So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Anleger wollen Sicherheit, aber auch Cash Flow

Von 5. Januar 2012 um 06:41 Uhr

Traditionelle Anlagen wie Bundesanleihen oder US Treasuries, die bisher in jedes gut sortierte Portefeuille gehörten und vor allem auch bei Versicherungen und Pensionskassen beliebt waren, sind inzwischen sehr teuer geworden. Angesichts von Renditen von weniger als zwei Prozent bieten sie noch nicht einmal mehr einen Ausgleich für die Geldentwertung. Das zeigt, welche Panik an den Rentenmärkten herrscht, wie sehr die Anleger auf Sicherheit bedacht sind. Es zeichnet sich nämlich noch nicht ab, ob, wann und wie die globale Finanzkrise überwunden werden kann. Den Wirtschaftspolitikern fehlt ein überzeugendes Konzept – übrigens auch den Ökonomen – und es ist nicht ausgeschlossen, dass es zu Entwicklungen wie in Japan kommt. Dort liegen die Aktienkurse nur bei einem Fünftel der Werte, die sie bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten erreicht hatten, und die zehnjährigen Bondrenditen sind auf 0,98 Prozent gefallen. In der Schweiz sind sie sogar auf 0,65 Prozent abgestürzt. Deutsche Bundespapiere im Laufzeitenbereich bis etwa ein Jahr haben derweil negative Zinsen!

Aktien von Unternehmen, die aufgrund ihrer Marktstellung aller Voraussicht nach immer in der Lage sein werden, eine auskömmliche Dividende zu zahlen, haben sich daher zu konservativen Alternativen gemausert. Auch viele Unternehmensanleihen gehören jetzt in diese Kategorie. Anleihen von Banken allerdings noch nicht, ebenso wenig wie Bankaktien. Die Bankenkrise ist nämlich noch keineswegs ausgestanden. Es besteht offenbar noch ein erheblicher Abschreibungsbedarf: Bei vielen multinationalen Instituten liegen die Aktienkurse bei weniger als der Hälfte der Buchwerte!

Insgesamt ist der Ausblick für die Weltwirtschaft nicht so negativ, wie es scheinen könnte, wenn man nur die Nachrichten aus den OECD-Ländern verfolgt. China, dessen nominales BIP vermutlich bereits im Jahr 2018 das der USA erreicht haben dürfte, expandiert weiterhin kräftig, ebenso wie die Mehrzahl der Schwellenländer. Sie sind allesamt finanziell sehr gesund und haben beim BIP pro Kopf noch einen gewaltigen Aufholbedarf. Sie dürften auch im schwierigen Jahr 2012 noch mit einer Rate von 4,5 Prozent zulegen. Das wiederum dürfte verhindern, dass die Rohstoffpreise noch einmal so einbrechen wie im Jahr 2008.

Auch Deutschland hat bisher keine Probleme. Da es keine Blasen gab, die hätten platzen können, gibt es auch keinen Grund, forciert Schulden abzubauen und Ausgaben einzuschränken. Die niedrigen Zinsen und der schwache Euro sind genau das, was das Land braucht. Jetzt müssten nur noch die Löhne kräftiger steigen – dann wäre unsere Wirtschaft doch glatt die Konjunkturlokomotive Europas und es wäre nicht so schlimm, wenn in den anderen Ländern des Euroraums eine pro-zyklische Finanzpolitik betrieben wird. Es wäre fast zu schön!

Eine ausführliche Analyse der wirtschaftlichen Lage nach fast viereinhalb Jahren Finanzkrise und der Risiken und Aussichten für Aktien, Bonds, Rohstoffe und Wechselkurse finden Sie in meinem neusten Investment Outlook:

Wermuth’s Investment Outlook – January 2012*) (pdf, 302 KB)

*) Den Investment Outlook von Dieter Wermuth in englischer Sprache gibt es einmal im Monat und er wird zunächst kostenlos auf Herdentrieb zum Herunterladen bereitgestellt. (ur)

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Da sie kaum ein Wort über die schlimme Lage in Süd-Europa verlieren, hier mal ein nettes Bildchen.

    zerohedge.com/sites/default/files/images/user3303/imageroot/2012/01/20120104_SPAfund.png

    • 5. Januar 2012 um 11:41 Uhr
    • PBUH
  2. 2.

    Genau richtig: Cash flow ist der Unterschied. Deshalb gingen die Billionenanleihen der Firma IBM binnen Minuten wie warme Semmeln ab, obwohl sie nur 1,0 % Rendite bieten, halb so viel wie Bundesanleihen.

  3. 3.

    Wenn es nur eine “Finanzkrise” wäre, würde es der Markt regeln.

    Aber es ist eine STAATSVERSCHULDUNGSKRISE. 10 Billionen EU-Zone.

    Wann kommt das mal endlich in diesem abseitigen Blog an?

  4. 4.

    Es ist eine BANKENkrise, wann kommt das in ihrem Zentralnervensystem an?

