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Aufschwung bleibt dynamisch

Von 27. Juli 2007 um 09:48 Uhr

Auftragseingang der Industrie 0705

Der Aufschwung wird schwächer, ist jetzt des öfteren zu lesen. Wirklich? Die Auftragslage der Industrie deutet darauf hin, dass noch genug Dynamik in der deutschen Wirtschaft steckt. Und das erfreuliche dabei ist, dass die Abhängigkeit von der Auslandsnachfrage zurückgegangen ist. Der steigende Euro und der Ölpreis schlagen allerdings aufs Gemüt, das zeigt sich in den Umfrageindizes des Ifo Instituts vom gestrigen Donnerstag und des ZEW von letzter Woche. Während die Beurteilung der aktuelle Lage im Juli praktisch unverändert blieb (der Ifo Index sank hier um 0,1 Punkte auf 111,3) gingen die Erwartungen über die kommenden sechs Monate noch einmal um einen Punkt auf 101,8 zurück. Ein fester Euro und ein steigender Ölpreis sind nicht dazu geeignet positive Impulse auszusenden, aber eine ernsthafte Gefahr für das Wirtschaftswachstum in Deutschland geht von ihnen bislang nicht aus. Gerade haben der IWF und das DIW ihre Wachstumsprognose auf 2,6 Prozent für dieses Jahr nach oben revidiert ebenso wie das IMK Anfang des Monats. Beim IWF ging es gar um 0,8 Prozentpunkte nach oben.

Ifo Geschäftsklima Juli 2007

Tatsächlich wirkt sich eine Aufwertung des Euro auf die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen aus. Gesamtwirtschaftlich entscheidend ist hier aber nicht der nominale Wechselkurs sondern der handelsgewichtete reale Wechselkurs. Der Indikator der preislichen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gegenüber 20 Industrieländern, den die Bundesbank berechnet, zeigt hier in den ersten beiden Quartalen des Jahres eine Aufwertung um 2,2 Prozent an, während der Euro nominal im gleichen Zeitraum um 3,2 Prozent gegenüber dem Dollar aufgewertet hat. (Berechnet auf der Basis von Quartals- bzw. Monatswerten.) Neben Kostenvorteilen wirkt sich hier der Umstand aus, dass Deutschland nicht nur mit dem Dollarraum Handel treibt. Das zeigt sich besonders deutlich, wenn man die Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit bezüglich der Länder der Währungsunion betrachtet.

Wettbewerbsfähigkeit der dt. Wirtschaft

Der Anstieg des in Dollar gerechnete Ölpreises wirkt sich bei einer gleichzeitigen Aufwertung des Euro weniger stark auf die Unternehmen im Euroraum aus. Während der Rohölpreis von Januar bis Juni in Dollar um rund 31 Prozent gestiegen ist, waren es in Euro gerechnet rund 27 Prozent. Nicht dass dies keine Belastung für die Konjunktur wäre. So sind die Energiepreise, die die Verbraucher zahlen seit Jahresanfang um 6,2 Prozent gestiegen, während die Verbraucherpreise insgesamt nur um 1,1 Prozent zugelegt haben. Das dämpft den dringend notwendigen Anstieg des privaten Konsums. Aber das Tandem aus steigenden Ölpreis und steigendem Euro wirkt nicht in die gleich Richtung.

Rohölpreis Dollar Euro

Auf der Kostenseite wirkt der starke Euro also dämpfend. Gleichwohl sind die Importpreise wie das Statistische Bundesamt am Dienstag gemeldet hat, zuletzt stärker angestiegen. Saisonbereinigt lagen sie im Juni um 1,5 Prozent höher als im Vormonat. Die Preistreiber waren Stahl und Rohmetalle. Hier muss der guten Weltkonjunktur Tribut gezahlt werden. Nach der neusten Prognose des IWF wird die Weltwirtschaft dieses Jahr um 5,2 Prozent wachsen. Mit einem Nachlassen des Kostendrucks wird also nicht zu rechnen sein. Die Gewinne der Unternehmen laufen immer noch sehr gut und sie profitieren vom Welthandel. Einen Anstieg wie in den Quartalen zuvor wird es im zweiten Quartal aber nicht gegeben haben. Darauf deutet zumindest die Entwicklung der Stückgewinne im Verarbeitenden Gewerbe hin. Sie sind ein grober aber zeitnaher Indikator für die Gewinnentwicklung. Der Quotient aus Outputpreisen und Lohnstückkosten stagniert im zweiten Quartal. Während der Index der Erzeugerpreise schon vorliegt, haben wir die Lohnstückkosten für das zweite Quartal aus den bis Mai vorliegenden Produktivitäts- und Lohnkostenzahlen abgeschätzt.

