So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Inflation ist gut für die Demokratie

Von 3. März 2010 um 08:40 Uhr

Es war ja nicht anders zu erwarten. Der Vorschlag des Internationalen Währungsfonds, die Zentralbanken sollten künftig eine höhere Teuerungsrate tolerieren, kommt in Deutschland, dem Land der Inflationsneurotiker, gar nicht gut an. Für Bundesbankpräsident Axel Weber spielt der IWF mit dem Feuer, Jürgen Stark is not amused und mein Kollege Henrik Müller meint gar, Inflation zerstöre die Demokratie.

Ich glaube, das Gegenteil ist richtig: Zu wenig Inflation zerstört die Demokratie.

Robert von Heusinger hat an dieser Stelle gestern auf die wissenschaftstheoretischen Implikationen des IWF-Papiers hingewiesen, mir geht es hier nur um die Inflation.

Zunächst ein kleiner Grundkurs in Geschichte: Nicht die Hyperinflation Anfang der zwanziger Jahre hat Hitler an die Macht gebracht, sondern die deflationäre große Depression Ende der zwanziger Jahre. Damals gab es zu wenig Inflation, nicht zu viel – und wenn die Zentralbanken ordentlich Geld gedruckt hätten, wäre die Geschichte vielleicht anders verlaufen.

Nicht ganz richtig ist übrigens auch die oft wiederholte aber selten nachgeprüfte These, wonach eine Inflation vor allem den kleinen Leuten schadet. Die Bezieher von Lohneinkommen kommen in der Regel ganz gut weg (weil die Löhne zumeist mit der Inflation steigen), die Vermögen aber lösen sich in Luft auf. Umfassende wissenschaftliche Analysen wie die der Wirtschaftshistorikers Carl-Ludwig Holtfrerich bestätigen diese theoretische Vermutung. Sie zeigen, dass nicht die mittleren und kleinen, sondern die ganz großen Einkommen und Vermögen vernichtet wurden. Die Einkommen in Deutschland waren 1928 wesentlich gleichmäßiger verteilt als 1913!

Keine Frage: Die Hyperinflation war schlimm, aber es gibt schlimmeres. Und Blanchard et. al. haben auch keine Hyperinflation vorgeschlagen. Sie dachten nur zart darüber nach, ob das Inflationsziel von unter zwei Prozent, dass die Europäische Zentralbank derzeit verfolgt, auch wirklich so sinnvoll ist. Und daran muss man in der Tat zweifeln. In den fünfziger und sechziger Jahren jedenfalls lag die Inflationsrate in Deutschland jedenfalls fast immer über zwei Prozent. 1951 hatten wir 7,5 Prozent.

Zur Erinnerung: Das war die Zeit des Wirtschaftswunders. Nie wieder ging es uns so gut wie damals. Richtig heruntergeprügelt wurde die Inflation Mitte der neunziger Jahre. Damals ging es mit Deutschland bergab. Ich will hier nicht so weit gehen, eine Korrelation zwischen Wachstum und Inflation zu postulieren – aber das Argument, dass drei, vier oder fünf Prozent gefährlich sind, ist durch nichts belegt.

Kommen wir zum letzen Argument der IWF-Kritiker. Wer glaube, die Inflation lasse sich beliebig steuern, so sagen sie, der unterliege einem Machbarkeitswahn. Meine Erfahrung mit solchen Debattenbeiträgen (und ich habe in Freiburg studiert, where institutions do matter): Wenn Ökonomen die inhaltlichen Argumente ausgehen, weichen sie auf die politische Ökonomie aus (da wiederum wirken ihre Theorien gegenüber denen der Soziologen naiv). Gerade in der konservativen Ecke ist das eine populäre Strategie – mich überzeugt sie nicht.

Eine Zentralbank, die die Inflation bei zwei Prozent stabilisieren kann, kann sie auch bei vier Prozent stabilisieren. Wenn nicht, hat eben das Management versagt und wird ausgetauscht! Wir schicken Raketen zum Mond, da werden die Herren Notenbanker wohl doch die richtige Dosis Inflation hinbekommen.

Inflation ist keine Gefahr, sondern eine Chance – gerade in Europa: Denn Wenn die EZB wirklich die Teuerungsrate um jeden Preis unter zwei Prozent halten will, möchte ich sehen, wie die Anpassung der Ungleichgewichte funktionieren soll.

