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Draghis Coup

 

Aus meinem Kommentar für ZON:

Deshalb hat die Zentralbank den Auftrag, die Teuerung bei knapp zwei Prozent zu halten – nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Auf dieses Ziel hat man sich verständigt. Mit einer Inflationsrate von aktuell weniger als einem Prozent wird es verfehlt. 

Schon um ihre Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren, musste die EZB die Zinsen daher noch einmal senken. Das hilft der Wirtschaft, weil unter anderem die Aufwertung des Euro gedämpft würde. Die Stärke der Währung macht derzeit vor allem den Exporteuren im Süden ihr Geschäft kaputt.

Für die deutschen Sparer sind niedrigere Zinsen zwar auf den ersten Blick ein Ärgernis. Doch wenn die Krise wieder eskaliert, weil sich die EZB verweigert, müssten sie erst recht um ihr Geld bangen.

34 Kommentare

  1.   Dietmar Tischer

    Was ist der Coup?

    Dass die EZB handeln musste bei einer derartigen Abweichung von ihrem Inflationsziel?

    Weil durch die Zinssenkung deutliche Wachstumsimpulse zu erwarten sind?

    Dass einmal mehr unterstrichen wird, dass die Realwirtschaft längerfristig von niedrigen Zinsen ausgehen kann – was anscheinend viele derzeit nicht auf der Rechnung hatten?

    Dass Deflationstendenzen entgegengesteuert wird, die Draghi für den Euroraum insgesamt nicht sieht (die aber für die Peripherie im Zuge der Anpassung nicht zu vermeiden sind)?

    Dass der Euroaufwertung entgegengewirkt wird?

    Wenn überhaupt, dann ist letzteres der Fall.

    Japan, USA und Eurozone sind damit eindeutig in einem Abwertungswettlauf.

    Denn die Zinssenkung wird darüber hinaus nicht viel bewirken.

    Die Geldpolitik ist ausgereizt soweit sie mit Zinssenkungen operiert.

  2.   gojko

    Irgendwas passiert gerade.

    – Krugman schreibt in der NYT einen „Fortsetzungsroman“ über das böse Deutschland, das zu wenig Geld ausgibt (am Rest der Welt kann es ja nicht liegen)
    – Eurobasher AEP schreibt im Daily Telegraph darüber, daß die britische Wirtschaft GB trotz „Stimulus“ nicht anspringen will
    – Draghi senkt in verzweifelten einer Nacht-und Nebelaktion die Zinsen um homöopathische 0.25%
    – der IWF denkt einfach mal so „ganz unverbindlich“ und weils ihnen gerade langweilig war über eine 10% Raubrittersteuer nach.

    Fehlt eigentlich nur noch, daß Japan mit seinen „Abenomics“ so richtig auf die Fresse fällt. Ist verdächtig still aus dieser Ecke.

    Ich glaube, den Auguren dämmert es, daß das Ende der „Stimulus“-Fahnenstange erreicht ist. Die Zinspolitik ist jetzt überall am Anschlag. Mal sehen, was jetzt kommt.


  3. Es geht schlag auf Schlag:

    Deutscher Exportüberschuss steigt auf Rekord.
    spiegel.de/wirtschaft/soziales/deutscher-exportueberschuss-steigt-auf-rekordhoch-a-932472.html

    Wird Draghi’s Manöver reichen um den Euro niedrig genug zu halten und Europa ein wenig exportgetriebenen Wind unter die Flügel zu bringen?
    Oder wird es eine currency war geben, bei dem dann auch Draghi anfängt massiv Dollar zu kaufen um den Euro zu drücken?

    Ich wünsche mir zum Nikolaus, dass Profalla sagt, die Euro-Krise ist vorbei, damit dann wirklich jeder weiß, dass es NICHT so ist.

  4.   Tunt

    Solange die expansive Geldpolitik nicht durch eine expansive Fiskalpolitik unterstützt und von einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik begleitet wird, verpufft sie in der Liquiditätsfalle, begünstigt Finanzmarkt- und Immobilienblasen und legt damit den Keim der nächsten Spekulationskrise.

    „Man kann die Pferde zur Tränke führen, saufen müssen sie selber“, sagte einst Karl Schiller zur Geldpolitik. Recht hatte er. Geldpolitik allein ist eben noch keine „Globalsteuerung“.


  5. Ich bin äußerst gespannt, ob sich die „große Koalition“ zusammenrauft und den angekündigten 8,50 Mindestlohn sowie Reregulierung des Arbeitsmarktes verabschiedet. Das würde die Massenkaufkraft „über Nacht“ spürbar beleben, denn inzwischen würden leider schon Millionen deutscher Arbeitnehmer vom Mindestlohn profitieren, weil die alte Tarifpartnerschaft nicht mehr funktioniert und Lohndumping sich immer weiter ausweitet.

