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Investment Outlook: vor einem Paradigmenwechsel!

Von 2. Juli 2012 um 19:48 Uhr

Die entscheidende Frage ist für die Anleger, wie es mit dem Euro weitergehen wird. Die Befürchtung, dass die Währungsunion nicht mehr lange überleben würde, hat mehr als zwei Jahre lang ihre Strategie bestimmt. Sie war einerseits der Grund für die rekordniedrigen Zinsen in Deutschland, der Schweiz, in Schweden, aber auch in den USA und selbst in Japan – diese Länder gelten als sicher –, und andererseits für die hohen und existenzbedrohenden Aufschläge gegenüber Bundesanleihen, die Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien hinzunehmen hatten. Sie war auch der Grund für den schwachen Euro.

Nach den Brüsseler Beschlüssen vom vergangenen Freitag hat sich die Welt möglicherweise gründlich geändert. Es wurde ein großer Schritt in Richtung Bankenunion getan, mit mehr Aufsichtsvollmachten für die EZB, die Übertragung von Bankenrettungsaufgaben an den Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM und den Einstieg in eine gemeinsame Einlagensicherung. Eurobonds sind nach wie vor Tabu, also die Haftung für die Schulden der anderen. De facto wird auch das kommen. Eine echte Fiskalunion ist nur eine Frage der Zeit.

Damit ist die Existenz des Euro erst einmal gesichert. Es sieht danach aus, als würden die Politiker dem Euro endlich ein tragfähiges Fundament geben. Eine Währungsunion kann ohne eine Banken- und Fiskalunion nicht überleben. Dieser Geburtsfehler wird nunmehr behoben.

Das bedeutet, dass alle Strategien, die auf der Basis eines Eurozusammenbruchs entworfen worden waren, abgewickelt werden müssen. Konkret: der Spread zwischen Bundesanleihen und italienischen und spanischen Anleihen wird sich deutlich verengen, Bundesanleihen werden an Wert verlieren, was Dividendenpapiere am Aktienmarkt noch attraktiver macht, der Euro wird aufwerten. Die Stabilisierung des Euro wird auch die Weltkonjunktur stabilisieren und das Risiko einer globalen Deflationsspirale vermindern. Die Inflationsrisiken bleiben aber insgesamt wegen der beträchtlichen Outputlücke und des gestörten Transmissionsmechanismus der Geldpolitik gering, so dass die Notenbanken bis auf Weiteres ihre sehr expansive Politik fortsetzen können.

Eine ausführliche Analyse von Maßnahmen zur Lösung der Eurokrise und deren Wirkung auf der Risiken und Aussichten für Aktien, Bonds, Rohstoffe und Wechselkurswe finden Sie in meinem neusten Investment Outlook:

Wermuth’s Investment Outlook – July 2012*) (pdf, 208 KB)

*) Der Investment Outlook von Dieter Wermuth ist in englischer Sprache verfasst und wird im Herdentrieb in loser Folge zum Herunterladen bereitgestellt. (UR)

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Zwei Bemerkungen:

    1. Ich glaube, Herr Wermuth, Sie machen sich mit Ihrem gipfelbedingt sonnigen Ausblick auf den Euro, die Märkte und die Konjunktur etwas vor.

    2. Was die “Existenz” der GIIPS-Staaten bedroht, sind nicht die Zinsaufschläge, sondern deren Staats- und/oder Auslandsschulden.

    Ansonsten kann ich nur feststellen: Immer wieder vorbildlich, die Finnen: welt.de/politik/ausland/article107701441/EU-Angebot-an-klamme-Staaten-Finnland-blockiert

    • 2. Juli 2012 um 20:53 Uhr
    • alterego
  2. 2.

    Die Zukunft ist noch nicht geschrieben.

    Damit ist auch keineswegs sicher, dass man vor einem “Paradigmenwechsel” in Sachen Eurountergang stehen. Ganz im Gegenteil. Derzeit kann aus Deutschland noch Änderungsbedarf bis hin zum “No” kommen in . Das BVG tagt erst noch und der BP hat noch nicht unterschrieben. Also Gemach mit der Hoffnung auf ein fast unreguliertes weiterso.

