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Europa spricht deutsch und die Märkte flippen aus

 

Interessant die Rendite auf italienische Staatsanleihen gestern während der Pressekonferenz von Angela Merkel und Straßburg, als die Vertragsreform verkündet wurde und es sich damit abzeichnet, dass es künftig ein strenges Haushaltsregime geben wird in Europa.

Grafik: reutersitaly

Und die Auktion heute war alles andere als erfreulich – fast acht Prozent für zweijährige, das ist Irrsinn. Daraus folgt: Auch wenn wir Schuldensünder künftig auf die Guillotine schicken: Das wird den Markt nicht beruhigen. Die Härtung der Regeln ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für die Stabilisierung der Währungsunion.

Das ist keine Frage der Ideologie oder der Überzeugungen, sondern der Fakten. Mir wäre es auch lieber, wenn ein paar neue Regeln beruhigend wirkten, aber das ist nicht so.

Es wird irgendeine Form der kurzfristig wirkenden Stützung geben müssen – von wem auch immer und trotz aller Risiken. Oder es kommt das Armageddon.

Anders gesagt: Entweder Zinssozialismus, oder wir können schon einmal die Kartoffeln einlagern und aufs Land ziehen.

51 Kommentare

  1.   henry van de velde

    kurzfristig braucht euroland wohl erstmal geld, selbstgedruckt

    mittelfristig brauchen wir dann (haushalts-)disziplin

    problem ist aber wohl: wie sichert man mittelfristig haushaltsdisziplin, wenn das geld doch wieder reicht?

  2.   jmg

    Strengeres Haushaltsregime bedeutet für die Finanzmärkte Austeritätspolitik, die den Schuldenstand dieser Länder weiter nach oben treibt. Bestes Beispiel ist Griechenland. Das wird heute schon eingepreist in Form höherer Zinsen. Die von Trichet und der Bundesregierung vertretene Theorie, das eine restriktive Fiskalpolitik über „Vertrauenseffekte“ expansiv wirkt, ist nicht nur gescheitert, sondern hat die Lage weiter verschärft und zum Flächenbrand geführt.
    Dieser Weg war von Anfang an, d.h. seit dem Frühjahr 2010, der falsche. Was die deutsche Regierung aber nicht davon abhält ihn stur weiterzugehen. Merkel und Schäuble werden auf diese Art zum Totengräber des Europrojekts. Aber vielleicht sind sie zwischenzeitlich zu der Überzeugung gekommen, dass dies die beste Lösung für Europa und Deutschland ist. Anders kann ich mir das hartnäckige Festhalten an einer auf ganzer Linie fehlgeschlagenen Politik nicht mehr plausibel erklären.

  3.   keiner

    Die UKs und die Amis wollen den Euro schlachten und Deutschland plündern. Da führt kein Weg dran vorbei. Das was die Europäer anbieten ist, wie wenn man jemandem, der mit durchgeladener Pumpgun vor einem steht, eine Partie Schach anbietet.

    Wohnen in der Stadt wird 2012 in Deutschland definitiv zum Standortnachteil.

  4.   Eric B.

    Die Märkte sind gewiss nicht das Maß aller Dinge. Doch in einem haben die Investoren Recht: Man kann Merkel und Sarkozy nicht mehr glauben, sie hätten die Lage im Griff. Im Grunde kann man ihnen überhaupt nicht mehr trauen.

    Alles, was sie in den letzten Monaten angefasst haben, ist gescheitert. Die „Firewall“ zur Eindämmung der Krise, der „Zinshebel“ zur Abschreckung der Spekulanten, der „Schuldenschnitt“ in Griechenland und selbst die Rekapitalisierung der Banken – siehe die Folgen bei der Commerzbank. Merkozy treffen sich zwar immer öfter in immer kürzeren Abständen, doch die Halbwertzeit ihrer großartig verkündeten Ideen fällt noch schneller, wie ich auf lostineurope.posterous.com/schluss-mit-der-merkozy-show erläutere

  5.   Prestele

    Ein wunderschönes Beispiel wie der „Markt“ funktioniert. Wieder ein Beispiel von“emotional exuberance“ wie es der seelige Alan Greenspan einst formulierte? Oder steht dahinter nicht die die gezielte Strategie einiger großer Akteure, den EURO weichzukochen. Ich lese gerade das Buch von Krugman „Die neue Weltwirtschaftskrise“, in dem er die Rolle der Spekulation in der Asien-Krise und insbesondere gegen den Hongkong$ und den Yen beschreibt.
    Ist es nicht an der ZEIT, einmal das Ausmaß der Spekulation im Bereich der Leerverkäufe von Staatsanleihen und der CDS zu untersuchen.
    Nur als kleiner Appetizer: Die CDS Kosten für ägyptische Staatsanleihen sind jüngst um 60 bp gestiegen – veständlich, angesichts der Situation in dem Land – aber liegen immer noch unter den CDS Kosten für italienische Staatsanleihen.

