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Zehn Wetten für 2012

Von 11. Januar 2012 um 12:21 Uhr

Noch ganz begeistert von unseren Vorjahreswetten, wagten wir, die
drei Hirten Zeise, Wermuth und Heusinger
, nach einem Gläschen Bier den Blick in die Glaskugel für das noch junge Jahr. Dabei hatte ich ein Déjà-vu: Denn wir debattierten dieselben Fragen wie im Vorjahr. Wird es Griechenland ohne Haircut schaffen, wird es Griechenland mit Haircut schaffen? Beide Antworten fielen eindeutig negativ aus. Dann also Austritt aus dem Euro, ungeordnete Insolvenz? Schon eher. Hält der Euro? Ja, er wird auch Ende 2012 noch offizielles Zahlungsmittel in Deutschland, Italien, Frankreich und Co. sein. Reißt die Euro-Krise die Weltwirtschaft mit in die Tiefe? Nein. Zu einem Lehman-II-Moment wird es nicht kommen, wenngleich die Euro-Krise das Gefühl noch mal heraufbeschwören wird, doch dann wird die Europäische Zentralbank (EZB) löschen, was ihre Bilanz hergibt. Die Schwellenländer werden die Weltwirtschaft gemeinsam mit den USA tragen. China, soweit rangen wir uns zum Optimismus durch, wird es gelingen, wieder mit knapp neun Prozent zu wachsen und die heimische Wirtschaft in Richtung Binnennachfrage zu steuern, weg von der Exportfixierung.

Die Krise muss schlimmer werden und wird noch schlimmer, bevor Mario Draghi (“sehr vernünftiger Mann” Dieter Wermuth) tut, was ein Zentralbanker tun muss, der nicht nur Inflation in seiner Zielfunktion hat, sondern auch die Stabilität des Finanzsystems. Soweit waren wir uns einig. Streit gab es wieder um das Thema, wie der aufgeblähte Banksektor zum Schrumpfen gebracht werden kann. Lucas, der so gut wie kein Vertrauen in die Politik hat, hält den Zusammenbruch des Finanzsystems über Staatspleiten für die einzige Möglichkeit, die Banken zu verstaatlichen und abzuwickeln. Dass die Politik strenge Regeln durchsetzen kann, damit die Banken von selbst schrumpfen, was meine präferierte Lösung des Problems ist, hält Lucas für utopisch. Dieter fürchtet wie ich den Zusammenbruch mehr als Zombie-Banken, glaubt aber wie Lucas auch nicht dran, dass die Politik sich gegen die mächtige Bankenlobby wird durchsetzen können. Deshalb schaut unser Kompromiss so aus: Ein bisschen Zusammenbruch, bis die Banken wanken und verstaatlicht werden müssen.

Nur welche Regierung, vielleicht mal abgesehen von der deutschen, die Anleihen begibt und dafür von den panischen Investoren auch noch Zinsen bezahlt bekommt, wird ihre Banken retten können? Vielleicht gerade noch die französische, aber eigentlich auch die nicht. Deshalb wird die EZB diesen Job übernehmen. Sie wird die Institute verstaatlichen, schrumpfen und rekapitalisieren müssen, oder – was dasselbe wäre – ein ad hoc zu gründender europäischer Bankenrettungsfonds, der Anleihen begeben darf, die die EZB kauft.

Uff, das wird ein turbulentes und gefährliches Jahr. Die Investoren zahlen ja nicht umsonst Geld, um deutsche Staatsanleihen zu ergattern. Aber wir sind optimistisch, dass Deutschland im EZB-Rat am Ende komplett isoliert sein wird, solange Bundesbankpräsident Jens Weidmann seine sture Position nicht ändert. Für die Holländer, Österreicher und selbst die Finnen wird die Finanzmarktstabilität das Prä haben. Soweit unser Blick in die Glaskugel und nun unsere zehn Wetten:

Griechenland wird in die ungeordnete Insolvenz geraten und die finale Stufe der Krise markieren. Das ist unsere erste Wette.