    Selbst ein “Paradigmenwechsel” in Sachen Eurountergang bedeutet auf gar keinen Fall, dass der Finanzmarkt so unreguliert weiter agiert wie bisher. Wer das im Stillen hoffen mag, wird nicht allzu ferner Zeit vor einem noch grösseren Scherbenhaufen stehen. Das Gegenteil ist auch die Wahrheit. Gerade mit der Erfahrung eines in der Katastrophe endenden Fastcrashs ist es höchstes Gebot einen detailierten Plan B zu entwickeln, der vorkrislich greift und eine erneute Crashangst erst gar nicht entstehen läßt.

    Soweit sind wir in Euro Europa noch lange nicht. Auch im Nicht-Euro Europa muss man sich im klaren sein, dass dieser Plan B einen klar regulierten Finanzmarkt voraussetzt. Wer anderes schreibt, denkt oder spricht hat schlicht nichts seit spätestens 2008 gelernt.

    Der Spiegel irrte den auch als er in 2011 schrieb: Ende einer sündhaft teuren Odyssee ( spiegel.de/wirtschaft/lehman-pleite-ende-einer-suendhaft-teuren-odyssee).

    Die notwendigen Bankenrettungen waren der Anfang der sogenannten Euro.- und Staatsverschuldungskrise. Nichts von dem ist zu Ende, sondern nur im Fluss, werden Banken nicht zentral kontrolliert, sondern auf auf “small enough to fall” reduziert.

    Viel Spass bei den Debatten mit den Banken oder auch Cameron & Co.

  3. 3.

    Mark Schieritz:
    “Vielleicht hat die vermeintliche Parallele zum Fußballabend dazu geführt, dass bei dem ein oder anderen die Fantasie ein wenig durchgegangen ist. Natürlich ist das Ergebnis ein Kompromiss und auch Deutschland musste nachgeben. Aber ich stimme Wolfgang Münchau zu: Der Sieger des Abends von Brüssel ist Angela Merkel. Es gibt keine Euro-Bonds und Herman Van Rompuy darf weiter ein paar Arbeitspapiere schreiben.

    Ob das den Euro rettet, ist eine ganz andere Frage.”

    Dieter Wermuth:
    “Eurobonds sind nach wie vor Tabu, also die Haftung für die Schulden der anderen. De facto wird auch das kommen. Eine echte Fiskalunion ist nur eine Frage der Zeit.

    Damit ist die Existenz des Euro erst einmal gesichert. Es sieht danach aus, als würden die Politiker dem Euro endlich ein tragfähiges Fundament geben. Eine Währungsunion kann ohne eine Banken- und Fiskalunion nicht überleben. Dieser Geburtsfehler wird nunmehr behoben.”

    Das nenne ich mal Dissens.

    Ich gebe Ihnen auch mal meine Einschätzung dazu:
    1. Angela Merkal hat verloren. Monti triumphiert, weil sie geblinzelt hat.
    2. Der Euro ist nicht gerettet, die unsolide Lebensführung des Südens wird solange finanziert bis es den Deutschen auf die Füße fällt und die deutsche Demokratie destabilisiert. Den Südländern ist es egal, die lachen sich ins Fäustchen, wenn sie einen Trottel gefunden haben, dem sie das Geld aus der Tasche ziehen können. Und diesen Trottel haben sie nun gefunden.

    Alex

    Alex

    • 2. Juli 2012 um 21:32 Uhr
    • Alex
  4. 4.

    Korrektur zu 2:

    Die notwendigen Bankenrettungen waren der Anfang der sogenannten Euro.- und Staatsverschuldungskrise. Nichts von dem ist zu Ende, sondern nur im Fluss, werden Banken nur zentral kontrolliert, sondern nicht auf “small enough to fall” reduziert.

  5. 5.

