So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Investment Outlook: Niedrige Zinsen bleiben – der Euro bleibt auch

Von 8. Oktober 2012 um 08:05 Uhr

Das Wirtschaftswachstum in den reichen Ländern wird einige Jahre deutlich niedriger ausfallen als noch vor der Finanzkrise. Im Vordergrund wird der Schuldenabbau und die Sanierung der Bilanzen in weiten Teilen der Bevölkerung, bei Banken und Regierungen stehen.

Sowohl am Arbeitsmarkt als auch in den Unternehmen gibt es nach wie vor große Kapazitätsreserven. In den OECD-Ländern nehmen sie gegenwärtig sogar wieder zu. Das bedeutet, dass es kaum Inflationsrisiken gibt, was wiederum sowohl in den USA, im Euro-Raum und in Japan eine äußerst expansive Geldpolitik ermöglicht. Trotzdem ist deren Wirkung auf die Realwirtschaft insgesamt sehr schwach: Der übliche Transmissionsmechanismus funktioniert nicht mehr. Die Notenbankzinsen werden in der Nähe von null verharren, und es könnte sogar sein, dass sie irgendwann in den negativen Bereich rutschen. Das ist einer der Gründe, weshalb in den Ländern, die aus Anlegersicht als sicher gelten, die realen langfristigen Bondrenditen noch einige Jahre lang negativ bleiben dürften.

Es spricht einiges dafür, dass der Euro überleben wird, vor allem die direkten und indirekten Kosten, die bei seiner Abschaffung entstehen würden. Die kommende Bankenunion und die Bereitschaft der EZB, unbegrenzt Anleihen von Staaten aufzukaufen, die sich unter den Rettungsschirm ESM begeben haben, zeigen, dass der Euro endlich ein solides institutionelles Fundament bekommen soll. Die Bondrenditen der Krisenländer dürften sinken, und der Euro wird vermutlich aufwerten – die gesamtwirtschaftlichen Determinanten des Wechselkurses sprechen zumindest dafür.

Die Schwellenländer bleiben der Wachstumsmotor der Weltwirtschaft, weil sie kaum mit Schuldenproblemen zu tun haben und ganz im Gegenteil finanziell meist gut dastehen. Der Aufholprozess geht in vollem Tempo weiter. China erlebt zwar gerade ein “hard landing”. Das heißt jedoch lediglich, dass sein reales BIP mit einer Rate von knapp sieben Prozent statt mit den bis vor Kurzem noch üblichen 10 Prozent expandiert. Insgesamt nimmt das Sozialprodukt in diesem Teil der Welt (wo 85 Prozent der Menschheit lebt) zurzeit mit etwa 4 ½ Prozent zu, verglichen mit 0,6 Prozent in der OECD-Region.

Anleger sollten ihre Mittel stärker in Richtung Schwellenländer umschichten. Sie können das dadurch erreichen, dass sie in Unternehmen investieren, die erfolgreich in diese Länder exportieren oder dort produzieren.

Die Zerstörung der Umwelt geht weiter, nicht zuletzt weil der Output von Kohlenwasserstoffen ungebrochen zunimmt. Es gibt auf kurze Sicht eher ein Überangebot als einen Mangel an fossilen Energieträgern. Da eine saubere Umwelt für eine zunehmend wohlhabendere Weltbevölkerung immer wichtiger wird, dürfte sich Umwelttechnologie zu einer Wachstumsbranche mausern.

Ausführliches zur wirtschaftlichen Lage in den Industrie- und Schwellenländern (mit einem Schwerpunkt zur Entwicklung im Euro-Raum), sowie zu den Aussichten und Risiken für Aktien, Bonds, Rohstoffe und Wechselkurse finden Sie in meinem neusten Investment Outlook:

Wermuth’s Investment Outlook – October 2012*) (pdf, 245 KB)

*) Der Investment Outlook von Dieter Wermuth ist in englischer Sprache verfasst und wird im Herdentrieb in loser Folge zum Herunterladen bereitgestellt. (UR)

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Wermuth hat Gold und Silber vergessen, die Asset Klasse die in diesem Szenario am meisten profitieren wird.

    • 8. Oktober 2012 um 09:27 Uhr
    • Freeway
  2. 2.

    #1
    Aber nicht aus Sicht von Herrn Wermuth. Der ist bekanntlich Goldbär.

    • 8. Oktober 2012 um 12:39 Uhr
    • GS
  3. 3.

    Ich bin da pessmistischer. Die Hockeyschläger-Charts der letzten 2 bis 5 Jahre werden sich nicht so leicht wieder auf Normalniveau einpendeln.

    Vor allem glaube ich nicht, dass die notwendige Marktbereinigung stattgefunden hat und daher die anhaltende Unsicherheit eine Normalisierung der Konjunktur verhindert. Alles was bisher erreicht wurde war die Probleme unter den Teppich zu kehren. Aber da liegen sie immer noch und werden irgendwann zurückkehren.

    Alex

    • 8. Oktober 2012 um 13:14 Uhr
    • Alex
  4. 4.

    Ich glaube, dass Wermuth die Virulenz und Persistenz der Eurokrise gehörig unterschätzt. Die bleibt so lange ungelöst, wie die Krisenländer nicht in der Lage sind, mit den für sie relevanten Wettbewerbern erfolgreich zu konkurrieren und ihre Nettoauslandsverschuldung von derzeit (Griechenland, Spanien) deutlich über 100 Prozent auf höchstens (sagen wir) um die 20 Prozent des BIP herunterdrücken. Das ist fürwahr eine veritable Herkulesaufgabe, die meines Erachtens in den meisten Fällen nicht gelingen kann und wird, wenn diese Länder in der Eurozone verbleiben. Dies noch umso weniger, je mehr der Euro, wie Wermuth vermuthet, aufwertet.