    • 5. Januar 2012 um 17:06 Uhr
    • keiner
  5. 5.

    “Auch Deutschland hat bisher keine Probleme. Da es keine Blasen gab, die hätten platzen können, gibt es auch keinen Grund, forciert Schulden abzubauen und Ausgaben einzuschränken. Die niedrigen Zinsen und der schwache Euro sind genau das, was das Land braucht. Jetzt müssten nur noch die Löhne kräftiger steigen – dann wäre unsere Wirtschaft doch glatt die Konjunkturlokomotive Europas und es wäre nicht so schlimm, wenn in den anderen Ländern des Euroraums eine pro-zyklische Finanzpolitik betrieben wird”

    Sehr scharfsinnig erfasst, Herr Wermuth. Auch kommendes Jahr werden wir mal wieder, mal wieder, erleben dass die vorauseilend pessimistischen Prognosen stark nach oben “korrigiert” werden müssen (mit Würfeln oder Münzen Flippen wäre die Treffergenauigkeit auch nicht geringer, wobei dadurch wenigstens der Faktor “Germanicus Angstus” ausgeschlossen wäre). Zumindest um die deutsche Konjunktur braucht sich keiner sorgen. Möglich nur dass uns der restliche marode Euroraum runterreißt, da heißt es halt “mitgefangen, mitgehangen”. Das Risiko kann man aber nur aussitzen und als gegeben hinnehmen, eine weitere mögliche Quelle für externe Schocks zusätzlich zum Ölpreis oder dem Dollar.

    • 5. Januar 2012 um 19:31 Uhr
    • Landburli
  6. 6.

    “Jetzt müssten nur noch die Löhne kräftiger steigen – (…)”
    Es ist immer wieder genial, wie ausgeblendet wird, dass seit weit über 20 Jahren deutsche Politk – immer auch beklatscht von der Mehrheit der jeweiligen ZEIT “Journalisten” – erfolgreich daran arbeitet, genau das zu verhindern. Ein mühsam immer weiter aufgebautes Machtgefälle zwischen Kapitalseite und Arbeitnehmerseite (Von Kohls “Streikrechtsanpassungen” bis zu Schröderschen Hartz IV- und Zeitarbeitsregelungen, um nur einige Mosaiksteine zu nennen) ist nun wirksam. Das “Race to the bottom” kann unter derart gesetzten Rahmenbedingungen vielleicht temporär verlangsamt werden, aber eine Umkehrung auf Zuruf ist dann doch etwas viel Wunschtraum.

    Die derzeit sichtbar werdenden Risse im Block der Besitzenden zwischen denen, die auf der Welle weitersurfen wollen und denen, denen langsam klar wird, dass die Gewinne der großen Fische von heute nicht nur zu den Verlusten der Masse, sondern auch zu ihren eigenen werden könnten, sind zwar interessant für Beobachter, werden die grundsätzlichen Verhältnisse aber kaum ändern.

    Aber Augen zu und immer weiter fleissig “anlegen”, “investieren” und “Geld arbeiten lassen”, vielleicht geht das Spiel ja nochmal in die Verlängerung, bevor die Luftschlösser dann doch um die ein oder andere Dimension geschrumpft werden müssen…

    @frauvongutenberg: Ihre STAATSVERSCHULDUNGSKRISE ist nichts anderes als eine PRIVATGUTHABENKRISE. Und die FINANZKRISE ist letztlich nur ein Symptom, dass letztere nicht mehr ohne staatliche Akteure zu stabilisieren ist. Mal sehen, ob die “marktverliehenen” neuen (Geld-)Adelstitel nochmal so lange halten, wie die alten “gottverliehenen” Vorläufer. Mit Hilfe von Marktanbeterinnen wie Ihnen vielleicht…

    • 5. Januar 2012 um 21:52 Uhr
    • Spielverderber
  7. 7.

    @4 keiner

    Wenn Staatsanleihen von Investoren nicht mehr als risikolos angesehen werden und hohe Risikoaufschläge gezahlt werden müssen, dann handelt es sich nicht mehr nur um eine reine Bankenkrise.

    Gruß an das Zentralnervensystem:)

    • 5. Januar 2012 um 23:16 Uhr
    • von Löwenwolde
  8. 8.

    @ frauvongutenberg (#3)

    Da haben Sie leider unrecht. Denken Sie an Japan: da liegt die Staatsschuldenquote bei 238% des BIP, und sowohl der Yen als auch der japanische Rentenmarkt sind bombenfest. Lesen Sie mal das Buch von Reinhart und Rogoff zum Thema, welche Art von Krise die hartnäckigere ist. Die europäische Staatsschuldenkrise ist fast ausschließlich durch die Probleme mit den Banken entstanden. Die einzige Ausnahme ist Griechenland. Bis 2007 standen Irland und Spanien in Bezug auf die Staatsverschuldung viel besser da als Deutschland!! DW

    • 6. Januar 2012 um 08:57 Uhr
    • Dieter Wermuth
  9. Kommentar zum Thema

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