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Hat jemand den Leviathan gesehen?

 

Ein Grund dafür, dass ich mich so gerne auf der Webseite der Bundesbank aufhalte, sind die wunderbaren Zahlen, die es dort zu sehen gibt. Da wird also im Moment in Deutschland eifrig über die vermeintlich steigende Belastung der Bürger mit Steuern und Abgaben geschrieben und den fetten Staat, der sich immer mehr Geld von seinen Bürgen holt.

Nun, hier die Staatseinnahmen aus Steuern und Sozialabgaben seit Anbeginn dieser schönen Republik bis 2010.

Grafik: Staatseinnahmen in Prozent des BIP seit 1950

Was sehen wir? Einen ziemlichen Anstieg bis Mitte der siebziger Jahre und seither – Stagnation! Die Staatseinnahmen liegen heute mit 39,6 Prozent des BIP exakt auf dem Niveau von 1979, und das, obwohl ein ganzer Staat eingemeindet werden musste.

Damit ist noch nichts über die Verteilung der Lasten gesagt, keine Frage – und hier mag es Ungerechtigkeiten und sogar Anreizprobleme geben. Trotzdem, liebe Kollegen: Bevor ihr wieder zur Tötung des Leviathan aufruft, erst einmal die Bundesbank fragen. Er ist nämlich schon halb tot.

43 Kommentare

  1.   Dietmar Tischer

    Trotzdem, lieber Herr Schieritz:

    Bevor der Leviathan wieder einmal gesund gebetet wird, erst einmal nach der Entwicklung der VERSCHULDUNG fragen.

  2.   Christian Wagner

    Herr Schieritz,

    schöne Statistik, die aber allein nichts sagt! Recherchieren sie aber bitte mal, wie

    a) das Steueraufkommen 1970 war, unterteilt in Einkommensteuer (und ihr noch die Unterteilung in Lohnsteuer und Einkommensteuer), Körperschaftsteuer und Umsatzsteuer (zur Info für Sie: damals noch Mehrwertsteuer)

    b) gezahlte Renten im Vergleich zum Durchschnittseinkommen damals und heute.

    Dann Vergleichen Sie die Zahlen und denken mal nach, was der durchschnittliche Arbeitnehmer im Vergleich zu seinem Bruttoeinkommen an Steuern und Abgaben damals und heute zahlen musste. Und dann, was er damals der durchschnittliche Arbeitnehmer für x% Rentenabgabe zahlen musste vs. dem, was der damalige Beitragszahler heute an Rente bekommt. Dann Vergleichen Sie diesen Wert mit dem heutigen Arbeitnehmer und in x Jahren künftigen Rentner.

  3.   alterego

    Ich sehe einen deutlichen Anstieg bis 1977 und dann eine lange Welle mit leicht steigendem Trend. Aber was sagt uns das? Bemerkenswertes zeigte sich womöglich bei der Darstellung der Sozialausgaben in v.H. des BIP über den gleichen Zeitraum.

  4.   buergerchen

    Mehr Mehrwertsteuer, weniger Abgaben auf Zinserträge, geringerer Spitzensteuersatz, kalte Progression, höhere Sozialabgaben. Das führt zu einer kleinen Umverteilung zugunsten von wem?

  5.   joG

    Es sind weniger die Einnahmen des Staates, das mich beunruhigt. Es ist das Niveau der Zusagen, die nicht mit Rücklagen unterlegt werden. Sie dürften zwischenzeitlich ein Multipel (250-300%) des BIP ausmachen ohne die Zusagen für die Rettung des Euro. Das sind noch einmal was? 50% eines BIP?

    Da würde ich ansetzen. Da fühlt sich, glaube ich, der Bürger unter Druck. Auch wird dem Bürger zunehmend bewusst, das selbst bei der hohen Verschuldung die Qualität der von den früheren Regierungen zugesagten Leistungen schlechter waren als in der Werbung.

