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Warum die Inflationsrate nicht viel niedriger ist

Von 26. April 2013 um 07:12 Uhr

Der Internationale Währungsfonds geht in seinem neuen World Economic Outlook einer Frage nach, die mich auch schon seit einiger Zeit beschäftigt: Warum herrscht im Euroland, in Deutschland oder in den USA nicht schon längst Deflation? Wenn die Inflation so reagiert hätte, wie es die ökonomische Analyse der siebziger Jahre und die daraus abgeleiteten Modelle hätten erwarten lassen, müsste das Preisniveau eigentlich fallen – so wie das in Japan seit 20 Jahren der Fall ist. Offenbar haben sich die volkswirtschaftlichen Wirkungsmechanismen stark verändert. In seinem Bericht zeigt der IWF, dass die amerikanischen Inflationsraten bereits seit 2010 im negativen Bereich liegen müssten, wenn sich deren Entwicklung auch heute noch mit den Modellparametern der siebziger Jahre adäquat beschreiben ließe – für Ende 2011 ergäbe das im Vorjahresvergleich eine Inflationsrate von etwa -3 Prozent. Minus drei!

Grafik: WEO, Tatsächliche unf prognostizierte Inflationsraten der USA

WEO, Tatsächliche unf prognostizierte Inflationsraten der USA

Die aktuelle Inflation wird nach meinem Verständnis vor allem von der Outputlücke bestimmt, der Differenz zwischen der aktuellen und der potenziellen gesamtwirtschaftlichen Produktion, also dem Auslastungsgrad der Kapazitäten. Je größer die Lücke, desto schärfer ist der Wettbewerb: Die Unternehmen versuchen durch Kampfpreise ihre Produktion zu steigern, um so die Kosten pro Stück zu senken und ihre Gewinnsituation zu verbessern. Mit anderen Worten, sie haben nur einen geringen oder gar keinen Spielraum für Preiserhöhungen. Die Auslastung entscheidet zudem darüber, wie sich Beschäftigung und Arbeitslosigkeit entwickeln. Und davon wiederum hängt es ab, wie stark die Löhne steigen. Sie sind der bei Weitem wichtigste Kostenfaktor und waren bisher sehr eng mit der Inflation auf der Verbraucherebene korreliert. Hohe Lohnsteigerungen gleich hohe Inflationsraten, und umgekehrt.

Wie die folgenden Schaubilder zeigen, sind die Outputlücken gewaltig, wenn man nicht gerade die Annahme macht, dass die Wachstumsrate des Produktionspotenzials nach 2008 drastisch gesunken ist. Warum aber sollte es zu einem solchen Einbruch gekommen sein? Die Trends von Produktivität und Arbeitskräftepotenzial, den Komponenten in gesamtwirtschaftlichen Produktionsfunktionen, sind eigentlich recht stabil, ändern sich also nicht von einem Jahr auf’s andere, so dass der potenzielle Output normalerweise selbst während einer Rezession zunimmt.

Grafik: BIP und Trend des Produktionspotenzial der USA
GRafik: BIP und Trend des Produktionspotenzial in Euroland
Grafik: BIP und Trend des Produktionspotenzial Deutschlands

Legt man die Wachstumsprognosen des IWF zugrunde, wird das reale Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr in den USA als auch im Euroland um rund 10 Prozent unter seinem Potenzial liegen, und das von Deutschland um etwa 6 Prozent. Selten waren die Lücken so groß. Ein Blick auf die Beschäftigung bestätigt diesen Befund. Sowohl in den USA als auch im Euroland sieht es am Arbeitsmarkt sehr trübe aus. Was die USA angeht, ist das einigermaßen überraschend. Die US Beschäftigung liegt noch immer unter ihrem Niveau von 2007, obwohl das reale Sozialprodukt seit 2010 ziemlich stetig mit jährlichen Raten von zwei Prozent zunimmt. Anders als in Euroland, wo nach einer kurzen Erholungsphase schon wieder Rezession herrscht. Deutschland ist ein erfreulicher Sonderfall: Durch die Kooperation zwischen Unternehmen, Betriebsräten und Gewerkschaften sowie die Strukturreformen zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts ist die Anzahl der Beschäftigten trotz der deutlichen Wachstumsverlangsamung fast unaufhaltsam gestiegen.

