So funktioniert Kapitalismus

Ifo Klima – die deutsche Industrie freut sich über die Eurokrise

Von 23. Februar 2012 um 13:31 Uhr

Die Ifo-Zahlen für Februar, die heute Vormittag veröffentlicht wurden, bestätigen meine bislang wenig beachtete, oder soll ich sagen: ernst genommene These, dass der deutschen Industrie kaum etwas Besseres hat passieren können, als die Eurokrise.

Denn was hat sie bewirkt? Dass die Wirtschaft mit Geld geflutet wird, dass die Zinsen sowohl am kurzen als auch am langen Ende real, soweit ich mich erinnern kann, so negativ sind wie noch nie, und dass der Euro an den Devisenmärkten im vergangenen Jahr so viel gegen Dollar, Pfund, Schweizer Franken, Yen, Renminbi und Schwedenkrone an Boden verloren hat, dass es um die preisliche Wettbewerbsfähigkeit nicht besser bestellt sein könnte. Es wird wegen der schwachen Währung zwar Inflation importiert, das macht aber im Augenblick nicht so sehr viel, weil die Kapazitätsauslastung nach wie vor niedrig und es daher unwahrscheinlich ist, dass es demnächst zu einer neuen Inflationsspirale kommen wird. Selbst wenn die Inflationsraten anziehen würden, ist nicht damit zu rechnen, dass die EZB die Zinsen anheben wird – nicht viel anders als die Fed wird sie vermutlich auf Jahre hinaus die Zinsen in der Nähe von Null halten, denn die Banken müssen Gewinne machen, damit sie ihre Bilanzen wieder in Ordnung bekommen, die Kreditnachfrage soll endlich wieder anspringen, und Euroland insgesamt steckt in einer Rezession – wegen der zahlreichen (pro-zyklischen) Sparprogramme ist die Wirtschaft so angeschlagen, dass kein Weg um eine expansive Geldpolitik herum führt. Deutschland ist der Gewinner der Krise.

Grafik: ifo Geschäftsklimaindex - Februar 2012

Trotzdem sind die Ifo-Zahlen nicht so leicht zu verstehen. Der Geschäftsklimaindex ist jetzt viermal in Folge gestiegen und liegt bei 109,6. Verglichen mit seinem längerfristigen Mittelwert von 100,7 ist das ein sehr gesundes Niveau, auch wenn es noch um einiges niedriger ist als der bisherige Höchststand von vor einem Jahr (115,1). Was die beiden Teilkomponenten des Index angeht, lernen wir, dass die aktuelle Lage kaum besser sein könnte, und dass sich die Erwartungen auch schon wieder verbessern und ebenfalls viermal in Folge zugelegt haben. Verständlicherweise ist die Lage aber viel besser als die Erwartungen. Die Gewinne steigen seit einigen Quartalen wieder stärker als das Volkseinkommen insgesamt, sodass es da keinen Grund zur Klage gibt, aber die allgemeine Unsicherheit schlägt doch schon ein bisschen auf’s Gemüt.

Die Ifo-Zahlen passen allerdings überhaupt nicht zu den Auftragseingängen im Verarbeitenden Gewerbe, die eigentlich signalisieren, dass wir uns auf eine Rezession zu bewegen. Sie sind zwischen dem zweiten und vierten Quartal 2011 real mit einer annualisierten Rate von 9,8 Prozent abgestürzt und befinden sich um 10,8 Prozent unter dem Vorkrisenhoch vom vierten Quartal 2007! Sie passen allerdings zu den Arbeitsmarktzahlen. Die Unternehmen haben seit Mitte 2009, dem unteren Wendepunkt der Konjunktur, Monat für Monat mehr Leute eingestellt, insgesamt mehr als eine Million (+2,6 Prozent).

