So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Treffer und Fehlschläge

Von 22. Dezember 2011 um 23:12 Uhr

Wie immer um diese Jahreszeit ziehe ich mich für einige Wochen zum Familienbesuch auf die Südhalbkugel zurück. Eine gute Gelegenheit also, das Jahr Revue passieren zu lassen und die wichtigsten Thesen in meinen Beiträgen einem kurzen Realitätscheck zu unterziehen.

Der größte Patzer war sicherlich die Einschätzung, Griechenland habe nur ein Liquiditäts-, aber kein Solvenzproblem. Daneben lag ich auch mit der These, die Krise werde sich durch die Errichtung des EFSF beruhigen. Auch die Bankenrettung sehe ich heute etwas differenzierter und meine Begeisterung für die Rationalität der Politik als Korrektiv für die Irrationalität der Märkte ist auch ein wenig gewichen.

Berechtigt erscheint hingegen die Warnung vor der Ansteckungsgefahr durch die Gläubigerbeteiligung und vor den Folgen Bankenrekapitalisierung. Auch die Kritik an der Target-2-Debatte war wohl nicht ganz daneben, schließlich hat Hans-Werner Sinn einige der zentralen Einwände übernommen (unter anderem das Argument, dass die zunehmende Inanspruchnahme von Zentralbankliquidität in der Peripherie nicht zu einer Kreditverknappung in Deutschland führt). Eine ziemliche Punktlandung war die Wachstumsprognose für Deutschland von drei Prozent aus dem Dezember 2010. Und von der Inflation ist bislang auch nichts zu sehen.

In diesem Sinne: Frohes Fest!

Kategorien: In eigener Sache
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Das mit der Kreditverknapppung kann ja noch kommen und beruhigend ist das mit dem Target2 insgesamt nicht.
    Wenn ich das richtig verstanden habe läuft es darauf hinaus, dass die PIIGS-Europäer im Resteuropa Waren kaufen aber nicht wirklich bezahlen. Dieses Bezahlen erledigen die Notenbanken von Resteuropa und dafür erheben diese dann Forderungen an die PIIGS-Notenbanken.

    • 23. Dezember 2011 um 12:21 Uhr
    • Nobum
  2. 2.

    Der größte Patzer des Jahres war Merkels (und Schäubles!) Bestehen auf Gläubigerbeteiligung alias Schuldenschnitt alias Haircut an den Euroanleihen der Griechen. Damit wurde ein für alle mal der Nimbus des Eurowährung als einer unverwundbaren 100% sicheren Investition gebrochen. Das lässt sich nie reparieren, von der Nebenwirkung, dass der Euro damit auch nie mehr als Reservewährung in Frage kommen kann, einmal ganz abgesehen.

    • 23. Dezember 2011 um 13:29 Uhr
    • ergo sum
  3. 3.

    @ Gratuliere Herr Schieritz,

    “meine Begeisterung für die Rationalität der Politik als Korrektiv für die Irrationalität der Märkte ist auch ein wenig gewichen.”

    Vielleicht gelingt Ihnen auch irgendwann mal die Erkenntnis, dass ein von Milliarden Menschen betriebenes Projekt wie die “Märkte” gar nicht so irrational ist, wie Sie jetzt noch meinen.

    Der ideologisch besetzte Begriff “Kapitalismus”, mit dem Sie diesen Wirtschaftsblog überschreiben, ist für weitere Erkenntnisse allerdings eher hinderlich.

    Ich empfehle Ihnen hierzu den Wirtschaftblog der FAZ, der gerade in einem Beitrag sehr anschaulich am Beispiel des “Ökonomieklassikers” Werner Sombart zeigt, wie mit “Kapitalismus” keine wirklich analytische Kategorie angewendet wird, sondern eine Ideologie von “Gesinnung”, die über “Die Juden und das Wirtschaftsleben” direkt zur Ideologie der Nazis gegen das “Judenkapital” führt.

    faz-community.faz.net/blogs/fazit/archive/2011/12/22/alte-meister-1-ode-an-den-daemon-werner-sombarts-analyse-des-kapitalismus.aspx

  4. 4.

