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Das Biest NAWRU

 

Großartiger Beitrag von Jeremie Cohen-Setton über das krasse Versagen der Modelle der Europäischen Kommission zur Bestimmung des strukturellen Anteils der Krise in Südeuropa. Hier für Spanien die Arbeitslosenquote und die – vermeintlich – strukturelle Arbeitslosenquote (hier Non Accelarating Wage Rate of Unemployment oder NAWRU).

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Wir sehen: Die strukturelle Arbeitslosenquote folgt schlicht der tatsächlichen und wenn man diesen Chart für voll nimmt, muss sich Spanien daran gewöhnen mit 25 Prozent Arbeitslosigkeit zu leben. Wie Jeremie schreibt:

So although one can argue that a crisis can temporarily – as workers need time to adjust to the new sectoral and geographical composition of jobs – or permanently – because of hysteresis effects – decrease potential labor input, the size of the adjustments applied by the European Commission appears clearly inadequate.

Ein wesentlicher Pfeiler des makro-ökonomischen Regelwerks  – und der politischen Empfehlungen, die etwa in der Haushaltspolitik daraus abgebleitet werden – ist die Trennung zyklischer von strukturellen Entwicklungen. Wenn das nicht funktioniert – und zumindest derzeit scheint es nicht zu funktionieren – muss man ganz grundsätzlich darüber nachdenken, ob wir hier nicht auf dem falschen Weg sind.


26 Kommentare

  1.   Thorsten Haupts

    Wenn ein struktureller Trend Ähnlichkeit mit einem aktuellen hat, ist er automatisch falsch?

    Mag sein. Hilfreich wäre es dann, die Wirkmechanismen auszuzeigen, die eine aktuelle Arbeitslosenrate deutlich über eine strukturelle hinausheben, wie der Blogbeitrag suggeriert.

    Oder ganz blöd gefragt: Sind 25% vielleicht tatsächlich die Spaniens Wirtschafts- und Arbeitsmarktstruktur angemessene Arbeitslosenrate. Und wenn nein – was genau spricht dagegen?

    Die Änhlichkeit zweier sich langfristig entsprechender Indikatoren, die unterschiedliche, aber verwandte Dinge messen sollen, ist erst einmal nur ein Grund zu genauem Hinsehen. Mehr aber auch nicht.

    Gruss,
    Thorsten Haupts


  2. „wenn man diesen Chart für voll nimmt, muss sich Spanien daran gewöhnen mit 25 Prozent Arbeitslosigkeit zu leben.“

    Es wird unweigerlich das Argument auftauchen, dass vor dem Euro Boom Spanien eine ähnlich hohe Arbeitslosigkeit hatte, der Abfall der Arbeitslosigkeit in der Zwischenzeit nur durch ‚künstliche‘, nicht nachhaltige Faktoren ausgelöst wurden und sich Sanien tatsächlich wieder an die guten alten Zeiten gewöhnen sollte.

    „muss man ganz grundsätzlich darüber nachdenken, ob wir hier nicht auf dem falschen Weg sind.“

    Da geben Ihnen sicher viele Recht, nur ganz anders als Sie hier meinen. Viele hier sind sich einig, daß wir grundsätzlich auf dem falschen Weg sind, nur über den ‚richtigen‘ Weg gibt es ein wenig Uneinigkeit …


  3. Offensichtlich wurden in Spanien zu viele Häuser gebaut, finanziert durch Kredite aus dem Ausland. Wenn nun keine Häuser mehr gebraucht werden, und mindestens 25% der Arbeitnehmer direkt oder indirekt beim Häuserbauen beschäftigt waren, dann hat man eine grosse strukturelle Arbeitslosigkeit, da die Fertigkeiten dafür in anderen Bereichen nur sehr begrenzt gebraucht werden. Zudem waren die Löhne im Baubereich durch die extreme Baukonjunktur erheblich über dem dortigen Durchschnitt.

    Die Anpassungen an die neuen Verhältnisse dauern eben. Da muss man nicht Volkswirtschaft studiert haben, um das zu verstehen.

  4.   Eclair

    @ Tiefenwahn

    Die NAWRU-Berechnungen funktionieren für andere Euroländer genauso wenig. Die Dimensionen sind nur nicht so krass wie im Fall Spaniens.

    Die EU-Kommission selbst hat übrigens bereits 2009 (European Economy zum Autumn Forecast) ermittelt, dass divergierende sektorale Beschäftigungsmuster (Stichwort Bauboom) zwar deutliche Auswirkungen auf die tatsächliche Arbeitslosigkeit haben, aber nicht auf die NAIRU (NAWRU).