    @ D. Wermuth

    >Es sieht danach aus, als würden die Politiker dem Euro endlich ein tragfähiges Fundament geben. Eine Währungsunion kann ohne eine Banken- und Fiskalunion nicht überleben. Dieser Geburtsfehler wird nunmehr behoben.>

    Ja, es sieht so aus – auf dem PAPIER.

    Was auf dem Papier für die Fiskalunion verlangt wird, ist härter als die Maastricht-Kriterien.

    Heute war in der ARD die Sendung „Der große Euro-Schwindel“ zu sehen, in der führende Akteure aus Griechenland, der Bundesbank, der Bundesregierung etc. mit bemerkenswerter Offenheit dargelegt haben, welche ZWÄNGE sie dazu verführt haben, sich GEGENSEITIG zu täuschen und die SELBST aufgestellten Regeln zu brechen.

    Wenn Sie glauben, dass die „Anpassungselastizität“ stärker ist, weil neue Regeln aufgestellt werden, dann glauben Sie es halt.

    Schäuble hat am Schluss der Sendung gesagt:

    Er glaube nicht daran, dass sich jeder an die (neuen) Regeln halten wird.

    Und Juncker, der von Anfang an dabei war, meinte sinngemäß (für die Zukunft):

    Er brauche keine Regeln, er halte sich an den gesunden Menschverstand, den ihm seine Mutter beigebracht habe.

    Kann er, denn die ist ja keine schwäbische Hausfrau.

    • 3. Juli 2012 um 00:44 Uhr
    • Dietmar Tischer
  6. 6.

    Die spanischen Banken haben ihre Bilanzen seit 1990 von 490 Mrd Euro auf 4200 Mrd Euro aufgebläht. Wenn man die Immobilienblase in Spanien in Relation zu der in den USA setzt (sie war im Verhältnis zum BSP wesentlich grösser als dort), dann müssten die Immobilienpreise auf 30 bis 50% der Höchstpreise fallen. Da kommen locker 1 Billion Euro und mehr als Verlust für die spanischen Banken zusammen. Natürlich haben die Gläubiger kein Interesse daran, dass dies zu offensichtlich wird. Sonst könnte sie sicherlich nicht so wie jetzt in kleinen Häppchen nochmals möglichst viel von den Steuerzahlern abgreifen.

    Letzen Endes handelt es sich bei dieser Insolvenzverschleppung um eine gigantische Umverteilung von Arm nach Reich, indem die Verluste aus den Fehlspekulationen der Gläubiger von den Steuerzahlern übernommen werden. Dass gerade die Sozialdemokraten dieses Spiel mitmachen, kann ich einfach nicht begreifen.

  7. 7.

    @ Tiefenwahn

    >Dass gerade die Sozialdemokraten dieses Spiel mitmachen, kann ich einfach nicht begreifen.>

    Vielleicht liegt es daran, dass die Sozialdemokraten glauben, wo Wahlen gewonnen werden – in der Mitte – gibt es mehr Reiche als Arme.

    • 3. Juli 2012 um 01:22 Uhr
    • Dietmar Tischer
  8. 8.

    @7
    Wenn die Immobilienblase platzt, verlieren die Immobilienbesitzer ihr Eigenkapital und regelmäßig auch ihre Immobilien, wenn sie diese fremdfinanziert haben, da sie ihnen ja, obwohl juristisch Eigentümer, faktisch nicht wirklich gehören. Das ist absolut unabhängig davon, ob die Verluste der Gläubiger, die dadurch entstehen, dass die Immobilienbesitzer ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen, mittels unserer Steuergelder ausgeglichen werden, oder nicht. Wenn Sie zu der “Mitte” auch die Immobilienbesitzer zählen, dann verliert diese Mitte auf jeden Fall. Anders wäre es, wenn die Rettungsgelder, statt an die Banken, an die insolventen Immobilienbesitzer ausgezahlt würden. Dann wären sowohl die Banken als auch die Vermögen der Immobilienbesitzer gerettet. Setzte aber veraus, dass Letztere das Geld zur Tilgung der Kredite einsetzen und nicht anderweitig verjubeln.

    • 3. Juli 2012 um 02:53 Uhr
    • alterego
  9. Kommentar zum Thema

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