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Die Zombiebanken verhindern den Aufschwung

Von 17. Mai 2013 um 12:56 Uhr

Der Rückgang des realen BIP von Euroland im ersten Quartal war der siebte in Folge. In den USA dagegen hatte es eine Zunahme gegeben, wie in jedem der vergangenen 14 Quartale zuvor. Ähnlich krass waren die Unterschiede bei den Arbeitslosenquoten: In der europäischen Währungsunion steigen sie unaufhaltsam – auf zuletzt 12,1 Prozent –, während sie in Amerika seit Ende 2009 stetig von damals zehn Prozent auf jetzt 7,5 Prozent gesunken sind. Kein Wunder, dass der Euro vor allem in den Krisenländern der “Peripherie”, aber auch in Frankreich, immer mehr mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen hat.

Grafik: Arbeitslosenqoten in den USA und Euroland

Grafik: USA und Euroland: Erholung und Nicht-Erholung nach dem Einbruch USA und Euroland: Erholung und Nicht-Erholung nach dem Einbruch

Ich habe den Verdacht, dass die Unterschiede bei den wichtigsten Wirtschaftsindikatoren vor allem etwas damit zu tun haben, dass die USA ihren Finanzsektor auf dem Höhepunkt der Krise schnell und entschlossen saniert hatten, während es in Europa nichts Vergleichbares gab. Die amerikanischen Banken funktionieren wieder – jede der großen macht pro Quartal bereits wieder Gewinne von mehreren Milliarden Dollar –, die europäischen aber krebsen immer noch vor sich hin. Die meisten sind weiterhin dabei, Personal zu entlassen, ihr Geschäftsvolumen zu verringern, ihre Kapitalbasis zu stärken und, ganz allgemein, die Struktur ihrer Bilanzen (durch “deleveraging”, den relativen Abbau von Verbindlichkeiten) zu verbessern, aber alles sehr langsam.

Im Vergleich zu ihren amerikanischen Konkurrenten sehen sie wie Zombies aus, wie Untote, die nicht tot und nicht lebendig sind. Mit dem Begriff wurden bisher vor allem japanische Banken charakterisiert, jetzt haben ihn zwei holländische Ökonomen in einem Artikel in der Financial Times in Bezug auf die europäischen Banken verwendet (Harald Benink und Harry Huizinga: “Banish the threat from zombie banks in Europe.“)

Die Banken Eurolands vermeiden den Ausweis von Verlusten dadurch, dass sie ihre Kreditforderungen “restrukturieren”. Es ist ziemlich kostengünstig und daher einfach, auch notleidende Kredite zu verlängern, weil sich die Banken bei der EZB de facto fast zu Nullzinsen finanzieren können. Es gibt keine Institution, die sie zwingt, das zu lassen und stattdessen ihr Kapital zu erhöhen und die eigentlich fälligen Abschreibungen vorzunehmen. Da sie wegen ihrer ungesunden Finanzen bislang keinen Zugang zum Kapitalmarkt haben, oder nur zu schlechten Konditionen, müssten sie sich eigentlich an ihre Heimatregierungen wenden.

Vor allem in Italien, Frankreich und Spanien sind die Staaten aber so hoch verschuldet, dass sie für die Rekapitalisierung ihrer Banken kein Geld haben. Jedenfalls glauben sie das. Es läuft wie einst in Japan, mit möglicherweise ähnlich verheerenden Folgen. Warum? Weil es zu keiner Bereinigung des Finanzwesens kommt, und damit auch nicht zu einem Neuanfang auf der Basis gesunder Bilanzen und Kostenstrukturen. Euroland braucht dringend eine schlagkräftige Sanierungs- und Abwicklungsbehörde für marode Banken, der es nicht an finanziellen Mitteln fehlt. Das steht bekanntlich zwar auf der Agenda des Europäischen Rates, eine Einigung ist jedoch noch nicht in Sicht. Die deutsche Regierung fürchtet wieder einmal, dass ihr die Krisenländer ans Portemonnaie wollen, ohne dass sie zu einer Aufgabe von Souveränitätsrechten bereit sind.