Diese bestehen ja darin, dass die Deutschen Lohnstückkosten deutlich langsamer gestiegen sind als sagen wie die griechischen. Grob gesagt müssen also die griechischen Löhne runter und die deutschen rauf.

Wenn die Inflationsrate im Euro-Raum insgesamt nicht steigen darf, müssten Griechenland und andere ihre Löhne durch die Bank nominal kürzen, um das Ziel zu erreichen. Das würde Deflation in ganz Südeuropa bedeuten. Viel Spaß dabei.

Wenn die Notenbank mehr Spielraum zulassen würde, dann würde die Inflation die Senkung der realen Löhne ganz automatisch und ohne Kürzungen bewerkstelligen (natürlich müssten die Gewerkschaften anders als in den zwanziger Jahren den Reallohnverzicht akzeptieren. Das ist nicht leicht, aber immer noch leichter als ein nominaler Lohnverzicht).

Es ist genau andersherum als Weber und seine Mitstreiter meinen: Wer in Krisenzeiten rigide Inflationsziele durchsetzen will, der gefährdet die Demokratie – und die Einheit Europas.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    eine in grenzen gehaltene inflation wird die schmerzloseste entwertung der jüngst aufgenommenen schulden sein. ist für uns alle unangenehm, die zeche für unverantwortungsvolles handeln und schlechte politik zu zahlen, aber ich gebe ihnen recht, wir brauchen inflation. bei deflation bringt uns die steigende staatsverschuldung um so sicherer um.
    für ihren beitrag prophezeihe ich ihnen allerdings bei diesem thema mindestens 84,55 kontroverse beiträge…. ;=) gruß jörg zehrfeld

  2. 2.

    @ Schieritz

    Volle Zustimmung, nur kurz was zur Hyperinflation: Holtfrerich schreibt in seinem Buch auch, dass die Hyperinflation besonders zur Verarmung der Intellektuellen geführt hat, die sich über Vermögen finanziert haben. Das war ja bekanntlich weg nach der Inflation.

    Meine (allerdings noch nicht überprüfte) These: Die Intellektuellen und Rentiers fanden die Weimarer Republik danach nicht mehr so toll – so dass es aus Bürgertum und von Intellektuellen keine gedankliche Unterstützung mehr gab.

    Ich könnte mir vorstellen, die weitgehend fehlende Opposition der Universitäten etc. gegen die Nazis könnte darin begründet sein.

    Die Deflation der 30er hat dann auch noch die Arbeiter gegen Weimar aufgebracht. So hatte die Wirtschaftspolitik der Weimarer Regierungen alle wesentlichen Bevölkerungsschichten gegen sich aufgebracht.

    Grüße,

    Fabian Lindner

    • 3. März 2010 um 10:02 Uhr
    • Fabian Lindner
  3. 3.

    Ob Inflation nun wirklich gut für die Demokratie ist, sei mal dahingestellt, ein Problem bei höherer Inflation wäre aber zweifellos die Anpassung der Nominallöhne (und Transfers) an die gestiegene Inflation. Die Gewerkschaften haben schon heute massive Probleme, ihre Forderungen auf Lohnausgleich durchzusetzen, insbesondere in einer Rezession, da wäre eine noch höhere Inflation nicht unbedingt hilfreich. Transferleistungen werden noch seltener und zaghafter an die Inflation angepasst als die Löhne, eine höhere Inflation würde also doch zuerst die Bedürftigen treffen, wir sprechen hier ja nicht von einer geplanten Hyperinflation.

    Außerdem argumentiert Blanchard nicht direkt mit einer möglichen Erhöhung der Nachfrage, sondern mit der Gefahr einer Nominalzinsfalle, was aber allenfalls in Ausnahmesituationen eine Rolle spielen dürfte, es sei denn, der IWF rechnet ab sofort mit einer Häufung globaler Wirtschaftskrisen. Das wäre mir dann doch etwas zu pessimistisch.

    • 3. März 2010 um 10:05 Uhr
    • Ludwig
  4. 4.

