Landesbanken: Endlich Nägel mit Köpfen machen!
Wie lange wollen Regierung, Sparkassen und Steuerzahler eigentlich noch zusehen, dass unser knappes – und zusehends knapperes – Geld in ein Fass ohne Boden, genannt Landesbanken, gekippt wird? Wo ist das Konzept, das dies rechtfertigen würde? Bei jeder Krise sind die Landesbanken mit verspielten Milliarden dabei, werden mit Steuermilliarden gerettet, derweil das Bildungssystem und die Infrastruktur den Bach runter gehen. Wir sollten was für die Zukunft unserer Gesellschaft, ihre Wettbewerbsfähigkeit und für die Umwelt tun, statt unfähige oder, besser gesagt, orientierungslose, mit Politikern eng verbandelte Banker unseren Überschuss in der Kapitalbilanz in wertlose US-Immobilien und obskure “Wertpapiere” stecken zu lassen. Unsere alternde Gesellschaft braucht ausländisches Vermögen, nicht ausländischen Schrott.
Wenn der deutsche Bankensektor, vorneweg die Landesbanken, gefolgt von der Hypo Real Estate und der Commerzbank/Dresdner Bank, gerettet werden muss, was leider unumgänglich ist, weil wir ja nicht in die Tauschwirtschaft zurückfallen wollen, fehlt das Geld für die unbedingt erforderliche Stimulierung der Nachfrage. Mein Kollege Lucas Zeise hat in seiner FT Deutschland-Kolumne gerade darauf hingewiesen. Die Output-Lücke, die Differenz zwischen dem, was tatsächlich produziert wird, und dem, was bei Normalauslastung produziert werden könnte, dürfte sich gegen Jahresende 2009 auf 9,4% belaufen. Das entspricht, auf das BIP eines vollen Jahres bezogen, einem Ausfall von rund 230 Mrd. Euro (Die Annahmen dabei sind, dass die Normalauslastung zuletzt im ersten Quartal 2008 erreicht wurde, das mittelfristiges Wachstum des realen BIP bei 1,5% p.a. liegt und der Rückgang des realen BIP vom ersten Quartal 2008 bis zum vierten Quartal 2009 insgesamt 7,0% beträgt). Dass sich das noch nicht in einer rasant steigenden Arbeitslosenzahl niedergeschlagen hat, ist dem bislang soliden sozialen Netz sowie der Tatsache zu verdanken, dass sich Krisen erst mit zeitlicher Verzögerung am Arbeitsmarkt bemerkbar machen.
Das ist die Größenordnung, über die wir reden müssen, wenn wir ein Desaster verhindern wollen, über die wir aber wegen der teuren Rettungsaktionen für die Banken nicht reden können, auch nicht ansatzweise. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Staat die Outputlücke gar nicht komplett füllen kann, auch wenn er wollte, weil sich die Struktur seiner Nachfrage und seiner Einnahmen stark von der des privaten Sektors unterscheidet (sorry, wenn ich langweile: habe das in diesem Blog schon ein paar mal gesagt). Er müsste also noch mehr als jene 230 Mrd. Euro pro Jahr in Bewegung setzen, wenn die Konjunktur stabilisiert werden soll.
Die Bankensanierung muss daher so rasch, so gründlich und so kostengünstig wie möglich über die Bühne gebracht werden. Dazu gehört, dass die Landesbanken endlich fusionieren und dann abgewickelt oder stark eingedampft werden, vielleicht auf ein Zehntel ihrer jetzigen Größe. Wann, wenn nicht jetzt, soll denn dieser marode Sektor saniert werden? Der Bund sollte nur noch Geld herausrücken, wenn sie sich dazu bereit finden. Alle faulen Aktiva müssen zu realistischen, also marktnahen Preisen auf eine Bad Bank übertragen werden. Das ist eine Zweckgesellschaft, deren Aufgabe es ist, im Laufe der Jahre an Werten zu realisieren, was sich realisieren lässt. In Schweden hatte sich das in den neunziger Jahren als profitabel herausgestellt – weil Notverkäufe vermieden wurden und sich der Markt nach einiger Zeit erholte.
