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Rezessionen kommen in Prognosen nicht vor

 

Was ich schon seit Langem beobachte, fand ich erneut bestätigt durch ein Schaubild aus dem Financial Stability Review der EZB vom Dezember: Die Volkswirte, die die Veränderungsrate des realen BIP vorhersagen, haben kein Gefühl für das Timing und die Tiefe von Rezessionen. Sie versagen gerade dann, wenn es besonders drauf ankommt.

Das heißt allerdings nicht, dass Prognosen überflüssig sind, denn grundsätzlich basieren alle Entscheidungen, die bis weit in die Zukunft hinein Folgewirkungen haben, auf Einschätzungen darüber, wie es wirtschaftlich weitergehen wird, also auf Prognosen. Wie sonst könnte zum Beispiel die Regierung ihre mittelfristige Finanzplanung aufstellen?

Alle Politiker und Marktteilnehmer brauchen sie. Sie sind nicht nur in Planwirtschaften, sondern auch in den modernen Marktwirtschaften unverzichtbar. Sie sind ja nichts anderes als in Zahlen gefasste Erwartungen. Und Erwartungen bestimmen, was gekauft wird, ob man studiert oder nicht, für welchen Job man sich entscheidet, oder ob man heute investiert oder erst in ein paar Jahren.

Man muss sich nur darüber im Klaren sein, dass es sich bei Prognosen um Tendenzaussagen handelt, die schon dann nützlich sind, wenn sie die Faktoren benennen und gewichten, auf die es ankommt. Schockartige Ereignisse, die Rezessionen auslösen, können nur selten korrekt vorhergesagt werden. Deswegen liegen die Analysten bei der Prognose von Rezessionen in der Regel weit daneben.

Ich kam darauf beim Lesen des Financial Stability Review der EZB vom vergangenen Monat. Dort gibt es auf Seite 13 das folgende Schaubild mit der statistischen Verteilung der BIP-Prognosen seit 2007, die jeweils im Oktober für das folgende Jahr gemacht wurden, und zwar einschließlich 2012.

Chart: Distributions of real GDP forecasts
Quelle: EZB: Financial Stability Review, Dec. 2012

Ich habe die Prognosen dann mit den Ergebnissen, also den tatsächlich realisierten Zuwachsraten verglichen. Da es nur um fünf Jahre geht, sollte ich vorsichtig sein mit Verallgemeinerungen. Ich habe aber früher schon des Öfteren solche kleinen Analysen angestellt und bin stets zum gleichen Ergebnis gekommen: Rezessionen können offenbar nicht vorhergesagt werden. (Hier die von 2008/2009 für die USA und die von 2009 und 2012 für Euroland) Vielleicht können interessierte Leser ja einmal untersuchen, ob die Ergebnisse im Wesentlichen auch dann bestätigt werden, wenn längere Zeiträume betrachtet werden.

Zuwachsraten des realen BIP
– Prognosen und Ergebnisse –

in Prozent ggVj, sowie Prozentpunkte (PP)
 Jahr Euroland USA
 Prognose*) Ergebnis  Differenz
in PP 
 Prognose*)  Ergebnis Differenz
in PP 
2008 2,0 0,4 +1,6 2,4 -0,4 +2,8
2009 0,4 -4,4 +4,8 0,2 -3,1 +3,3
2010 0,9 2,0 -1,1 2,1 2,4 -0,3
2011 1,4 1,4 0,0 2,3 1,8 +0,5
2012 0,9 -0,4 +1,3 2,1 2,1 0,0
2013 0,2 2,0
Durchschnitt
(2008-2012)
1,1 -0,2 +1,3 1,8 0,5 +1,3
*) Prognose vom Oktober des vorangegangenen Jahres (Modalwert)
Quellen: EZB, IWF, EU Kommission; eigene Berechnungen

 
Die Tabelle, die ich auf der Basis des EZB-Charts und Zahlen der EU Kommission zusammengestellt habe, enthält noch ein paar andere spannende Informationen:

  • Dadurch, dass die Prognosen für die zwei europäischen und die zwei amerikanischen Rezessionsjahre viel zu optimistisch waren, lagen die Prognosewerte im Durchschnitt des Fünfjahreszeitraums um jeweils 1,3 Prozentpunkte über den tatsächlichen Zuwachsraten des realen BIP. Da das durchschnittliche Wachstum während dieser Zeit nur bei -0,2 beziehungsweise +0,5 Prozent lag, sind das relativ gesehen sehr deutliche Abweichungen zwischen Erwartungen und Ergebnis.
  • Für 2013 lag der Prognosekonsens für das reale BIP Eurolands im vergangenen Herbst noch bei +0,2 Prozent (die EZB hatte damals sogar +0,5 Prozent vorhergesagt); inzwischen wird allgemein erwartet, dass es zu einem Rückgang von rund 0,5 Prozent kommen wird. Auch die aktuelle Rezession wurde also nicht korrekt vorhergesagt. Die Analysten haben offenbar fast immer rosarote Brillen auf.
  • Nur in “normalen” Jahren, wenn die Wirtschaft mit Trendwerten vor sich hin expandierte (2010 und 2011 in Europa, 2010 bis 2012 in den USA), waren die Prognosen etwas treffsicherer.
  • Die durchschnittlichen Zuwachsraten des realen BIP lagen in beiden Volkswirtschaften weit unterhalb des Potenzialwachstums. Es ist daher klar, dass es sowohl in der Währungsunion als auch in Amerika am Arbeitsmarkt große Probleme gibt.
  • Da die Bevölkerung Eurolands im Trend nur um 0,4 Prozent jährlich zunimmt, die der USA aber um 1,0 Prozent, war das Pro-Kopf-Wachstum in den vergangenen fünf Krisenjahren nicht sehr unterschiedlich: -0,6 Prozent im Euroland, -0,5 Prozent in Amerika. Was die wirtschaftliche Dynamik angeht, gibt es also praktisch keinen Unterschied zwischen den beiden Volkswirtschaften – wenn man bei solchen Zahlen überhaupt von Dynamik sprechen kann.

