So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Draghis magische Worte

Von 4. Juli 2013 um 15:45 Uhr

Eine neue Mode macht sich breit in europäischen Zentralbankkreisen: Forward guidance – gemeint ist damit der Versuch, durch verbale Signale zukünftiges Handeln vorhersehbar zu machen. Im konkreten Fall: Die EZB und die Bank von England versprechen, die Zinsen für einen längeren Zeitraum nicht anzuheben.

Es ist der verzweifelte Versuch, sich gegen die Zinswende in den USA zu stemmen. Dort hat Ben Bernanke mit seiner Ankündigung die geldpolitische Lockerung zurückzunehmen, für große Aufregung gesorgt und einen massiven Zinsanstieg verursacht, der auch auf Europa übergegriffen hat. Das ist Gift für die europäische Konjunktur und deshalb greift Draghi nun zu diesem außergewöhnlichen Mittel. Die Zentralbank kann schließlich über ihre Geldleihegeschäfte mit den Banken nur die kurzfristigen Zinssätze steuern, auf die für die Wirtschaft wesentlich wichtigeren langfristigen Zinsen hat sie nur indirekt Einfluß.

Indem sie nun den Märkten signalisiert, in Zukunft vorerst keine Zinserhöhungen zu planen, versucht sie die Investoren in langfristige Engagements zu treiben, sodass die Zinskurve wieder flacher wird. Zuletzt haben viele Banken einen Bogen um länger laufende Staatsanleihen gemacht, weil diese an Wert verlieren, wenn die Zinsen steigen (weil ja neu ausgegebene Anleihen dann mehr Zinsen abwerfen als die bereits umlaufenden). Und weil der Zinssatz auf lang laufenden Staatsanleihen ein Taktgeber für viele andere längerfristige Finanzierungsverträge ist, kann die Notenbank auf diese Weise die Finanzierungskonditionen beeinflussen.  Alternativen hatte Draghi wohl nicht: Weder eine neue Zinssenkung noch neue unkonventionelle Maßnahmen oder gar QE sind im Rat mehrheitsfähig.

Wird es funktionieren?

Das hängt entscheidend davon ab, wie glaubwürdig die Ankündigung der EZB ist. Schließlich ist eine Vorfestlegung ja keine Garantie. Niemand kann die EZB zwingen, ihr Versprechen auch einzuhalten (zumal sich Draghi ja einige Hintertüren offengelassen hat, indem er die Zinsentwicklung von der Entwicklung der Inflation und des Kreditwachstums abhängig gemacht hat). Sie kann nach wie vor tun und lassen, was sie will und wenn sie entgegen ihrer Ankündigung die Zinsen doch bald anhebt, dann hätten all jene, die sich auf ihre Ankündigung verlassen haben, viel Geld verloren.

Und genau deshalb bin ich nicht sicher, ob Draghis Trick funktioniert. Die EZB ist bekannt dafür, die Zinsen eher zu früh als zu spät anzuheben. Ob es ihr die Märkte abnehmen, dass sie nicht beim ersten Hauch einer konjunkturellen Verbesserung wieder gegensteuert, wird sich zeigen. Am Ende ist die Frage, ob forward guidance nur eine Prognose der Entwicklung von Wachstum und Inflation ist, oder eine Änderung der Reaktionsfunktion bedeutet. Wenn ersteres der Fall ist, dann wäre die einzige Neuigkeit der Pressekonferenz, dass die EZB mit einer weiterhin schwachen Wirtschaft rechnet und dann dürften der Effekt an den Märkten schnell verpuffen.