Tabelle: "Europäische und amerikanische private Großbanken im Vergleich"

In der obigen Tabelle habe ich das Verhältnis “Aktienkurs zu Buchwert je Aktie” als Indikator für den Bereinigungsbedarf verwendet. Ein Wert von 0,6 bedeutet, dass die Marktteilnehmer der Ansicht sind, dass die europäischen Großbanken (die aus dem Eurostoxx 50) ihre Kredite und Wertpapiere zu hoch bewerten, dass sie also noch erheblichen Abschreibungsbedarf haben. Es geht, wenn sie mit ihrer Einschätzung richtig liegen, um einen Betrag von etwa 175 Milliarden Euro. Der ergibt sich, wenn ich annehme, dass der Marktwert in der Tabelle im europäischen Durchschnitt 60 Prozent des Buchwerts entspricht.

Übrigens habe ich die niederländische ING Groep nicht mit aufgeführt – obwohl sie Teil des Eurostoxx-Aktien-Index ist –, weil ein großer Teil ihrer Erträge aus dem Versicherungsgeschäft stammt und Bloomberg keine Angaben zu den Buchwerten macht. Ihr Marktwert (26,2 Milliarden Euro) dürfte aber nach wie vor deutlich unter ihrem Buchwert liegen.

Wenn man die 175 Milliarden Euro auf den gesamten Bankensektor Eurolands hochrechnet, reden wir hier vermutlich von einen mindestens doppelt so hohen Betrag. Das wären etwa vier Prozent des Euroland-BIP. Banken, die kein Geld auftreiben können, müssten drastisch schrumpfen oder abgewickelt werden. Um die Steuerzahler zu schonen, müsste das weitgehend nach dem Zypern-Modell erfolgen: Vor allem die Einleger, die Besitzer von Bankbonds und die Eigentümer der Banken würden Vermögensverluste erleiden. Eine solche Perspektive erleichtert natürlich nicht gerade den Zugang der gefährdeten Banken zum Kapitalmarkt.

Der Tabelle ist auch zu entnehmen, dass die amerikanischen Banken offenbar das Schlimmste überstanden haben: Buchwert und Marktwert unterscheiden sich im Mittel nicht mehr. Nebenbei: Was sagt uns die Tatsache, dass der durchschnittliche Marktwert der US-Banken 2,8 Mal größer ist als der der europäischen Konkurrenten? Wir haben zwar eine gemeinsame europäische Geldpolitik, aber bisher nur nationale Mickey-Mouse-Banken. Das hat allerdings den Vorteil, dass es auf dieser Seite des Atlantiks ein entsprechend geringeres “too-big-to-fail”-Risiko gibt. Die Banken können weniger Schaden anrichten. Die Kehrseite ist, dass die amerikanischen Banken bei großen grenzüberschreitenden Wertpapieremissionen, Fusionen und Unternehmensübernahmen den Löwenanteil dieses sehr profitablen Geschäfts an sich ziehen und zudem den internationalen Regulierungsprozess dominieren – wie bisher auch.

Dass die fehlende wirtschaftliche Dynamik Eurolands darauf zurückzuführen ist, dass zu viele Banken künstlich am Leben gehalten werden und dass sich dadurch die Sanierung des Finanzsektors zu lange dahinschleppt, ist natürlich nur eine Hypothese – die sich nur durch Indizienbeweise und daher nicht eindeutig belegen lässt. Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass es weder in der Geldpolitik noch in der Finanzpolitik große Unterschiede zwischen den USA und Euroland gab. Die Unterschiede liegen in dieser Beziehung mehr im Timing, weniger in der relativen Größe und der Stoßrichtung der wirtschaftspolitischen Impulse.