    @ M. Schieritz

    Soweit ich weiß, wird eine „zyklisch-versus-strukturell“-Untersuchung der Arbeitslosigkeit in der EWU Teil des Arbeitsmarktberichts der Kommission sein, der in den nächsten Tagen veröffentlicht werden müsste. Dann kann man das vermutlich ergiebiger diskutieren.

  5.   che

    Wenn ich das richtig verstehe, wird dadurch doch gerade die deutsche Position gestützt: keine konjunkturfördernden Maßnahmen sondern Struktur(!)reformen.

  6.   Frankie Bernankie

    Vielleicht ist strukturelle Arbeitslosigkeit Spaniens in diesem einheitlichen Wirtschaftsraum EU sogar das Normale, villeicht ist die Vorstellung ähnlicher „echter“ Wettbewerbsfähigkeit der Peripherie eine Illusion, vielleicht ist immer Transfer von der Mitte zur Peripherie notwendig.
    Was immer etwas unter den Tisch fällt, meine ich, sind sehr schlichte aber auch sehr wirkmächtige wirtschaftsgeographische Sachverhalte. Von fast jedem Punkt in Deutschland aus können innerhalb eines Tages 350 Mio Menschen erreicht werden, güterlogistisch gesehen ( von Lissabon aus nur 50 Mio). Das ist ein wesentlicher Standortvorteil in der modernen Ökonomie, in Zeiten, in denen just-in-time, Schnelligkeit und Umschlagvermögen eine immer grössere Rolle spielen allemal. Vielleich ist Mitteleuropa diesbezüglich sowieso einzigartig in der Welt – wo sonst ist soviel Kaufkraft so dicht verknüpft, so gut erreichbar und so transaktionell abgesichert (Rechtssicherheit usw.) anschlussfähig vorhanden wie hier?
    Gegen diesen komparativen Vorteil muss man an der Peripherie erst mal ankonkurrieren.

  7.   Peter Ledwon

    „Gegen diesen komparativen Vorteil muss man an der Peripherie erst mal ankonkurrieren“

    Die Peripherie kann dagegen ankonkurrieren – müssen muss sie nicht. Tut Sie es nicht, dann wirkt der Vorteil sich trotzdem auch zu Ihrer Gunst aus. Ob sich der Einstieg in den Wettbewerb überhaupt lohnt, entscheiden die in der Peripherie stationierten Unternehmer. Sehen diese eher schlechte Aussichten auf Erfolg, sollten diese am besten auf andere Wirtschaftsfelder ausweichen. Zu guter letzt müssen beide Seiten nur noch in den Handel einsteigen, dann haben beide sich bestens aufgestellt.

  8.   Alex

    Hier mal eine Gegenthese, Herr Schieritz:

    Der Euro hat zu einem künstlichen Boom geführt und das Platzen der Euro-Illusionen führt die Arbeitslosigkeit wieder auf ihr natürliches Niveau zurück.

    Wenn ich den Graph von 1991 an ohne Euro fortschreiben müsste, dann würde die heutige strukturelle Arbeitslosigkeit vielleicht nur etwas unterhalb des hier vorliegenden Graphen liegen.

    Kurz gesagt: Vielleicht ist die strukturelle Arbeitslosigkeit wirklich so hoch wie dargestellt (oder jedenfalls nicht wesentlich niedriger) und vielleicht ist diese Erkenntnis aus politischen Gründen nicht erwünscht.

    Alex

  9.   alterego

    Keine Ahnung, wie die NAWRU konkret ermittelt wird. Ich würde sagen, dass der langfristige Trend der Arbeitslosigkeit, z.B gemessen als gleitender 5-Jahresdurchschnitt, also der sogenannte Grundsockel , der Teil der Arbeitslosigkeit ist, der relativ unbeeinflusst vom Auf und Ab der Konjunktur bleibt und daher andere als konjunkturelle Ursachen hat.

  10.   alterego

    Noch zu #9
    Man könnte auch den Trend der Zahl der Arbeitslosen zu dem Trend der Beschäftigungsentwicklung (Entwicklung der Zahl der Arbeitsplätze oder besser der geleisteten Arbeitsstunden dividiert durch die Zahl der Arbeitsstunden einer vollbeschäftigten Arbeitskraft) in Beziehung setzen. Die Relation wäre das Maß für die strukturelle Arbeitslosigkeit. Stiege (fiele) der Trend der Entwicklung der Arbeitslosigkeit stärker als der Trend der Beschäftigungsentwicklung wäre dies ein Maß für die Zu- oder Abnahme der strukturellen Arbeitslosigkeit.