Die Schockwellen, die dieses Ereignis auslösen wird, geben Draghi freie Hand für allerlei Tabubrüche im Sinne deutscher Ordnungspolitiker. Die Bilanzsumme der EZB wird Ende 2012 vier Billionen Euro betragen. Das wäre ein Plus von 50 Prozent binnen eines Jahres! Das ist unsere zweite Wette.

Die Leitzinsen werden noch in zwei Schritten auf 0,50 Prozent gesenkt, unsere dritte Wette. Wobei das Kosmetik ist, angesichts von Dreijahrestendern und der Aufstockung der Bilanz.

Die Wirtschaft Eurolands wird 2012 schrumpfen. Die staatlichen Sparprogramme samt Kreditklemme in Südeuropa werden das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Eurolands um 0,5 Prozent kleiner werden lassen. Das ist Wette Nummer vier. In Deutschland indes wird es noch schwaches Wachstum geben. Wir tippen auf 0,8 Prozent. Das liegt unter meiner eigenen Wachstumswette (ein Prozent plus), die Gründe für das positive Abschneiden sind aber dieselben: negative Realzinsen, steigende Löhne, abnehmende Arbeitslosigkeit, günstiger Wechselkurs. Die Weltwirtschaft wird in Kaufkraftparitäten gemessen um drei Prozent wachsen, wobei die Schwellenländer mit 6,5 Prozent den Löwenanteil beisteuern werden.

Die Inflation wird sich weiter zurückbilden. Rezession und unterausgelastete Kapazitäten werden Euroland glatte 2,0 Prozent Inflation bescheren. Das ist unsere fünfte Wette.

Und Achtung die Rohstoffpreise sind unsere sechste Wette: Sie werden im laufenden Jahr ganz gewiss sinken, gemessen am GSCI um 15 Prozent! Weil sich das Weltwirtschaftswachstum abschwächt, weil sie noch nie ein guter store of value waren.

Aus diesem Szenario folgt ein schlechtes Jahr für den Euro, der weiter gegenüber dem Dollar verlieren wird. Er wird unter 1,20 fallen, zum Jahresende aber bei 1,20 und damit rund zehn Cent niedriger als im Vorjahr notieren. Das ist die siebte Wette.

Staatsanleihen von Deutschland und den USA werden zu den Gewinnern zählen, die Aktien der Großkonzerne dagegen zu den Verlierern. Die zehnjährige Bundesanleihe wird gewinnen, ihre Rendite wird sich am Jahresende bei 1,5 Prozent einpendeln (zurzeit rund 1,90 Prozent). Das ist die Wette Nummer acht.

Und die Indexstände von Dax und S&P500 sind die Wette neun: Der Dax wird am Jahresende bei 5500 Punkten notieren, der S&P500 bei 1200.

Die Wette Nummer zehn übertragen wir aus dem Vorjahr. Da waren wir einfach ein paar Wochen zu schnell: “Die schwarz-gelbe Koalition übersteht das Jahr nicht. Die herben Verluste bei den Landtagswahlen für die FDP sowie ihre Fundamental-Opposition gegen weitere Schritte zur Rettung des Euro besiegeln das Aus.” Allerdings rechnen wir nicht mehr mit einer formellen großen Koalition, sondern mit einer informellen, in der die SPD heimlich mitregiert, um die Euro-Krise zu bewältigen.

Ihnen, verehrte Leser und Kommentatoren des HERDENTRIEB wünschen wir ein glückliches und erfolgreiches Neues Jahr
Ihr Hirte Robert von Heusinger

Kategorien: Die Heusinger-Wetten
Leser-Kommentare
  1. 9.

    Wenn Schwarz-Gelb zerbricht, wird es Neuwahlen geben. Mit Sicherheit aber keine Minderheitsregierung CDU, die von der SPD toleriert wird, weder ohne noch mit Neuwahlen.

