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Rezessionen kommen in Prognosen nicht vor

Von 11. Januar 2013 um 16:34 Uhr

Was ich schon seit Langem beobachte, fand ich erneut bestätigt durch ein Schaubild aus dem Financial Stability Review der EZB vom Dezember: Die Volkswirte, die die Veränderungsrate des realen BIP vorhersagen, haben kein Gefühl für das Timing und die Tiefe von Rezessionen. Sie versagen gerade dann, wenn es besonders drauf ankommt.

Das heißt allerdings nicht, dass Prognosen überflüssig sind, denn grundsätzlich basieren alle Entscheidungen, die bis weit in die Zukunft hinein Folgewirkungen haben, auf Einschätzungen darüber, wie es wirtschaftlich weitergehen wird, also auf Prognosen. Wie sonst könnte zum Beispiel die Regierung ihre mittelfristige Finanzplanung aufstellen?

Alle Politiker und Marktteilnehmer brauchen sie. Sie sind nicht nur in Planwirtschaften, sondern auch in den modernen Marktwirtschaften unverzichtbar. Sie sind ja nichts anderes als in Zahlen gefasste Erwartungen. Und Erwartungen bestimmen, was gekauft wird, ob man studiert oder nicht, für welchen Job man sich entscheidet, oder ob man heute investiert oder erst in ein paar Jahren.

Man muss sich nur darüber im Klaren sein, dass es sich bei Prognosen um Tendenzaussagen handelt, die schon dann nützlich sind, wenn sie die Faktoren benennen und gewichten, auf die es ankommt. Schockartige Ereignisse, die Rezessionen auslösen, können nur selten korrekt vorhergesagt werden. Deswegen liegen die Analysten bei der Prognose von Rezessionen in der Regel weit daneben.

Ich kam darauf beim Lesen des Financial Stability Review der EZB vom vergangenen Monat. Dort gibt es auf Seite 13 das folgende Schaubild mit der statistischen Verteilung der BIP-Prognosen seit 2007, die jeweils im Oktober für das folgende Jahr gemacht wurden, und zwar einschließlich 2012.

Chart: Distributions of real GDP forecasts

Quelle: EZB: Financial Stability Review, Dec. 2012

Ich habe die Prognosen dann mit den Ergebnissen, also den tatsächlich realisierten Zuwachsraten verglichen. Da es nur um fünf Jahre geht, sollte ich vorsichtig sein mit Verallgemeinerungen. Ich habe aber früher schon des Öfteren solche kleinen Analysen angestellt und bin stets zum gleichen Ergebnis gekommen: Rezessionen können offenbar nicht vorhergesagt werden. (Hier die von 2008/2009 für die USA und die von 2009 und 2012 für Euroland) Vielleicht können interessierte Leser ja einmal untersuchen, ob die Ergebnisse im Wesentlichen auch dann bestätigt werden, wenn längere Zeiträume betrachtet werden.

Zuwachsraten des realen BIP
- Prognosen und Ergebnisse -

in Prozent ggVj, sowie Prozentpunkte (PP)
 Jahr Euroland USA
 Prognose*) Ergebnis  Differenz
in PP 
 Prognose*)  Ergebnis Differenz
in PP 
2008 2,0 0,4 +1,6 2,4 -0,4 +2,8
2009 0,4 -4,4 +4,8 0,2 -3,1 +3,3
2010 0,9 2,0 -1,1 2,1 2,4 -0,3
2011 1,4 1,4 0,0 2,3 1,8 +0,5
2012 0,9 -0,4 +1,3 2,1 2,1 0,0
2013 0,2 2,0
Durchschnitt
(2008-2012)
1,1 -0,2 +1,3 1,8 0,5 +1,3
*) Prognose vom Oktober des vorangegangenen Jahres (Modalwert)
Quellen: EZB, IWF, EU Kommission; eigene Berechnungen

 
Die Tabelle, die ich auf der Basis des EZB-Charts und Zahlen der EU Kommission zusammengestellt habe, enthält noch ein paar andere spannende Informationen:

  • Dadurch, dass die Prognosen für die zwei europäischen und die zwei amerikanischen Rezessionsjahre viel zu optimistisch waren, lagen die Prognosewerte im Durchschnitt des Fünfjahreszeitraums um jeweils 1,3 Prozentpunkte über den tatsächlichen Zuwachsraten des realen BIP. Da das durchschnittliche Wachstum während dieser Zeit nur bei -0,2 beziehungsweise +0,5 Prozent lag, sind das relativ gesehen sehr deutliche Abweichungen zwischen Erwartungen und Ergebnis.
  • Für 2013 lag der Prognosekonsens für das reale BIP Eurolands im vergangenen Herbst noch bei +0,2 Prozent (die EZB hatte damals sogar +0,5 Prozent vorhergesagt); inzwischen wird allgemein erwartet, dass es zu einem Rückgang von rund 0,5 Prozent kommen wird. Auch die aktuelle Rezession wurde also nicht korrekt vorhergesagt. Die Analysten haben offenbar fast immer rosarote Brillen auf.
  • Nur in “normalen” Jahren, wenn die Wirtschaft mit Trendwerten vor sich hin expandierte (2010 und 2011 in Europa, 2010 bis 2012 in den USA), waren die Prognosen etwas treffsicherer.
  • Die durchschnittlichen Zuwachsraten des realen BIP lagen in beiden Volkswirtschaften weit unterhalb des Potenzialwachstums. Es ist daher klar, dass es sowohl in der Währungsunion als auch in Amerika am Arbeitsmarkt große Probleme gibt.
  • Da die Bevölkerung Eurolands im Trend nur um 0,4 Prozent jährlich zunimmt, die der USA aber um 1,0 Prozent, war das Pro-Kopf-Wachstum in den vergangenen fünf Krisenjahren nicht sehr unterschiedlich: -0,6 Prozent im Euroland, -0,5 Prozent in Amerika. Was die wirtschaftliche Dynamik angeht, gibt es also praktisch keinen Unterschied zwischen den beiden Volkswirtschaften – wenn man bei solchen Zahlen überhaupt von Dynamik sprechen kann.
Leser-Kommentare
  1. 25.

