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Amerika, Dein Geist der Freiheit darf nicht erlöschen!

Von 2. September 2010 um 14:13 Uhr

Bei Spiegel Online schwärmt der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, Thomas Straubhaar, von Amerikas Freiheit und zeigt sich besorgt wegen der großen Gefahr, die den USA nun durch den Interventionismus des Staates drohe. Straubhaar beschwört den individuellen Geist, der die USA erst groß gemacht habe – Risiken einzugehen und niemandem Rechenschaft ablegen zu müssen; vom Tellerwäscher zum Millionär werden zu können, auch wenn man als Obdachloser enden kann.

Wenn aber dieser Geist der Freiheit jenseits des Atlantiks erlösche, dann auch die amerikanische Wirtschaftskraft. Und wer bedroht den Geist der Freiheit? Natürlich der Staat. Der, so Straubhaar, würde nämlich den freien Amerikanern ein europäisches Interventionsregime aufdrücken. Das könne kulturell gar nicht klappen. So sieht der Institutsdirektor in der höheren staatlichen Aktivität auch eine Gefahr für den Zusammenhalt der heterogenen amerikanischen Gesellschaft. Konflikte zwischen den verschiedenen Teilen der Einwanderungsgesellschaft könnten aufbrechen, die ja unterschwellig sowieso schon da seien, wenn der Geist der Freiheit erlösche.

In der Welt des Thomas Straubhaar bedrohen nicht die Wirtschaftskrise und die steigende Massenarbeitslosigkeit den Zusammenhalt der US-amerikanischen Gesellschaft, sondern der zusehends europäisierte Staat. Ganz so weit wie die rechts-konservativen Tea-Party-Bewegung will Straubhaar zwar nicht gehen, aber irgendwie fragt er sich auch, ob es sinnvoll sei, wenn sich der Staat um den “wirtschaftlichen (Miss-)Erfolg oder die Gesundheit einzelner” kümmert.

Ob Obama Amerika nicht schade? Straubhaar wörtlich: “Getrieben von seiner eigenen Überzeugung und beraten durch staatsgläubige Ökonomen, hat Obama einen Weg eingeschlagen, der weit weg führt von dem, was Amerika im vergangenen Jahrhundert an die Spitze der Welt katapultiert hatte.” Mit Obama und seinen “staatsgläubigen Ökonomen” habe sich Amerika die Lieblingskrankheit deutscher Wirtschaftswissenschaftler eingefangen: Strukturelle Probleme. Der Ausweg könne nur ein Zurück zum American Way sein, ein Zurück in den Fahrstuhl, der den “Aufstieg von ganz unten nach ganz oben ermöglicht”.

Das alles ist natürlich hanebüchen. Straubhaar tut sich als Historiker des amerikanischen Freiheitsgedankens hervor, übersieht darüber aber völlig die makroökonomische Geschichte der USA nach dem zweiten Weltkrieg. Denn der Staat hat bei Rezessionen nie tatenlos zugeschaut, nur hat er anders gehandelt als die Europäer. Immer schon haben die Amerikaner eine expansive Wirtschaftspolitik betrieben – zu mal unter dem liberalen Ronald Reagan, der angeblich die Marktkräfte entfesselt hat. Das US-Staatsdefizit ist erst unter ihm so richtig gewachsen.

Gerade weil die USA nur ein beschränktes sozialstaatliches Sicherheitsnetz haben, hat die US-Regierung immer dafür gesorgt, per expansiver Fiskalpolitik oder niedrigen Zinsen die Beschäftigung hoch zu halten. Kennedy, Nixon, Reagan, Bush Sohn, Obama – sie alle haben die Wirtschaft durch staatliche Intervention gestützt. Die US-Zentralbank – die Fed – hat sogar von Gesetzes wegen die Aufgabe, nicht nur die Inflation, sondern gleichberechtigt auch die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. In Europa ist die EZB dagegen klar dem Primat der Inflationsbekämpfung verpflichtet und eine aktive antizyklische Fiskalpolitik ist geradezu verpönt. Wie lange haben vor allem deutsche Ökonomen davon gesprochen, dass eine expansive Fiskalpolitik nur zu Strohfeuern führe. Von einer Europäisierung der US-Wirtschaftspolitik kann also gar keine Rede sein. Die USA tun das, was sie immer tun.

