So funktioniert Kapitalismus

Weg von der Bewertung zu Marktpreisen

Von 23. Januar 2008 um 21:14 Uhr

Think big! Ausgangspunkt der Krise, die mit einer Verzögerung von unvorstellbaren neun Monaten endlich an den Aktienmärkten angekommen ist, ist die Kreditkrise. In den vergangenen fünf, vor allem den letzten drei Jahren, haben die westlichen Banken ein irres Kreditrad mit viel zu viel Risiko gedreht. Sie haben daran klotzig verdient, da sie das Risiko an Schattenbanken wie Hedgefonds, Kreditversicherer, im Jargon Monoliner genannt, und SIV’s oder Conduits weiter gereicht haben. Sie haben eine simple Regulierungsabitrage gespielt. Die Banken waren reguliert, die Schattenbanken waren es nicht. Also sprach der freie Markt, ladet das Risiko doch bei den Schattenbanken ab. Die brauchen geringere Renditeaufschläge fürs Risiko, da sie keine Eigenkapitalunterlegungsvorschriften haben und verdienen auch super. Die regulierten Banken haben das Risiko mit Gewinn, versteht sich, weiter verkauft und konnten so Eigenkapital ausschütten an Aktionäre und noch wichtiger an ihre Investmentbanker. Dem Finanzsystem als Ganzem ging damit Eigenkapital verloren, das als Puffer für Kreditausfälle bereit stehen sollte. Das Risiko aber hat sich dramatisch erhöht.

Heute nun versagen die Versicherungen, die Garantien, weil die Gegenparteien herabgestuft werden und damit die Garantien an Wert verlieren oder weil die Gegenparteien ausfallen. Über welches Volumen reden wir? Die Kreditversicherer, die Monoliner, garantieren ausstehende Bonds im Volumen von 2,5 Billionen Dollar! Der gesamte Credit Default Swap Markt sichert einen Nominalwert von 43 Billionen Dollar ab (BIZ). Was passiert, wenn die Gegenparteien herabgestuft werden oder ausfallen, weil sie pleite gehen? Na? Die Banken haben das Risiko wieder in ihrer Bilanz, aber das Eigenkapital ist weg, beziehungsweise finanziert Yachten, Jagden und Porsches der Banker und Aktionäre. Dumm gelaufen für die Öffentlichkeit, die jetzt erschrocken von hohen Verlusten erfährt, denen viel zu wenig Puffer gegenübersteht und der Staat nun in die Bresche springen soll.

Was tun? Jetzt kann man hoffen, dass Zinssenkungen den Banken etwas Luft zum Atmen verschaffen. Das wird nicht ausreichen. Jetzt kann man auf chinesische Staatsfonds hoffen, die die Banken rekapitalisieren. Doch die Staatsfonds werden wenn dann nur an den globalen blue chips Interesse habe und nicht an den vielen Banken der zweiten und dritten Reihe. Doch bereits von solchen Banken geht ein systemisches Risiko aus, wie Northern Rock, IKB oder die Mini-SachsenLB gezeigt haben.

Deshalb mein Vorschlag: Die internationalen Finanzaufseher müssen rasch Standards herausgeben, dass all die handelbar gemachten Kredite ins Anlagebuch verschwinden – und zwar zu Einstandspreisen. Dann müssen sie nicht markt-to-market bewertet werden und das Risiko kann im System langsam ausgeschwitzt werden. Denn das Problem der sowie so recht waghalsigen Bewertung zu Marktpreisen ist doch, dass es für die meisten Kreditprodukte gar keinen Markt gibt. Wenn es zu Preisen kommt, werden Notpreise gezahlt, die die Verluste der Banken unnötig nach oben treiben – und Insolvenzen wahrscheinlicher machen.

Diese Maßnahme würde das System stabilisieren, denn über die Jahre können die Banken dann die Papiere abschreiben – und vielleicht holt das eine oder andere Papier auch wieder ein Wenig an Wert auf.

Die Deregulierug hat versagt, die nächste Welle wird eine der Re-Regulierung sein.

Leser-Kommentare
  1. 25.

    @goodnight #20

    Es ist interessant, dass Sie hier von Vertrauen sprechen. Das haben sie schon mal ganz anders im Herdentrieb bewertet. Da haben sie ausschliesslich Gier als bestimmende Größe für für erfolgreiche Geschäfte beschrieben. Gut, dass Sie beginnen einzusehen, dass so etwas wie Vertrauen die Komplexität von Geschäften reduziert……

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    • 27. Januar 2008 um 14:41 Uhr
    • naivling
  2. 26.

    @ naivling

    Ich fürchte Vertrauen meint in diesem Zusammenhang, dass ich sicher sein kann, dass meine Gier befriedigt wird. Oder anders: Der über den Tisch gezogene wird Zahlen auch wenn er erkennt, er wurde über den Tisch gezogen :-)

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    • 27. Januar 2008 um 23:09 Uhr
    • Jan
  3. 27.

    @naivling

    Ich beziehe mich mal auf Masterchief Luhmann, der Vertrauen als “Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität“ bezeichnete, welche eine “riskante Vorleistung” erfordert.
    D.h. Vertrauen ist nichts anderers als Riskio, also Risiko aus Sicht des Beobachters erster Ordnung, oder für die Semiotiker unter Euch: Signifikant ist “Vertrauen”, Signifikat ist “Risiko” ;-) oder ganz vulgo: Vertrauen ist der Deckel auf der Büchse der Pandora;-)
    Ergo: Vertrauen ist so ein zwischenmenschliches Ding, also zuviel Mensch und zuviel “Sozial” oder “Zivilisation” für die Ökonomie. Denn die Ökonomie will ja eher “Evolution”, weg von der Komplexität des Menschen und “Sozial” ist ja sowieso ein Schimpfwort.
    Ergo Ergo: …versucht die Ökonomie das Hilfskonstrukt Vertrauen zu substituieren mittels “Rationalität”, d.h. Kennzahlen, Ratings, Statistik, Mathematik etc. und landet dann doch immer wieder nur bei “Legitimation durch Verfahren” wie schon vorher das Rechtssystem.
    …was – wie immer – in ein Paradoxie führt:
    Der Gierige vertraut nur dem, der nicht gierig ist. Aber am Markt sind immer nur die Gierigen. D.h. Ich kann nur die Gierigen behopsen, aber denen kann ich nicht wirklich vertrauen, weil die ja mindestens genauso gierig sind wie ich. Was nun? Es bleibt nur ein Ausweg um sicher zu stellen, dass ich auf der sicheren Seite bin und somit vertrauen kann:
    Ich muss noch viel, viel gieriger werden als die anderen;-)

    “I’m still sort of moved by your “My word is stronger than oak” thing.”
    Jerry (Jerry maguire)

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    • 28. Januar 2008 um 13:19 Uhr
    • goodnight
  4. 28.

    @goodnight LOL, die Argumentation verdient einen Preis!

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    • 28. Januar 2008 um 20:38 Uhr
    • naivling
  5. Kommentar zum Thema

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