So funktioniert Kapitalismus

Im Zeichen der Rezession

Von 30. April 2008 um 21:40 Uhr

Der Internationale Währungsfonds erwartet, dass die Weltwirtschaft 2008 um 3,7 Prozent zulegen wird. Das ist beachtlicht wenn auch weniger ist als in den letzten vier Jahren. Allerdings sehen die Analysten des Fonds eine Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent, dass am Ende nur 3 Prozent oder weniger herauskommen werden – das nennen sie bereits eine Rezession. Wegen der ungewöhnlich zahlreichen und großen Ungleichgewichte sind die Wachstumsrisiken meiner Ansicht nach aber noch höher als der IWF es wahrhaben will. Probleme bereiten vor allem die internationale Finanzkrise, die Explosion des Ölpreises und der Rohstoffpreise allgemein, aufgeblähte und nunmehr korrigierende Immobilienmärkte in den USA, Großbritannien, Spanien, Italien, Frankreich und vermutlich auch in China, sowie die gewaltigen Defizite in den Leistungsbilanzen der USA und des Vereinigten Königreichs, denen entsprechend große Überschüsse in China, Japan, Russland und den OPEC-Staaten gegenüberstehen. Die Anpassungskosten werden beträchtlich sein, zu denen auch eine völlig neue Wechselkursstruktur beiträgt, die sich jetzt herausbildet.

Vermutlich ist daher die Chance, dass es bald zu einer weltweiten Rezession kommt, oder dass sie sogar schon begonnen hat, größer als 50 Prozent. Das bedeutet, dass die Arbeitslosigkeit von nun an vermutlich steigen wird, dass die Löhne wieder unter Druck geraten, dass die Rohstoffpreise ihren Zenit überschritten haben, ebenso wie die Inflationsraten allgemein. Auch die Gewinne der Unternehmen dürften tendenziell sinken. Für Aktien sind das keine guten Aussichte, dafür aber für Anleihen solider Schuldner. Rohstoffe sind keine gute Asset-Klasse mehr, vor allem nicht Terminkontrakte, Fonds oder Zertifikate auf Nahrungsmittel.

Ausführliches zu den Rezessionsrisiken, den Aussichten für Aktien, Bonds und Emerging Markets sowie ein Blick auf Russland in meinem neusten Investment Outlook:

Wermuth’s Investment Outlook – April 2008*) (pdf, 244 KB)

*) Den Investment Outlook von Dieter Wermuth in englischer Sprache gibt es einmal im Monat und er wird zunächst kostenlos auf Herdentrieb zum Herunterladen bereitgestellt. (ur)

Leser-Kommentare
  1. 1.

    @Dieter Wermuth
    Warum so pessimistisch ? +3,7 % sind doch keine Rezession. Neue Wechselkursstruktur ? Nö, der Dollar hat sich seit 1971 immer nur abgeschwächt. Der “Aufschwung” war eine Luftnummer, gut, die “Reformen” sorgen dafür, daß der Abschwung etwas lästig wird, was soll’s. Rohstoffe incl. Gold und Öl kann man langsam vergessen, wenn die Aktien wirklich richtige Schwäche zeigen, werden sie interessant. Natürlich sind derzeit Anleihen noch interessanter, das bleibt nicht so, Sicht Ende 2010. Die Aktien stürzen schon noch auf ein interessantes Maß.

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    • 1. Mai 2008 um 00:25 Uhr
    • Michael
  2. 2.

    @ Rezessionswahrscheinlichkeit

    @ goodnight #72 und mylli #77 in “Ohne neues Inflationsziel scheitert die EZB”

    Ich frage mich weiter, was Volkswirte und Konjunkturchefs unter Rezessionswahrscheinlichkeiten verstehen.