Grafik: Beschäftigungsentwicklung in den USA, Euroland und Deutschland seit 1991

Beschäftigungsentwicklung in den USA, Euroland und Deutschland seit 1991

Die nächsten Schaubilder zeigen, dass sich die Inflationsraten im Verlauf der sogenannten “großen Rezession” nach dem Einbruch im Jahr 2009 in einer Spanne von 1 bis 2,5 Prozent eingependelt haben. Für das Jahr 2013 erwartet der IWF für die USA 1,8 Prozent, für Euroland 1,7 Prozent, und 1,6 Prozent für Deutschland. Von Deflation also keine Spur. Für den IWF wird sich daran auch mittelfristig nennenswert nichts ändern: Die prognostizierten Inflationsraten bis 2018 liegen in einer Spanne zwischen 1,5 und etwas über 2 Prozent.

Grafik: Lohn- und Preisinflation in den USA, 1971-2012
Grafik: Lohn- und Preisinflation in Euroland, 1992-2012
Graqfik: Lohn- und Preisinflation in Deutschland, 1992-2012

Einen Grund für die anhaltende Inflation im positiven Bereich sieht der IWF darin, dass es trotz der Probleme am Arbeitsmarkt keinen Rückgang der Löhne geben dürfte. Warum das? Weil es inzwischen so viele Langzeitarbeitslose gibt! Die haben, meint der IWF, weitgehend ihre beruflichen Qualifikationen verloren. Die sogenannte strukturelle Arbeitslosigkeit sei dadurch stark gestiegen. Zu denken ist an Bauarbeiter, Banker, Buchhändler oder Fließbandarbeiter in der Autoindustrie, ganz abgesehen von den vielen jungen Leuten, die von vornherein außerhalb des regulären Arbeitsmarkts bleiben. Sie konkurrieren angeblich nicht mehr um offene Stellen und üben daher keinen Druck auf die Löhne und Gehälter der Beschäftigten aus. Wer einen Job habe, sei daher in einer entsprechend günstigen Verhandlungsposition und könne auskömmliche Lohnerhöhungen durchsetzen. Im Umkehrschluss hieße eine hohe “natürliche” Arbeitslosigkeit übrigens, dass die Outputlücken kleiner wären als in den obigen Schaubildern dargestellt. Die Inflation könnte demnach in einer kommenden Expansionsphase rascher anspringen als erwartet. Diese Gefahr bestehe aber nicht, so der IWF, weil die Inflation nicht mehr so stark auf Schwankungen im Auslastungsgrad reagiere wie früher. Was unter anderem mehr Spielraum für wirtschaftspolitische Stimulierungen schaffe.

Der IWF vermutet zudem, dass die nationale Kapazitätsauslastung für die Inflation weniger wichtig ist als die globale. Die internationale Arbeitsteilung nimmt ja weiterhin in großen Schritten zu, so dass das Konzept des Inlandsmarkts immer weniger relevant ist. Der IWF geht nicht näher darauf ein – er müsste Belege dafür haben, dass der Auslastungsgrad der Weltwirtschaft höher ist als der der USA oder Eurolands. Ich kann das nicht erkennen. Ganz im Gegenteil, durch die vielen hundert Millionen Menschen, die in den Schwellenländern noch aus der Landwirtschaft in die städtischen Berufe und die Industrie abwandern werden, sowie die hohen Zuwachsraten der Produktivität, ergibt sich ein enormer Druck auf die Preise international handelbarer Waren und Dienstleistungen. In den USA lagen die Einfuhrpreise zuletzt um nicht weniger als 2,7 Prozent unter ihrem Vorjahreswert, in Deutschland um 2,3 Prozent (wie das Stat. Bundesamt am Freitag mitgeteilt hat). Das bedeutet, dass von der Außenwirtschaft zurzeit deflationäre Effekte ausgehen – jedenfalls deutet nicht viel darauf hin, dass aus dem Rest der Welt Inflation importiert wird. Das Argument des IWF taugt also nicht viel zur Erklärung der erstaunlich hohen aktuellen Inflation in den reichen Ländern.

