So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Eurokrise vor dem Ende

Von 4. September 2012 um 16:41 Uhr

Die Krise in der Währungsunion muss in den nächsten Monaten gelöst werden, weil es keine Alternative gibt: Wenn der Euro überleben soll, muss jetzt der institutionelle Rahmen geschaffen werden, der bisher fehlte. Dazu gehört zum Einen die Bankenunion, die, so hoffe ich, beschlossene Sache ist. Die unheilvolle Verbindung zwischen dem Schicksal der Banken und den Schulden der Staaten sollte ein für alle Mal gekappt werden. Es wird auf eine Institution hinauslaufen, die die Banken im Euroraum beaufsichtigt, die in der Lage ist, sie zu schließen oder zu retten, je nachdem, und die eine gemeinsame Einlagensicherung organisiert. Die Bankenaufsicht soll zunächst einmal bei der EZB angesiedelt sein. Hinzu kommen in den nächsten Monaten zusätzliche Maßnahmen, mit denen die Schuldenlast für Länder, die um Finanzhilfe gebeten haben, gesenkt werden kann. Neben dem European Stability Mechanism (ESM) wird die EZB auch hierbei eine Schlüsselrolle spielen. Wie die Aufgabenverteilung letztlich aussehen wird, ist noch nicht klar. Auf Dauer kann die EZB nicht für die Lösung sämtlicher Strukturprobleme des Euro zuständig sein.

Wie immer der Kompromiss aussehen wird, am Ende werden wir es mit einem institutionell gefestigten Euro zu tun haben. Alle Anlagestrategien, in denen ein Ausscheiden Griechenlands und anderer Länder aus dem Euro, oder ein Ende des Euro selbst wichtige Annahmen sind, müssen revidiert werden. Da es weniger wahrscheinlich ist, dass es, ausgehend von Euroland, zu einer Katastrophe an den Märkten kommen wird, dürften weltweit die Risikoprämien sinken. Beispielsweise werden sich die Renditedifferenzen zwischen den Anleihen staatlicher und privater Schuldner innerhalb Europas wieder annähern, Sachinvestitionen werden wegen des geringeren Risikos attraktiver, das Wirtschaftswachstum beschleunigt sich, der Euro wertet endlich wieder auf – alles das jedenfalls der Tendenz nach.

Für Euroland wird eine konjunkturelle Wende wahrscheinlicher. Bisher stehen alle Zeichen auf Rezession, und selbst Deutschland hat zu schwächeln begonnen. Die USA und Japan expandieren viel langsamer als erwartet, China wächst mit einer Rate von “nur” 7 Prozent statt wie gewohnt mit 10 Prozent. Die Zuwachsrate der Weltwirtschaft liegt bei relativ mickrigen 2 Prozent und damit weit unter der Trendrate von 4 Prozent. Da kommt eine Stabilisierung der Lage in Europa gerade recht.

Da es keine echten Inflationsprobleme gibt, ist eine Monetisierung von Staatsschulden allemal billiger als eine Reihe von Staatsbankrotten. Es muss doch möglich sein, den Ländern, die unterstützt werden wollen, solche Reformen und fiskalischen Maßnahmen abzuverlangen, die für die Zukunft des Euro wichtig sind. Ich bin da guter Hoffnung – und hoffentlich nicht naiv.

Eine ausführliche Analyse der gesamtwirtschaftlichen Lage in Euroland und den USA, so wie ein kurzer Blick nach Asien, und die Aussichten für Aktien, Bonds, Rohstoffe und Wechselkurse finden Sie in meinem neusten Investment Outlook:

Wermuth’s Investment Outlook – September 2012*) (pdf, 194 KB)

*) Der Investment Outlook von Dieter Wermuth ist in englischer Sprache verfasst und wird im Herdentrieb in loser Folge zum Herunterladen bereitgestellt. (UR)

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Nicht der Euro ist in der Krise, sondern die Euromitglieder Portugal, Spanien, Griechenland und Irland sind mit ca. 100% Nettoauslandsschulden pleite. In diesen Ländern muss der Euro knapp werden. Es war und ist ein sehr großer Fehler diese Länder seit 2007 mit extrem günstigen Mitteln durch Target2 und Rettungsschirme mit öffentlichen Mitteln der solventen Euro-Volkswirtschaften liquide zu halten. Dieses ist Insolvenzverschleppung und Kapitalfluchthilfe und verschlimmert nur die unausweichliche Endabrechnung.