Für mich liegt daher der Verdacht nahe, dass es im Euroland vor allem institutionelle Nachteile sind, die das Wirtschaftswachstum verlangsamen. Ich denke dabei an den fehlenden gemeinsamen Finanzminister, den fehlenden gemeinsamen Rentenmarkt und die fehlende zentrale Abwicklungs- und Sanierungsbehörde für Banken. In Krisen fällt es schmerzhaft auf, dass die Entscheidungsprozesse zu lange dauern oder nicht zu einem guten Ende kommen.

Die folgenden beiden Schaubilder sollen zunächst meine These belegen, dass die Geldpolitik ähnlich expansiv war wie die der USA: Sobald der Europäischen Zentralbank das Ausmaß der Krise klar geworden war, senkte sie die Leitzinsen nicht weniger energisch als die amerikanische Fed – in beiden Wirtschaftsräumen sind die Zinsen zudem nach Abzug der tatsächlichen und erst recht der erwarteten Inflationsraten inzwischen negativ. Die Sparer, also die Besitzer von Geldvermögen, werden hier wie dort massiv zur Kasse gebeten.

Grafik: Leitzinsen der EZB und der Fed
Grafik: Reale Notenbankzinsen in den USA und Euroland

Ob die Geldpolitik expansiv, neutral oder eher restriktiv gefahren wird, lässt sich auch daran ablesen, in welchem Ausmaß Geld in den Bankensektor gepumpt wird. Der einfachste Indikator dafür sind die Bilanzsummen der Notenbanken. In dieser Hinsicht ist die EZB bis Mitte 2012 etwa so aggressiv zur Sache gegangen wie die Fed – zwischen Anfang 2007 und Sommer 2012 haben beide Notenbanken ihr Bilanzvolumen jeweils etwa verdreifacht. Die Fed hat allerdings früher Gas gegeben. Dass die Bilanz des Eurosystems in diesem Jahr deutlich schrumpft, hat damit zu tun, dass die Banken einen Teil ihrer Dreijahresgelder, die sie in unbegrenzter Höhe zum Leitzins hatten aufnehmen dürfen, nicht mehr benötigen. Die Liquiditätsprobleme haben sich verringert. In den USA hinterlässt das massive Bond-Aufkaufprogramm (85 Milliarden Dollar pro Monat, oder auf Jahresbasis 6,4 Prozent des BIP) sichtbare Spuren in der Bilanz des Federal Reserve Systems. Die Expansionspolitik geht in die nächste Runde. Aber auch die EZB bereitet zurzeit die Märkte darauf vor, dass es bald zu einer weiteren Geldschwemme kommen dürfte. Beide Zentralbanken stecken in der Liquiditätsfalle und hoffen, dass sie sich durch noch mehr billiges Geld daraus befreien können.

Grafik: Bilanzsummen des Eurosystems und der Fed

An Unterschieden in der Geldpolitik kann es angesichts dieser Zahlen also nicht liegen, dass es im Euroraum wirtschaftlich nicht läuft, in den USA aber schon. Auch qualitativ unterscheiden sich die Politiken der EZB und der Fed wenig.

Ich behaupte weiterhin, dass die Finanzpolitik Eurolands nicht restriktiver war – und ist – als die der USA, jedenfalls wenn man die über alle 17 Länder aggregierten Zahlen als Vergleichsmaßstab nimmt. Nach den Angaben des IWF in seinem jüngsten World Economic Outlook dürfte sich die Netto-Schuldenaufnahme des Staatssektors in den USA von 13,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2009 auf 6,5 Prozent in diesem Jahr vermindern; im Euroraum sanken die Defizite im selben Zeitraum von 6,4 auf voraussichtlich 2,9 Prozent (damit übrigens unter die Dreiprozentmarke von Maastricht!). Daraus lässt sich nicht ableiten, dass die europäische Sparpolitik ehrgeiziger war als die amerikanische.