    Diese Arbeitnehmer brauchen jeden Cent den sie über Lohn/Gehalt einnehmen, sie leben sozusagen von der Hand in den Mund. Da geht es gar nicht mehr um Vermögensbildung o.ä., eine Steigerung der Lohnsumme auf diesem Wege würde nahezu vollständig und unmittelbar in höheren Konsum umgesetzt. Das würde eine, teilweise durchaus zurecht, bemängelte politische Fehlsteuerung in Deutschland wieder etwas korrigieren. Nämlich dass man „um jeden Preis“, auch jenen der Selbstausbeutung deutscher Arbeitnehmer, immer mehr exportiert, das dafür erhaltene Kapital aber ebenfalls wieder exportiert. So haben wir schon seit Jahren eine wirklich groteske Situation, dass Deutschland bei den inländischen Investitionen in der Rangliste weit hinten rangiert und bei jeder neuen Finanzkrise die „Kapitalversprechen“, die die Deutschen für ihre „harte Ware“ erhalten haben, sich in Luft auflösen.

    Sprich: man hätte das Geld auch gleich verbrennen können.

    Wenn der Inlandskonsum wieder anspringt könnte zweierlei passieren, erstens könnten auch die Inlandsinvestitionen wieder substantiell anspringen, damit die Kapitalexporte sinken. Zweitens könnten die „Entscheider“ der Industrie mal darauf kommen, dass der Spatz in der Hand besser ist, als die Taube auf dem Dach (also die luftigen Renditeversprechen im Ausland, die sich regelmäßig als Luftnummer entpuppten, doch weniger attraktiv sind als solides „Tagesgeschäft“ im Inland), dann würde auch die Exportfixierung etwas abebben und wir müssten uns nicht mehr den (teilweise richtigen) Vorwurf anhören, wir würden durch unsere Exportwut einen guten Teil der globalen Probleme erst verursachen.

    Viertens aber ist die Frage welche Rolle hierbei die niedrigen Zinsen spielen und ob die Geldmenge nicht doch einmal die „Ketten sprengt“ und wirklich in Umlauf kommt, was die letzten Jahre so alles theoretisch „per Druckerpresse“ erzeugt wurde. Hier allerdings könnte die Währungsunion zu unserem Vorteil gereichen. Hätten wir noch die DM und die Bundesbank hätte (ja, wir lachen einmal alle kurz) die selbe Währungspolitik wie die EZB betrieben und es käme zum von mir eben geschilderten Binnen-Boom, dann müssten wir uns über Inflation große Sorgen machen. Dadurch, dass auf absehbare Zeit unsere Partner in der Währungsunion aber eher mäßig bis stark deflationär einwirken werden, könnten wir die paradoxe Situation haben, dass alle davon profitieren. Wir, weil die Inflation unter der Decke bleibt, die Südeuropäer, weil sie in keine „Stagflation“ abdriften.

    Ob dieses Szenario wohl schon jemand auf dem Schirm hat?


  6. @5
    „Ob dieses Szenario wohl schon jemand auf dem Schirm hat?“

    Ich habe dieses Szenario seit Jahren als Hoffnung!

  7.   Christian Wagner

    Wie auch immer, die EZB hat dann bald ihr Pulver verschossen, denn viel weiter runter geht nicht mehr, außer man führt den Brakteat wieder ein.
    Unabhängig davon wird die Asset-Inflation angeheizt, aber die ist ja auch im Warenkorb der EZB nicht enthalten.
    Unsere wirtschaftlich-geistige-„Elite“ ist am Ende. Irgendwann kracht´s ganz gewaltig.


  8. @8
    „die EZB hat dann bald ihr Pulver verschossen“

    Nö.
    Die EZB hat noch viele Möglichkeiten die Inflationserwartungen noch oben und den Euro nach unten zu prügeln. Sie muß nur machen was China (z.T.) und die Schweiz machen: Ausländische Währungen und Euro-Anleihen kaufen und im Keller bunkern.
    Während Bernanke/Yellen schon lange quantitative easing machen hat Draghi mit OMT noch gar nicht angefangen. Das Vertrauen in die eigene Währung zu erschüttern ist zwar manchmal schwer, aber genug Chuzpe vorrausgesetzt immer möglich.
    Glücklicherweise ist das genau was Europa gegenwärtig braucht. Und ich meine das so wie ich es sage, völlig frei von Sarkasmus.

  9.   Dietmar Tischer

    @ bmmayr #9

    Richtig, die EZB hat ihr Pulver nahezu verschossen – aber nur was den Leitzins betrifft.

    Ansonsten hat sie noch einige Pfeile im Köcher.

    QE ist einer, Strafzinsen ein anderer.

    Ich bin mal gespannt, was die öffentliche Debatte uns bietet, wenn derartige Maßnahmen in den Fokus rücken.