    Damit liegt ihre Trefferquote dieses Jahr grob geschätzt bei fünzig Prozent, na sagen wir mal lieber, jede zweite Annahme war richtig, nein, falsch.

    Das entspricht fast genau der langjährigen Trefferquote meines Hamsters. Kann man da noch von Zufall sprechen?

    Mein Hamster teilt übrigens die in diesem Blog verbreitete Einschätzung der Zukunft: Die Inflation kommt oder sie kommt nicht. Wenn sie kommt, dann entweder stark oder schwach. Falls Sie nicht kommt, bleibt der Geldwert stabil. Wenn aber auch dies nicht der Fall sein sollte, müssen wir uns sogar auf eine Deflation einstellen.

    Da beruhigt es meinen Hamster und mich doch ungemein, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es nächstes Jahr noch Felder, Straßen, Fabriken und Häuser geben wird, ungleich höher ist.

    • 23. Dezember 2011 um 21:35 Uhr
    • Dirk Sauerborn
  5. 5.

    @ ergo sum
    “Damit wurde ein für alle mal der Nimbus des Eurowährung als einer unverwundbaren 100% sicheren Investition gebrochen.”
    Ich dachte immer, es gäbe keine 100% sicheren Investitionen. Auch unter Investitionen in Währungen kann ich mir wenig vorstellen. Die betroffenen Investoren haben keine Währung gekauft, sondern Anleihen eines maroden Staates namens Griechenland. Dass die alles andere als sicher sind, haben die Spatzen nicht seit Jahren, sondern seit Jahrzehnten von den Dächern gepfiffen. Dass der Investor blutet, wenn Griechenland nicht mehr zahlen kann, steht außerdem in allen Verträgen zur Währungsunion. Ich finde es gut, dass es den Haircut gibt. Er bedeutet u.a., dass dieser Herr sich verspekuliert hat.

    • 26. Dezember 2011 um 20:05 Uhr
    • EuroOptimist
  6. 6.

    Herr Homburg macht doch nur, was in diesem Blog sehr lange als möglich erklärt wurde.

    (Das Wort “empfohlen” wähle ich jetzt bewußt nicht, um bei Herrn EuroOptimist moralische Aufwallungen zu vermeiden.)

    Nämlich Griechen-Anleihen erwerben, weil man glaubt, dass diese bei hoher Rendite kein Ausfall-Risiko haben. Dieser Blog verbreitet diese Auffassung zwar nicht mehr, was ist aber verwerflich daran, wenn Herr Homburg noch dran glaubt.

    • 27. Dezember 2011 um 15:50 Uhr
    • Jens Schmalbach
  7. 7.

    @EuroOptimist:
    Ganz meine Meinung.

    @Jens Schmalbach

    Ist doch völlig in Ordnung, was Herr Homburg macht. Er spekuliert auf die Feigheit der Politik und sagt das ehrlicherweise auch noch dazu.

    Nicht in Ordnung wäre, wenn er sich bei einem möglichen Totalverlust als “systemrelevant” bezeichnet und der Steuerzahler möge doch bitte die Verluste ausgleichen.

    • 28. Dezember 2011 um 11:55 Uhr
    • gojko
  8. 8.

    @ Jens Schmalbach
    “…was ist aber verwerflich daran, wenn Herr Homburg noch dran glaubt.”
    Er hat an die “grenzenlose Dummheit der Bundesregierung” geglaubt. Das ist nicht verwerflich, aber riskant. Interessanterweise glauben die einen (er selbst auch, wenn er konsequent ist), das er die Dummheit der Bundesregierung überschätzt hat, und andere wiederum, dass er sie unterschätzt habe. Einigkeit über diese Frage wird sich wohl nie herstellen lassen, aber für die Verluste des Investors spielt das auch gar keine Rolle.

    • 28. Dezember 2011 um 22:09 Uhr
    • EuroOptimist
  9. Kommentar zum Thema

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