    “Der Internationale Währungsfonds erwartet, dass die Weltwirtschaft 2008 um 3,7 Prozent zulegen wird. Das ist beachtlicht wenn auch weniger ist als in den letzten vier Jahren. Allerdings sehen die Analysten des Fonds eine Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent, dass am Ende nur 3 Prozent oder weniger herauskommen werden”

    Der Erwartungswert (oder vielleicht Median?) des Weltwirtschaftswachstums 2008 ist 3,7%, die Wahrscheinlichkeit, dass das Wachstum unter 3% sein wird, beträgt jedoch 25%.

    myllis Prognose: Mit 75% Wahrscheinlichkeit haben wir ein Wachstum von 4%, damit nur knapp unter den Raten von 5%, die ja in den letzten Jahren zu beobachten waren. Statt im fünften Gang fährt die Konjunktur nur mehr im vierten Gang, ist aber weit davon entfernt, den Rückwärtsgang einzulegen.

    Begründung der Prognose: Mit 25% Wahrscheinlichkeit ein Wachstum von 3% und mit 75% Wahrscheinlichkeit ein Wachstum von 4% ergibt für das Wachstum einen Erwartungswert von 0.25*3%+0.75 *4%=3.75%. Da laut Währungsfond das Wachstum auch kleiner als 3% sein kann, können wir das Ergebnis auf 3.7% abrunden. q.e.d.

    Nun meine wirklich ernst gemeinte Frage an die Volkswirte hier im blog:

    Was genau möchte ein Volkswirt mit der Aussage “Die Rezessionswahrscheinlichkeit sinkt von 80 auf 55%” eigentlich sagen?

    a) Mein Bauchgefühl sagt, es ist doch nicht so schlimm wie von mir vor kurzem gedacht.

    b) In der Vergangenheit gab es 20 mit heute vergleichbare Situationen, und 11 Mal ist direkt anschließend eine Rezession gekommen.

    c) Bei 100 identischen Kopien der Weltwirtschaft mit genau gleichen Anfangsbedingungen und Teilnehmern ist zu erwarten, dass 55 dieser kopierten Wirtschaften in die Rezession abgleiten.

    @ Dieter Wermuth: Danke für Ihre recht klaren Worte, trotzdem:

    “Vermutlich ist daher die Chance, dass es bald zu einer weltweiten Rezession kommt, oder dass sie sogar schon begonnen hat, größer als 50 Prozent.”

    –> Hier ist mir eindeutig ein vermutlich zu viel: Welche Wahrscheinlichkeit bekommt ein vermutlich? Vielleicht 60%? Wenn es eine Wahrscheinlichkeit von 60% dafür gibt, dass eine Rezession mit zumindest 50% Wahrscheinlichkeit eintritt, was ist dann in den anderen 40 % der Fälle? Ist da die Rezessionswahrscheinlichkeit knapp unter 50% oder 0%? Insgesamt können wir so eine totale Rezessionswahrscheinlichkeit von 30% oder mehr als 50% basteln.

    Bitte meine Fragen nicht als persönliche Angriffe verstehen, ich wundere mich nur öfters über die präzisen Wahrscheinlichkeiten, die anscheinend in der Finanzbranche berechnet werden können.

    Beste Grüße,
    mylli

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    • 1. Mai 2008 um 09:42 Uhr
    • mylli
  3. 3.

    Ich halte von all diesen Prognosen im Moment sehr wenig.
    Was hat es zu bedeuten, dass jemand über Siemens sagte, der Konzern hätte glänzende Aussichten, unabhängig von den anstehenden Strafmilliarden?
    Mein Tipp für Aktionäre: Beschäftigen Sie sich mal ein bisschen mit Wirtschaft und verpassen Sie nicht den Aufschwung.
    Könnte ich damit richtig liegen?

    Antworten

    • 1. Mai 2008 um 13:16 Uhr
    • Och
  4. 4.

    @ mylli (#2)

    -> … siehst Du ? … jetzt hast Du selbst rausgefunden, welchen Wert Mathematik, Statistik und Empirie in der (Makro-)Ökonomie einzuräumen ist … nämlich (nahezu) gar keiner ;-)

    Antworten

    • 1. Mai 2008 um 14:17 Uhr
    • Wi-Ing-030
  5. 5.