Die aus den fusionierten Landesbanken entstandene Rumpfbank, nennen wir sie Deutsche Länderbank, deren neuer Großaktionär der Bund wäre, neben den Ländern und (vorübergehend) den Sparkassen, müsste in Höhe der Verluste (von 100 Mrd. Euro oder mehr) rekapitalisiert werden, was die Schulden des Bundes, der Länder oder Sparkassen stark in die Höhe treiben wird. Aber das ist ohnehin unvermeidlich. Der Bund muss das neue Management bestimmen, ihm einen klaren Förderauftrag geben (die Bank zudem in einem Aufwasch mit der KfW fusionieren) und dafür sorgen, dass im Aufsichtsrat nur ausgewiesene Fachleute sitzen, also keine Politiker, einschließlich Staatssekretären, auch wenn sie Diplome in Wirtschaftswissenschaft besitzen. No jobs for the boys!
Die Hypo Real Estate wird bereits verstaatlicht – die Commerzbank sollte in Kürze folgen, und zwar spätestens dann, wenn sie beim nächsten Mal um Geld bittet. Die Verstaatlichung darf selbstverständlich nur vorübergehend sein. Nach der Bereinigung ihrer Bilanz und ihres Geschäftsmodells – was leider mit Entlassungen größeren Stils einhergehen wird – wäre sie zu veräußern, am besten an einen ausländischen Käufer, der bei der nächsten Krise keinen Anspruch auf Hilfe des deutschen Staates erhebt. Die Commerzbank ist kein national asset, und der Finanzsektor ist so oder so überdimensioniert, zerstört also aus volkswirtschaftlicher Sicht Ressourcen, die an anderer Stelle besser, das heißt wohlstandsmehrend, eingesetzt werden könnten. Was ist eigentlich die optimale Größe für eine Bank? Je größer heißt nicht desto besser. Übrigens ist das ein fundamentaler Fehlschluss, der im letztjährigen Finanzmarktgutachten der Fünf “Weisen” gezogen wurde.
Ein Thema, über das zu diskutieren sein wird, ist übrigens, warum nur die Steuerzahler, die Mitarbeiter und die Aktionäre bei diesen Bankensanierungen Opfer bringen müssen, nicht aber die Eigentümer der Bankschuldverschreibungen, beispielsweise die Versicherungen. Bei General Motors und Chrysler dürfte es sogenannte debt-equity-swaps geben – dabei werden Verbindlichkeiten eines Unternehmens in Eigenkapital umgewandelt -, was nichts anderes bedeutet, dass auch die Bondholders bei den Rettungsaktionen mitwirken. Warum soll es nicht auch bei unseren Banken auf der Passivseite der Bilanzen “haircuts” geben? Nicht alle Passiva der betroffenen Banken bestehen aus (sakrosankten) Pfandbriefen.
Insgesamt ist politischer Mut gefordert. Allerdings nicht besonders viel, denn ich denke, dass sich die Öffentlichkeit augenblicklich dermaßen über die Banken ärgert, dass der Widerstand gegen die Sanierung und nachhaltige Schrumpfung des Sektors geringer sein dürfte, als die Regierung befürchtet. Nutzen wir die Chance und schaffen Raum für das, auf was es vor allem ankommt: zukunftssichere Arbeitsplätze.
lemming @ 95
Sorry, wenn ich am Anfang etwas verwirrend erscheine.
Ich habe leider „situationsabhängigen Maßstab“ und nicht – wie Sie geschrieben haben –„situationsunabhängigen Maßstab“ gelesen.
Hoffe, dass meine Darlegungen mit diesem Hinweis verständlich werden.
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@dtischer
Nein, keine Sorge: Es war nicht verwirrend, ich glaube, ich habe Sie schon verstanden. Es ist ja auch nicht so, dass ich, was Sie meinen, für irgendwie unrichtig, geschweige denn unlogisch hielte. Deswegen habe ich von einer “Aporie” gesprochen, das haben Sie ja auch so verstanden. Der Dissens zwischen uns besteht lediglich darin, welche Rolle wir der Rationalität zusprechen und in welchen Kontexten.
Und das sehe ich eben anders, wobei ich finde, dass zu meinen Gunsten spricht, dass ich nicht auf angenommene Standards oder Moralvorstellungen zurückgreife.
Diese Leute sind von der Ausbildung und ihrem Werdegang her auf Rationalität angelegt.
Das eben sehe ich anders. Sie sind von Ausbildung und Werdegang auf ERFOLG angelegt, würden sie es auf Rationalität abgesehen haben, sollten sie in der Tat besser Mathematik oder Logik betreiben.
Die Frage wäre also: Gibt es eine positive Korrelation zwischen Rationalität und Erfolg? Und: wie definieren diese Leute “Erfolg”? Als persönlichen oder als den ihres Auftraggebers?