40 Kommentare


  1. Kleiner Fehler:

    USA 2008: Die Abweichung zwischen +2,4 und +0,4 beträgt 2,0 und nicht 2,8

  2.   Uwe Richter

    @ Bernd Klehn

    Vielen Dank für den Hinweis. Da hat sich beim Übertragen der Zahlen ins Blog ein Fehler eingeschlichen. Das Pluszeichen vor der 0,4 ist falsch. Es muss heißen -0,4%. (Ist bereits korrigiert.)

  3.   keiner

    Erstaunt das wirklich? Bekanntlich ist doch Widdschaft zu 2/3 Psychologie, also lügt man den Leuten die Hucke voll, dann wird’s schon nicht so schlimm. Oder ist vielleicht irgendeine “Schicksalswahl” in Sichtweite?

    btw: Wie war denn jetzt eigentlich das vorhergesagte “Jahrhundert”-Weihnachtsgeschäft 2012? Eher Mau, oder?


  4. Die Fehlprognosen sind weder eine Überraschung noch ein Wunder, denn ein Teil der volkswirtschaftlichen Modelle stammen aus der Steinzeit der Modellierung.


  5. Prognosen von Analysten, wem sollen sie dienen ?
    Anlegern vielleicht, oder sollen sie einfach nur gute Stimmung verbreiten ?
    Wenn die Damen und Herren, mit ihren rosaroten Brillen,
    auf der Suche nach neuen Anleger-innen,
    frisches Geld, in den Markt, spülen wollen.
    Das scheint dann wieder die Sandmännchen Methode zu werden, um den Anleger-innen, Sand in die Augen zu streuen.
    Beispiele haben wir schon des öfteren, kennen lernen dürfen.
    Doch da gibt es noch die Steuerzahler-innen, die jeglichen Schaden,
    ohne Risiko, für die Analysten, wieder beheben.
    Positiv denken, soll ja helfen, doch wem ?

  6.   alterego

    Klar, Prognosen sind immer unsicher. Insbesondere, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen.

    Mich würde interessieren, welche Prognose ein repräsentatives Panel von Unternehmern und Topmanagern “aus dem Bauch heraus” à la Delphi abgäbe, inwieweit sich diese von den Prognosen der Institute unterschiede und welche Treff(un)sicherheit diese aufwiese.

    Wowoglich könnten sich da einige Leute einiges an Arbeit sparen.

  7.   Tami

    @M.Aurelius

    Steinzeit ist wohl das falsche Wort. Eher aus einer längst vergangenen Parralelwelt, die keine Logik erfodert. So einige neoklassische Standard-Modelle hat man im Studium doch nur gelernt, weil der Prof es so wollte, obwohl man beim ersten Sehen schon die Fehler sah..


  8. Sicher wäre es aufschlussreich, die realen Ergebnisse für die Jahre 2008-12 in obiger Tabelle einmal den im gleichen Zeitraum von Angela Merkel verkündeten Aufschwungsmeldungen gegenüber zu stellen.


  9. “In the long run we are all death” Dieser Satz von J.M. Keynes ist nicht nur witzig, sondern wahr. Je weiter sich Ökonomen in die Zukunft “vor wagen”, desto schwieriger wird es mit den Prognosen. Und das ist auch gut so. Denn wenn die Zukunft vorhersehbar wäre, wäre das Grundprinzip des Kapitalismus in Gefahr: Die Selbstregulierung des Marktes. Die knallharte, neoklassische Ökonomen-Schule um J. Schumpeter und von Hayek (Österreichische Schule) sah die grossen Krisen quasi als notwendige Bedingung dafür, dass sich der Kapitalismus immer wieder regenerieren konnte. So hart das auch immer für alle (fast alle) Beteiligten sein mochte. Ein Blick in die etwa 500 Jahre alte Wirtschaftsgeschichte des modernen Kapitalismus kann das bestätigen. Neue Theorien kommen und gehen. Der Weisheit letzter Schluss sind sie alle nicht.

  10.   Rigor Mortis

    Es ist mathematisch sinnlos, für die Abweichung einen Durchschnitt anzugeben. Würden die Abweichunge zufällig so sein, dass positive und negative Werte in der jeweiligen Summe den gleichen Betrag hätten, dann käme hier ein optisch sehr guter Wert von 0,0 PP heraus. Dieser suggeriert dann, dass die Prognosen im Schnitt sehr gut gewesen wären; was sie nicht waren.

    Sinnvoller wäre es hier den Durchschnitt der mathematischen Beträge der Abweichungen anzugeben anzugeben. Diese betragen mit den gegebenen Daten:
    Euroland: 1,8 PP
    USA: 1,3 PP
    Hier sieht man, wie schlecht insbesondere die Prognosen für das Euroland waren.

    Die Aussage des Artikels überrascht mich nicht. Mir ist schon vor längerer Zeit aufgefallen, dass die Wirtschafts-“Wissenschaftler” es bis heute nicht geschafft haben, eine Theorie aufzustellen, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Für halbwegs verlässliche Vorhersagen taugen die alle nicht. Und DAS muss eine gute Theorie leisten.

    Darum ist es mir auch ein Dorn im Auge, dass es für so etwas Nobel-Preise gibt.