So funktioniert Kapitalismus

Target 2 – Versuch einer Bilanz

Von 12. Februar 2012 um 23:59 Uhr

Wir haben uns sehr gefreut, dass Hans-Werner Sinn am Wochenende an der Debatte über die Target-Salden auf diesen Seiten teilgenommen hat. Es zeigt, dass er – und das war trotz vieler inhaltlicher Differenzen schon immer meine Meinung – tatsächlich eine Ausnahmeerscheinung in der grauen deutschen Ökonomenlandschaft ist. Die Auseinandersetzung, auch in den Kommentaren, kann ich nur empfehlen. Möge der Diskurs uns alle klüger machen, denn darum geht es in der Wissenschaft und in der öffentlichen Auseinandersetzung.

Ich möchte gerne vier Punkte machen:

1. Eine verstärkte Nutzung der Zentralbank im Süden führt, da sind sich jetzt alle einig, nicht zu einer durch eine Knappheit an Zentralbankgeld ausgelösten Kreditklemme im Norden. Sinn – und mit ihm Henry Kaspar – würden, wenn ich es richtig verstehe, argumentieren, dass in einer Vollbeschäftigungssituation sehr wohl Ressourcen des Nordens vom Süden beansprucht werden, weil im Norden nun Waren für den Export produziert werden, die ansonsten für den heimischen Konsum produziert werden könnten.

Mein Gegenargument: Wir haben noch keine Vollbeschäftigung und damit verdrängt zusätzliche Nachfrage aus dem Süden nichts, sondern sorgt für Auslastung von brach liegenden Ressourcen und ist damit willkommen. Wenn es tatsächlich zu einer Überbeanspruchung kommt, sollte sich die Verdrängung in Form von Inflation niederschlagen (es ist ja nicht weniger Einkommen da, sondern mehr Leute wollen den in Stuttgart produzierten Mercedes kaufen) und die EZB müsste gegensteuern. Es würden also weniger deutsche Konsumwünsche befriedigt als ohne Auslandsnachfrage, dafür baut Deutschland Forderungen an das Ausland auf. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass in einer solchen Situation das Angebot nicht reagiert – auch wenn die Arbeitskräftemobilität in Europa gering ist. 

2. Einigkeit besteht, dass die Geldpolitik der EZB mit Risiken für den Steuerzahler einhergeht. Strittig ist, wie sinnvoll die Target-Salden als Indikator für das Haftungsrisiko Deutschland sind. Die Position von Sinn ist bekannt:  Für das Ifo-Institut ist Target ein Element der Haftung, die es in seinem Haftungspegel veröffentlicht.

Ich halte es für zielführender, auf die ausstehenden Kredite der EZB aus den verschiedenen Fazilitäten zu schauen und diese mit einem Maß für die Qualität der Sicherheiten zu gewichten. Das Target-System ist letztlich doch nichts anderes als die Kehrseite der geldpolitischen Operationen der Notenbank. Und die Bilanz der EZB ist nur dann in Gefahr, wenn sowohl die ausleihende Bank kollabiert und die Sicherheiten sich nicht verwerten lassen. Übrigens kann Target hier die falschen Signale aussenden: Nehmen wir an, auch die deutschen Banken bieten beim nächsten LTRO kräftig mit und legen das Geld in Italien an. Dann sollte der deutsche Target-Saldo sinken – aber das bedeutet ja nicht, dass das Exposure der Notenbank in Südeuropa geringer wäre, wenn die italienischen Banken wie bisher weiterbieten (okay zu Ende gedacht würden sich dann die italienischen Anleihemärkte stabilisieren, die italienischen Banken gälten als sicherer und bräuchten weniger Geld von der EZB – aber warum so kompliziert wenn es auch einfach geht?).

Dabei sollte man nicht vergessen, dass die Notenbank – Kantoos hat darauf hingewiesen – erhebliche Abschläge auf das collateral vornimmt. Man darf die geldpolitischen Operationen nicht mit dem Anleiheankaufprogramm (SMP) verwechseln, für das andere Regeln gelten. Und Fabian Lindner hat völlig recht, dass diese Abschläge  AUF DEN MARKTWERT vorgenommen werden. Wenn also auf eine zehnjährige Griechenlandanleihe die bei 30 notiert ein Abschlag von rund zehn Prozent genommen wird, dann gibt es für eine Anleihe mit Nominalwert 100 nur noch 27 Euro Zentralbankgeld. Das ist ein erheblicher Puffer.

Ich glaube, dass man mit dem Weg über die EZB-Bilanz einfach präziser die Risiken messen kann. Wenn Griechenland keinen Cent mehr zurückbezahlt und alle griechischen Banken untergehen, dann wird man zu ähnlichen Ergebnissen kommen (Stand November belaufen sich die Ausleihungen der EZB in Griechenland auf 78 Milliarden Euro, der Target-Saldo laut Ifo auf 98 Milliarden). Aber wie sich ein Schuldenschnitt von 30, 40 oder 70 Prozent auswirkt, lässt sich mit Target nur schwer erfassen. (Nur am Rande: Bernd Klehn macht den interessanten Punkt, dass im Extremfall eines schmutzigen Austritts eines Landes auch die Frage der Banknoten berücksichtigt werden muss. Hier hat Deutschland offensichtlich Nettoverbindlichkeiten. Das müsste sich man einmal genauer anschauen).