Wie sieht es denn mit dem Fahrstuhl aus, der von Armut zu Reichtum führt? Der ist in den USA trotz des großen Tellerwäscher-Mythos mächtig ins stottert geraden. Denn gerade in Ländern mit großen Einkommensunterschieden wie den USA ist die Möglichkeit des Aufstiegs besonders schwer. Je gleicher die Einkommen in einem Land verteilt sind, desto größer ist die soziale Durchlässigkeit. Vom Tellerwäscher wird man in Schweden eher zum Millionär als in den USA.

Aber Straubhaar lässt die eigentlichen Probleme der USA einfach aus: Dass die Krise durch einen liberalisierten Finanzmarkt ausgelöst wurde – der eben im Namen der Freiheit liberalisiert wurde. Dass die politische Macht des “freien” Finanzmarktes dazu führt, dass die Finanzmärkte nicht richtig reguliert werden. Oder dass die gestiegene Ungleichheit den amerikanischen Traum vollends ins Reich der Träume verbannt hat – und der Mittel- und Unterschicht zur Ernährung ihrer Familien nichts anderes mehr übrig blieb, als bei ihren stagnierenden Einkommen immer höhere Kredite aufzunehmen. Kredite, die ihnen die immer Reicheren gaben. Gerade das Fehlen des Sozialstaats hat in die Schuldenkrise geführt, aus der der Staat die US-Wirtschaft jetzt irgendwie herausboxen muss.

Die Probleme der USA sind wahrlich groß, die ökonomischen, die sozialen und die politischen. Wie ein Rückzug des Staates aus der Wirtschaft bei deren Lösung helfen soll, wie dann eine noch höhere Arbeitslosigkeit und noch mehr Ungleichheit und noch “freiere” Finanzmärkte den Amerikanischen Traum verwirklichen sollen – das allein weiß nur Thomas Straubhaar.

Kategorien: Wissen und Glauben
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Wenn es diesen Fahrstuhl gäbe, wäre ja vielleicht alles okay. Doch auch in den USA wird der soziale Aufstieg seit drei Jahrzehnten tendenziell immer schwieriger. Die Erfolge auf dem Arbeitsmarkt konnten dieses Problem bisher verdecken, notfalls hatte man mit einem Zweitjob ein ausreichendes Einkommen und einen akzeptablen Lebensstandard. Und exakt richtig, „Gerade weil die USA nur ein beschränktes sozialstaatliches Sicherheitsnetz haben, hat die US-Regierung immer dafür gesorgt, per expansiver Fiskalpolitik oder niedrigen Zinsen die Beschäftigung hoch zu halten.“

    Würde die Regierung nun anders handeln bei zugleich beschränkten Aufstiegsmöglichkeiten, droht Amerika auseinanderzureißen. Denn das Versprechen des amerikanischen Kapitalismus lautet doch: Egal wo du herkommst, egal an was du glaubst, arbeite hart, dann kannst du es schaffen. Vielleicht nicht zum Millionär, aber zumindest zum Haus in der Vorstadt und zwei Autos. Das und nicht der Glaube an Demokratie, Menschenrechte oder irgendein anderes hohes Gut, halten die heterogene amerikanische Gesellschaft zusammen.

    Die Regierung muss daher alles dran setzen, möglichst schnell wieder Vollbeschäftigung zu erreichen und mittelfristig müssen die Aufstiegschancen verbessert werden. Das gilt natürlich nicht nur für die USA, dort aber ist es existenziell wichtig.

    • 2. September 2010 um 14:31 Uhr
    • Thomas Müller
  2. 2.

    Eine sehr selektive Geschichtswahrnehmung:

    Herr ‘Mir-Sträuben-Sich-Die-Haare’ will wohl nicht sehen, welchen großen Anteil die Eingriffe des Staats aufgrund der Great Depression (New Deal, Glass-Steagal) am Aufstieg der USA nach dem 2. Weltkrieg zur Welt(wirtschafts)macht hatten.