Das praktische Verhalten des Managements kann hinsichtlich des letzten Punktes eigentlich keinen Zweifel mehr lassen. Sobald diese beiden Erfolgskriterien nicht mehr übereinstimmen, sollte sich das Unternehmen von diesem Manager trennen. Nur: wie erkennt das Unternehmen das? Einen Einfluß auf die persönliche Erfolgsstrategie des Managers hat das Unternehmen jedenfalls nicht.
Ein weites Feld von Unsicherheiten, und damit auch Unrationalitäten nach Ihrem Verständnis…
Wenn nach ihrer Einschätzung ein bestimmtes Ziel nur mit einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit zu erreichen ist oder wenn – selbst bei einer als akzeptabel eingeschätzten Wahrscheinlichkeit des Erreichens – die Folgeschäden eines Scheiterns nicht tragbar erscheinen, werden sie ihr Ziel ändern.
Ersetzen Sie mal “Wahrscheinlichkeit” durch “Risiko”. Dann stellen Sie zunächst mal fest, dass Risiko die dominierende, praktisch allein relevante Form von Wahrscheinlichkeit ist.
Und hier kommt es eben auf BEIDE Seiten des möglichen Resultats an: Das Risiko mag sehr hoch sein, wenn aber der im Erfolgsfall eintretende Gewinn ausgesprochen hoch ist, der Verlust andernfalls aber nicht persönlich (allenfalls als goldener Fallschirm) ins Gewicht fällt, sondern dem Unternehmen zur Last – dann wäre es aus der Sicht des Akteurs gar nicht “irrational”, auch hohe Risiken zu gehen.
(Das erklärt übrigens auch Ihr Schlüsselerlebnis mit dem Bankfilialleiter: Chancen und Risiken waren ungleich verteilt.)
Ihre Schlussfolgerung ist falsch.
Hinterher weiß man, ob man Erfolg hatte oder nicht. Und selbstverständlich können rationale Entscheidungen mit Blick auf das Ergebnis falsche Entscheidungen gewesen sein.
Warum ziehen Sie nicht einfach den naheliegenden zweiten Schluss?: Dass nämlich irrationale Entscheidungen mit Blick auf das Ergebnis RICHTIGE Entscheidungen gewesen sein können? Hier sind wir in des Pudels, aka Aporie, Kern!
Natürlich gibt es Leute, die halten sich für die Größten, weil sie Erfolg gehabt haben.
Darauf kommt es aber nicht an.
Doch, darauf kommt es an. In der Wirtschaft kommt es sogar NUR darauf an.
So werden das die meisten erfolgreichen Leute sehen, wenn sie selbstkritisch und ehrlich sind.
Mag sein und ist aller Ehren wert. Aber darauf kommt es eben NICHT an… sondern auf den Erfolg, egal wie.
Ich könnte meine Punkte dadurch entschärfen, dass die Abweichung von der normalen Rationalität, die Sie meinen, dadurch bewirkt wird, dass Risiken zulasten anderer eingegangen werden können, es also an der Gestaltung der manageriellen Verhältnisse liegt, aber das will ich gar nicht, weil ich meine, dass der Punkt tatsächlich tiefer liegt. Wirtschaft ist nicht Wissenschaft.
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@ lemming
>Der Dissens zwischen uns besteht lediglich darin, welche Rolle wir der Rationalität zusprechen und in welchen Kontexten.>
Ich glaube, dass wir unterschiedliche Konzepte mit „Rationalität“ verbinden.
Sie sagen in # 95:
„Rational handeln heisst nichts anderes, als seine Ziele zu erreichen.“
Das heißt meiner Lesart nach entweder
a) Rational hat der gehandelt, der sein Ziele erreicht hat
oder
b) Rational handelt der, der will (erkennbar tut), was er zu wollen vorgibt (seine Ziele zu erreichen)
Dagegen meine ich:
Rational handeln heißt nichts anderes, als das Ziel optimal zu erreichen versuchen. Demnach misst sich rational handeln daran, ob der eingeschlagene Weg angemessenen Kriterien zufolge der bestmögliche Weg zur Zielerreichung ist. Es ist eine Bewertung des WIE von Handeln.
So ist es beispielsweise irrational, mit Lottospielen Millionär werden zu wollen.
So kann es beispielsweis rational sein, mit Lottospielen einen Spannungszustand wie bei der Ziehung der Lottozahlen erreichen zu wollen.
Ihr a) ist mit meiner Auffassung nicht vereinbar, weil ich die Zielerreichung nicht nur in Abhängigkeit vom WIE des Handelns sehe. Es kann ja Faktoren außerhalb der Einflusssphäre des Handelnden geben (auf die allein sich „rationales Handeln“ beziehen kann), die für die Zielerreichung maßgebend sind.