Gewinnentwicklung der Industrie 07Q2

Der Rückgang der Erwartungen der Unternehmen, wie er sich im Ifo Index ausdrückt, kann also durchaus dem Umstand geschuldet sein, dass nicht mehr mit einem ganz so rasanten Anstieg der Gewinne gerechnet wird wie in den letzten Jahren. Vergessen darf man dabei allerdings nicht, dass sie sich auf einem sehr hohem Niveau bewegen. Und wie die Auftragslage zeigt, werden auch in Zukunft noch gute Geschäfte gemacht. Der Ölpreis wirkt zwar dämpfend auf die Konjunktur, aber er schnellt nicht schockartig nach oben. Die Weltwirtschaft hat sich auf höhere Ölpreise eingestellt und sie expandiert weiterhin mit einer sehr hohen Rate. Den Wechselkurs des Euro zum Dollar sollte man nicht überbewerten. Hier wird es erst gefährlich, wenn es zu einem Dollarcrash kommen sollte, aber dann haben die deutsche Wirtschaft und die Welt noch ganz andere Probleme. Zur Zeit sieht es danach nicht aus. Das globale Ungleichgewicht erweist sich als erstaunlich stabil und China setzt eine Menge Hebel in Bewegung, um einer Überhitzung der eigenen Wirtschaft entgegen zu wirken. Eine mittelfristige Abwertung des Dollar wird Teil des Entspannungsprozesses sein.

Der Aufschwung kann sich trotz Euro und Ölpreis fortsetzten, aber es wäre falsch anzunehmen, dass wir uns schon in einer Phase der Hochkonjunktur befinden und die Wirtschaftpolitik auf die Bremse treten muss. Die EZB wäre gut beraten, eine längere Pause einzulegen, bevor sie den nächsten Zinsschritt macht, den sie offenbar für nötig hält. Die Zinserhöhungen der vergangenen Monate beginnen erst zu wirken und von Inflation ist weit und breit nichts zu sehen in Euroland. Die Konjunktur ist gerade dabei sich zu entscheiden mit welchem Tempo sie weiter macht. Da sollte man nicht voreilig die Weichen auf ein langsameres Gleis umlegen, dass könnte unter Umstände die ganze Fahrt wegnehmen. Die amerikanische Notenbank ist seit einem Jahr in Wartestellung und beobachtet die Entwicklung, das wäre auch eine Strategie für die EZB.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    [...] Original post by Schattenzeilen and software by Elliott Back [...]

  2. 2.

    Das der Aufschwung schwächer werde war ja nur ein Produkt der Medien, die scheinbar stets dankbar für jede “negative Schlagzeile” sind nach dem Motto schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Tatsächlich sind zuletzte manche Indikatoren von Instituten zurückgegangen – auf Normalmaß! Was heißt das denn? Doch nur das wir uns wieder auf einem stabilen Wachstumspfad, nach einigen Krisenjahren, befinden. Also in einer normalen Lage! Nach den letzten Krisenjahren die für die deutschen ohnehin ungewohnt waren (die Jahrzehnte davor war man ja von stabilem Dauerwachstum verwöhnt) sitzt der Argwohn offensichtlich in der ganzen Gesellschaft tief. Und man “traut dem ganzen” noch nicht so, jede negative Meldung ist da natürlich Bestätigung des Misstrauens. Das kann aber auch dazu führen das der Aufschwung vom Verbraucher abgewürgt wird, dieses abwürgen verstünde er dann wieder als Bestätigung seiner Konsumzurückhaltung was zu weiterer Konsumzurückhaltung führt. Deswegen, auch die Bevölkerung ist halt ein “dynamischer” Faktor.

    • 30. Juli 2007 um 12:16 Uhr
    • Michael
  3. 3.

    [...] Er bleibt weiter dynamisch, meint Uwe Richter von Herdentrieb. Seine Schlussfolgerung (die Argumentation können Sie gern – empfohlen – in Detail durchlesen): Der Aufschwung kann sich trotz Euro und Ölpreis fortsetzten, aber es wäre falsch anzunehmen, dass wir uns schon in einer Phase der Hochkonjunktur befinden und die Wirtschaftpolitik auf die Bremse treten muss. Die EZB wäre gut beraten, eine längere Pause einzulegen, bevor sie den nächsten Zinsschritt macht, den sie offenbar für nötig hält. Die Zinserhöhungen der vergangenen Monate beginnen erst zu wirken und von Inflation ist weit und breit nichts zu sehen in Euroland. Die Konjunktur ist gerade dabei sich zu entscheiden mit welchem Tempo sie weiter macht. Da sollte man nicht voreilig die Weichen auf ein langsameres Gleis umlegen, dass könnte unter Umstände die ganze Fahrt wegnehmen. Die amerikanische Notenbank ist seit einem Jahr in Wartestellung und beobachtet die Entwicklung, das wäre auch eine Strategie für die EZB. [...]

  4. Kommentar zum Thema

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