Der Währungsfonds hat einen zweiten Pfeil im Köcher: Es sei den Notenbanken gelungen, die Inflationserwartungen bei etwa zwei Prozent fest zu verankern. Dafür spricht vor allem, dass sich die tatsächlichen Inflationsraten in den OECD-Ländern seit rund zwanzig Jahren um diese Marke pendeln. Die Tarifparteien gingen inzwischen davon aus, dass das so bleiben wird und sie sich daran zu orientieren haben, es sei denn sie haben eine besonders schwache oder starke Position im Markt. Inflation ist irgendwie kein Thema mehr. Wenn die EZB oder die Fed sagen, wir peilen eine Inflationsrate von zwei Prozent an, werde ihnen das geglaubt.

Wenn ich mir allerdings die Rentenmärkte ansehe, komme ich zu deutlich anderen Ergebnissen. In den USA, Kanada und Großbritannien beispielsweise liegt die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen gegenwärtig bei 1,7 Prozent. Normalerweise enthält sie einen Aufschlag von vielleicht 0,5 Prozentpunkten für das Risiko, dass die Kurse bei langen Laufzeiten viel stärker sinken können als bei kurzen. Die bereinigte Rendite liegt daher nur knapp über ein Prozent und inflationsbereinigt sogar im Negativen. An den Märkten wird offenbar erwartet, dass die Inflationsraten noch um Einiges sinken werden. Anleger lassen sich nicht beeindrucken vom Rotieren der Geldpressen und den gewaltigen Staatsdefiziten. In Japan und in der Schweiz signalisieren die Rentenmärkte – mit Renditen von etwa 0,6 Prozent -, dass Deflation wahrscheinlicher ist als Preisstabilität, geschweige denn Inflation. In geringerem Maße gilt das auch für Deutschland, wo die Rendite zurzeit bei nur 1,2 Prozent liegt.

Mit anderen Worten, ich würde nicht darauf setzen, dass wir es auch künftig in den reichen Ländern mit einer stabilen Inflationsrate von etwa zwei Prozent zu tun haben werden. Die Nachrichten aus der Realwirtschaft sind insbesondere in Europa so schlecht, dass ein Abkippen in die Deflation immer noch möglich ist. Weil es bisher noch nicht geschehen ist, muss nicht heißen, dass es immer so bleiben wird.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ob 2% oder weniger oder gar Deflation, die Inflationsraten sind zu niedrig für einer wirtschaftlichen Gesundung der Eurozone.

  2. 2.

    Es gibt in China ein besseres Ausbildungssystem an den Hochschulen als bei uns, die Leute dort sind wesentlich fleissiger als wir, wie soll es da bei uns noch zu Lohnerhöhungen kommen können. Ähnlich wie in Japan werden natürlich die Löhne in China steigen, und so werden wir uns irgendwo in der Mitte treffen. Aber allein schon die schiere Anzahl qualifizierter Techniker in China wird dafür sorgen dass die entsprechenden Gehälter bei uns wesentlich zurückgehen. Neulich habe ich eine Studie gesehen, wo erwartet wird, dass der Treffpunkt so bei um die 60% unserer heutigen Gehälter liegt. Dies gilt aber natürlich nur für die hochqualifizierten Kräfte, für andere liegt der Punkt wesentlich niedriger.

    In unserer ganzen Europadiskussion wird hier ständig vergessen, dass es auch noch eine Welt ausserhalb von Europa gibt, von der wir uns nicht abkoppeln können. Die Zeiten des Kolonialismus gehen halt zu Ende. Irgendwann muss das wohl auch der letzte Linke begreifen. Wir können hier bei uns nicht auf Dauer die doppelten Löhne für die gleiche Arbeit erwarten.

    Selbstverständöich gibt es bei uns gegenwärtig noch gewisse Vorteile. Wir sind volkswirtschaftlich gesehen ein eingespieltes Team, und bei den Wachstumsraten, die China in den letzten Jahren hatte, kann das dort noch nicht so gut funktionieren. Es wird keine 10 Jahre dauern, dann sind auch dort die Strukturveränderungen weitgehend eingearbeitet, und dann gibt es auch keinen Grund mehr, warum die Leute dort weniger verdien sollten.

    • 26. April 2013 um 08:55 Uhr
    • Tiefenwahn
  3. 3.

    @2
    “dass der Treffpunkt so bei um die 60% unserer heutigen Gehälter liegt”

    Heißt im Umkehrschluß, dass unsere aktuellen Löhne 40 % zu hoch sind.
    Warum zum Teufel kauft dann eigentlich die Welt die logischerweise völlig überteuerten deutschen Waren als gäbe es kein Morgen?

  4. 4.

