So funktioniert Kapitalismus

Niemand glaubt mehr an Supply Side-Rezepte

Von 31. Januar 2008 um 18:06 Uhr

Von 1973 bis 1979 war ich im Stab der fünf “Weisen”, zu der Zeit also, als der Rat den Schwenk vom makroökonomischen Ansatz zum Monetarismus und zur angebotsorientierten Wirtschaftspolitik vollzog. Dreißig Jahre später, nachdem alle wirtschaftspolitischen Lehrstühle in diesem Land mit Mikro-Leuten besetzt sind, geht es wieder in die andere Richtung.

Es fehlt heute nicht an Wettbewerb, die Preissignale geben die Struktur der Nachfrage einigermaßen korrekt wieder, die Inflation ist unter Kontrolle, die Einkommensverteilung hat sich stark zugunsten des Produktionsfaktors Kapital verschoben, die Gewerkschaften haben fast jede Verhandlungsmacht verloren, der Staat hat seine Defizite beseitigt – woran mangelt es denn noch auf der Angebotsseite? Dennoch wächst die Wirtschaft weder stetig noch rasch. Am Arbeitsmarkt sieht es immer besser aus, jedenfalls wenn man nur auf die Globalzahlen schaut. Das ist die wichtigste Erfolgsstory, die sich die Angebotspolitiker gutschreiben können. Warum aber hat sich nach all diesen Jahren der Reformen nicht das Wachstum der Produktivität beschleunigt? Ganz im Gegenteil, das Wachstum sinkt im Trend, so dass das, was wir mehr an Bruttosozialprodukt erwirtschaften, zunehmend auf mehr Arbeitseinsatz statt auf mehr Effizienz zurückzuführen ist. Bisher jedenfalls. Ziemlich traurig, das. Muss es nicht Ziel aller Reformen sein, dass wir auch ohne Tag und Nacht zu arbeiten wohlhabender werden? Das scheint bisher jedenfalls nicht gelungen zu sein.

In ihrem jüngsten Monatsbericht zeigt die EZB, dass die USA, die ganz ohne ideologische Scheuklappen stets eine antizyklische Makropolitik betrieben hatten, in den letzten zwölf Jahren (1995 bis einschließlich 2006) die Wachstumsrate ihre Produktivität (reales BIP pro Arbeitsstunde) auf durchschnittlich 1,9 Prozent steigern konnten, gegenüber 1,4 Prozent in den vorangegangenen zwanzig Jahren. Euroland hat es seit 1995 nur auf 1,3 Prozent gebracht, nach 2,7 Prozent in der Vorperiode. Welch eine Enttäuschung. Die EZB argumentiert, was nicht weiter überrascht, dass es noch nicht genug Reformen gegeben hat, dass der sogenannte Lissabon-Prozess forciert werden muss. Angeblich bestehen die Probleme vor allem darin, dass die Arbeitsmärkte immer noch nicht flexibel genug sind, dass es nicht genug Wettbewerb auf den Produktmärkten gibt, dass die Eintrittsbarrieren für junge Firmen zu hoch sind und dass die Kapitalmärkte unterentwickelt sind (sic!).

Derweil hat der neue Chef des Internationalen Währungsfonds gerade den sogenannten Washington Consensus endgültig aufgekündigt. In einem Gastbeitrag in der Financial Times argumentierte Dominique Strauss-Kahn am Mittwoch, dass strukturpolitische, also erst mittelfristig wirksame Maßnahmen für den Fonds nach wie vor von größter Bedeutung sind, dass es jetzt aber angesichts der globalen Wachstumsverlangsamung auf eine wirksame antizyklische Politik ankommt. Er plädiert für einen “targeted fiscal boost”. Mit anderen Worten, Strukturpolitik ist schön und gut und immer richtig, wie Motherhood and Apple Pie, aber nicht mehr sehr relevant, wenn platzende Blasen am amerikanischen Immobilienmarkt, Bankenkrisen und eine Ölpreisexplosion die Weltwirtschaft in eine schwer zu beherrschende Abwärtsspirale schicken. Er sagt im Grunde nur das, was jemand mit gesundem Menschenverstand empfehlen würde, und was die Amerikaner ohnehin bereits machen. Auch die EZB wird in nicht allzu ferner Zukunft einen Politikschwenk vollziehen.