    Querschuesse hierzu:

    „Laut den heutigen Daten der Banco de España (spanische Zentralbank) zur monatlichen Zahlungsbilanz Spaniens (Leistungsbilanz+Kapitalbilanz) kam es auch im Juni 2012 im Financial Account (Kapitalverkehrsbilanz) zu einem privaten Kapitalabfluss, diesmal von -56,631 Mrd. Euro. Kumuliert wurden in den ersten sechs Monaten 2012 von internationalen Investoren und von Spaniern satte -221,604 Mrd. Euro ins “sichere” Ausland verbracht.“

  2. 2.

    Auch wenn das vermutlich vergeblich ist: Könnten die Blogherren mal in sich gehen (ich spreche sie bewusst als Gemeinschaft an) und ihre Hoororszenarien aus der Vergangenheit daraufhin analysieren, wo und wann sie eindeutig (Nervenschwäche?) vollkommen daneben gelegen haben? Denn an dem heutigen Beitrag fällt auch noch auf, wie sehr dieses Blog der im Verlaufe der Krise häufig geschmähten Bundeskanzlerin im Nachhinein Abbitte tun müsste, offensichtlich hatte die sowohl die besseren Nerven als auch die grössere Übersicht.
    Ich teile die Zuversicht des Beitrages durchaus. Der Unterschied? Ich tat es vom ersten Tag an (Geldkrisen sind immer beherrschbar) und ich tat es in Kombination mit der klaren Ablehnung einer bedingungslosen Schuldenvergemeinschaftung, wie sie zumindest einer der Blogautoren herbeischreiben wollte.
    Was ich nicht teile ist die Zuversicht wie die Befriedigung darüber, dass Griechenland in der Eurozone bleibt. Ich halte das erste noch nicht für ausgemacht und, sollte es tatsächlich so kommen, für mehr als einen Fehler. Ein durch und durch korruptes wie vorsätzlich betrügerisches Land gehört nicht zu Europa, geschweige denn in die Eurozone. Falls Griechenland bleibt wird das auch Deutschland noch einige Milliarden kosten, Mehrwert für Europa wie die Eurozone gleich null. Und das unter jedem Aspekt – politisch, ökonomisch, kulturell. Das Griechenland, von dem auch Europa noch immer zehrt, gab es nie, nur in Griechenland beheimatete Stadtstaaten. Und die sind seit 2000 Jahren Vergangenheit.
    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • 4. September 2012 um 17:36 Uhr
    • ThorHa
  3. 3.

    DW: “the EURO STOXX 50.. has a very attractive dividend yield of 4.3%”

    Das ist in der Tat nicht schlecht, aber es geht besser: der “STOXX Europe Select Dividend 30″ kommt aktuell auf eine Dividendenrendite von fast 7%.

    Gruß, Gojko.

    • 4. September 2012 um 20:14 Uhr
    • gojko
  4. 4.

    @ Dieter Wermuth

    Wenn schon im ersten Satz von „keine Alternative“ die Rede ist und der „Euro überleben soll“, dann aber bitte fundiert.

    >Auf Dauer kann die EZB nicht für die Lösung sämtlicher Strukturprobleme des Euro zuständig sein.Es muss doch möglich sein, den Ländern, die unterstützt werden wollen, solche Reformen und fiskalischen Maßnahmen abzuverlangen, die für die Zukunft des Euro wichtig sind.>

    Ihre Logik stimmt jedoch nicht:

    Wenn die Rettung des Euros vereinbartes oder aus dem politischen Handeln und Verhandeln heraus als gemeinsam zu verfolgendes Ziel verstanden wird – und das unterstellen Sie ja, wenn ein institutioneller Rahmen geschaffen werden soll –, dann gibt es nichts „abzuverlangen“. Denn es gibt keine Länder, die unterstützt werden wollen, sondern nur solche, die mit Blick auf das Ziel unterstützt werden MÜSSEN. Es ist dann letztlich deren Sache, was sie sich maximal zumuten wollen und können. Nichteinhaltung von Vereinbarungen führt zu Zuständen, die Basis neuer Verhandlungen sind usw. – die Eurozone darf ja nicht scheitern (siehe Griechenland: Man wird das Land nicht sang- und klanglos fallen lassen wollen, wenn es die Vereinbarungen nicht eingehalten haben sollte. Man wird ihm eine Chance geben wollen, immer wieder).