    @ bmmayr # 3

    Die Welt, soweit sie investieren muss, um IHR Wachstum zu generieren, kann vielfach nicht auf unsere Produkte und Dienstleistungen verzichten.

    Solange das so ist, dürfen wir ruhig (zu) teuer sein.

    Die Illusion dabei:

    Zu viele bei uns meinen, dass „solange“ gottgegeben „ für immer“ heißt.

    • 26. April 2013 um 10:09 Uhr
    • Dietmar Tischer
  5. 5.

    @3

    wie geschrieben haben wir im Moment noch den Vorteil eines eingespielten Teams. Für die Produktivität einer Automobilfabrik gehen auch die vorhandenen örtlichen Zulieferer, der ganze Servicebereich, ein funktionierendes Rechtssystem ein. Ein funktionierendes Gesundheitssystem ist natürlich auch vorteilhaft, genauso wie Umweltstandads, die verhindern, dass die Leute zu oft krank werden. So etwas kann man nicht von heute auf morgen installieren, aber in 10 Jahren schon.

    • 26. April 2013 um 10:13 Uhr
    • Tiefenwahn
  6. 6.

    “Die aktuelle Inflation wird nach meinem Verständnis vor allem von der Outputlücke bestimmt, der Differenz zwischen der aktuellen und der potenziellen gesamtwirtschaftlichen Produktion, also dem Auslastungsgrad der Kapazitäten.”

    Die niedrigen Inflationsraten waren insbesondere durch die Billiglöhner in China und Co. möglich. Auch diese wollen langfristig ein besseres Leben, insofern ist das Deflationspotential in den Jahren 2000 (Eintritt Chinas in den globalen Welthandel) bis 2010 ausgeschöpft worden

  7. 7.

    @6
    “Die niedrigen Inflationsraten waren insbesondere durch die Billiglöhner in China und Co. möglich. Auch diese wollen langfristig ein besseres Leben, insofern ist das Deflationspotential in den Jahren 2000 (Eintritt Chinas in den globalen Welthandel) bis 2010 ausgeschöpft worden”

    Das wäre jetrzt eher ein Argument warum die Löhne bei uns eher steigen werden im Gegensatz zu den Argumenten von #2.

  8. 8.

    Eine hohe Wettbewerbsintensität bei grosso modo hoher Austauschbarkeit der Produkte (Handelsmarken, Plagiate), kürzer werdenden Produkt(lebens)zyklen, schneller Umsetzung von Kostensenkungspotentialen, hoher Kapitalmobilität, globalem Handel halten die Preise niedrig.

    Die Outputlücke halte ich für ein theoretisches Konstrukt von eher wenig praktischer Relevanz. Die Unternehmen achten sehr darauf, keine Überkapazitäten entstehen zu lassen. Was wurde unter der Überschrift “LEAN” nicht alles an innovativen Konzepten entwickelt und implementiert, um genau dies zu erreichen – von der Produktion über die gesamte Logistik bis in die Verwaltung, und das entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Schnelle Kapazitätsanpassung nach oben und unten ist das A und O. Und das muss man nüchtern sehen: Arbeitslose verlieren in einer Welt des schnellen Wandels ihre Kompetenzen umso umfassender, je länger sie dem Arbeitsalltag entzogen sind. Ab einem bestimmten Punkt ist ihre persönliche Wettbewerbsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt so vermindert, dass sie praktisch kaum noch als Kapazitätsreserve angesehen werden können. Die tatsächliche Kapazitätsreserve versteckt sich bei uns meines Erachtens in der Teilzeitbeschäftigung und natürlich der Arbeitnehmerüberlassung.

    Der Einfluss der Geldpolitik auf die Verbraucherpreise wird nicht zuletzt aufgrund der oben skizzierten Entwicklungen meines Erachtens stark überschätzt. Die Inflation wird sozusagen von den Konsumgütern in die Assets (Blasenbildung durch Geldflutung bei negativem Realzins) umgeleitet. Alle sinnvollen Regelungen zur Verminderung der vom Bankensektor ausgehenden Risiken werden und müssen dazu führen, dass sich die Zinsen stärker an der Bonität der Gläubiger und den mit ihren Geschäften verbundenen Risiken orientieren und dementsprechend ausdifferenzieren werden.

    • 26. April 2013 um 11:51 Uhr
    • alterego
  9. Kommentar zum Thema

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