So funktioniert Kapitalismus

Jean-Claude Juncker will nicht hartzen

Von 17. August 2010 um 14:54 Uhr

Jean-Claude Juncker ist Premierminister von Luxemburg und Vorsitzender der Gruppe der Euro-Finanzminister. Die hohe Kunst der Diplomatie gehört nicht unbedingt zu seinen Stärken. Das Luxemburger Wort berichtet:

“Den Weg, wie Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit verbessert hat, würde ich in unserem Land nicht gerne gehen”, sagte Juncker unverblümt und warf der Bundesregierung ganz offen “Lohn- und Sozialdumping” vor.

Und weiter:

Während die deutschen Arbeitnehmer seit Beginn der Währungsunion 1999 bis heute mit einer schmalen Lohnsteigerung von zwölf Prozent vorlieb nehmen mussten, konnten sich die Luxemburger über 41 Prozent mehr Geld freuen. Wenn man die Inflation mit einbezieht, so Juncker, “hat sich das Realeinkommen der deutschen Arbeitnehmer verschlechtert”. Schuld daran seien unter anderem die Hartz-Reformen, die “ganze Teile der Bevölkerung in den Niedriglohnsektor hinabgedrückt” hätten. “Millionen Menschen in Deutschland verdienen weniger als 700 Euro im Monat”, regt sich Juncker auf.

“Europas oberster Finanzminister attackiert Hartz IV” – das ist doch mal eine Schlagzeile. Hallo, Ex-Kollegen von der Tagespresse, wo seid Ihr?

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Das finanzwirtschaftlich basierte Wirtschaftsmodell in Luxemburg kommt arg unter Druck, weshalb nun Probleme mit Arbeitslosigkeit auftauchen. Als Politiker wirft Juncker natürlich erst mal Dreck und Polemik auf andere, um vom Versagen der eigenen Politik abzulenken.
    Man könnte zurückpöbeln, wie Luxemburg als Steuerfluchtort sich auf Kosten des Gemeinwesens anderer Länder bereichert.

    Die Löhne im verarbeitenden Gewerbe sind in Deutschland (moderat) gestiegen. Die Senkung der Lohnstückkosten ergab sich schwerpunktmäßig durch Effizienzgewinne und Offshoring nach Osteuropa. Angesichts der im internationalen Vergleich sehr hohen Löhne und Lohnstückkosten im verarbeitenden Gewerbe ist der Vorwurf, durch Lohndumping die Wettbewerbsfähigkeit verbessert zu haben der reine Schwachsinn.

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    • 17. August 2010 um 15:10 Uhr
    • hk0815
  2. 2.

    Dei Behauptung “durch Lohndumping (in Deutschland) die Wettbewerbsfähigkeit verbessert zu haben(ist) der reine Schwachsinn.”

    Nein, dem war so. Es sollte nicht vergessen werden, die Arbeitslosigkeit manifestierte sich bei über 5 Millionen. Anstatt Lohnzurückhaltung und Harz IV hätte ich für die den unternen und mittelen Einkommen einen Sozialfreibetrag bevorzugt, der über die Mehrwertsteuer finanziert wird. Übrigens jeder der Vorschläge macht, wie endlich die Produktivitätssteigerung der letzten Jahre bei den Arbeitnehmern ankommt, sollte auch immer die Auswirkung auf die Arbeitslosigkeit im Auge haben.

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  3. 3.

    @hk0815
    Ach nun gab es gar keine (von der Bundesbank so gelobte) Lohnzurückhaltung? Die Reallöhne sinken nicht seit Jahren, 2007 sogar erstmals im Aufschwung?

    Fakt ist doch wohl, dass die deutsche Leistungsbilanz bei Euroeintritt wie auch in den Vorjahren fast ausgeglichen war und sich seitdem deutlich verbessert. Fakt ist ebenfalls, dass sowohl Nominal- wie Reallöhne seit Jahren nur wenig steigen und Fakt ist ebenso, dass in den Jahren seit Euroeinführung ein gigantischer Leistungsbilanzüberschuss aufgebaut wurde.

    Nun kann letzteres natürlich andere Ursachen haben, doch liegt es nahe, ausgehend von einer ausgeglichenen Leistungsbilanz und einer “Verbesserung” der relativen Lohnkostenposition darauf zu schließen, dass ein Leistungsbilanzüberschuss daraus resultiert. Ob die Stundenlöhne nun hoch sind oder nicht, spielt überhaupt keine Rolle.