Aber immerhin: Draghi versucht aus der Situation zu machen, was er kann.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Der Draghi macht den Krugman: krugman.blogs.nytimes.com/2010/08/31/japan-1998/

    Das Nette ist, dass alle die sich jetzt über Draghi aufregen und ihn unverantwortlich schimpfen ihm bei seinem Plan behilflich sind.
    Also, bitte, liebe Bild-Zeitung, Welt, FAZ, öffentliche rechtliche Börsenkommentatoren (Klaus-Rainer Jackisch, go!!!), alle üblichen Verdächtigen von alterego über goldbugs, Stelzner bis Weidmann (hab ich einen mit Z vergessen?), regt euch mächtig auf, dass möglichst *ALLE* glauben, dass der Draghi eine ganz unverantwortliche Socke ist und Europa in die Inflation treiben will.

    DIESMAL seid ihr sogar hilfreich!

  2. 2.

    Wird aber nicht viel helfen, weil die Krise ja in erster Linie eine Nachfragekrise ist. Wo keine Nachfrage, da kein Investment, moegen die Zinsen auch noch so niedrig sein. Und warum keine Nachfrage?? Hier mal gaaanz scharf nachdenken:)

    • 4. Juli 2013 um 18:05 Uhr
    • emil
  3. 3.

    Nein; damit treibt er Europa nicht in die Inflation. Er sorgt nur dafür, dass mit dem billigen Geld auf der einen Seite die Märkte aufgepumpt werden und die nächsten Blasen entstehen,.und auf der anderen Seite Sparvermögen und Altersrückstellungen entwertet werden.

    • 4. Juli 2013 um 18:35 Uhr
    • Abkömmling derer von G.
  4. 4.

    Es ist schon richtig, dass Draghi versucht, sich gegen die Zinswende in den USA zu stemmen. Die dafür genannten Gründe sind nachvollziehbar und m. A. n. richtig benannt.

    Ob es funktionieren wird, den Euro-Raum mit einem Langfrist-Niedrigzins-Versprechen von der Fed-Politik zu entkoppeln, hängt allerdings nicht entscheidend von der Glaubwürdigkeit der Ankündigung ab. Diese ist angesichts der Lage mehr als glaubwürdig. Denn wenn auf kurze und mittlere Sicht etwas nicht für die Eurozone zu erwarten ist, dann ist es Inflation.

    Allerdings sollte sich die EZB fragen, wie glaubwürdig SIE noch ist, wenn sie derartige Ankündigungen macht. Sie folgt mit ihrer Ankündigung der Fed, die aufgrund ihrer Satzung die Geldpolitik auch an ZEITABHÄNGIGER makroökonomischer Zielerreichung, z. B. der Arbeitslosigkeit festmachen darf.

    Die EZB hat einen solchen Spielraum nicht.

    Im Übrigen:

    Die Zinsen länger laufende Staatsanleihen werden sich in der Eurozone vorrangig an der POLITISCHEN Stabilität der Schuldnerländer ausrichten.

    Wenn die infrage steht, wie gerade in Portugal, kann die EZB machen, was sie will – die Märkte fordern dann Spreads, die sich nicht an Langfristperspektiven, sondern an Zerfallsszenarien orientieren.

    @ emil # 2

    Stimme zu.

    Die EZB kann mit der Geldpolitik praktisch nichts mehr bewirken.

    Sie ist PERMANENT in einem Modus, der Krisen verhindern soll.

    • 4. Juli 2013 um 20:34 Uhr
    • Dietmar Tischer
  5. 5.

    “Das [die geldpolitische Lockerung zurückzunehmen] ist Gift für die europäische Konjunktur], meint Schieritz.

    Das ist Quatsch, meine ich.

    Der Engpass für die europäische Konjunktur ist nicht der Zentralbankzins und auch nicht der billige Kredit von der Geschäftsbank. Sondern die Schuldenkrise der öffentlichen Haushalte, die latente Instabilität einiger Banken und die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaften der Krisenstaaten. Politische Krisen kommen hinzu – die Krisen einer Politik, welche die Krise verursacht hat und sie deshalb auch nicht zu lösen vermag.

