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Wann kommt der Schuldenschnitt in Griechenland?

Von 21. November 2012 um 23:29 Uhr

Der Streit um eine Lösung der Griechenlandfrage hält an, am Dienstag dieser Woche konnte sich die Euro-Gruppe nicht auf ein Maßnahmenpaket einigen, um die Schulden des Landes zu drücken – vor allem weil Deutschland radikale Maßnahmen wie einen Schuldenschnitt zum jetzigen Zeitpunkt scheut.

Argumentierte die Bundesregierung bisher eher formaljuristisch – ein Schuldenschnitt macht aus einem Kredit einen Transfer und das ist haushaltsrechtlich und europarechtlich problematisch – so ist neuerdings auch ein ökonomisches Argument aus Berlin zu hören.

Demnach würde ein Schuldenschnitt den Deutschen ein wichtiges Druckmittel gegenüber den Griechen aus der Hand nehmen, denn wenn die Schulden erst einmal weg seien, könne das Land ja machen, was es wolle. Unter anderem deshalb hat Bundesbankpräsident Jens Weidmann vorgeschlagen, den Schuldenschnitt erst am Ende des Anpassungsprozesses zu vollziehen – quasi als Belohnung für die erbrachten Leistungen.

Politisch wäre das aus Sicht der Bundesregierung charmant, weil dann die Rechnung erst nach der Bundestagswahl im September präsentiert würde. Und allen Beteiligten ist klar, dass Griechenland seine Schulden nicht tragen können wird.

Aber würde der Schuldenberg die Griechen dann nicht ersticken? So einfach ist es nicht. Schulden sind vor allem ein Problem, weil die Zinsausgaben den Haushalt belasten. Der Staat hat weniger Geld, um sich um seine eigentlichen Aufgaben zu kümmern und Investoren müssen fürchten, ihr Geld nicht zurückzubekommen, weil dafür die Ressourcen nicht da sind.

Doch die griechischen Zinsausgaben fallen bereits, schließlich wurden die Zinsen auf die offiziellen Kredite gesenkt und sollen noch weiter reduziert werden. Und die im Rahmen des ersten Schuldenschnitts getauschten Anleihen haben eine sehr lange Laufzeit, so dass in den kommenden Jahren keine großen Summen für die Ablösung anstehen. Laut Kommission gibt Griechenland im kommenden Jahr 5,4 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für die Zinsen aus, 2011 waren es 7,1 Prozent.

Entscheidend für den idealen Zeitpunkt der Entschuldung ist deshalb, ob von einer hohen Schuldenlast per se negative Effekte ausgehen – was in der Literatur unter dem Thema debt overhang verhandelt wird. Wenn ich sie richtig übersehe, sind die Ergebnisse da nicht so eindeutig, zumal wenn ein Schuldenschnitt später in Aussicht gestellt wird. Die Schulden müssten dazu führen, dass die Investoren verunsichert werden und deshalb dem Land kein frisches Geld leihen – beziehungsweise sie müssten dazu führen, dass in der griechischen Privatwirtschaft weniger investiert wird.

Ich will nicht abstreiten, dass das der Fall ist und wahrscheinlich wäre es für Griechenland besser, wenn der Schnitt früh käme. Aber ganz so einfach wie die Anhänger dieser Lösung es sich machen ist die Sache nicht.

Kategorien: Der aktuelle Rand
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Der Schuldenschnitt wird kommen. Aus den Krediten und Garantien wird verlorenes Geld! Nur der Zeitpunkt ist offen.

    Am klügsten wäre es meines Erachtens, wenn der unvemeidbare Schuldenschnitt dann auch mit dem Austritt Griechenlands aus der EWU verbunden würde. Und das so schnell wie möglich. Dann und nur dann profitierte auch die griechische Wirtschaft, weil der Austritt ihre Wettbewerbsfähigkeit qua externer Abwertung schlagartig verbessern würde. Ein kräftiger Wachstumsimpuls wäre die Folge. Das genau ist der Punkt, auf den es ankommt und der innerhalb der Währungsunion nicht zu machen ist. Das Defizit und die Überschuldung der öffentlichen Haushalte sind nur das nachgelagerte Problem.