    Für alle, die nicht alles Geld sofort für den Konsum ausgeben müssen und wollen, bieten sich weiterhin weltweit zahlreiche attraktive Möglichkeiten, ihr Eigenkapital real zu vermehren. Man ist dazu glücklicherweise nicht auf die Leistungsfähigkeit der heimischen Volkswirtschat angewiesen.

    • 8. Oktober 2012 um 16:30 Uhr
    • alterego
  5. 5.

    #4

    Eine interessante Erklärung bietet:

    http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-10/china-wirtschaft-textilindustrie-portugal-euro-krise

    Ich fühle mich in meinem Pessimismus bestätigt.

    Alex

    • 8. Oktober 2012 um 17:04 Uhr
    • Alex
  6. 6.

    In die Wirtschaft und den Konsum. Keine andere Anlage kann da mithalten.

    • 8. Oktober 2012 um 17:35 Uhr
    • ToTTiZ
  7. 7.

    Der Invest in die Ökonomien aufstrebender Schwellenländer, ggf. mittels in Deutschland billig geliehenen Geldes (Achtung: Kapitalflucht), verspricht nicht nur eine größere Chance auf einen realen Vermögenszuwachs. Er schützt auch vor dem Zugriff des deutschen Fiskus, sofern man seinen gewöhnlichen Aufenthaltsort ins Ausland, z.B. nach Griechenland (müssen ja nicht gleich die Kanalinseln sein), verlegt. Geld in die griechische Wirtschaft zu investieren, wird allerdings erst wieder lohnen, wenn das Land aus dem Euro ausscheidet. Dann wird man dort z.B. Immobilien sehr günstig kaufen können. Und dann wird dessen Wirtschaft auch kräftig wachsen.

    • 9. Oktober 2012 um 00:23 Uhr
    • alterego
  8. 8.

    @ Dieter Wermuth

    “Die Notenbankzinsen werden in der Nähe von null verharren, und es könnte sogar sein, dass sie irgendwann in den negativen Bereich rutschen.”

    Aber Herr Wermuth, sie wollen doch nicht die Trottelnummer von W.Buiter mit den negativen Zinsen noch mal exhumieren, das würde Ihre Analyse doch ziemlich durcheinanderwürfeln. Und was die “Realzinsen” angeht, kann man sich noch hundert Jahre Gedanken machen, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Sobald man allerdings sich klarmacht, daß gesellschaftlich gesehen Geld sich nicht vermehren kann – auch durch Zinsen nicht – wird es einsichtig, daß der vermeintliche “Transmissionsmechanismus” noch nie funktioniert hat, weil gesamtwirtschaftlich gesehen Zinsen ein durchlaufender Posten der betrieblichen Kalkulation sind. Das hätte man schon längst anhand des Föhl-Paradoxons erkennen können.

    Daß der EURO überleben wird – ja sicher, was sonst? Die Lebenslüge der “Rettungskritiker” ist es doch, daß es der EURO ist, welcher diese Probleme schaffen würde. Die tun ja gerade so, als hätte es Schuldenkrisen nur dann gegeben, wenn diese in einem gemeinsamen Währungsraum stattfinden. Man muß sich doch mal daran erinnern, daß Herrhausen deswegen ermordet wurde, weil er es gewagt hatte uneinbringliche Forderungen (Europa-Osten, Afrika, Lateinamerika) als das zu benennen, was sie sind: nämlich uneinbringlich, weswegen er vorgeschlagen hatte, diese weitgehend abzuschreiben. Das Gleiche liegt derzeit vor und die Gründe sind auch immer wieder dieselben: sobald eine vermeintliche “Rendite-Bonanza” den “Geld-Gassi-Führern” die “Boni-Sinne” verdreht, geht das Rattenrennen los, obwohl von vornherein klar ist, daß derjenige die Abschreibungen machen muß, der als Letzter aussteigt. Es ist doch alles so einfach!

    Wenn man so will war es die Nebenbedingung des EURO – der wegfallende Wechselkurs – welche die Übertreibungen bei der Kreditvergabe an die “Südländer” erzeugt hat. Das wäre ja noch nicht mal das Problem gewesen: der eigentliche Hänger besteht daraus, daß ein Kreditboom auch die Bestandspreise von dem dazu passenden Einkommensniveau entfernt! Da aber die Gewinne/ Einkommen aus dem Bauboom normalerweise auf den Seychellen ausgegeben werden, werden dadurch die für eine gesunde Entwicklung notwendigen Geldkreisläufe in andere Bereiche gelenkt. Auch alles nicht neu!

    Wenn die Schwellenländer nun die Aufgabe haben, die europäischen Bilanzrelationen wieder in eine vertretbare Lage zu bringen, wird das Problem jedoch nur verlagert. Denn das Prinzip, daß der Überschuß des einen das Defizit des anderen ist, wird auch durch Wachstumserwartungen nicht ausgehebelt. Aber 10 Jahre Zeit zu gewinnen ist ja auch was!

    Das hat zwar nichts mit Problemlösung, geschweige denn mit Erkenntnis der Funktionsbedingungen von Kapitalismus zu tun! Aber immerhin sind Ihre Einlassungen hinsichtlich des Anspruchs dieses Blogs eine Wohltat!

    • 9. Oktober 2012 um 03:42 Uhr
    • enigma
  9. Kommentar zum Thema

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