    Den diese Krise ist auch, nach all den Jahren, die Folge der sturen Krisenrettungs- aka Krisenverlängerungspolitik, die mit immer neuen Tricks und Kilmmzügen versucht, die Einheit von Risikonahme und Haftung sowohl bei Staaten wie privaten Banken gründlci auszuhebeln, sowie Risiken und Verluste grenzüberschreitend zu Lasten der europäischen Steuerzahler zu sozialisieren. Und die damit eine Rettung der Währungsunion durch deren notwendige Bereinigung um die Mitglieder, die dort nicht hineingehören,.zu verhindern sucht. Was zugleich verhindert, dass diese Länder wieder auf die Füße kommen, und die soziale Lage weiter eskaliert.

    Niedrige Zentralbankzinsen fördern primär die Spekulation mit alle ihren negativen Folgen auch für die Realwirtschaft, die Umverteilungsspielchen zugunsten der bestinformierten und just in time reaktionsfähigen, von dem induzierten Kursauf und -ab profitierenden, professionellen Trader zulasten der stets zu spät reagierenden normalen Anleger, die dennoch glauben, mit Ersteren mithalten zu können. Der strategische Zweck ist das forcierte Wachstum der ökonomischen und politischen Macht der global agierenden Finanzwirtschaft, die, ausgehend von den USA über ihre wesentlichstes Instrument, die Fed, das Finanzgeschehen dieser Welt (und mehr als das) noch weitgehender als ohnehin schon zu beherrschen sucht. Und die von Leuten, die bei einem normalen, angemessenen Zinsniveau unsinnigerweise um die Konjunktur fürchten, als, wie ich finde, nützliche Deppen, nach Kräften unterstützt wird. Deshalb glaube ich auch nicht, dass die Fed das QE auf absehbare Zeit aufgeben wird. Genauso wenig glaube ich, dass die EZB jemals die Kraft aubringen wird, sich von dem geldpolitischen Gängelband der Fed zu lösen oder dass etwa der DAX sich jemals von dem kursbestimmenden Gängelband des DOW JONES wird lösen können.

    Diese finanzindustrielle QE-Strategie ist meines Erachtens nicht gut für Europa und auch nicht für die Welt. Sie gießt Benzin ins lodernde Schuldenfeuer.

    • 5. Juli 2013 um 04:07 Uhr
    • alterego
  6. 6.

    Ich halte die Höhe des Leitzinses für Zentralbankgeld für unerheblich auf Entscheidung der Geschäftsbanken, der produzierenden Wirtschaft Kredite zu geben. Die Politik der Bilanzverkürzung der vielen überverschuldeten Banken wird noch lange Jahre anhalten. Es ist immer noch nicht ins Bewustsein unserer regierenden Politiker gelangt, dass wir es in Europa in erster Linie mit einer Überschuldungskrise der Geschäftsbanken zu tun haben, dass unser gesamtes Geld- und Banksystem in einem jämmerlichen Zustand ist. Solange allein die Geschäftsbanken über die umlaufende Geldmenge entscheiden, solange sie das Privileg der Giraldgeldschöpfung und -zerstörung in Händen haben, sehe ich sehr schwarz für die Aussichten auf wachsenden Wohlstand für die europäischen Normalbürger.

    • 5. Juli 2013 um 07:44 Uhr
    • wulewuu
  7. 7.

    Unsaubere begriffliche Differenzierung führt oftmals zu großen Verwirrungen. Um welche Zinssätze geht es denn eigentlich?

    Da gibt es zum einen den Hauptrefinanzierungssatz (Leitzins), zu dem sich Geschäftsbanken Zentralbankgeld leihen können (und nur das ist echtes Geld im Sinne von gesetzlichem Zahlungsmittel; eben die Geldmenge M0).

