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Viel Goldstaub um nichts

Von 10. November 2010 um 11:32 Uhr

Am Montag hat der Chef der Weltbank, Robert Zoellick, in der Financial Times (gestern in der FTD) einige Grundprinzipien eines neuen Weltwährungssystems vorgeschlagen. Das soll sich – irgendwie – an Gold ausrichten. Bloß scheinen Zoellicks Ausführungen wenig durchdacht.

Der Weltbankchef schlägt verschiedene Dinge vor, die gar nicht richtig zusammenpassen. Einerseits sollten Länder flexible Wechselkurse haben und nicht auf den Devisenmärkten intervenieren, aber sich dennoch in ihrer Wechselkurspolitik irgendwie koordinieren. Was das für eine Koordinierung mit möglichst geringen politischen Interventionen sein soll, wird allerdings nicht so richtig klar. Das System soll irgendwie anders laufen als es jetzt läuft, der Weltbankchef verrät aber nicht wie.

Dazu schreibt Zoellick noch von einem ominösen Nachfolger des Bretton-Woods-System, nämlich Bretton Woods II, das angeblich 1971 eingeführt wurde. Das Merkwürdige dabei ist, dass es ein solches System nie gab. Hie und da haben manche Ökonomen mal argumentiert, die Konstellation zwischen den asiatischen Volkswirtschaften, den USA und Europa ab den 1990er Jahren wäre dem ursprünglichen Bretton Woods-System ähnlich, das von 1945 bis 1973 bestand. Diese These ist aber durchaus umstritten. Es ist schon merkwürdig, dass der Chef einer der beiden Bretton-Woods-Institutionen ad hoc Währungssysteme erfindet, die es gar nicht gab. Man liest und wundert sich.

Die Krönung aber ist der Vorschlag, dass Gold verwendet werden solle, um es als “einen internationalen Bezugspunkt für Markterwartungen zu Inflation, Deflation und künftigem Währungswert zu nutzen”. Auch hier spricht der Weltbank-Chef in Rätseln. Was soll das genau bedeuten? Normalerweise analysieren Ökonomen die Zinsentwicklung risikoloser Staatsanleihen, um die Inflationserwartungen auf den Märkten zu bestimmen. Warum sollte man dann auf Gold zurückgreifen?

Der Rückgriff auf Gold birgt nämlich viele praktische Probleme: Der Goldmarkt ist längst nicht so liquide wie der Markt für Dollaranleihen. Am Goldmarkt sind viel weniger Akteure aktiv – dementsprechend leicht ist es, den Kurs zu manipulieren, etwa indem eine Gruppe von Käufern einfach Gold hortet und damit den Preis hochtreibt. Was ist in einem solchen Fall über Inflations- oder Deflationserwartungen gesagt? Nichts – es zeigt nur, dass der Goldmarkt von Spekulation getrieben ist.

Diese Frage ist gerade sehr aktuell: Ist der hohe Goldpreis ein Zeichen dafür, dass die Inflation steigt, es gar zur Hyperinflation kommt? Oder einfach nur ein Zeichen dafür, dass gerade eine Goldblase aufgepustet wird? Auf dem Anleihenmarkt sind die Zinsen niedrig, es wird also keine Inflation erwartet, eher sogar eine Deflation – heißt das dann, Akteure im Goldmarkt erwarten Inflation, Akteure im Anleihenmarkt aber Deflation? Wem sollte man dann im neuen Währungssystem glauben?

Robert Zoellick sollte sich besser noch mal den James-Bond-Film “Goldfinger” anschauen. Der Superschurke Goldfinger wollte mit chinesischer Hilfe die US-Goldvorräte in Fort Knox atomar verstrahlen und damit unbrauchbar machen – auf dass nebenbei sein selbst gehortetes Gold im Preis stark steige und sich sein Vermögen vermehre. Glücklicherweise konnte James Bond diese Riesenspekulation verhindern. Zoellicks Vorschlag ist in etwa so absurd wie der Film, zu dem das internationale Filmelexikon schrieb: Der Film sei “ein betont jenseits aller Glaubwürdigkeit angesiedeltes Kino-Abenteuer”. Würde Gold in den Mittelpunkt eines zukünftigen Währungssystems gerückt, bräuchten wir eine ganze Menge James Bonds, um uns vor fiesen Goldspekulanten zu schützen.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Zoellick raucht offenbar ein ziemlich starkes Zeug – vielleicht zu stark.

  2. 2.

    Genau, Goldstandard, Apfelsinenstandard,…xxxstandard hin oder her, die Zeiten, in denen ich mit meinem Goldmarkschein zur Reichsbank gehen konnte und die Einlösung des Scheins gegen Herausgabe von x-Gramm Gold, Apfelsinen oder was auch immer verlangen konnte, sind vorbei. Was nützt es mir, wenn ich meine Währung mit z.B. Grund und Boden absichere? Unsere innovationsfreudigen Freunde links vom Teich setzen dann einfach einen prosperiernden Wertzuwachs bei Grund und Boden zu Grunde. Schon wird die Währung manipuliert. Gab ja auch schon Zeiten, da wurde der Silber- oder Goldanteil verringert, also was soll das? Beschissen wurde schon früher und das soll sich nun ändern? Glasturmdenken!

    • 10. November 2010 um 12:11 Uhr
    • Christian Wagner
  3. 3.