Es lässt sich allerdings vielleicht argumentieren, dass die USA in den drei Jahren zuvor, von 2007 bis 2009, einen viel stärkeren Anstieg des Staatsdefizits akzeptiert hatten als die Europäer. Es stieg nämlich von 2,7 auf 13,3 Prozent des BIP, also um 10,6 Prozentpunkte; im Euroraum betrug der Anstieg “nur” 5,7 Prozentpunkte (von 0,7 auf 6,4 Prozent des BIP). Vor allem die Ausgaben für die Rettung des Finanzsektors machten dabei den Unterschied aus. Das Motto der amerikanischen Regierung war damals “klotzen, nicht kleckern”, nachdem erkannt worden war, dass eine Implosion wie nach dem Konkurs von Lehman Brothers unbedingt vermieden werden musste. Dass die Rekapitalisierung viel Geld kostete, wurde hingenommen. Wenn ein Krieg gewonnen werden muss, wird auch nicht auf’s Geld geschaut. Die Kreditwürdigkeit des Schuldners “amerikanischer Staat” hat, gemessen an den Zinsen, die er zu zahlen hatte, letztlich nicht im Geringsten darunter gelitten, ganz im Gegenteil.

Seit 2009 jedenfalls unterscheidet sich die Ausrichtung der amerikanischen Finanzpolitik nach dem Kriterium “Veränderung der staatlichen Defizite” weder in ihrer Höhe noch in ihrer Tendenz von der des Euroraums. Sie ist also nicht etwa expansiver. Die höheren Zuwachsraten des realen BIP der USA lassen sich finanzpolitisch nicht erklären.

Grafik: Öffentliche Defizite in den USA, Euroland und  Deutschland

Öffentliche Defizite in den USA, Euroland und Deutschland

Die Amerikaner haben auch hingenommen, dass ihre Staatsschulden durch die gewaltigen Budgetdefizite vor allem in den Jahren 2007 bis 2010 geradezu explodiert sind, von 66,5 auf 98,2 Prozent des BIP – im Euroraum waren es im Ausgangsjahr ebenfalls 66,5 Prozent, aber “nur” 85,6 Prozent im Jahr 2010. Seitdem steigen die Staatsschulden in beiden Volkswirtschaften moderat weiter an. Es ist nicht erkennbar, dass die Länder des Euroraums zusammengenommen in der Schuldenpolitik stärker bremsen als die USA.

Grafik: Öffentliche Verschuldung in den USA, Euroland und Deutschland

Öffentliche Verschuldung in den USA, Euroland und Deutschland

Dass es der amerikanischen Wirtschaft heute so viel besser geht als der europäischen, hat nicht nur mit ihren schlagkräftigeren zentralen Institutionen und der dadurch rascheren und entschlosseneren Reaktion auf die Krise von 2008/2009 zu tun, sondern auch damit, dass das Rechtssystem die Entschuldung der Privathaushalte viel mehr erleichtert – es gibt eine Haftungslimitierung. Wenn eine Hypothek nicht mehr bedient werden kann, werden einfach die Hausschlüssel bei der Bank eingeworfen, wodurch das Haus sofort an die Bank fällt. Nur das Haus haftet für die Schulden, nicht die Person. Vielleicht brauchen wir in Europa ein ähnliches System. Das führt natürlich dazu, dass Banken im Verlauf einer Immobilienkrise leichter in Konkurs gehen würden als heutzutage. Entschuldung ist aber der Schlüssel für eine schnelle Überwindung von Finanzkrisen. Da sind uns die Amerikaner voraus.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Die Zombie-Union. Ein wunderbares, wunderbar paasendes Bild. Es beschreibt die Situation der Währungsunion genauso zutreffend wie die der Banken.

    Das ist das Ergebnis der sogenannten Rettungspolitik. Einer Politik, die um JEDEN Preis, versucht, Insolvenzen zu vermeiden.

    Ja, Europa hat in Sachen Krisenbewältigung einen ausgeprägten institutionellen Nachteil: Die Währungsunion!

    Sie hat dazu geführt, dass eine Überschuldung von Staaten und Banken entstehen konnte, die über das Maß hinausgeht, was durch die US Subprime Mortgage-Krise verursacht wurde. Undd sie verhindert, dass die aufgestauten Probleme auf nationaler Ebene gelöst werden. Denn dann müssten die Krisenländer die Währungsunion ja verlassen.