    Und wie hat sich die Einkommensverteilung durch die Inflation in den 70ern geaendert?
    Das Argument, dass Inflation auch grossen Geldvermoegen nicht schadet haengt ja damit zusammen, dass bei hoeherer Inflation eben auch einfach hoehere Zinsen verlangt werden. Eine Hyperinflation bzw. Waehrungsreform laesst aber keinen Raum dafuer. 10% Inflation wie in den 70ern sehr wohl. Zudem mag es ein wenig dauern, bis sich die hoehere Inflation auch in hoeherer Inflationserwartungen widerspiegelt. Am Anfang moegen grosse Vermoegen also in der Tat schrumpfen, aber wie sieht es ueber einen laengeren Zeitraum aus bei stabil hoeherer Inflation (und in der Tat, es IST schwieriger eine hoehere Inflation stabil zu halten, die Inflation war auch in den 50ern nicht immer zwischen 7% und 8%)?

    Eine empirische Heransgehensweise auf der Basis der BRD ergibt wenig Sinn, da voellig andere Einfluesse domonieren, wie z.B. Wiederaufbau mit entsprechend hoher Nachfrage nach manueller Arbeit im Bau (+ Deutschland war nach dem Krieg ein Niedriglohnland wie heute China), in den 70ern ein massiver Ausbau des Sozialstaates, spaeter die Wiedervereinigung und die zunehmende Globalisierung.

    Ein weiterer wichtiger Punkt natuerlich die Frage der Rentenfinanzierung. Solange die Rente ueberwiegend durch eine Form von Generationenvertrag finanziert wird, ist Inflation fuer die Rentner schlicht irrelevant. Bei Finanzierung der Rente durch Lebensversicherungen, und zudem stark erhoehter Zeit als Rentner, trifft die hoehere Inflation durchaus die Mittelschicht. Fuer die Unterschicht duerfte die Inflation ziemlich Wurscht sein, aber ich kann auch keine grossen Vorteile einer hohen Inflation erkennen.

    Wie soll man die Ungleichgewichte abbauen? Man sollte sich einfach mal Zeit lassen, das Staatsdefizit in den Ueberschusslaendern ordentlich ausweiten, die Zentralbank im Sekundaermarkt Staatsanleihen aufkaufen lassen (das fuehrt bei der derzeitigen Kapazitaetsauslastung ja wohl kaum zu Inflation, siehe Japan), eine Steuerreform, die Familien mit Kindern entlastet etc.
    Das Problem ist derzeit auch, dass wir nicht mal die 2% Inflation haben, sondern bei fast 0% rumkrebsen. Durch “Geld drucken” sollte es aber immer moeglich sein, die Inflation zu steigern. 2% ist genug.

    • 3. März 2010 um 10:15 Uhr
    • Ich
  5. 5.

    Der Artikel widerspricht sich eklatant selbst.

    ” Die Bezieher von Lohneinkommen kommen in der Regel ganz gut weg (weil die Löhne zumeist mit der Inflation steigen”

    und

    “Wenn die Notenbank mehr Spielraum zulassen würde, dann würde die Inflation die Senkung der realen Löhne ganz automatisch und ohne Kürzungen bewerkstelligen (natürlich müssten die Gewerkschaften anders als in den zwanziger Jahren den Reallohnverzicht akzeptieren. Das ist nicht leicht, aber immer noch leichter als ein nominaler Lohnverzicht)”

    Was sie betreiben ist auch nur die von Ihnen kritisierte “politische Ökonomie”. Sie wollen die politischen Institutionen von ihrer Verpflichtung freisprechen, die z.B. in Griechenland notwendigen Lohnkürzungen zu begründen und durchzusetzen.

    Sie sollten zunächst einmal erklären, was Sie mit Inflation meinen : Aufblähung der Geldmenge oder eine Lohn/Preisspirale ?
    Ersteres würde vielleicht zu einer Schulden- und Vermögensentwertung führen, die aber von den kleineren und mittleren Einkommen durch Kaufkraftverluste getragen werden müssten. Käme anschließend Ihr zweites Argument zum Tragen, hätten wir die Lohn/Preisspirale, die nicht mehr von der EZB kontrolliert werden könnte. Und anschließend müsste den Arbeitnehmern in Ländern wie Griechenland erklärt werden, dass sie, anders als in Deutschland, keine steigenden Löhne als Inflationsausgleich erhalten.

    Am Ende wäre ganz Euroland in seiner Wettbewerbsfähigkeit zurück gefalle, ohne dass sich die Wettbewerbsbedingungen der Euroländer untereinander verändert hätten.