    >Da es keine echten Inflationsprobleme gibt, ist eine Monetisierung von Staatsschulden allemal billiger als eine Reihe von Staatsbankrotten.>

    Was Sie geschrieben haben, stellt einen Zusammenhang her, der die Problematik der beabsichtigten EZB-Monetisierungsplitik ausblendet. Denn ob es heute echte Inflationsprobleme gibt oder nicht gibt, ist weitgehend unerheblich hinsichtlich möglicher Konsequenzen, die sich in der Zukunft aus dieser Politik ergeben könnten.

    Wenn Sie geschrieben hätten

    „Da es keine echten Inflationsprobleme geben WIRD, ist eine Monetisierung von Staatsschulden allemal billiger als eine Reihe von Staatsbankrotten“,

    könnte man über diesen Satz nachdenken.

    Niemand weiß, ob und wann die beabsichtigte EZB-Politik zu Inflation führt.

    Ziemlich sicher ist aber, dass die EZB – so wie sich von der Politik einspannen lässt – nicht in der Lage sein wird, überschüssige Liquidität von den Märkten zu nehmen, wenn es tatsächlich Inflation geben sollte, die wirtschaftliche Lage es aber nicht erlauben würde, ihr durch Liquiditätsverknappung entgegenzuwirken.

    Ich warte immer noch darauf, dass die Retter des Euros ihre Position KONSISTENT begründen:

    Kontinuierliche Vertragsverletzungen, Schaffung von Institutionen über die Köpfe der Menschen hinweg, Missbrauch von Institutionen und Inkaufnahme von vermehrter politischer Instabilität (mittlerweile zunehmend auch in den „Geberländern“) und integrationsfeindlicher nationaler Entwicklungen sowie nicht einschätzbarer zukünftiger Risiken – dies alles für die Rettung, weil diese vorteilhafter als der Zerfall ist.

    Ich teile diese Position nicht, aber man könnte und müsste sie wenigstens argumentativ ernst nehmen.

    • 4. September 2012 um 21:44 Uhr
    • Dietmar Tischer
  5. 5.

    @ Dieter Wermuth

    Nochmals, weil mein Beitrag mit sinnentstellenden Auslassungen hochgeladen wurde:

    Wenn schon im ersten Satz von „keine Alternative“ die Rede ist und der „Euro überleben soll“, dann aber bitte fundiert.

    >Auf Dauer kann die EZB nicht für die Lösung sämtlicher Strukturprobleme des Euro zuständig sein.Es muss doch möglich sein, den Ländern, die unterstützt werden wollen, solche Reformen und fiskalischen Maßnahmen abzuverlangen, die für die Zukunft des Euro wichtig sind.>

    Ihre Logik stimmt jedoch nicht:

    Wenn die Rettung des Euros vereinbartes oder aus dem politischen Handeln und Verhandeln heraus als gemeinsam zu verfolgendes Ziel verstanden wird – und das unterstellen Sie ja, wenn ein institutioneller Rahmen geschaffen werden soll –, dann gibt es nichts „abzuverlangen“. Denn es gibt keine Länder, die unterstützt werden wollen, sondern nur solche, die mit Blick auf das Ziel unterstützt werden MÜSSEN. Es ist dann letztlich deren Sache, was sie sich maximal zumuten wollen und können. Nichteinhaltung von Vereinbarungen führt zu Zuständen, die Basis neuer Verhandlungen sind usw. – die Eurozone darf ja nicht scheitern (siehe Griechenland: Man wird das Land nicht sang- und klanglos fallen lassen wollen, wenn es die Vereinbarungen nicht eingehalten haben sollte. Man wird ihm eine Chance geben wollen, immer wieder).

    >Da es keine echten Inflationsprobleme gibt, ist eine Monetisierung von Staatsschulden allemal billiger als eine Reihe von Staatsbankrotten.>

    Was Sie geschrieben haben, stellt einen Zusammenhang her, der die Problematik der beabsichtigten EZB-Monetisierungsplitik ausblendet. Denn ob es heute echte Inflationsprobleme gibt oder nicht gibt, ist weitgehend unerheblich hinsichtlich möglicher Konsequenzen, die sich in der Zukunft aus dieser Politik ergeben könnten.