    Die Sanierung muss von denen bewältigt werden, die für das Entstehen der Probleme verantwortlich sind. Was die Staatsverschuldung angeht, sind das die Staaten selbst, und zwar jeder für sich, d.h., am Ende deren Bürger. Sie haften schließlich für ihre Politiker. Was die Banken angeht, sind es, in dieser Reihenfolge, deren Eigentümer und Gläubiger.

    Es ist meines Erachtens nicht zu akzeptieren, dass der deutsche Steuerzahler für das Versagen der Regierungen und Parlamente anderer Länder und ganz generell das der Banken, auch der des eigenen Landes, haftet und/oder zahlt.

    Erlöst ihn endlich, den Zombie, und beerdigt ihn. Dann geht’s auch wieder aufwärts.

    • 17. Mai 2013 um 14:10 Uhr
    • alterego
  2. 2.

    In den USA wurden auch wesentlich mehr Banken geschlossen als im Euroland. Hier warten die Staaten ja noch auf die Bankenunion, um das Versagen der eigenen Politker zu kaschieren, und die Kosten auf die deutschen Steuerzahler zu verlagern.

    Daneben scheinen sich ja auch ettliche Banken an den hinterhergeworfenen Geldern der EZB für private Zwecke zu bedienen. Ohne irgendwelche erforderlichen Sicherheiten sollte das kein grosses Problem sein. Auf diese Weise wird dann eine Finanzmafia bedient, die kein grosses Interesse an einer Änderung der Situation hat.

    • 17. Mai 2013 um 14:45 Uhr
    • Tiefenwahn
  3. 3.

    @D. Wermuth

    “Dass die fehlende wirtschaftliche Dynamik Eurolands darauf zurückzuführen ist, dass zu viele Banken künstlich am Leben gehalten werden und dass sich dadurch die Sanierung des Finanzsektors zu lange dahinschleppt, ist natürlich nur eine Hypothese – die sich nur durch Indizienbeweise und daher nicht eindeutig belegen lässt. Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass es weder in der Geldpolitik noch in der Finanzpolitik große Unterschiede zwischen den USA und Euroland gab.”

    Ich glaube, Sie haben recht. Und:

    Es lässt sich vielleicht nicht durch Ökonometrie belegen, aber vielleicht durch Deduktion. Ich schreibe ja schon seit Monaten, dass die Unsicherheit über die möglichen (egal ob real oder imaginär!) Bilanzbomben bei den Banken die Ursache der Krise ist.

    Warum? Man muss sich doch fragen, was der Auslöser der jetzigen Rezession sein könnte. Was hat sich denn seit 2007 oder seit 2010 (vor Ausbruch der Euro-Krise durch Griechenland geändert)? Vergleich: vorher-nachher. Haben die Unternehmer weniger Lust auf Profit? Haben die Konsumenten weniger Lust am Konsum? Diese fundamentals werden sich wohl kaum geändert haben. Wenn sich aber die Realität nicht geändert hat, dann die WAHRNEHMUNG der Realität.

    Was ist denn im Rahmen von Lehman passiert? EIne große Bank ist pleite gegangen und drohte das Weltfinanzsystem mitzureißen. Auch AIG ist mächtig ins schwimmen geraten. Und bei den Schrottzertifikaten haben viele andere Banken auch mitgespielt. Auch jüngste Skandale wie Libor und London Whale befeuern die Unsicherheit um das Schicksal der Großbanken.

    Dieser Unsicherheit ist der einzige wesentliche Faktor, den man im Vergleich zu 2007 ausmachen kann (auch die Staatsschuldenkrise entfaltet sich über die Institute die Bonds halten – siehe Zypern). Sie lähmt sowohl die Kreditvergabe im Finanzsektor als auch die Erwartungen im produzierenden Gewerbe. Und: Diese Unsicherheit breitet sich auch auf die Konsumenten aus.

