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Was Friedrich Merz nicht versteht

 

Die Lektüre des Gastbeitrags von Friedrich Merz im Handelsblatt zeigt, wo die Krise ihren Ursprung hat: Die Wirtschaftspolitik in Europa hat schlicht keine europäische Dimension. Das konnte man in die Südländern beobachten, wo die Zinsgewinne der Euro-Einführung verfrühstückt wurden, aber das kann man auch in den Nordländern beobachten, wo die Löhne so hemmungslos gedrückt wurden, dass die eigene Wirtschaft nur noch auf Kosten einer zunehmenden Verschuldung bei den Handelspartner am Laufen gehalten werden konnte.

Und wenn sich Merz jetzt darüber echauffiert, dass die französischen und italienischen Banken bei der EZB Liquidität nachfragen, die sie am Interbankenmarkt nicht mehr bekommen – genau darum geht es in der Target-2-Debatte –, dann sagt er damit letztlich, dass die EZB nur noch die Zentralbank des Nordens sein soll. Die Liquiditätsversorgung des Bankensystems, die klassischste aller Notenbankaufgaben, soll dem Süden also ganz offensichtlich verweigert werden.

Wenn ein Mitgliedsstaat aus dem Euro ausscheiden sollte, dann fallen beim Eurosystem in der Tat Verluste aus den Liquiditätsoperationen an, auch wenn sich Merz, oder wer auch immer ihm das aufgeschrieben hat, schließlich ist er bislang nicht als Experte für Geldpolitik aufgefallen, mit den Zahlen verrechnet.

Aber die Idee einer Währungsunion ist genau, dass kein Mitgliedsstaat ausscheidet. Sonst kann man keine einheitliche Geldpolitik machen und keine gemeinsame Zentralbank installieren, die alle Banken im Währungsraum versorgen muss. Sonst haben wir ein Festkurssystem.

Aber vielleicht will Merz das ja.

40 Kommentare

  1.   Ulstue

    Herr Schieritz redet ja gerne der Notversorgung und kurzfristigen Finanzmarktstabilität unter Ausblendung der Konsequenzen das Wort.

    Vielleicht sollte er mal ein Geschichtsbuch aufschlagen und nachlesen wie es zur beeindruckensten Hyperinflation der Geschichte kam – der in Deutschland. Das ganze Geld das damals gedruckt wurde diente ja genau einem Zweck: der Aufrechterhaltung der Finananzmarktstabilität, der Liquiditätssicherung der Banken, weil sie sich auf dem Interbankenmarkt nicht refinanzieren konnten. Geschichte wiederholt sich nicht sagt man. Das Pendant zu den goldenen 20ern wird diesesmal auf sich warten lassen.


  2. “Aber vielleicht will Merz das ja.”

    Dann sollte er es halt auch sagen :-)

  3.   Dietmar Tischer

    >Aber die Idee einer Währungsunion ist genau, dass kein Mitgliedsstaat ausscheidet. Sonst kann man keine einheitliche Geldpolitik machen und keine gemeinsame Zentralbank installieren, die alle Banken im Währungsraum versorgen muss.>

    ??!!

    Die Idee – der Zweck – einer Währungsunion ist, dass Staaten mit gleichlaufender Wirtschaftsentwicklung von den Vorteilen eines Währungsraums profitieren, z. B. zwischen ihnen keine oder nur geringe Transaktionskosten auftreten.

    GLEICHLAUFENDE Wirtschaftsentwicklung ist die Voraussetzung für eine EINHEITLICHE Geldpolitik, für die man eine gemeinsame Zentralbank installiert.

    Ist die Voraussetzung nicht gegeben bei Schaffung der Währungsunion oder ist sie nicht herzustellen, kann es keine einheitliche Geldpolitik geben – jedenfalls keine, die den jeweiligen Volkswirtschaften angemessen wäre.

    Inhomogenität der Wirtschafts- und Fiskalpolitik kann nicht durch einheitliche Geldpolitik kompensiert werden.

    Das erleben wir doch gerade, das sollte nun aber mal klar sein.

    Deshalb:

    Herstellung gleichlaufender Wirtschaftsentwicklung oder Aufgabe der Währungsunion mit der Folge, dass es keine einheitliche Geldversorgung und keine gemeinsame Zentralbank gibt.

    Eine einheitliche Geldversorgung ist nicht Ziel und Zweck per se.

  4.   keiner

    Aber eine Währungsunion mit “no bail-out” ist entweder Etikettenschwindel am Anfang oder Betrug am Ende. Und da stehen wir nun, beim Betrug am Ende.