    Wenn Sie geschrieben hätten

    „Da es keine echten Inflationsprobleme geben WIRD, ist eine Monetisierung von Staatsschulden allemal billiger als eine Reihe von Staatsbankrotten“,

    könnte man über diesen Satz nachdenken.

    Niemand weiß, ob und wann die beabsichtigte EZB-Politik zu Inflation führt.

    Ziemlich sicher ist aber, dass die EZB – so wie sich von der Politik einspannen lässt – nicht in der Lage sein wird, überschüssige Liquidität von den Märkten zu nehmen, wenn es tatsächlich Inflation geben sollte, die wirtschaftliche Lage es aber nicht erlauben würde, ihr durch Liquiditätsverknappung entgegenzuwirken.

    Ich warte immer noch darauf, dass die Retter des Euros ihre Position KONSISTENT begründen:

    Kontinuierliche Vertragsverletzungen, Schaffung von Institutionen über die Köpfe der Menschen hinweg, Missbrauch von Institutionen und Inkaufnahme von vermehrter politischer Instabilität (mittlerweile zunehmend auch in den „Geberländern“) und integrationsfeindlicher nationaler Entwicklungen sowie nicht einschätzbarer zukünftiger Risiken – dies alles für die Rettung, weil diese vorteilhafter als der Zerfall ist.

    Ich teile diese Position nicht, aber man könnte und müsste sie wenigstens argumentativ ernst nehmen.

    • 4. September 2012 um 21:52 Uhr
    • Dietmar Tischer
  6. 6.

    @ Dieter Wermuth

    Nochmaliger Versuch:

    Nach

    >Auf Dauer kann die EZB nicht für die Lösung sämtlicher Strukturprobleme des Euro zuständig sein ….Es muss doch möglich sein, den Ländern, die unterstützt werden wollen, solche Reformen und fiskalischen Maßnahmen abzuverlangen, die für die Zukunft des Euro wichtig sind.>

    Ihre Logik stimmt jedoch nicht:

    Weiter wie vorher.

    • 4. September 2012 um 21:56 Uhr
    • Dietmar Tischer
  7. 7.

    @ Dieter Wermuth

    “Für Euroland wird eine konjunkturelle Wende wahrscheinlicher.”

    Woher soll die denn kommen?
    Die Rettungsbeschlüsse im Euroland ändern an der betrüblichen weltwirtschaftlichen Lage gar nichts. Im Euroraum selbst führen sie dazu, dass Länder bevor die EZB hilft, erstmal ein Austeritätsprogramm im Rahmen des ESM unterschreiben müssen. Das hat bis dato noch immer dazu geführt, dass es mit dem jeweiligen Land weiter bergab geht.
    (Das Märchen von der expansiven Wirkung einer Austeritätspolitik ist genau das: ein Märchen).
    Etwas (aber nur etwas) überspitzt formuliert: Die Krisenländer müssen zunächst einmal makroökonomischen Selbstmord begehen, bevor ihnen die EZB unter die leblosen Arme greift. Gegeben diese Beschlusslage würde ich den obige Satz wie folgt umformulieren:

    “Für Euroland wird eine konjunkturelle Wende immer unwahrscheinlicher.”

    • 4. September 2012 um 23:47 Uhr
    • jmg
  8. 8.

    >Eurokrise vor dem Ende<

    Kurzfristig wird das bestimmt super werden, wenn die EZB richtig loslegt: Pleiten von Zombiebanken und Staaten werden erst einmal abgewendet, Banken machen Milliardengewinne mit billigem Zentralbankgeld, vielleicht springt sogar die Wirtschaft der Nehmerländer an, wenn man es mit der Konditionalität nicht übertreibt. Auf Sicht von 6-12 Monaten mag daher eine Wette auf ein Ende der Eurokrise durchaus aufgehen.

    Aber wie geht es anschließend weiter mit der dann ins Unendliche aufgeblasenen EZB Bilanz? Auf mittlere Sicht kann ich mir nur einen kräftigen Knall oder eine sehr lange Phase der finanziellen Repression und der negativen Realrenditen vorstellen. Beides wird für erhebliche Vermögensverluste sorgen und dem deutschen Michel gar nicht gefallen.

    • 5. September 2012 um 00:55 Uhr
    • Zucker
  9. Kommentar zum Thema

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