    Die Golddeckung war schon eine nützliche Bremse für die Zentralbanken und wirtschaftliche Ungleichgewichte. Wer über seine Verhältnisse lebte, dem ging das Geld (Gold) aus. Nur dieses ist lange über Bord geworfen und bringt keiner zurück. Nun müssen, woher ich immer Angst hatte, die Währungshüter die Währung wirklich hüten. Da beißt keine Maus den Faden ab.

  4. 4.

    Zustimmung dass Zoellicks Referenz auf Gold nebuloes ist.

    Diese Frage ist gerade sehr aktuell: Ist der hohe Goldpreis ein Zeichen dafür, dass die Inflation steigt, es gar zur Hyperinflation kommt? Oder einfach nur ein Zeichen dafür, dass gerade eine Goldblase aufgepustet wird? Auf dem Anleihenmarkt sind die Zinsen niedrig, es wird also keine Inflation erwartet, eher sogar eine Deflation – heißt das dann, Akteure im Goldmarkt erwarten Inflation, Akteure im Anleihenmarkt aber Deflation? Wem sollte man dann im neuen Währungssystem glauben?

    1) Die Frage stellt sich unabhaengig vom “neuen” Waehrungssystem.

    2) Am wahrscheinlichsten scheint mir dass die Bewertung sowohl von Staatsanleihen als auch von Gold im Augenblick eher Risikopraemien widerspiegeln als Inflationserwartungen. Deswegen sind beide so enorm hoch bewertet.

    • 10. November 2010 um 15:45 Uhr
    • Henry Kaspar
  5. 5.

    Ich hatte mich in einem eigenen Beitrag auf die Zusammenfassung verlassen und Zoellick spielte dort auch nur eine Nebenrolle. Ich dachte nämlich, dass er gerade nicht Bretton Woods 2 mitzählen würde. Sein Hinweis auf Bretton Woods 2 ist aber eigentlich noch kurioser, wenn man den Artikel liest. Er läßt es mit dem Jahr 1971 beginnen. Also wenn er nicht die Aufgabe fester Wechselkurse meinen sollte, macht das überhaupt keinen Sinn. Die These ist ja erst im Umfeld des Aufstiegs Chinas um die Jahrhundertwende diskutiert worden. Wenn er also beim Redigieren des Artikels nicht einfach gepennt haben sollte (das kann passieren), wird er sich dabei etwas gedacht haben. Dann müsste er aber von Bretton Woods 3 reden oder es wird völlig verwirrend. Aber dann müsste er die festen Wechselkurse gemeint haben:

    “Das Ausmaß der Veränderungen seit 1971 entspricht dem der Veränderungen zwischen 1945 und 1971, die die Verlagerung von Bretton Woods I auf Bretton Woods II veranlasst haben.”

    Das erklärte auch die Rolle des Goldes. Er meint feste Wechselkurse und wirft jetzt Nebelkerzen zur Verwirrung … .

  6. 6.

    Vielleicht ist er einfach nur long in Gold. :roll:

    Oder er weiß eben nicht so genau, wie, aber das etwas passieren muss, ist ihm klar.

    Und, hey: damit steht er nicht in kürzeren Hosen da als alle anderen aktuellen Währungs”hüter”.

    Wie auch anders: wer Pfuschgeld erzeugt, wird mit dem Hüten von Pfuschgeld bestraft, nicht unter fünf Jahren, oder bis zum bitteren Ende.

    Wer etwas Sinnvolles tun will, füllt die Schublade mit Plänen für den finalen Haircut.
    Und ein Verbot privaten Goldbesitzes, also auch privaten Goldpreises, mit Goldstandardwährungen, ist auch keine schlechtere Idee als sonstige WK-Fixierungen. :roll:

    • 10. November 2010 um 16:45 Uhr
    • Thomas Pittner
  7. 7.

    “Der Goldmarkt ist längst nicht so liquide wie der Markt für Dollaranleihen.”

    Der war gut. Das ist ja genau der Sinn einer goldgedeckten Währung… Man kann keine Geldblasen mehr produzieren…

    Traurig finde ich, wenn ich solche Sätze lese, dass die Menschen anscheinend nicht mehr jenseits der aktuellen Strukturen abstrahieren und denken können.

    Wir haben keine Goldblase angesichts des Quantitative Easings, sondern eine immense Geldmengenausweitung, die jenseits allen Vorstellbaren liegt. Es gibt keine Goldblase, sondern eine Geldblase, die die Blasen in anderen Assets anheizt. Das Problem sind nur nicht die einzelnen Blasen, sondern die Super-Geld-Bubble.

    Nicht Gold steigt im Wert, sondern Geld sinkt im Wert. Solange man allerdings nicht in der Lage ist die Situation aus einer Sicht außerhalb des Geldsystems zu sehen, solange wird man es nicht begreifen.

    • 10. November 2010 um 17:34 Uhr
    • Marco Vogt
  8. 8.

    “Würde Gold in den Mittelpunkt eines zukünftigen Währungssystems gerückt, bräuchten wir eine ganze Menge James Bonds, um uns vor fiesen Goldspekulanten zu schützen.”

    Und wer schützt uns vor den Geldspekulanten, die einfach nur Druckerpressen anwerfen müssen?

  9. Kommentar zum Thema

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