  5.   Thomas Pittner

    @ D.Tischer
    “Die Idee – der Zweck – einer Währungsunion ist, dass Staaten mit gleichlaufender Wirtschaftsentwicklung von den Vorteilen eines Währungsraums profitieren, z. B. zwischen ihnen keine oder nur geringe Transaktionskosten auftreten. ”

    Offenbar stimmt die Aussage nicht in ihrer Allgemeinheit; der Zweck der Eurozone war ein anderer.

    War das schon der Kern des Übels?
    Mag sein.
    Andererseits kann man es nicht wissen; wenn man einen anderen Zweck mit einer Währungsunion verfolgt, sollte man sie auch so installieren, dass dieser Zweck erreicht werden kann. Dies scheint nun gründlich fehlgeschlagen.

    Wobei ja manche meinen, dass die beobachtbare eurozentristische Technokratisierung im Sinne eines “Wettbewerbsfähigkeits”wettlaufs durchaus intendiert war.

    Was allerdings zumindest aus SIcht der Euro-fordernden Franzosen eher unwahrscheinlich sit; sie wussten wohl nicht, was sie taten, sich in eine Währungsunion mit dem lohndrückenden Stabilitätsriesen zu begeben.

  6.   philipp johannes

    über die geburtsfehler des euro kann man hin und her diskutieren.
    sie werden wahrscheinlich nicht so schnell gelöst das sie die krisenbeendigung erleben.

    ein weiterer hauptfehler geht in den diskussionen leider immer unter, bzw. wird verharmlost.
    ein entscheidender fakt der zu der schuldenproblematik der betroffenen länder führt ist der exorbitante exportüberschuss von deutschland, mehrheitlich in der eurozone erzielt.

    es sollte jedem einleuchten das diese überschüsse in deutschland defizite in z.b. frankreich bedeuten.
    auch daher kommen die wahnsinnigen verschuldungen der staaten.

    ebenso sollte jedem bewußt sein das die ezb keine wirkliche macht auf die einzelnen eu-länder ausüben kann, somit ihrer rolle als nationale zentralbank nicht in dem erforderlichen maß nachkommen kann.
    das ist ein weiterer geburtsfehler des euro und wird wahrscheinlich auch so bleiben.

  7.   Eclair

    @ philipp johannes

    “es sollte jedem einleuchten das diese überschüsse in deutschland defizite in z.b. frankreich bedeuten.”

    Sollte ist hier das Schlüsselwörtchen. Faktisch ist es so, dass man in Deutschland problemlos simultan der Meinung sein kann, der private Sektor müsse seine Nettogeldvermögen erhöhen (Riester etc.), der Staat müsse seine Verschuldung abbauen (Schuldenbremse), und das Ausland müsse beides nachmachen (“Es wird Deutsch gesprochen”).

  8.   f.luebberding

    eclair

    Und das Schlimme daran ist: dieses Denken bestimmt auch das Handeln der Bundesregierung. Sie kann aber nichts entdecken, was an dieser Politik nicht funktionieren könnte. Ihr Herz ist rein. Sie sind unschuldig wie kleine Kinder. Man sollte sie auch so behandeln.

  9.   PBUH

    Finnland: AAA-Länder sollten in Euro-Zone mehr Einfluss haben

    Finnlands Europaminister Alex Stubb hat gefordert, die Euro-Zone nach darwinistischen Prinzipien zu führen. Die sechs Staaten mit dem höchsten AAA-Rating – zu denen Deutschland gehört – sollten mehr Einfluss auf die Wirtschaftspolitik haben, sagte er. „Für mich ist der Euro ein darwinistisches System, es gilt das Überleben des Stärkeren“, erklärte Stubb.

    Nur eine Kombination aus starkem Druck der Märkte und politischem Druck aus dem Inland könne sicherstellen, dass die elf Euro-Staaten ohne ein AAA-Rating ihren Verpflichtungen nachkämen.

    „Denn warum sollten wir Staaten zuhören, die sich nicht um ihre eigenen öffentlichen Finanzen kümmern?„ sagte Stubb.

    ———————-

    Gut das wir die Finnen haben, die sagen was die Deutschen sich nicht trauen :-)

  10.   PBUH

    >es sollte jedem einleuchten das diese überschüsse in deutschland defizite in z.b. frankreich bedeuten.

    Es sollte allerdings auch jedem einleuchten, dass die Verantwortung hierfür beim Käufer liegt und nicht beim Verkäufer.

    Mit anderen Worten, “das ist nicht unser Problem!”