    Ein Austritt Griechenlands aus der EWU mit teilweisem Schuldenerlass wäre eine Befreiungsschlag für Griechenland und die EWU. Er wird uns viel Geld kosten. Aber billiger als so wird’s nimmer.

    • 22. November 2012 um 00:42 Uhr
    • alterego
  2. 2.

    Der Schuldenschnitt kommt nach der Wahl und wird von der dann herrschenden(!) Koaliton abgesegnet – ist doch logisch…

    • 22. November 2012 um 10:41 Uhr
    • Gerry10
  3. 3.

    Ein über die Staatshaushalte der Mitglieder der Währungsunion finanzierter Schuldenschnitt würde dazu führen, daß mit dem gleichen Recht dann Irland, Portugal usw. das gleiche Procedere bzw. die selben Erleichterungen verlangen können.

    Das aber würde den Rahmen der Finanzierbarkeiten endgültig sprengen – und das Ende des Euro bedeuten, da machen wir uns mal nichts vor. Der Steuerzahler würde hier auch nicht mehr mitmachen: Warum sollten die für Schulden der Griechen eintreten, wenn deren Regierung bis jetzt nicht einmal ernsthaft bereit war, den eigenen Steuerhinterziehern endlich Feuer unter dem Hintern” zu machen – schließlich stecken zu viele Politiker selbst mit drin.

    Ich fürchte, das (politische) System Griechenlands ist auf diese Weise nicht zu “sanieren”. Die brauchen einen regelrechten Neuanfang – mit neuen Politikern. Wo die allerdings herkommen sollen, ist mir allerdings auch ein Rätsel.

    • 22. November 2012 um 10:49 Uhr
    • Moika
  4. 4.

    Wie von @2 geschrieben. Der Schuldenschnitt kommt nach der Wahl. Das habe ich schon vor über einem Jahr geschrieben. So lange bleibt uns das Thema erhalten.

    • 22. November 2012 um 10:56 Uhr
    • Klausabc
  5. 5.

    Ein Schuldenschnitt ist schreiendes Unrecht gegenüber den Gläubigern. Solange der griechische Staat noch Geld hat um Gold zu kaufen ist er nicht zu rechtfertigen. Wenn Griechenland seine Goldreserven (111,8t) jetzt nicht verkaufen will dann kann die Krise so schlimm nicht sein.

    • 22. November 2012 um 11:14 Uhr
    • hamy
  6. 6.

    Und wer zahlt dann für die Importe, welche nicht so leicht zu substituieren sind? Stichwort: Öl, Maschinen, Nahrungsmittel (von Olivenöl und Feta wird man nämlich nicht richtig satt), Deutsche Panzer, …
    Da gehören immer zwei Seiten zur Medaille. Klar werden die Exporte günstiger und somit attraktiver für das Ausland, aber was soll denn nun auf einmal schlagartig exportiert werden? Kauft jeder Deutsche dann eine Yacht, weil sie nichtmehr 5 Mio. sondern nur noch 3 kostet??? Das Abwertung-fördert-Wettbewerbsfähigkeit-Argument ist mir immer ein wenig zu kurz gedacht.

    • 22. November 2012 um 11:26 Uhr
    • Bernd
  7. 7.

    Wann kommt der Schuldenschnitt in Griechenland?
    Er kommt wenn die grossen Gläubiger ihre letzten Schuldentitel an der EZB verkauft haben.

  8. 8.

    Und was soll ein weiterer Schuldenschnitt bringen???
    Wird Griechenland durch einen erneuten Schuldenerlaß automatisch wettbewerbsfähiger?? Nein!!
    Würde Griechenland dann seine notwendigen “Hausaufgaben” machen?? Nein!!
    Würde Griechenland nach einem Schuldenerlaß keine weiteren Kredite benötigen bzw. keine neue Schulden mehr machen?? Nein!!!

    Was soll ein solches “Geschreibsel”?
    Solange Griechenland glaubt, mehr oder weiniger so weiter machen zu können wie bisher – weil andere bezahlen – wird sich nicht ändern.

    • 22. November 2012 um 11:34 Uhr
    • snooker1
  9. Kommentar zum Thema

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