    Aus diesem Grund halte ich *sowohl* eine Angebots- *als auch* eine Nachfragepolitik für nicht hinreichend. Weder das eine noch das andere versucht die Ursache der Krise punktgenau auszumachen und ein Gegenmittel einzusetzen. Man kann damit vielleicht Zeit gewinnen und hoffen, dass die Menschen die Gründe für die Unsicherheit irgendwann wieder vergessen. Aber das ist schon das Best-Case-Szenario.

    Effektives Krisenmanagement muss Unsicherheiten so schnell wie möglich beseitigen und einen verlässlichen Ordnungsrahmen wiederherstellen. Wenn das geschieht, dann ist es mir auch egal ob zur Überbrückung eine angebots- oder nachfrage-orientierte Wirtschaftspolitik betrieben wird.

    Also: Ursachen diagnostizieren und daran ansetzen – und nicht blind Breitspektrum-Antibiotika verteilen, die verlieren irgendwann ihre Wirkung.

    Alex

    • 17. Mai 2013 um 17:34 Uhr
    • Alex
  4. 4.

    Einige Bemerkungen:

    >Ich habe den Verdacht, dass die Unterschiede bei den wichtigsten Wirtschaftsindikatoren vor allem etwas damit zu tun haben, dass die USA ihren Finanzsektor auf dem Höhepunkt der Krise schnell und entschlossen saniert hatten, während es in Europa nichts Vergleichbares gab.>

    Es konnte nichts Vergleichbares geben.

    Deutschland hätte vermutlich einer gemeinschaftlichen Exekutive, die mit Durchgriffsrechten auf nationale Fiskalpolitik ausgestattet worden wäre, zugestimmt – auch das hätte Kohl wohl innenpolitisch durchsetzen können. Da der damit verbundene Souveränitätsverlust vor allem für Frankreich nicht akzeptabel war und immer noch nicht ist, fehlt eine Institution, die den Finanzsektor schnell und entschlossen sanieren könnte. Deshalb muss jetzt verhandelt werden, was nach Lage der Dinge vor allem heißt: Zuerst eine Entscheidung über die Lastenverteilung, dann erst eine über die Sanierung – wobei die Sanierung offensichtlich immer dringender wird.

    >Die deutsche Regierung fürchtet wieder einmal, dass ihr die Krisenländer ans Portemonnaie wollen, ohne dass sie zu einer Aufgabe von Souveränitätsrechten bereit sind.>

    Hier gibt es nichts zu befürchten – es IST so.

    Deshalb wird Deutschland die Latte so hoch legen, u. a. mit Änderung der EU-Verträge, dass die Krisenländer erst dann in unser Portemonnaie greifen können, wenn sie ihre Souveränitätsrechte aufgeben HABEN. Das braucht noch Zeit, vor allem Frankreich muss es erst richtig schlecht gehen, bis die in den sauren Apfel beißen – wenn überhaupt. Bis dahin muss es die EZB weiterhin richten.

    >Für mich liegt daher der Verdacht nahe, dass es im Euroland vor allem institutionelle Nachteile sind, die das Wirtschaftswachstum verlangsamen.>

    Ja, es gibt wie gesagt die institutionellen Nachteile.

    Aber viel wichtiger, wenn es um das Wirtschaftswachstum geht:

    Es fehlt der POLITISCHE Wille, in den Krisenländern strukturelle Veränderungen wie erforderlich durchzusetzen. Das ist GEGEN die Bevölkerungen nicht möglich.

    Dieses fundamentale Problem haben die USA m. A. n. nicht, jedenfalls nicht in dem Ausmaß und in der Tiefe.

    >Wenn ein Krieg gewonnen werden muss, wird auch nicht auf’s Geld geschaut. Die Kreditwürdigkeit des Schuldners “amerikanischer Staat” hat, gemessen an den Zinsen, die er zu zahlen hatte, letztlich nicht im Geringsten darunter gelitten, ganz im Gegenteil.>

    Ja, aber dabei nicht vergessen: Der USD ist Weltreservewährung. Beim EURO weiß keiner, wie lange es den noch gibt.