Auch nahezu perfekte Marktwirtschaften tendieren nicht zu störungsfreiem Wachstum, das immer rasch zum mittelfristigen Trend zurückfindet. Wie die große Depression und die endlose Deflationskrise Japans gezeigt haben, muss die Geld- und Wirtschaftspolitik frühzeitig und energisch und nicht zu zaghaft gegensteuern. Sonst kann es ewig dauern, bis die Wirtschaft wieder brummt. In der Zwischenzeit sind möglicherweise gewaltige Wachstumschancen vergeben worden. Die Leute sind am Ende viel ärmer, als sie es sein müssten, wenn die Makroinstrumente angemessen eingesetzt worden wären. Alles hat seine Zeit: Strukturpolitik braucht man immer, aber zur Krisenabwehr ist der keynesianische Ansatz nach wie vor unverzichtbar. Hüten wir uns vor den Ideologen!

Leser-Kommentare
  1. 9.

    [...] verwies ich noch auf Dieter Wermuths “Niemand glaubt mehr an Supply Side-Rezepte” (in Rubrik Finanznews, auch nicht schlecht zu beachten -;) ). Dort habe ich wie folgt [...]

    Antworten

  2. 10.

    @ fpk

    Es gibt einen Unterschied zwischen Schulden und Defizit – Sie meinen Schuldenstand! Der ist in der Tat noch sehr hoch. Er liegt bei 1.590 Mrd € oder 67,0% des BIP. Wenn man Null Defizite hat, ist das schon eine enorme Leistung, und im Übrigen ziemlicher Unsinn, da der Staat als Investor selbstverständlich Schulden machen darf.

    Mal ein kleines Rechenexempel: Wenn das nominale Bruttoinlandsprodukt für die nächsten 20 Jahre mit einer Rate von 5% pro Jahr zunimmt, während der Zeit aber keine Defizite zu verzeichnen sind, die Einnahmen und Ausgaben des Gesamtstaates also immer gleich hoch sind, ist der Schuldenstand nach 20 Jahren immer noch bei 1.590 Mrd. €. Da das Sozialprodukt dann aber bei €6490 Mrd. liegt, machen die Schulden nur noch 24,5% des BIP aus. Entsprechend schrumpft dann übrigens die relative Größe des Marktes für Bundeswertpapiere. Ein anderer Effekt wäre, dass der zunehmende Seltenheitswert dieser AAA-Papiere zu noch niedrigeren Realrenditen führen würde. Gut für den Staat, nicht so gut für die Anleger.

    Grüße, DW

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    • 1. Februar 2008 um 12:31 Uhr
    • Dieter Wermuth
  3. 11.

    @ egghat

    Es gibt natürlich mehrere wirtschaftspolitische Ziele von hohem Rang: Preisstabilität, eine gerechte Einkommensverteilung, Vollbeschäftigung, Zunahme des Wohlstands und – vielleicht – eine ausgeglichene Leistungsbilanz. Neuerdings ist eine saubere oder unbelastete Umwelt hinzu gekommen. Es kommt auf die Prioritäten an, und die sind subjektiv. Ich denke aber, dass es letztlich darauf ankommt, dass wir für unseren Arbeitseinsatz und unsere Ersparnisse ein ständig wachsendes Produkt bekommen. Wenn dabei etwa die Inflation stark ansteigen sollte (ohne dass daraus selbst Wachstumsprobleme entstehen, um mal eine heroische Annahme zu machen), wäre das wohl hinzunehmen, da die Verlierer der Geldentwertung aus dem größer werdenden Kuchen entschädigt werden können. Vollbeschäftigung ist eigentlich auch nur ein Sekundärziel – denn was nützt es, wenn alle arbeiten, aber nur 1 € die Stunde bekommen. Und eine gerechte Einkommensverteilung lässt sich umso leichter hinkriegen, je mehr es zu verteilen gibt. Klar, ein starkes Wachstum der Produktivität ist nicht alles, aber ohne das ist alles andere nicht so leicht zu erreichen.

    Grüße, DW

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    • 1. Februar 2008 um 12:35 Uhr
    • Dieter Wermuth
  4. 12.

    @ Wermut # 10

    >Wenn man Null Defizite hat, ist das schon eine enorme Leistung, und im Übrigen ziemlicher Unsinn, da der Staat als Investor selbstverständlich Schulden machen darf.>

    Ja, als Investor.

    Es ist kein Unsinn, wenn bei einem Schuldenstand von 1.590 Mrd € oder 67,0% des BIP die konsumptiven Staatsausgaben zurückgefahren werden.