  3. 3.

    Dass Straubhaars Versuch einer Verteidigung des Individualismus bei uns erneut wütende antiamerikanische Proteste auslösen würde, war vorauszusehen und vermutlich auch beabsichtigt. Seitens der extremistischen Tea Party wird Obama nicht allein linker Staatsgläubigkeit beschuldigt. Man bezichtigt ihn sogar des entsetzlichen Verbrechens, den “Sozialismus europäischer Prägung” einführen zu wollen. In den kommenden Wochen vor den Kongresswahlen dürften wir aus dieser Ecke noch einiges zu hören bekommen.

    Doch die US-Wähler, die derartigen Extremen weit weniger Aufmerksamkeit schenken als wir, werden sich ihre Abgeordneten wie immer nach praktischen Prinzipien aussuchen, denn “all politics is local”. Jeder kennt seinen örtlichen Volksvertreter persönlich. Es geht da nicht um Ideologie, es geht um Finanzierung einer Schule, Bau einer Brücke oder Verbreiterung einer Straße.

  4. 4.

    @dunnhaupt
    “Dass Straubhaars Versuch einer Verteidigung des Individualismus bei uns erneut wütende antiamerikanische Proteste auslösen würde”

    Wo löst er denn antiamerikanische Proteste aus? Im Gegenteil, ich – und Fabian Lindner anscheinend auch – werfen ihm ja gerade vor, un-amerikanisch zu sein. Seit 70 Jahren ist Vollbeschäftigung das oberste Ziel sowohl der Geld- wie auch der Fiskalpolitik. Strabhaar scheint dies völlig zu verkennen.

    Es gibt 535 Kongreßabgeordnete – einer je ca. 500.000 Wahlberechtigte – , ich bezweifle sehr stark, dass jeder seinen “örtlichen” Volksvertreter kennt. Mein Eindruck ist eher, dass in den USA sowohl polemischer und personenbezogener, als auch sachlicher diskutiert wird als in Deutschland, je nachdem zu welcher Gelegenheit.

    • 2. September 2010 um 15:21 Uhr
    • Thomas Müller
  5. 5.

    @ Fabian Lindner

    Straubhaar ist hier zu schlicht, Stephen Roach hat gestern im HB in dieselbe Richtung, aber eine Klasse besser argumentiert.

    Straubhaars Argumentation macht die eine oder andere Ihrer Aussagen allerdings nicht besser.

    >Gerade weil die USA nur ein beschränktes sozialstaatliches Sicherheitsnetz haben, hat die US-Regierung immer dafür gesorgt, per expansiver Fiskalpolitik oder niedrigen Zinsen die Beschäftigung hoch zu halten.>

    Falsches „weil“.

    Sie verwechseln Ursache und Wirkung.

    Die US-Regierung hat quasi immer dafür gesorgt, per expansiver Fiskalpolitik und/oder die Fed mit (hinreichend) niedrigen Zinsen, die Beschäftigung hoch zu halten. Da dies, nicht zuletzt auch wegen eines viel flexibleren Arbeitsmarktes und der hohen Mobilität der Bevölkerung, vergleichsweise gut gelungen ist, brauchte sie – ihrem Verständnis und dem vieler ihrer Bürger nach – kein sozialstaatliches Sicherheitsnetz mitteleuropäischer Prägung.

    Es hat in USA nie Mehrheiten gegeben für einen Wechsel zu einem sozialstaatlichen Sicherheitsnetz, etwa wie wir es haben. Erinnern Sie sich doch einmal daran, was letztes Jahr los war, als mit Müh und Not die staatliche Krankenversicherung eingeführt wurde.

    In USA herrscht aus bekannten Gründen schlicht und einfach ein anderes VERSTÄNDNIS dessen, was Gesellschaft ist und wie sie zu funktionieren hat.

