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Was will die EZB mit ihrer unkonventionellen Geldpolitik

Von 3. Mai 2012 um 23:38 Uhr

Im Finanzstabilitätsbericht der Zentralbank von Luxemburg gibt es einen faszinierenden Aufsatz von Jürgen Schaaf (BCL), Joachim Nagel (Bundesbank) und Hans-Helmut Kotz (Ex-Bundesbank und CFS) über das Wesen der unkonventionelle Geldpolitik.

In normalen Zeiten setzt der Zentralbankrat den Leitzins, die policy rate und die Marktabteilung implementiert diese Entscheidung durch ihre Marktgeschäfte. Ausdruck dieser Hierarchie ist im Fall der EZB das von Trichet oft bemühte so genannte separation principle: Die unkonventionellen Maßnahmen sind dazu da, die Umsetzung der konventionellen Entscheidungen zu gewährleisten.

In der Krise verliert die policy rate wegen der Funktionsstörung der Finanzmärkte ihre Bedeutung und wird durch balance sheet policies ersetzt, ein Begriff, der auf Claudio Borio und Piti Disyatat von der BIZ zurückgeht.

In a crisis environment, central bank balance sheet management is by necessity (has historically as a rule been) about underwriting financial stability.

Das bedeutet, dass die Zentralbank zusätzliche Risiken eingeht, und jetzt werden natürlich viele aufheulen, weil das ja nicht sein darf. Stimmt aber nicht, zumindest nicht zwingend, denn Aufgabe einer Notenbank ist nicht die Gewinnmaximierung, sondern die Wohlfahrtsmaximierung.

Thus, risk management in central banks cannot focus on minimizing its “private” risk. It is, instead, about providing a public good.

Aber jetzt wird es richtig interessant:

During the course of the crisis, however, in particular since the fall of 2008, operational targets undershot policy rates. This slippage was allowed on purpose. In the case of the Eurosystem it meant waiving the separation principle.

Die EZB hat also die Zinsen am Interbankenmarkt bewusst unter den Leitzins gedrückt und damit die herkömmliche Hierarchie aufgelöst. Und mehr noch:

Moreover (…) additional measures were deemed unavoidable to support lending to non-banks, to contain risk spreads in specific markets or to limit appreciation pressure on the exchange rate. While the first three objectives for “balance sheet policies” were (and are) valid in the case of the Eurosystem, the Swiss National Bank or many central banks in emerging market countries are typical cases for the latter one.

Die Bilanzpolitik der EZB sollte also die Kreditvergabe stimulieren und Risikoprämieren reduzieren. Das ist alles sehr sinnvoll und richtig – nur warum hat es die EZB bisher nicht so klar gesagt?

Kategorien: Leitwährungswatch
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Wie Warren Buffet erst heute früh in einem CNBC-Interview sagte, kann eine Zentralbank zwar ein Problem lösen, indem sie die Banken mit Billionen flutet, doch sie schafft damit nur ein noch viel größeres Problem.

  2. 2.

    Eben nicht. (Dass Warren Buffet das sagt, reicht als Beleg ja nicht aus).
    Ich halte es eher mit Schieritz (nicht wegen des Namens, sondern wegen des Arguments): Wenn die Zentralbanken nicht eingegriffen hätten, wäre weit schlimmeres passiert. Aber da die Katastrophe verhindert wurde, beschweren wir uns jetzt über die unstrittig aufgetretenen Nebenwirkungen bzw (relativ kleineren) Risiken.

    • 4. Mai 2012 um 13:41 Uhr
    • AgentJPB
  3. 3.

    #2

    Machen Sie doch mal eine Amortisationsrechnung auf: Was kostet uns der Euro-Zerfall (einmaliges Ereignis) uns was bringt er unserer Volkswirtschaft, weil wir nicht mehr jährlich die Leistungsbilanzdefizite der anderen Länder finanzieren müssen?

    Ich persönlich glaube, dass die Euro-Retter bereit sind jede Zahl zu türken, weil sie um *keinen* Preis von ihrer Dystopie eines vereinten Europas ablassen wollen.

    Alex

    • 4. Mai 2012 um 20:27 Uhr
    • Alex
  4. 4.

    Ihre Argument ist falsch.
    Die Überschussländer transferieren kein Geld zur “Finanzierung” der Leistungsbilanzdefizite in Teilen des Südens im Sinne einer Schenkung. Sie verkaufen mehr als sie konsumieren (gegenüber dem Ausland) und erwerben dafür finanzielle Ansprüche. Wenn die Eurozone auseinanderfliegt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese Ansprüche entwertet oder sogar nichtig werden. Wenn die Ausbalancierung innerhalb der Eurozone stattfindet (was Zeit und Reformen erfodert), wird es in jedem Fall günstiger.
    Eine genaue Vergleichsrechnung ist aber in der Tat schwierig bis unmöglich.

    “Glaubensfragen” sollten aber in jedem Fall in der Kirche diskutiert werden,…

    • 14. Mai 2012 um 23:18 Uhr
    • AgentJPB
  5. 5.

    “Das ist alles sehr sinnvoll und richtig – nur warum hat es die EZB bisher nicht so klar gesagt?”

    Vielleicht, weil keiner weiß, was es gebracht hat.

    • 14. Mai 2012 um 23:51 Uhr
    • alterego
  6. Kommentar zum Thema

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