Grafik: Industrieprodution und ifo Erwartungen - Februar 2012

Die Konjunktur bricht ein, die Unternehmer aber sind ausweislich des Ifo-Indikators guter Dinge und sie erhöhen ihre Belegschaft, als gäbe es keine ernsten Risiken. Gibt es vielleicht auch nicht! Sie gucken vermutlich über den europäischen Tellerrand hinaus, und was sie dort sehen, ist eine moderat aber robust wachsende Weltwirtschaft – zurzeit expandiert das globale reale BIP mit einer Verlaufsrate von 3 Prozent – und besonders erfreuliche Zuwachsraten dort, wo sich ihre teuren Autos und Maschinen gut verkaufen lassen, in den Schwellenländern. Daher kommt wohl vor allem der ungebrochene Optimismus, der sie dazu bringt, Arbeitskräfte auf Vorrat einzustellen. Hoffen wir, dass sie Recht behalten. Jedenfalls ist im Unternehmerlager von der trüben Stimmung vergangener Jahrzehnte nichts mehr zu spüren. Aus dem kranken Mann ist die Konjunkturlokomotive Europas geworden.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Interessant, aber ewig wird sich Deutschland wohl nicht gegen den Trend stemmen können. Nach der jüngsten Konjunkturprognose aus Brüssel schrumpft die Wirtschaft in der Eurozone in diesem Jahr um 0,3 Prozent. Besonders schlimm fällt die Rezession wie zu erwarten in Griechenland und Portugal, aber auch in Italien, Spanien und – Überraschung – den Niederlanden aus. Deutschland soll dagegen um 0,6 Prozent wachsen, Frankreich immerhin noch um 0,4. Doch selbst für diese Länder hat Rehn seine Prognose gegenüber der letzten Schätzung kräftig abgesenkt.

    Es geht also abwärts in der Eurozone, wieder einmal. Der letzte Einbruch liegt erst zwei Jahre zurück, damals war die US-verschuldete Finanzkrise schuld. Diesmal ist es die selbst verschuldete Austeritätspolitik, die viel zu brutal und viel zu pauschal durchgezogen wird – ohne Rücksicht auf Verluste.

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    • 23. Februar 2012 um 15:05 Uhr
    • Eric B.
  2. 2.

    Lieber Herr Wermuth,

    Ihre Überschrift “Die deutsche Industrie freut sich über die Euro-Krise” finde ich ziemlich zynisch und auch sachlich keinesfalls gerechtfertigt.

    Von den niedrigen Zinsen und dem schwächeren Euro (der übrigens mit 1,32 Dollar im Mehr-Jahres-Vergleich so schwach auch wieder nicht ist) profitieren ja alle Euro-Länder, nicht allein die Bundesrepublik.

    Der Grund für das (erhoffte) gute Abschneiden der deutschen Exportwirtschaft muss also woanders liegen.

    Dieser besteht nicht zuletzt darin, dass die deutsche Industrie – im Durchschnitt – in den vergangenen Jahren erheblich mehr in neue Produkte investiert hat als die meisten anderen Konkurrenten in Europa. Und jetzt mit den Innovationen auf den Weltmärkten reüssiert.

    Die Ausgaben von Staat und Wirtschaft für Forschung und Entwicklung erreichten 2011 in Deutschland einen Anteil von 2,8 Prozent am Sozialproudkt. Dies war erheblich mehr als in Großbritannien, Frankreich und Italien, von Portugal, Spanien und Griechenland ganz zu schweigen.

    Höhere Werte als die Bundesrepublik erreichen in Europa nur einige wenige Länder wie Finnland, Schweden und die Schweiz.

    Auch in der Rezession haben die meisten deutschen Industrie-Unternehmen fleißig in Forschung und Entwicklung investiert, anders als in manch anderen Ländern. Vielleicht zahlt sich dies ja jetzt aus.

    Ihre These, “dass der deutschen Industrie kaum etwas Besseres hat passieren können, als die Eurokrise” halte ich, wie gesagt, für blanken Zynismus.

    Wenn ich Sie recht verstehe, sind es allein die Geld- und die Fiskalpolitik, die über das wirtschaftliche Wohlergehen eines Landes entscheiden. Von Innovation, Qualität, Service, Unternehmergeist und nicht zuletzt harter Arbeit halten Sie wohl gar nichts.

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    • 23. Februar 2012 um 15:26 Uhr
    • Wirtschaftssachverständiger
  3. 3.

