 um 16:35 Uhr
    • Uwe Richter
  6. 6.

    Ich habe kürzlich diesen Blog entdeckt und bin sehr beeindruckt von der Kompetenz seiner Beteiber!

    Eine grundsätzliche Frage an den über Ölwirtschaft schreibenden Russlandexperten (Wermuth): Womit sichert eigentlich Gazprom sein Lieferverträge?

    Man würde ja denken, dass die Betriebsmittel (Öl- und Gasfelder, Leitungen, Raffinerien usw.) grosse Vermögenswerte darstellen, die dazu dienen könnten. Andererseits zeigt der Fall Sachalin II, wo effektiv westliche Ölkonzerne zugunsten von Gazprom enteignet wurden, dass es mit den Eigentumsrechten in Russland nicht zum Besten steht, was sich auf die Bewertung o.A. Betriebskapital negativ niederschlagen dürfte.

    (Eine ähnliche Frage könnte man zu China stellen, wo es mit Eigentumsrechte m.W. auch nicht zum Besten steht. Mit welchen Vermögenswerten würde ein russischer-chinesischer Vertrag gesichert? Womit werden die Währungen Renminbi und Rubel gesichert?)

    • 24. Januar 2007 um 09:11 Uhr
    • Ulf Martin
  7. 7.

    [...] Dieter Wermuth betitelt seinen letzten Beitrag beim Herdentrieb mit “Ölpreis – das Schlimmste ist vorüber“. Ja, “nebenbei” verweist Herr Wermuth auch auf den 40-Prozent-Preisrückgang vom Hoch – das nennt man manchmal “Bear Market”. Sehr wahrscheinlich war es “schlimm” für die Öl-Anleger. Ich habe auch die Meinung geäußert – vielleicht geht es noch ein Stückchen weiter runter, aber es dürfte nicht so viel sein. Für uns Aktionäre aber war die übertriebene Öl-Spekulation, die die Inflationsgefahren auslöste, das “Schlimmste” – und dies scheint vorbei zu sein. [...]

  8. Kommentar zum Thema

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