  6.   vonDü

    Wenn sich die Superreichen aus der Finanzierung der Solidargemeinschaft verabschieden, und die unteren Schichten nicht mehr genug verdienen, um Steuern bezahlen zu können; aber trotzdem durch immer höhere Gebühren im taglichen Leben belastet sind, dann ist es kein Widerspruch, dass die Einahmen gleich bleiben und trotzdem die große Mehrheit das Gefühl hat, immer mehr zu bezahlen.

  7.   volkswirt

    @joG
    “Es sind weniger die Einnahmen des Staates, das mich beunruhigt. Es ist das Niveau der Zusagen, die nicht mit Rücklagen unterlegt werden.”
    Ein Staat kann keine Rücklagen bilden. Wie denn auch? In dem er Staatsanleihen kauft, Bankeinlagen hält oder einen Staatsfonds auflegt?
    Die ersten beiden Möglichkeiten verbieten sich von selbst und beim Thema Staatsfonds kriegt jeder Ordnungspolitiker Pickel.Womit sie hier recht hätten.
    Gruß.
    Volkswirt


  8. Hä? Sie schreiben “Da wird also im Moment in Deutschland eifrig über die vermeintlich steigende Belastung der Bürger mit Steuern und Abgaben geschrieben und den fetten Staat, der sich immer mehr Geld von seinen Bürgen holt.”

    Ihr Argument dagegen ist, dass die Einnahmen relativiert am BIP konstant bleiben. Und dann geben Sie zu: “Damit ist noch nichts über die Verteilung der Lasten gesagt, keine Frage – und hier mag es Ungerechtigkeiten und sogar Anreizprobleme geben.”

    Gut, dann muss ich Ihnen eigentlich gar nicht widersprechen, weil Sie es ja schon selbst getan haben. Nur der Form halber: Wenn die kosnatnte Last immer mehr auf die Bürger und weniger auf die Unternehmen verteilt wird (und auch da gibt es schöne Zahlen, die diese Umverteilung zeigen), dann ist doch genau das der Fall, was Sie anfangs bestreiten.

    m(

  9.   Baradin

    Es geht hauptsächlich darum, dass der Staat aber seit Jahrzehnten nicht fetter wird, nur die Verteilungen ändern sich.

    Es darf also darüber gestritten werden, ob wir nicht anders verteilen sollten und quasi höheren Spitzensteuersatz und höhere Kapitalsteuern und so etwas machen und dafür aber weniger Abgabenlast bei Renten- und Pflegekassen vll.

    (Wer das jetzt begriffen hat, kann sich dann bei Gelegenheit mal verschiedene Parteiprogramme durchlesen und wird verstehen, dass das bei einigen von diesen bösen etablierten Parteien sogar im Programm drinne steht; wohlgemerkt von denen, die derzeit nicht an der Regierung sind)

  10.   Marlene

    @Dr. Nerd

    Sie haben Recht.

    Die Abgaben aus Lohnsteuer UND Sozialabgaben sind seit 1996 um -4,1% gesunken wie Herr Prof. Bosbach errechnet hat.

    Die Staatseinnahmen sind immer mehr auf indirekte Steuern (Mehrwertsteuer, ….) verlagert worden und belasten überproportional im Niedriglohnsektor Beschäftigte.

    Die SPD und die CDU hat die Mehrwertsteuer erhöht um die Beschäftigung im Niedriglohnsektor auszuweiten.

    Das ist makabere Wirtschaftspolitik.

    Für die Piraten gäbe es viel zu tun.

    Ist eine sinkende Staatsquote gut?

    Wenn der Staat sich aus der Finanzierung von neuen risikoreichen Technologien, z.B. Internet (Gäbe es ohne den Staat nicht), zurückzieht, bekommt der Privatsektor keine neuen Geschäftsfelder.

    Und das Angebot der Unternehmen weitet sich nicht aus.

    Der absurde Ordoliberalismus hat dafür gesorgt, dass die Unternehmen, nach Investitionen, auf Bündeln von Geldscheinen sitzen.

    Und sie (die Unternehmen) wissen nichts vernünftiges damit anzufangen.