    Wie bitte? Italienische Anleihen sind risikoreicher als ägyptische?
    Emotional exuberance oder gezielte Strategie.

  6.   Mark Schieritz

    @Prestele

    „Die CDS Kosten für ägyptische Staatsanleihen sind jüngst um 60 bp gestiegen – veständlich, angesichts der Situation in dem Land – aber liegen immer noch unter den CDS Kosten für italienische Staatsanleihen“

    Das ist das Ergebnis deutscher Rettungspolitik: Die Drohung mit Schuldenschnitt und das Fehlen einer eigenen Zentralbank. Am Finanzmarkt haben Euro-Länder ein strukturelles Manko

  7.   PBUH

    Wohl eher die Reaktion darauf, dass Merkel doch nicht umgefallen ist.

    Genau das wurde ja zuvor überall berichtet.

    Eins ist aber auch klar, Ankündigungen reichen eben nicht mehr, Monti und Co. müssen endlich mal LIEFERN.

    Der deutsche Onlel kommt nicht und rettet die Welt, das passt auch gar nicht zu uns 😉

  8.   Dietmar Tischer

    @ M. Schieritz

    >Interessant die Rendite auf italienische Staatsanleihen gestern WÄHREND der Pressekonferenz von Angela Merkel und (?) Straßburg, als die Vertragsreform verkündet wurde und es sich damit abzeichnet, dass es künftig ein strenges Haushaltsregime geben wird in Europa.>

    Der Anstieg der Rendite erfolgte lt. Grafik von ca. 9:00 Uhr (ca. 6,90%) bis 18:00 (ca. 7,20 %) nahezu kontinuierlich.

    War die Pressekonferenz von Merkel bereits morgens um 9:00 Uhr oder fand sie später statt? Wenn später, erklären Sie dann den Anstieg VOR ihrer Pressekonferenz immer noch mit ihrer Pressekonferenz?

    Können Sie ausschließen, dass es nicht die Verkündigung der Vertragsreform war, die den Renditeanstieg zuzuschreiben ist, sondern z. B. die Betonung der Unabhängigkeit der EZB und die Verweigerung von Eurobonds (beides soweit ich mich erinnere, auch Themen auf der Pressekonferenz).

    Gab es andere Ereignisse, die unabhängig von der Pressekonferenz und den verkündeten Inhalten einen Einfluss auf die Rendite italienischer Staatsanleihen gehabt haben könnten?

    Und wie war der Renditeverlauf bei Anleihen anderer Länder?

    Sie laufen hier auf sehr, sehr dünnem Eis.

    >Die Härtung der Regeln ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für die Stabilisierung der Währungsunion.>

    Was für eine fantastisch neue Erkenntnis, nachdem allgemein bekannt ist, dass Regeln in der Eurozone dazu da sind, gebrochen zu werden.

    >Entweder Zinssozialismus, oder wir können schon einmal die Kartoffeln einlagern und aufs Land ziehen.>

    Diese vermeintliche Alternative-Parole ist genauso WENIG wert wie diese:

    Zinssozialismus – UND wir können schon einmal die Kartoffeln einlagern und aufs Land ziehen.

  9.   PBUH

    7% sind auch noch kein Beinbruch, Italien müsste am Ende 50 Milliarden pro Jahr mehr für Zinsen bezahlen.

    Das sind die gleichen 50 Milliarden Mehrkosten, die die Herdentrieb-Gang Deutschland sofort und jederzeit zumuten würde obwohl Deutschland keinerlei Schuld an der ganzen Schei**e trägt.


  10. „7% sind auch noch kein Beinbruch, Italien müsste am Ende 50 Milliarden pro Jahr mehr für Zinsen bezahlen.“

    Diese Hochrechnungen sind doch unseriös, da nur Neu- und Refinanzierungen vom gestiegenen Zinssatz tangiert werden. Das sind zwar auch keine Peanuts, aber unmittelbar „lebensbedrohlich“ ist das nicht.
    Ich weiß zwar nicht, was hinter den Kulissen läuft, könnte mir aber vorstellen (bzw. hoffe), dass der geplante Weg so aussieht dass man jetzt die angepeilten Vertragsänderungen so schnell wie möglich durchzieht, vom Druck der Märkte profitierend, und dann – falls es wirklich noch nötig sein sollte (wovon wohl auszugehen ist) – die „Bazooka“ rausholt. Falls dieser Plan aufgeht, ist das meiner Meinung nach langfristig die bessere Lösung als jetzt.

    Was ich nicht verstehe ist, warum die europäischen Banken jetzt alle Staatsanleihen zum Marktwert bilanzieren müssen. Damit hat man sich meiner Meinung nach gewaltig selbst ins Knie geschossen. Man hätte diese Abschreibungen wenigstens auf jene Anleihen bschränken sollen, die nur mehr Ramschstatus haben.