    • 17. Mai 2013 um 18:47 Uhr
    • Dietmar Tischer
  5. 5.

    Die Begrenzung privater Imobilienhaftung klingt gut. Ansonsten fühle ich mich mal wieder von Europas Süden betrogen, der versucht seine selbstverschuldeten Banken-Probleme vom Norden finanziel lösen zu lassen. Das soll dann Solidarität sein? Das ist unsolidarischer Betrug.

    • 17. Mai 2013 um 19:53 Uhr
    • M.R.
  6. 6.

    Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Das betrifft insbesondere die Arbeitslosenrate in den USA.

    Im Januar 2008 hatten die USA 146,38 Mio. Erwerbstätige bei einer Gesamtbevölkerung von 303,28 Mio. Ergibt eine Rate von 146,38/303,28 = 48,27%.
    Im Dezember 2012 hatten die USA 143,30 Mio. Erwerbstätige bei einer Gesamtbevölkerung von 315,84 Mio. Ergibt eine Rate von 143,30/315,84 = 45,37%. Also eine Abnahme der Erwerbstätigen um 2,9% bezogen auf die Gesamtbevölkerung.

    Im Januar 2008 hatte die Eurozone 150,37 Mio. Erwerbstätige bei einer Gesamtbevölkerung von 328 Mio. Ergibt eine Rate von 150,37/328 = 45,84%.
    Im Dezember 2012 hatte die Eurozone 145,75 Mio. Erwerbstätige bei einer Gesamtbevölkerung von 333 Mio. Ergibt eine Rate von 150,37/333 = 43,77%. Also eine Abnahme der Erwerbstätigen um 2,1% bezogen auf die Gesamtbevölkerung.

    USA: -2,9% gegen Eurozone: -2,1%.

    Die optisch guten Zahlen in den USA rühren ausschließlich daher, dass jmd, der in den letzten 4 Wochen nicht aktiv nach Arbeit gesucht hat, nicht als Arbeitsloser gezählt wird.

    Der Unterschied im realen BIP von 7% ist auch schnell erklärt. Die Bevölkerung in den USA ist etwa 2,5% schneller gewachsen als in der Eurozone. 7% – 2,5% = 4,5% Unterschied verbleiben. Ein Blick auf das Haushaltsdefizit zeigt, dass die USA 3% mehr Defizit Spending betreiben. In einer Zeit, in der sich weder Haushalte noch Unternehmen neu verschulden wollen, ist ein Fiskalmultiplikator von 1,5 sicherlich angebracht. Und damit sind auch die 4,5% erklärt.

    Damit will ich in keiner Weise das Problem der Zombiebanken kleinreden. Das sehe ich als sehr real an. Und solange es vor sich hinschwelt, wird es auf dem Wachstum lasten.

    • 17. Mai 2013 um 20:34 Uhr
    • Archie2
  7. 7.

    @ Archie # 6:

    Sie irren. Allein die vor zwei Jahren überhaupt noch nicht existierenden enormen neuen Erdölfelder beschäftigen jetzt Zigtausende von Arbeitern in Jobs, die es ja vorher gar nicht gab.

  8. 8.

    @dunnhaupt #7

    Ich bin mir des Fracking-Booms durchaus bewusst, sogar darin investiert. Und mit Folgeeffekten dürfte er etwa mit 0,2-0,3% zum Wachstum beitragen. Nichtsdestotrotz ist die Beschäftigungsentwicklung in den USA miserabel.
    Siehe http://research.stlouisfed.org/fred2/series/EMRATIO?cid=32445
    Wenn man jetzt noch dazu nimmt, dass aufgrund von Obamacare viele Unternehmen Vollzeitstellen in mehrere Teilzeitstellen aufteilen, wird sie geradezu katastrophal.

    • 18. Mai 2013 um 09:00 Uhr
    • Archie2
  9. Kommentar zum Thema

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