So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Volker Wieland, der Rat und die Fiskalpolitik

Von 15. November 2012 um 23:12 Uhr

Volker Wieland aus Frankfurt soll in den Sachverständigenrat einziehen. Glückwunsch zunächst, Wieland ist ein kluger Wissenschaftler, der viel für das Ansehen seines Fachs – gerade in Deutschland – getan hat.

Offene Fragen aber bleiben in seinen Arbeiten zur Finanzpolitik. Er ist Co-Autor eines inzwischen recht bekannten Papiers zur Wirksamkeit von Konjunkturpolitik, das er mit Tobias Kwik, John Taylor und John Cogan im Jahr 2009 verfasst hat. Alles klasse Ökonomen – aber trotzdem überzeugt ihre Arbeit nicht.

Taylor et al schauen sich also mit Hilfe eines neukeynesianischen Modells an, wie sich kreditfinanzierte höhere Staatsausgaben auf die Konjunktur auswirken. Ergebnis:

The multipliers are less than one as consumption and investment are crowded out. The impact in the first year is very small. And as the government purchases decline in the later years of the simulation, the multipliers turn negative.

Das steht im Widerspruch zu einem Papier von Christina Romer und Jared Bernstein, die viel optimistischere Ergebnisse hatten und damit Obamas Konjunkturprogramme legitimierten. Der Unterschied rührt vor allem daher, dass Wieland et al annehmen, dass die Zinsen steigen. Konkret gehen sie davon aus, dass die Fed im Jahr 2009 schon mit Zinserhöhungen beginnt, um die Inflation unter Kontrolle zu halten (wobei sie diese Annahme teils aus der Modellstruktur ableiten).

In einem solchen Fall ist es natürlich nicht verwunderlich, dass höhere Staatsausgaben andere Ausgaben verdrängen. Die Frage ist nur, wie realistisch das ist. In einer Situation mit stark unterausgelasteten Kapazitäten muss die Fed so schnell nicht agieren – einmal abgesehen davon, das auch am Kapitalmarkt kein Zinsdruck entstehen sollte, weil die Investitionsbereitschaft gering ist und damit viel überschüssiges Geld “herumliegt” –, und immerhin haben wir inzwischen fast 2013 und die Zinsen sind immer noch niedrig.

Nun hat sich Wieland mit anderen Autoren (Taylor ist wieder dabei) angeschaut, wie sich die Haushaltskonsolidierung auf das Wachstum auswirkt. Dabei geht er davon aus, dass die Ausgaben gekürzt werden und sogar noch etwas übrig bleibt, um Steuern senken zu können.  Ergebnis: Sparen kurbelt die Konjunktur an.

First, lower levels of government spending in the future, compared to the  baseline, imply lower tax rates which provide incentives and stimulate employment. Second,  the expectation of reduced government spending in the future lowers interest rates, which  stimulates demand today offsetting the decline in government spending in the short run. And third, the lower interest rate reduces the exchange rate thereby increasing net exports which  also offset the decline in government spending.

Das sind nun auch sehr gewagte Annahmen, zumal in einer Situation mit unterausgelasteten Kapazitäten, in der die Menschen wahrscheinlich nicht in erster Linie nicht arbeiten, weil die Einkommenssteuern zu hoch sind, sondern weil es schlicht keine Jobs gibt. Warum das Zinsargument – und damit auch das Wechselkursargument – fragwürdig ist, wurde bereits erläutert.

Nun muss man fairerweise sagen, dass Wieland et al sich, wenn ich es richtig sehe, auf vorhandene und weit verbreitete makro-ökonomische Modelle beziehen, die sie auf den konkreten Fall anwenden. Aber dann sind eben möglicherweise die Modelle Schrott – oder zumindest in der aktuellen Situation nicht anwendbar.

Jedenfalls wäre ich gerne dabei, wenn Peter Bofinger und Volker Wieland über die Fiskalpolitik diskutieren.

Kategorien: Der aktuelle Rand
Leser-Kommentare
  1. 57.