    Zum zweiten gibt es den Interbankenmarkt mit LIBOR, EURIBOR u. ä. Diese Zinssätze sind typischerweise niedriger als der Hauptrefinanzierungssatz. Aber was ist seit 5 Jahren denn noch typisch? Da es viele Zombiebanken gibt, ist der tatsächlich gezahlte Zins daher höher oder aber es gibt überhaupt keinen Zugang mehr zu diesem Markt (wie bei vielen Banken der Südperipherie). Der Zinsaufschlag preist also das gestiegene Kreditausfallrisiko ein. Da die Hauptrefinanzierungssätze weltweit eher gegen Null tendieren, sind homöopathische Andeutungen von Zinserhöhungen daher für die Realwirtschaft wohl eher zu vernachlässigen. Es ist vor allem die schlechte Bonität vieler Banken, die die Geldbeschaffungskosten nach oben treibt (auch ELA ist teuer).

    Zum dritten gibt es die Zinssätze für die Kreditvergabe an Staaten, Unternehmen und Haushalte. Und da spielt nun ebenfalls das Kreditausfallrisiko die größte Rolle. Und wann ist das Kreditausfallrisiko am größten? Richtig, nämlich dann, wenn es konjunkturell schlecht läuft und die Talsohle noch nicht erreicht ist. Was hat das mit Leitzinsen zu tun? Richtig, nämlich Garnichts. Zinsänderungen am Kapitalmarkt sind eher ein Hinweis darauf, ob die Risiken zunehmen oder eben abnehmen. Zu dumm, dass dieser Sachverhalt den wenigsten klar ist und sich viele Geldkapitalanleger freuen, wenn die Zinsen steigen. Diese sind nämlich in gesättigten Märkten vor allem Ausdruck des veränderten Risikos und können daher nicht risikofrei vereinnahmt werden (diese Erfahrung wird auch noch so mancher Versicherer machen). Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die schöne Grafik von André Kühnlenz: weitwinkelsubjektiv.com/2013/07/04/zinsdesaster-euroland/.

    Um es kurz zu machen: Zentralbanker sind keine Magier, sondern im besten Fall solide Handwerker. Da der ökonomische Mainstream aber an die Zinssetzungsallmacht sowie Transmissionsvoodoo der Zentralbanken glaubt, kann es zu kurzfristigen hektischen Ausschlägen in die eine oder andere Richtung kommen. Die Realität wird sie aber wieder schnell einholen.

    Zu den psychologischen Wirkungen von Zentralbankaussagen hatte ich hier schon an anderer Stelle das aus meiner Sicht Wichtige gesagt: blog.zeit.de/herdentrieb/2013/05/13/entmachtet-die-bundesbank-2_6036/comment-page-9#comments. Ansonsten kann ich nur die Aussage von emil #2 unterstreichen.

    Wer noch etwas tiefer eintauchen möchte, dem kann ich den folgenden Beitrag empfehlen: economist.com/blogs/freeexchange/2013/06/monetary-policy-4.

    • 5. Juli 2013 um 11:48 Uhr
    • michaelstoecker
  8. 8.

    @michaelstoecker

    Die Interbankensätze sind weiterhin unter dem Hauptrefinanzierungssatz. Dieser liegt bei 0,5%, die EURIBOR-Sätze für unterjährige Laufzeiten allesamt darunter (z.B. 6M-EURIBOR bei 0,33%).

    Das Zusammenspiel von Kreditausfallrisiko und EZB-Leitzins bzw. ihre Bedeutung für die Höhe des Kreditzinses würde ich etwas differenzierter sehen. Zu trennen ist der risikolose Zinssatz (bspw. näherungsweise der Swapsatz, da dort keine Liquidität ausgetauscht wird) und der zusätzliche Credit Spread. Der Credit Spread ist bonitätsabhängig und kann von der EZB nicht beeinflusst werden. Der risikolose Zinssatz als Basis einer Kreditkalkulation reagiert sehr wohl auf die EZB. Und i.d.R. ist der Anteil des risikolosen Zinssatzes am Kreditzins wesentlich höher als der Credit Spread.

  9. Kommentar zum Thema

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