Ich habe daher kein Problem mit Ihrer Frage:
>Warum ziehen Sie nicht einfach den naheliegenden zweiten Schluss?: Dass nämlich irrationale Entscheidungen mit Blick auf das Ergebnis RICHTIGE Entscheidungen gewesen sein können?>
Selbstverständlich können irrationale Entscheidungen die richtigen Entscheidungen gewesen sein, d. h. Zielerreichung herbeigeführt haben – aber sie waren DENNOCH irrational.
Ihr b) sagt über rationales Handeln in meinem Sinne nichts aus.
Wenn Sie mir zugestehen, dass ich mit meiner Auffassung lediglich ein – in vielen Fällen – signifikantes Charakteristikum von Handeln feststellen will, bin ich schon zufrieden.
Eine solche Feststellung zu Handeln bleibt auch dann nützlich, wenn es in der Wirtschaft tatsächlich nur auf den Erfolg ankommen sollte.
Und natürlich wird die Wirtschaft nicht Wissenschaft, wenn die Frage nach rationalem Handeln im Rahmen komplexer Situationsanalysen und vielfältiger Handlungsalternativen zu wissenschaftlichen Fallstudien hochgestylt wird.
Ich greife übrigens nicht auf Moralvorstellungen zurück.
Sie spielen keine Rolle.
Mit meiner Auffassung ließe sich wohl auch feststellen, was bei einer gegebenen Ausgangssituation und mit Blick auf bestimmte Ziele für die Camorra rationales Handeln heißen könnte – beispielsweise unter den Alternativen erpressen, bestechen, ermorden.
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@ lemming #98
“Das Risiko mag sehr hoch sein, wenn aber der im Erfolgsfall eintretende Gewinn ausgesprochen hoch ist, der Verlust andernfalls aber nicht [...] persönlich ins Gewicht fällt, sondern dem Unternehmen zur Last – dann wäre es aus der Sicht des Akteurs gar nicht ‘irrational’, auch hohe Risiken zu gehen.”
Wichtiger Punkt, der m.E. über die aktuellen Bankturbulenzen hinaus ein strukturelles Problem des modernen “institutionellen Kapitalismus” (begriffliche Anleihe bei Paul Windolf) beschreibt: Die Trennung von Eigentums- und Verfügungsrechten. Der Eigentümer (Aktionär) hat in Kapitalgesellschaften zwar nach wie vor Anspruch auf die Usus-Fructus-Rechte (Dividende), er ist jedoch nahezu vollständig von den unternehmerischen Entscheidungen abgetrennt und somit seiner Kontrollrechte enthoben. “Separation of power and profits” ist ein Ausdruck dafür. Nun sind die Eigentümer in einem konkreten Unternehmen häufig andere Unternehmen (oder etwa Fonds), aber in deren Binnenperspektive stellt sich das Problem der Trennung von Eigentums- und Verfügungsrechten erneut. Reale Macht in Unternehmen erscheint somit überwiegend nicht mehr als durch Eigentumstitel legitimierte Macht, sondern als bürokratische Positionsmacht einer netzwerkartig auch jenseits des konkreten Unternehmens verflochtenen Managerkaste. Niall Ferguson prägte in der “Financial Times” nach dem Enron-Skandal mal den Ausdruck “CEOcracy”. Seitens der Mitglieder dieser Schicht bestehen natürlich enorme Anreize zur Umleitung des Cash-flows in die eigenen Taschen, zur Schmälerung also auch der Usus-Fructus-Rechte der formalen Eigentümer. Der bekennende Antikommunist Ferguson ging sogar soweit, einen neuen Klassen-Antagonismus zwischen Kapitaleignern und CEOkraten anzunehmen und in diesem eine ernsthafte Bedrohung für die Funktionalität kapitalistischer Wirtschaftsordnungen überhaupt zu sehen.
Es handelt sich dabei ja letzlich um einen klassischen Principal-Agent-Konflikt (wie er durchaus auch Eingang in die mathematischen Modelle institutionalistischer Ökonomen findet.) Nur dass das Problem jetzt möglicherweise nicht mehr nur auf der Ebene einzelner Unternehmen virulent wird, sondern auch auf einer systemischen Ebene. Der häufig irgendwo auftauchende diffuse Begriff der “Kapitalinteressen” dürfte eher dazu führen, diese für die Analyse wichtige Trennung zu verdecken.
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