    Auf Seite 3 unter Punkt 16 heißt es: “The world economy will not get by with some well-timed anti-cyclical policies.”

    Sollte das vielleicht “without” heißen? Oder ist’s so richtig, und gemeint ist, dass es selbst *mit* Konjunkturpaketen kräftig knallen wird?

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    • 1. Mai 2008 um 14:47 Uhr
    • taurus
  6. 6.

    @ taurus

    So ist es – auch Konjunkturprogramme haben in der jetzigen Lage nur begrenzten Wert, auch wenn sie unverzichtbar sind. Schuldenabbau und Gesundung der Bilanzen haben vorerst in den USA Priorität.

    Grüße, DW

    Antworten

    • 1. Mai 2008 um 16:15 Uhr
    • Dieter Wermuth
  7. 7.

    @DW

    Gute Analyse, stimme in fast allen Punkten zu, mit Ausnahme der EU-Banken, für die ich bis auf weiteres weniger optimistisch bin, und des Dollars, der meiner Ansicht nach langfristig nur steigen kann. Insbesondere aus den fundamentalen Makrogründen, die Sie selbst anführen.

    Dass die Eurozone auseinanderbrechen könnte, halte ich für so gut wie ausgeschlossen. Allerdings werden es die EU-Regierungen in einer heftigen Rezession deutlich schwerer haben, als ihre US Kollegen, gegenzusteuern. Die Töne, die aus Italien, Spanien, Frankreich (und vielleicht auch Deutschland) zu hören sein werden, könnten etwas schriller ausfallen, als bisher.

    Alles andere wie gehabt. L-shaped Recession muss zwar nicht sein, aber das “U” wird vermutlich ähnlich krakelig aussehen, wie in den anfänglichen Schreibübungen meiner 2-jährigen Tochter …

    Antworten

  8. 8.

    @Wermuth #6

    Den Kommentar verstehe ich wiederum nicht. Dass die FED alleine nicht gegensteuern kann, ist doch offensichtlich und war (und das hat jetzt gar nichts mit “benefit of hindsight” zu tun) auch überhaupt nicht anders zu erwarten.

    Die 64Tsd Dollar-Frage lautet doch, das schrieben Sie ja selbst in ihrer Analyse, wie die USA ihrer aggregierten Binnennachfrage auf die Sprünge helfen wollen, wenn die Kacke mal so richtig zum dampfen kommt.

    Und wenn wir mal kurz in das GDP der Amis reinsehen, dann werden uns schlagartig 2,6 Billionen Staatlicher Konsum, aber nur 2,1 Billionen private Investitionen ins Auge stechen. Wer also sonst ausser der Regierung kann bei einer solchen Konstellation überhaupt was ausrichten? – Niemand, das ist die supersimple Antwort. Zumal mittlerweile ein Großteil der Gewinne der US Unternehmen (nicht der aus dem GDP, sondern der berichteten) nicht in USA erwirtschaftet wird, sondern in Übersee. Es gäbe besteht daher ein hohes Risiko, dass die US Investitionen weiter sinken, weil die multinationalen Unternehmen in der Krise nicht zuhause sondern im Ausland investieren.

    Ich bin daher zu 100% überzeugt, dass wir, falls die düsteren Rezessionsprognosen für die USA eintreten, fiskalische Programme sehen werden, bei denen uns Hören und Sehen vergehen wird. Diese läppischen 160Mrd aus den aktuellen “tax refunds” waren doch maximal eine Aufwärmübung. Wenn’s nötig wird, ziehen die Amis das mit 1 Billion durch, in extremis auch mit 2 Billionen. Da zweifle ich keine Sekunde daran. Zumal es uns ja ein gewisser Ben Bernanke bereits in seiner “Printing Press”-Rede angekündigt hat.

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  9. Kommentar zum Thema

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