    Das ist eines unser Probleme: staatlich zu viele konsumptive Ausgaben, zu wenige Investitionen.

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    • 1. Februar 2008 um 13:13 Uhr
    • Dietmar Tischer
  5. 13.

    @ DW #9
    “Und eine gerechte Einkommensverteilung lässt sich umso leichter hinkriegen, je mehr es zu verteilen gibt. ”

    erzählen Sie das mal den Nokia Mitarbeitern in Bochum!
    Umsatzrendite von Nokia mit handy ist 25%, Eigenkapitalrendite des Unternehmens ist > 30 %

    seit mehr als 10 Jahren sinken die Realeinkommen abhängig Beschäftigter in Deutschland, die Unternehmensgewinne explodieren, ist das die gerechte Einkommensverteilung, welche sich ergibt, wenn viel verdient wird?

    wie werden denn diese riesigen Gewinne verteilt?

    Antworten

    • 1. Februar 2008 um 13:29 Uhr
    • equityshark
  6. 14.

    Hallo Herr Tischer,

    ein Schuldenstand von 67% des BIP liegt sehr nah am OECD Durchschnitt und ist gänzlich unproblematisch.

    Die Volkswirtschaft ist zudem ein Kreislauf, in dem sich private Haushalte, Unternehmen und der Staat immer wieder verschulden – die Schulden des einen sind nämlich die Ersparnisse des anderen. Nicht zuletzt durch unseren “Sparwahn” und den Abbau der Neuverschuldung haben wir letzlich den Zustand, dass Kapital sich den Weg ins Ausland sucht, unter anderem in tolle SIVs, Subprime Kredite, etc. Wo im Inland hätte man auch investieren sollen? Der Staat tut es nicht und leiht sich immer weniger Geld, und die Unternehmen tun es genauso (sind übrigens weit höher verschuldet, als der Staat).

    Dass der Staat zu wenig investiert, da sind wir einer Meinung. Was Sie mit “konsumptiven Ausgaben” meinen, müssten Sie mal näher erläutern. Ist die Landesverteidigung ein konsumptiver Kostenfaktor (wir konsumieren Sicherheit), oder eine Investition? Bildung – wohl eine Investition? Sozialtransfers – Ihrer Meinung nach wohl konsumptiv; kann aber auch eine Investition in den sozialen Frieden sein – Rendite=Stabilität und Sicherheit.

    Sie sehen, ich komme mit Ihrer Begrifflichkeit nicht wirklich klar.

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    • 1. Februar 2008 um 13:49 Uhr
    • steve
  7. 15.

    @ Heinrich Kaspar (#4)

    Zu Ihren Anmerkungen:

    1. Es ist in der Tat ein Anachronismus, wie jede wirtschaftspolitische Diskussion modelltheoretisch, statt unvoreingenommen und pragmatisch geführt wird. Ich denke aber, das wird sich geben, da Neo-keynesianer und Neo-Liberale Auffassungen nicht mehr so weit auseinanderliegen, jedenfalls in einer Situation, wo es um die Vermeidung einer systemischen Krise geht.

    2. Die Monetaristen hatten in der Tat die Vorstellung, dass sich die Zinsen bei gleichmäßigem Wachstum der Geldbasis und konjunkturell schwankender Geldnachfrage anti-zyklisch bewegen würden. Nachdem monetaristische Ansätze wegen der völlig instabilen Geldnachfragefunktion in der Wirtschaftspolitik – insbesondere im angelsächsischen Bereich – diskreditiert ist, sind ihre Ideen auch nicht mehr Teil des Washingtoner Konsenses. Der bestand vor allem aus disziplinierter Finanzpolitik, Freihandel und Wettbewerb, marktgerechten Löhnen und Inflationsbekämpfung. Es steht doch außer Frage, dass antizyklische Finanzpolitik möglich und wirksam ist. Denken Sie nur daran, was aus der japanischen Konjunktur geworden wäre, wenn der Staat nicht zeitweise Defizite in der Höhe von 8% des BIP hätte auflaufen lassen, zu einer Zeit als Haushalte, Banken und die meisten Schuldner nichts anderes im Sinn hatten, als ihre Schulden durch forciertes Sparen zu reduzieren.