    >…dass die gestiegene Ungleichheit den amerikanischen Traum vollends ins Reich der Träume verbannt hat – und der Mittel- und Unterschicht zur Ernährung ihrer Familien nichts anderes mehr übrig blieb, als bei ihren stagnierenden Einkommen immer höhere Kredite>

    Über die gestiegene Ungleichheit kann man vielleicht noch diskutieren.

    Aber Ihre Ernährungsthese ist hanebüchener Unsinn.

    Die amerikanische Mittelschicht ganz sicher und Teile der Unterschicht soweit sie einigermaßen reguläre Jobs hat, haben ÜBER Ihre Verhältnisse gelebt.

    Ja, 40 Mio. Amerikaner brauchen Essensmarken.

    Viele dürften eh keine Kredite bekommen haben oder haben keine mehr bekommen, weil sie aufgrund hoher Verschuldung wegen anderer Ausgaben nicht mehr kreditfähig waren.

    Fehlt nur noch, dass Sie uns erzählen, die Subprime-Krise habe ihren Ursprung in einer Ernährungskrise.

    • 2. September 2010 um 15:28 Uhr
    • Dietmar Tischer
  6. 6.

    Hallo Dietmar,
    bist du mit Thomas S. in eine Klasse gegangen ?
    Dann könnte man die Schuld an Eurer kollektiven Realitätsverweigerung dem Lehrer zu schieben.

    Gruß Angie
    P.S.:
    Besonders hübsch finde Deine Erklärung bezüglich der Essenmarkenbezieher:
    Weil sie überschuldet sind, bekommen sie keinen Kredit mehr.

    Warst Du überhaupt schon einmal in den Staaten und kennst Du einige der Unglücklichen persönlich?

    • 2. September 2010 um 16:26 Uhr
    • angie
  7. 7.

    @ angie

    Statt zu spekulieren, sollten Sie sich mit der These von Lindner befassen:

    Menschen, die immerhin ein Einkommen haben, wenngleich ein stagnierendes, mussten sich für die ERNÄHRUNG – und NUR um die Ernährung geht es hier – immer mehr verschulden.

    MUSSTEN sie sich überhaupt verschulden und wenn so, DAFÜR?

    Ist das die REALITÄT der amerikanischen Mittelschicht und, wie von mir qualifiziert, auch von Teilen der Unterschicht?

    Ja (weil die Kosten für Nahrungsmittel hyperinflationär gestiegen waren) oder nein?

    Und was mich und die Staaten betrifft:

    Ich könnte einiges darüber berichten.

    Es würde nichts zur Klärung beitragen.

    Die These ist richtig oder falsch, unabhängig davon, ob und gegebenenfalls wie lange ich in den Staaten war.

    • 2. September 2010 um 19:37 Uhr
    • Dietmar Tischer
  8. 8.

    Da hat Obama den Salat: er hat riesige Hoffnungen auf die schnelle Überwindung der Wirtschaftskrise geweckt, und ist deshalb jetzt die Ursache der Krise. Vergessen, dass er nur weitergeführt hat, was die republikanische Vorgängeradministration längst begonnen hatte, als sie (wie andere) mit dem angebotsorientierten Latein am Ende war.
    Ist Straubhaar im Jahr 2008 eigentlich mit schlüssigen Vorschlägen auffällig geworden, wie das kurzfristige Game-Over ohne staatlichen Interventionismus zu verhindern wäre? Natürlich nicht, aber durch einen “linken” (:-) US-Präsidenten ist er nun glücklich von dieser Bringschuld entlastet und kann wieder ungeniert eine dicke Lippe riskieren.
    Pikant auch seine Lobhudelei für Ronald Reagans Wirtschaftspolitik. Reagan hat schließlich den Grundstein gelegt für die Schuldenkonjunktur (“deficits don’t matter”), die (erst!) 2007 an ihr natürliches und unvermeidliches Ende gekommen ist. Deficits don’t matter, Herr Straubhaar! Wollen Sie mit diesem Konzept nicht bei Gelegenheit bei Frau Merkel oder Herrn Obama vorsprechen?!

    • 2. September 2010 um 20:21 Uhr
    • EuroOptimist
  9. Kommentar zum Thema

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