    Nicht alles Wissen ist in allen Situationen relevant. Manchmal kann es hinderlich sein.

    • 13. Januar 2013 um 15:39 Uhr
    • alterego
  2. 26.

    Auch Lin Keqiang, der neue Nachfolger Wens als Chinas Vizepräsident, glaubt nicht an die Aufschwungsangaben seiner eigenen Statistiker. Er halte sich daher an die tatsächlichen Ziffern des Stromverbrauchs, die ihm ein verlässlicheres Bild der Wirtschaft böten.

  3. 27.

    Und? Liest er auch selbst die Zähler ab?

    • 13. Januar 2013 um 20:29 Uhr
    • alterego
  4. 28.

    Als Nicht-Ökonom beobachte ich seit langem, dass Wirtschaftsprognosen von Instituten und Gremien etc. eine optimistische Schlagseite haben: die Aussichten für das kommende Jahr können so schwarz sein, wie sie wollen, für das nächste, allerspätestens aber für das übernächste Jahr ist dann jedenfalls wieder Wachstum angesagt. Eine jahrelange Depression wie aktuell in Griechenland oder Spanien ist da einfach nicht vorgesehen. Das ist aber überhaupt nicht verwunderlich, denn wir haben es dabei nicht mit Wissenschaft zu tun, sondern mit Politik. Und Politik unterliegt nun einmal dem Diktum von Willy Brandt, dass sie letztlich nicht allzu pessimistisch sein darf.
    Insofern ist die Erkenntnis von Dieter Wermuth nicht sehr revolutionär, und wenn sich mal jemand dieses Thema vornimmt, würde man sich auch etwas umfangreicheres statistisches Material erwarten.

    Der ökonomische Zweckoptimismus der Institute und Gremien wird wahrscheinlich durch den Pessimismus einiger individueller Perma-Bären annähernd ausgeglichen. Diese malen bekanntlich den Absturz jahre- oder sogar jahrzehntelang an die Wand, bis irgendwann ihr großer Tag kommt, an dem sie “noch zu optimistisch!” waren. Anschließend zehren sie wieder Jahre und Jahrzehnte von diesem großen Tag, bis ihr Publikum wirklich sehr müde geworden ist.

    • 14. Januar 2013 um 08:58 Uhr
    • EuroOptimist
  5. 29.

    Nicht sehr viel anders ist es bei Fondsmanagern. Könnte da einer wirklich den Markt “lesen” dann wäre er Jahrelang, zumindest im oberen drittel anstatt zwischendurch öfters im Mittelfeld gelandet.

    • 14. Januar 2013 um 09:39 Uhr
    • eculeus
  6. 30.

    @ 23 – alterego

    “Was aber immer noch bleibt, ist das Problem des schwarzen Schwans, der unkalkulierbaren Überraschungen, von denen einige möglicherweise doch irgendwie dem individuellen und kollektiven Bauchgefühl, aber keinem formalen Modell, zugänglich sind.”

    Unter ´unkalkulierbaren Überraschungen´ verstehe ich exogene Schocks, wie bspw. Fukujima, wo man zwar auf einen Tsunami vorbereitet war, aber nicht auf einen so gewaltigen. Da wird man dann wirklich überrascht.

    Bei der laufenden Krise gab es keinen exogenen Schock. Daher muss alles auf systemimmanente Ursachen zurückzuführen sein. Wenn ich bspw. immer mehr aufschulde und damit rechne, dass die Gläubiger das schon mitmachen werden, kann ich zwar auch überrascht TUN, wenn sie dann sagen, es gibt nichts mehr; ich kann aber nicht ernsthaft überrascht sein. Schuldentragfähigkeit kann man kalkulieren.

    Ich kann bei systemimmanenten Ursachen sagen, dass etwas geschehen wird; ich kann aber nicht genau sagen, wann es geschehen wird.

    • 14. Januar 2013 um 11:49 Uhr
    • Barthel Berand
  7. 31.

    “Ich kann bei systemimmanenten Ursachen sagen, dass etwas geschehen wird; ich kann aber nicht genau sagen, wann es geschehen wird.”

    Und auch nicht, in welchem Ausmaß und über welche Zeit hinweg es geschehen wird. Ja, natürlich gibt es diese systemimmanenten Ursachen. Und dies sind die Schwierigkeiten, sie im Wege mathematischer Modelle zu erfassen. Die schwarzen Schwäne (z.B. 9/11) kommen dann noch dazu.

    • 14. Januar 2013 um 13:15 Uhr
    • alterego
  8. 32.

    Tja, ein weiteres Argument gegen Konjunkturpolitik. Denn auf welcher Grundlage soll man denn Konjunkturprogramme beschließen, wenn die Prognosen nichts taugen.

    • 14. Januar 2013 um 18:35 Uhr
    • Wirtschaftswurm
  9. Kommentar zum Thema

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