3. Einigkeit besteht, dass ein negativer Target-Saldo vielfältige Ursachen haben kann. Es kann sich um einen gestörten Interbankenmarkt beziehungsweise Kapitalflucht handeln, aber auch um die Finanzierung eines Leistungsbilanzdefizits. Strittig ist, wie schädlich die Finanzierung eines solchen Defizits ist. Sinn argumentiert, dadurch werde eine Anpassung blockiert, Henry Kaspar und ich argumentieren, dadurch wird sie schonender und damit für alle Beteiligten (auch Deutschland) weniger kostspielig.

4. Uneinigkeit besteht, wie sich die Übertragung des Ausgleichssystems der amerikanischen Notenbanken auswirken würde. Sinn argumentiert, es würde den Aufbau von Ungleichgewichten verhindern beziehungsweise den Abbau beschleunigen. Kaspar weißt wie ich meine zurecht darauf hin, dass man Europa und die USA nicht vergleichen kann. Die Banken in Südeuropa nehmen die EZB ja nur deshalb in Anspruch, weil die Schwäche ihres Heimatstaates dazu führt, dass sie sich am Interbankenmarkt nicht refinanzieren können. Amerikanische Banken werden nicht mir ihrer Region identifiziert. Auch wenn Texas am Ende ist, werden die Banken in Texas die Fed nicht übermäßig stark in Anspruch nehmen müssen. Deshalb ist der Ausgleich der regionalen Notenbankbilanzen in den USA nicht relevant – in Europa hätte er aber möglicherweise gravierende Folgen.

to be continued…

Kategorien: Der aktuelle Rand
Leser-Kommentare
  1. 33.

    @ van der woude

    I don’t think there is a way money could be withdrawn from the central bank unless the CB withdraws it itsef (through contractionary CB operations). If bank X uses its central bank reserves to resume lending, the CB money is simply transfered to the central bank account of its customer’s bank.

    Antworten

    • 15. Februar 2012 um 21:39 Uhr
    • Henry Kaspar
  2. 34.

    @ Rebel
    “Eigenkapitaldeckung 100%, so wie der Dr.Vater von Ackermann – Binswanger – fordert.”
    Nicht nur er:
    “I have long believed that the most effective way to reduce regulation is to separate the monetary functions of the commercial banks from their credit conscience. The way to do this would be to require all institutions offering demand deposits to keep 100-percent reserves; make them depositary institutions in fact and not, as now, simply in name. Free entry into this industry could be permitted. The institutions could compete for customers financed by the interest received from the Government and by service charges to customers. The lending and investing activities of today’s commercial banks would be carried out by new institutions created by them which would raise their funds through time deposits or debentures or stock. These institutions would then be freed almost entirely from regulation. This is not a new proposal. It dates back over 40 years. It was supported in the 1930′s by Henry Simons at the University of Chicago. It was proposed in a book by the great Yale economist, Irving Fisher.”
    Milton Friedman(1975)

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    • 16. Februar 2012 um 10:12 Uhr
    • jmg
  3. 35.

    Die stetig anwachsenden Target 2-Salden der “Peripherieländer” (negativ) und der “Nordländer” (positiv), insbesondere Deutschlands (aktuell über 500 Mrd. €!) sind nicht das Kernproblem, sondern weisen lediglich auf ein noch viel größeres Problem des EZB-Systems hin, das in der Sicherheitenpolitik der EZB zu sehen ist.

    Die Sicherheitenpolitik der EZB wurde nämlich im Verlauf der EU-Staatenkrise immer weiter gelockert. Dies ermöglichte es den nationalen Notenbanken der Peripherieländer im Rahmen von Offenmarktgeschäften mit ihren Geschäftsbanken weiterhin Staatsanleihen minderer Bonität als Sicherheiten für gewährtes Zentralbankgeld zu akzeptieren.

    Aufgrund dieser gelockerten Sicherheitenpolitik der EZB konnten zwar die Bankensysteme in den Peripherieländern über entsprechendes Zentralbankgeld liquide gehalten werden. Das Risiko einer solchen Politik ist jedoch darin zu sehen, dass der EZB aus der Inpfandnahme von Staatspapieren minderer Bonität im Falle eines Ausfalls eines oder mehrerer Peripherieländer erhebliche Risiken aus den dann vorzunehmenden Abschreibungen drohen.

    Die weitere Inpfandnahme von Staatsanleihen der Peripherieländer erfolgte zwar unter Berücksichtigung eines “haircuts” auf die Marktwerte der betreffenden Papiere. Aber ob diese “haircuts” bei einem möglichen Ausfall und gar eines Austritts einer dieser Staaten aus der Eurozone wirklich ausreichend bemessen wären, muss doch zumindest in Zweifel gezogen werden.

    Die in diesem Fall drohenden Abschreibungen für die EZB könnten dann dazu führen, dass diese im entsprechenden Umfang von den übrigen Eurozonenstaaten wieder rekapitalisiert werden müsste. Und dabei dürfte der Anteil Deutschlands an der notwendigen Rekapitalsierung der EZB, je nachdem, welches Peripherieland betroffen wäre, zwischen 30-40 % liegen (der derzeitige Anteil Deutschlands am EZB-System liegt zwar bei “lediglich” ca. 27 %, würde jedoch bei einem Ausfall eines oder mehrerer Peripherieländer entsprechend ansteigen).

    Dies alles zeigt, dass die in den Medien seit mehr als einem halben Jahr bereits umfassend diskutierte “Target 2-Salden-Problematik” lediglich als Teil eines weit größeren Problems des EZB-Systems gesehen werden muss, was noch erheblichen politischen “Sprengstoff” ins sich bergen könnte.

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    • 18. Februar 2012 um 16:53 Uhr
    • Jens Tramann
  4. Kommentar zum Thema

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