    @ Rebel #53.
    „es kommt auf das treffen und einigen der Anbieter und Nachfrager an. Wenn dieser Markt platzt, war er langfristig nicht von Nutzen für die Teilnehmer. Auch hier habe mit der BitCointeilnahmeerklärung eine Vorfinanzierungsmöglichkeit angeschoben – das ist wie Vorkassezahlung im Onlineshopping. Ein Liquiditätsproblem gibt es nicht weil immer nur ein Guthaben durch nicht erfüllen enttäuscht wird.“

    Rebel, du willst doch nicht etwa darauf hinaus, Exportweltmeister Deutschland hätte mit dem europäischen elektronischen Zahlungsverkehrssystem TARGET2 mittels einer „BitCointeilnahmeerklärung eine Vorfinanzierungsmöglichkeit angeschoben“?

    Hab isch das richtisch verstanden, mit TARGET2 funktioniere der Export eines fabrikneuen BMW 5er der BMW Benz AG nach Griechenland in etwa so positiv wie eine „Vorkassezahlung im Onlineshopping“ für die deutsche Leistungsbilanz? Ein „Liquiditätsproblem“ könne es z.B. auf griechischer Seite so lange überhaupt nicht geben, so lange der Käufer das Geld für den Kauf vom Verkäufer geschenkt bekommt?

    • 20. November 2012 um 15:14 Uhr
    • Carlos Manoso
  2. 58.

    @56
    Interessant. Und ein Treppenwitz der Geschichte: Occupy Wallstreet schafft im Kampf gegen die globale Finanzindustrie das perfekte System zur Geldwäsche, sprich zum Verschleiern und mittelbar Befördern krimineller Geschäfte weltweit. Nun, wirkungslos war ihr Wirken offenbar nicht.

    • 20. November 2012 um 21:39 Uhr
    • alterego
  3. 59.

    @ 57
    Volkswagen hat eine eigene Bank und finanziert die Fahrzeuge von Bestellung bis zur Auslieferung vor :
    neuer Golf acht Wochen, andere bis vier Monate.
    Die Finanzierung der Produktionsanlagen, wird erheblich durch Subventionen und bereits abgeschriebene Anlagen z.B. VW-Bulli in Brasilien gedeckt. Hier sind die Fristenkongruenzen der Zahlungsströme in einem exakten immer zu aktualisierenden Finanzplan abzubilden.

    “angeschoben” solange kein regelmäiger Abrechnungsmodus für Targetsalden erfolgt, wie in USA, handelt es sich um tatsächlich um anschreiben bis der Bierdeckel voll ist ;-)
    Aber das hat der Wirt im Preis schon einkalkuliert oder kennst Du eine Gastwirtschaft, die wegen Zechprellerei pleite gegangen ist ?

    • 21. November 2012 um 18:27 Uhr
    • Rebel
  4. 60.

    @59
    Der Sinn der Abschreibungen für Abnutzung ist die Finanzierung von Ersatzinvestitionen.

    • 22. November 2012 um 20:00 Uhr
    • alterego
  5. 61.

    @ alterego

    Mit Lerverageeffekt kommt es sogar zu Erweiterungsinvestitionen.
    Wer schreit Überkapazitäten, erlöst Rekordumsätze und erzielt Spitzenjahresüberschüsse?
    Wo landet die Kohle letztlich – in welchem Wirtschaftskreislauf, in wessen Händen?

    • 22. November 2012 um 20:45 Uhr
    • Rebel
  6. 62.

    #61

    Von mir aus können die Privaten leveragen bis die Kühe nach Hause kommen, solange wir einen Mechanismus haben, der das Scheitern der Kreditgeber ermöglicht.

    Der Bankrott ist schon eine feine Sache.

    Alex

    • 22. November 2012 um 22:41 Uhr
    • Alex
  7. 63.

    @61
    In wessen Händen? Das wissen Sie doch. In denen derer, die über Arbeitskraft oder Kapital verfügen.

    • 22. November 2012 um 23:55 Uhr
    • alterego
  8. 64.

    [Gelöscht. Verzichten Sie bitte darauf, hier off-topic Diskussionen zu führen. Danke. (UR)]

    • 23. November 2012 um 11:33 Uhr
    • Carlos Manoso
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)