So funktioniert Kapitalismus

Martin Wolf trifft den Nagel auf den Kopf

Von 1. September 2010 um 01:14 Uhr

Bekanntlich wird im Moment darüber diskutiert, ob nicht die Tatsache, dass Deutschland im Vergleich mit den USA relativ gut dasteht, ein Beweis dafür sei, dass fiskalische und monetäre Stimuli nicht wirkten. Bekanntlich habe ich hier wiederholt zu zeigen versucht, dass das deutsche Wachstum anders als es die Brünings unserer Zeit glauben machen wollen auf recht anständige Konjunkturprogramme hierzulande zurückzuführen ist.

Martin Wolf nimmt sich heute in der FT die Stimulus-Kritiker in den USA vor:

“A recent paper by Alan Blinder, former vice-chairman of the Fed, and Mark Zandi of Moody’s argues that such critics are wrong. They use a standard macro-economic model to assess what would have happened without any intervention, without the financial interventions (including monetary policy) and without the fiscal action. They conclude that the peak to trough decline in gross domestic product would have been close to 12 per cent with no policy response, compared to an actual decline of just 4 per cent.”

Ja, es ist schlimm. Aber ohne Bernanke & Co wäre es noch viel viel schlimmer und die Amerikaner könnten sich wohl nicht einmal Bustickets zu ihren Tea Partys leisten. Angesichts der misslichen Lage zu argumentieren, die Krisenpolitik würde nicht funktionieren, gleicht der Klage über die Wirkungslosigkeit eines Antibiotikums, das nicht vorschriftsmäßig eingenommen wird. Es gab nicht zuviel, sondern zu wenig Stimulus. Aber was ist mit der bösen bösen strukturellen Arbeitslosigkeit, die sich angeblich nicht durch Nachfrage ausmerzen lässt? Ja, was ist damit?

“My answer, from European experience, is that one way to ensure it becomes structural is to let it linger. In the short run, the simplest way to prevent that from happening is to expand demand and so output.”

Genau so sieht es aus. Das beste Mittel gegen den Verlust von Qualifikationen und soziale Verwahrlosung ist es, die Leute in Arbeit zu halten. Und Martin wird auf seine alten Tage sogar noch zum Kontinentaleuropäer.

“At the same time, the enthusiasm with which US managers laid off workers is also extraordinary. No doubt, some of this is due to the collapse in construction. But some of it must be due to the ease with which US companies can lay off workers and the incentives for managers to maintain profits in a downturn at the expense of jobs.”

Deutsche Ökonomen: Studiert diese Kolumne, bevor ihr dieses Land mit Euren Empfehlungen weiter zugrunde richten, auf dass es uns in ein paar Jahren genau so geht wie den Amerikanern heute.

Leser-Kommentare
  1. 9.

    @ Thomas Müller

    >Mein Eindruck ist jedoch, bei einigen Politikern setzt bei höheren konjunkturellen Ausgaben und/oder sinkenden konjunkturellen Einnahmen ein Ausgabenkürzungsreflex ein.>

    Jeder hat seine Eindrücke.

    Wenn man die UMSTÄNDE und – auch darauf hin – die maßgeblichen ÄUSSERUNGEN der Verantwortlichen in Betracht zieht, kann von Reflex keine Rede sein.

    Nach meinem Eindruck herrscht EINIGKEIT in der Politik (und auch in der Wissenschaft, denke ich) darüber, die automatischen Stabilisatoren wirken zu lassen. Es gibt allerdings keine Einigkeit darüber, ob die automatischen Stabilisatoren so ausgebildet sein sollten, wie sie es sind.

    DARÜBER hinaus herrscht zumindest in Teilen der Politik und der Wissenschaft Einigkeit darüber, dass die Staatsverschuldung AUCH ein Problem ist – leider zeitgleich mit der fragilen Konjunktur.

    Deshalb wurde die „Schuldenbremse“ ins Grundgesetz aufgenommen.

    Die maßgebenden Politiker sehen sehr wohl, dass die Reduzierung der Schuldenaufnahme nicht konjunkturförderlich ist. Deshalb hat die Schuldenbremse ja auch Ausnahmeregelungen.

    Ich will nicht darüber streiten, ob die Staatsverschuldung tatsächlich ein Problem ist, und wenn so, ob man es nicht anders lösen könnte.

    Mir kommt es hier lediglich darauf an, auf die DIMENSION wirtschaftspolitischen Handelns hinzuweisen.

    Wirtschaftspolitik ist zwar immer Konjunkturpolitik, aber eben nicht nur.

    Wer nur in Konjunkturpolitik denkt, denkt zu kurz.

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    • 2. September 2010 um 11:22 Uhr
    • Dietmar Tischer
  2. 10.

    nun auch auf deutsch unter ftd.de

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    • 2. September 2010 um 16:41 Uhr
    • Thomas Müller
  3. 11.

    Von Wolf’s und Blinder’s Weisheiten mal abgesehen (Blinder schrieb absolutely foolish stuff ueber Greenspan’s Geldpolitik vor der Krise), die Referenz zu Bruening ist haastraeubend daneben. Bruening kaempfte 1930-32 mit einer Zahlungsbilanzkrise, d.h. Deutschland rannte damals in eine harte externe Finanzierungsrestriktion–so wie z.B. Griechenland vor ein paar Monaten (und es war keine EU und kein IWF vorhanden um Bruening’s Deutschland rauszuhauen). Mit den Fragen, die sich heute bzgl. Konjunkturpolitk in Deutschland oder den USA stellen, hat das schlicht ueberhaupt nichts zu tun.

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    • 16. September 2010 um 20:56 Uhr
    • HKaspar
  4. Kommentar zum Thema

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