    “Man könnte zurückpöbeln, wie Luxemburg als Steuerfluchtort sich auf Kosten des Gemeinwesens anderer Länder bereichert.”
    Stimmt, aber die eigenen Fehler werden durch die eines anderen nicht besser.

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    • 17. August 2010 um 15:45 Uhr
    • Thomas Müller
  4. 4.

    Die Löhne im verarbeitenden Gewerbe sind von hohem Niveau ausgehend (moderat) real gestiegen, das als Dumping zu bezeichnen, ist Polemik. Man muss das Lohnniveau mal disaggregieren. Ich kann nicht erkennen, wie die schwache Lohnentwicklung im Dienstleistungsbereich signifikant auf die Wettbewerbsfähigkeit eines Industriebetriebs wirken soll.

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    • 17. August 2010 um 17:00 Uhr
    • hk0815
  5. 5.

    Nein, es ist keine Polemik. Ausgehend von ausgeglichener Leistungsbilanz wurden seitdem steigende Überschüsse erzielt. Sicher haben Spanien u.a. auch dazu beigetragen, indem dort die Löhne zu stark gestiegen sind. Die Lohnentwicklung der Tariflöhne im verarbeitenden Gewerbe liegt bei etwas über 2% p.a., also knapp über Inflation. Zunehmen werden auch dort zudem Leiharbeitnehmer eingesetzt, die in der Statistik nicht dort auftauchen. Zudem sind natürlich auch die Löhne im Außenhandel, bei Spediteuren und allen anderen, die beteiligt sind, wichtig.

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    • 17. August 2010 um 17:24 Uhr
    • Thomas Müller
  6. 6.

    “Dumping” unterstellt es habe eine staatlich gesteuerte Lohnsenkungskampagne stattgefunden. Dabei haben Arbeitnehmer und Arbeitgeber lediglich auf Wettbewerbsdruck reagiert. Wenn dies in anderen anders war ist das nicht Deutschlands Problem.

    Was die Leistungsbilanz angeht so braucht man nicht nur–und nichtmal vorrangig–ein Argument fuer die Handelsbilanz sondern fuer die Kapitalbilanz. Aus starken Exporten wird ein Leistungsbilanzueberschuss schliesslich erst wenn die Exporterloese im Ausland (und nicht im Inland) investiert werden (schreibe ich zum 100sten mal, aber Voodoo ist halt hartnaeckig).

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    • 17. August 2010 um 21:47 Uhr
    • HKaspar
  7. 7.

    Lohn-Dumping oder Nicht-Lohn-Dumping, da scheint hier die Frage zu sein. Und was schreibt das “gelegentlich allzu österreichische” “Kapital” dazu?
    Ich lese das als Diagnose eines globalen Lohndumpings, oder etwa nicht?
    Es stellt sich natürlich trotzdem die Frage, wie eine mittelgroße Industrienation sich dem hätte ganz entziehen sollen. Hätte sie den Status einer Industrienation mit allem langfristigen Drum und Dran (Qualifikationsniveau, Ingenieure etc.) aufgeben sollen, um dem angelsächsisch-südeuropäischen Binnenwirtschaftsmodell (alias Pumpwirtschaft) zu frönen und noch mehr Kreditjongleure zu beschäftigen? Oder hätte sie Steuerflüchtlinge aus einem großen und vermögenden Nachbarland anlocken und dafür halbseidene Treuhänder ausbilden und beschäftigen sollen (das ÖstLiSchweiLu-Modell)?
    Dummerweise liegen beide Modelle, so verschieden sie auch sein mögen, mindestens ebenso in Trümmern wie das Modell einer beim Lohndumping mitmischenden Industrienation, wahrscheinlich aber mehr.
    Kann natürlich auch sein, dass das “Kapital” mit der Grundthese völlig daneben liegt. Jedenfalls wäre es sehr angenehm, wenn sich das Grande Finale der globalen Lohndumping-Ökonomie vermeiden ließe.

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    • 17. August 2010 um 22:16 Uhr
    • EuroOptimist
  8. 8.

    Dabei haben Arbeitnehmer und Arbeitgeber lediglich auf Wettbewerbsdruck reagiert.
    Klar, so muss es gewesen sein. Aber woher kommt eigentlich “Wettbewerbsdruck”? Doch wohl von den Erfolgreichen, den “Exportweltmeistern”.
    Oder ist etwa doch der Lohnsenkungswettbewerb als Profitmaximierungswettbewerb gemeint? Da kommt der Druck vom anderen Faktor, dem Kapital.

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    • 18. August 2010 um 08:33 Uhr
    • ceteris
  9. Kommentar zum Thema

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