    ” die Vermögen aber lösen sich in Luft auf”
    Der Satz ist falsch! Richtig muss es heißen : die Geldvermögen aber lösen sich in Luft auf!
    Große Vermögen bestehen aber in der Regel zu großen Teilen aus Sachvermögen. Die Vermögen gerade der kleinen und mittleren Einkommensbezieher bestehen aber vorwiegend aus Geldforderungen (Kapitalversicherungen, Bankguthaben, Rentenfonds etc.). Besonders in Deutschland mit seiner traditionell niedrigen Eigenheimquote. Aber gerade in D müsste ja nach ihrer Logik eine Lohn-/Preisspirale in Gang gesetzt werden, die besonders Geldvermögen entwertet.

    Es ist innnerhalb eines Währungsraumes mit unterschiedlichen Ländern gar nicht möglich, Wirtschafts- oder Verschuldungsprobleme über die Geldpolitik zu lösen.

    • 3. März 2010 um 10:26 Uhr
    • H.K.Kammersen
  6. 6.

    Und Ketchup ist schlecht fuer den Haarwuchs!
    Oder die konsequente Anwendung des Washington Consensus in Schwellenlaendern hat nach der Asienkrise die Welt gerettet und den Amerikanern das Beschei…. ermoeglicht.
    Oder Griechenland hat ein Problem, denn Kalifornien (acht groesste Volkswirtschaft) war schon pleite.

    Das Oekonomen spekulieren waere ok, wenn sie ihre Spekulationen und Glaubensaetze (=Nichtwissen) als solche kennzeichnen wuerden. (Was Sie in ihrem 2.Absatz fairerweise tun).
    Siehe auch Beipackzettel der Banken.
    Wohin Politikberatung, die auf Spekulationen und Nichtwissen beruht, fuehrt, haben wir nach fast 30 Jahren neoliberaler Indoktrination auf allen Ebenen vor Augen. Da hilft der Hinweis auf die prominente Freiburger Schule auch nicht weiter. Sie macht eher skeptisch.

    Sapere Aude!

    Georg Trappe

    P.S.: Gegenvorschlag an Blanchard. Zinsen / Inflation werden nicht mehr in Prozent ausgewiesen sondern in Promille. Der gefuerchtete “lower bound” ist damit visuell um eine ganze Dezimalstelle weiter weg gerueckt. Psychologisch sicherlich der Hit. Waere doch was oder?

    • 3. März 2010 um 10:32 Uhr
    • GeorgT
  7. 7.

    @Schieritz
    Gut daß Sie nichts zu sagen haben!
    Im SPIEGEL stand übrigens ein durchdachterer Artikel
    spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,681172,00.html

    • 3. März 2010 um 11:16 Uhr
    • achimvr
  8. 8.

    Genau, Herr Schieritz, und um auch wirklich die vollen Konsequenzen aus Ihrer gesamten Denkweise zu ziehen, steigern wir natürlich zunächst die Staatsverschuldung auf 200% des BIP und die Gesamtverschuldung der Volkswirtschaft auf 500% des BIP (Japan lässt grüßen) – denn ordentlich Schulden machen wollen Sie ja auch immer – und dann machen wir eine hübsche Inflation von 10% / Jahr mit Kapitalmarktzinsen am langen Ende von 12 bis 15%! Wird bestimmt richtig super werden.

    Mal davon abgesehen: Die Notenbanken allein können überhaupt keine Inflation erzeugen, da können sie “Geld drucken”, so viel sie wollen. Schauen Sie sich mal die flow of funds Daten der FED an – in einigen Tagen kommen die Zahlen zum Q4. Wird alles weiter nach Deflation aussehen, trotz extremer Ausweitung der Notenbankgeldmenge. So ist das eben mit der Überschuldung: Private Überschuldung führt in die Deflation und Überschuldung der Staaten führt in letzter Konsequenz zum Zusammenbruch der Währung. Wir wechseln gerade weltweit von Modus 1 (in dem waren wir jetzt gute 20 Jahre) in den Modus 2 (da fangen wir zum Glück ja nicht bei Null an). Von daher läuft doch eh alles in die in diesem Blog gewünschte Richtung des totalen Desasters durch Überforderung auch des letzten Schuldners – nur für Sie hier wohl nicht schnell genug. Können Sie nicht die 10 Jahre noch warten? :-)

    • 3. März 2010 um 11:30 Uhr
    • SLGramann
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)