    3. Ich würde einen Link zwischen Wachstum und Produktivität sehen. Ohne eine Politik, die Wachstum zulässt oder, besser noch, fördert, ist auch nicht viel an Produktivitätsfortschritt zu erwarten. Der Maastricht-Vertrag mit seiner einseitigen Betonung des Defizitabbaus hatte dazu geführt, dass der Staat jahrelang als zusätzlicher Nachfrager ausfiel. Schauen Sie sich nur unsere verrottete Infrastruktur an, um zu sehen, was das bewirkt hat. Es könnte sein, dass das jetzt besser wird, nachdem das Ziel erreicht worden ist (also kein staatliches Defizit mehr).

    4. Schön und gut – es ist immer besser, richtig als falsch zu handeln. Aber was tun, wenn das Haus brennt? Darum geht es.

    Grüße, DW

    Antworten

    • 1. Februar 2008 um 14:01 Uhr
    • Dieter Wermuth
  8. 16.

    Danke für die Antwort.

    Die Produktivität ist so gesehen natürlich ein sehr guter Faktor, um den Erfolg zu messen, weil er ziemlich fundamental ist. Verstanden.

    Allerdings bleibe ich skeptisch, dass der Produktivitätszuwachs wirklich auf die Konjunkturpolitik zurückgeht. Ist das nicht zum großen Teil ein Basiseffekt? Ich weiss, dass ein Blick auf eine Branche nicht reicht, aber die US-Automobilindustrie war z.B. ziemlich unproduktiv, sprich es gab einfach ein großes Aufholpotenzial (das es in Hochlohnländern wie Japan oder Deutschland nicht gab).

    Auch akzeptieren die Amerikaner gewisse technologische Neuheiten schneller und eher als wir und haben z.B. die Produktivitätsgewinne aus dem PC (und später aus dem Internet) viel früher gezogen.

    Aber mal weg vom Messen der Produktivität (auch wenn das eine spannende Frage ist):

    Ich frage mich immer, ob

    a) die Konzepte in den USA wirklich was bringen (hätte die US-Wirtschaft nicht auch ohne Fiskalpolitik die Kurve bekommen?)

    b) die Konzepte in Deutschland wirken würden.

    Der Deutsche ist halt prinzipiell skeptisch. Gibt man ihm jetzt 500 Euro extra, spart er das womöglich einfach. Der Ami konsumiert. Außerdem ist die ganze Wirtschaft in den USA durchlässiger, flexibler, schneller. Es wird schneller eingestellt (und rausgeworfen). Geht’s in Texas hoch her, ziehen die Leute dort hin (hier bleibt man wohnen), etc. pp. Es laufen Millionen von Millionären durchs Land und stecken Geld in neue Firmen und Geschäftsideen, sei es Biotech, sei es Internet. In Deutschland bilden sich diese Arbeitsplätze nicht (zumindest nicht in der Menge).

    Ich kann mich auch nicht wirklich daran erinnern, dass in Deutschland (oder Frankreich) ein Programm zur Förderung umweltschonender Autos mal funktioniert hätte. Das verpuffte immer – ein Jahr schoss der Absatz nach oben, um danach wieder einzubrechen. In Japan war es ähnlich (vor der Mentalität her sind die auch eher Deutsch als amerikanisch).

    Ich glaube zu Deutschland passt das amerikanische Modell der Konjunkturpolitik einfach nicht. Bei uns funktioniert sowas die Modernisierungsprogramme für Altbauten. Man setzt mit relativ wenig Geld (Zuschüsse oder Zinserleichterung) ziemlich viel Investitionen in Bewegung, die dann noch den großen Vorteil haben, ziemlich arbeitsintensiv zu sein. Ich glaube z.B. auch dass das (von der SPD despektierlich genannte) Dienstmädchen-Privileg einen guten Beitrag zum Arbeitsplatzwachstum geliefert hat (ebenso für handwerkliche Tätigkeiten).

    Es kann natürlich sehr gut sein, dass man als konjunkturstützende Maßnahme ähnliche Sachen machen könnte, nur den Geldfluss beschleunigt (also nicht über 10 Jahre schneller abschreiben oder 5 Jahre niedrigere Zinsen), sondern direkt bar auf die Hand. Also nicht die KFZ-Steuer für maximal 36 Monate erlassen, sondern direkt 300 Euro zum Diesel-Rußfilter dazu. Oder zum sparsameren Heizkessel. Dann würden solche Programme u.U. auch im trägen Skeptikerland Deutschland so schnell wirken, dass man damit sinnvoll Konjunkturpolitik machen könnte.

    bye egghat

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    • 1. Februar 2008 um 15:13 Uhr
    • egghat
  9. Kommentar zum Thema

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