  2. 10.

    Zur Wette #10 läuft grade die Generalprobe im Saarland!
    Die Wette wird sicher gewonnen.

  3. 11.

    Wunderbar, nachvollziehbar, und in der Formulierung präzise ohne viele Worte. Klasse, Was ist der Wetteinsatz, das habe ich jetzt noch nicht verstanden. Und wo sind die Quoten?

    • 11. Januar 2012 um 20:07 Uhr
    • Hans
  4. 12.

    Gute Prognosen. Unterschreibe ich blind. Das mit schwarz/gelb vielleicht nur unter Vorbehalt.

    Aber: Wo ist die Wette die da lautet:

    “2012 wird eine Finanztransaktionssteuer beschlossen”

    Ich wage mal die Prognose, dass Wette 10 davon unmittelbar abhängt.

    • 11. Januar 2012 um 20:26 Uhr
    • Roland Dressler
  5. 13.

    Wette:

    10 Regierung, halte ich dagegen, aber egal wie, helfen wird alles nichts, denn weder die CDU, noch die SPD bekommt die anstehenden “Probleme” in den Griff. Das fängt schon damit an, das sie Situationen komplett falsch einschätzen, woraus dann Probleme entstehen.
    Ich wette Neuwahlen, dann CDU/CSU, Die Grünen.

    Wette:
    Griechland, wird mit den Euro durchkommen, die Banken werden gezwungen und freuen sich dann doch über die zweite Hälfte, die sie dann doch nicht bekommen.

  6. 14.

    Wer sich hier über mangelnden Einsatz beschwert sollte nochmal überlegen.

    Einsatz bei den meisten Wetten hier sind unser Wohlstand, unsere Ersparnisse und unsere Zukunft. Wenn das nicht reicht.

    • 11. Januar 2012 um 20:50 Uhr
    • Dustin
  7. 15.

    sehr zynisch diese wetten.

    sind sie doch die wurzel allen übels in unserer finanzwelt/volkswirtschaft!

  8. 16.

    Zu Wette 10, Koalition:

    Die CDU wird dann, aber nur dann von der SPD/Die Grünen unterstützt, wenn es darum geht, die Euro-Krise zu bewältigen.

    Insoweit haben die Hirten m.A.n. recht.

    Eine informelle Zusammenarbeit darüber hinaus bis zur regulären Neuwahl wird es nicht geben falls die Koalition platzt.

    Es wird in diesem Fall vorgezogene Wahlen geben.

    Die Frage ist:

    Bricht die Koalition vor der regulären Wahle 2013 auseinander?

    Merkel kann kein Interesse daran haben. Denn dann würde nach dem gegenwärtigen Stand Rot/Grün an die Macht kommen. Bestenfalls müsste sie mit der SPD zusammenregieren – wenn es dazu reichen würde. So oder so, keine wünschenswerten Optionen.

    Bei der FDP ist das Interesse nicht so eindeutig. Die hat zwar immer noch nicht gemerkt, dass sie nur deshalb der Wunschpartner von Merkel war und immer noch ist, weil diese dadurch die SPD neutralisieren kann, d.h. SPD-Politik anders als in einer großen Koalition ohne die SPD realisieren kann (Mindestlohn z. B.). Wenn die FDP merken würde, dass sie in dieser Koalition missbraucht wird, aber nicht lieferfähig ist, könnte sie die Notbremse ziehen und kündigen. Der Anlass müsste jedoch stimmen: Eine Krisenentscheidung, die in der Bevölkerung auf überwiegende Ablehnung stößt. Dann könnte sie sich als „Retter deutscher Interessen“ darstellen.

    Die Krisenentscheidung wäre dadurch nicht zu torpedieren, aber die Koalition geplatzt und es gäbe Neuwahlen.

    • 11. Januar 2012 um 21:11 Uhr
    • Dietmar Tischer
  9. Kommentar zum Thema

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