    Mir wäre es lieber gewesen, wir hätten von der Schwäche der anderen nicht profitiert, das hieße dann auch: keinen Euro.

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  4. 4.

    @ Eric B.

    Es zeigt sich aber auch, dass die deutsche Wirtschaft angesichts der immer noch hohen Arbeitslosigkeit und der Kapazitätsreserven sehr positiv auf eine expansive Wirtschaftpolitik reagiert, und im Grunde keine überdurchschnittlich ernsten Strukturprobleme hat. Trotzdem überrascht das “labor hoarding” der Unternehmen – sie nehmen ja einen Rückgang der Produktivität in Kauf – das macht man nur, wenn die Umsatzaussichten mittelfristig sehr positiv sind. DW

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    • 23. Februar 2012 um 16:12 Uhr
    • Dieter Wermuth
  5. 5.

    @ Wirtschaftssachverständiger

    Na ja, zynisch würde ich nicht sagen – gemeint ist, dass sich die Unternehmen über die niedrigen Zinsen und den schwachen Euro freuen, die vor allem eine Folge der Eurokrise sind.

    Dass es so gut läuft, hängt natürlich auch damit zusammen, dass die Wirtschaft so gut aufgestellt ist, dass es also Strukturvorteile gibt, wie die hohe Forschungsintensität, die TUs, die Max-Planck- und Fraunhofer-Institute, das duale Ausbildungssystem (daher die niedrige Jugendarbeitslosigkeit), die gute Verkehrsinfrastruktur, das belastbare Rechtssystem, die Sprachenkenntnisse der Bevölkerung (nicht ganz so gut wie in Skandinavien, Luxemburg oder der Schweiz, aber viel besser als in Frankreich, Italien oder GB). Da bin ich völlig bei Ihnen. Wir müssen darauf achten, dass diese Vorteile nicht verloren gehen. Die klugen jungen Leute können nicht alle Juristen, Manager, Steuerberater, Makler und dergleichen werden – auch die technischen und naturwissenschaftlichen Berufe müssen attraktiv bleiben. Dann kann nichts passieren. DW

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    • 23. Februar 2012 um 16:23 Uhr
    • Dieter Wermuth
  6. 6.

    @ karlderII

    Aber dann hätten wir auch keine expansive Wirtschaftspolitik bekommen! Alles zu seiner Zeit: wir haben jetzt, gegen den Instinkt unserer Wirtschaftpolitiker, eine Politik, die genau zur konjunkturellen Lage passt. Darüber freue ich mich. DW

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    • 23. Februar 2012 um 16:28 Uhr
    • Dieter Wermuth
  7. 7.

    Der Autor ist noch so einer, der es nicht verstehen will – zumindest tut er so – , daß Exportstärke und dauerhafte – überschüsse kein Beleg dafür sind, ob es einem Land gut geht oder nicht.

    Unsere Starexporteure, wie die Autoindustrie und der Maschinenbau reichen ihre Zahlungseingänge an ihre Banken weiter und damit ist der Fall für sie erledigt. Die Bundesbank dagegen bleibt auf ihren Forderungen sitzen.

    Weil unsere Währung Euro zu schwach für die deutsche Wirtschaft ist, stützen wir die Exporte noch zusätzlich über den zu niedrigen Außenwert. Wir tun es also den Chinesen gleich, über die wir doch so gern die Nase rümpfen.

    Leidtragender ist die gesamte übrige Volkswirtschaft, besonders der kleine Mann, der die Lohndrückereiaushalten muß und sich noch nicht einmal mehr einen Urlaub in Euroland leisten kann.

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    • 23. Februar 2012 um 16:44 Uhr
    • Maidag
  8. 8.

    Jenseits aller Wertungen überrascht die geradezu strenge Korrelation zwischen den IFO-Geschäftserwartungen und der Industrieproduktion. Die IFO-Zahlen sind mehr ein Erwartungs-/Gefühlsindikator, während die Instustrieproduktion harte Fakten sind. Da kann man Herrn Sinn nur gratulieren.

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    • 23. Februar 2012 um 17:19 Uhr
    • Norbert Beckermann
  9. Kommentar zum Thema

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