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Wie Peter Sloterdijk einmal Brutto und Netto verwechselte

 

Peter Sloterdijk ist ein Philosoph der durchaus Anregendes zu sagen hat. Aber immer, wenn er sich auf das Gebiet der Ökonomie begibt, geht es kolossal schief. Man erinnere sich etwa an seinen Vorschlag, Steuern durch freiwillige Zahlungen zu ersetzen. Nun wird er vom Wirtschaftsherausgeber der FAZ wohlwollend mit folgender Aussage zitiert.

“Wenn die Inflation wirklich bei 4 Prozent läge, wie Krugman und seine Kumpane fordern, käme das in 25 Jahren einer globalen Konfiskation des Volksvermögens gleich. Was den Leuten vorschwebt, ist die Synthese von Inflationssozialismus und Fiskalsozialismus.”

Das ist natürlich kompletter Unsinn. Erstens ist die Kaufkraft von – sagen wir – 1000 Euro bei vier Prozent Inflation nach 25 Jahren nicht etwa null, wie Sloterdijk anzunehmen scheint. Eine Inflationsrate von vier Prozent entspricht einem negativen Zins von vier Prozent. Es ist also mathematisch falsch von den 1000 Euro jedes Jahr 40 Euro (vier Prozent von 1000) abzuziehen.

Vielmehr muss der durch den Abzug geminderte Betrag als Basis für den erneuten Abzug verwendet werden. Denn im zweiten Jahr habe ich ja nur noch 960 Euro, so dass davon und nicht von den 1000 Euro die vier Prozent weggehen. Somit ergibt sich dann nach 25 Jahren 375 Euro. Das Geld ist weniger geworden, aber nicht verschwunden. Wir haben es – um den Fachterminus zu benutzen – mit einer geometrischen Reihe zu tun.

Und zweitens und noch wichtiger: Entscheidend für den Erhalt der Kaufkraft sind zwei Größen: Die Inflationsrate und der Zins. Die erste Größe vermindert mein Sparkapital, die zweite erhöht es. Wichtig ist: Diese beiden Größen sind voneinander abhängig. Im Moment liegt der Zins bei annähernd null Prozent – weil die Inflation auch fast null Prozent beträgt. Wenn die Inflation bei vier Prozent läge, wäre er definitiv höher, denn niemand wäre ansonsten bereit, sein Geld herzuleihen. Das ist auch keine graue Theorie: In Zeiten hoher Inflationsraten wie in den siebziger oder achtziger Jahren lagen die Kapitalmarktzinsen in Deutschland zum Teil bei über zehn Prozent, weil die Investoren höhere Renditen fordern.
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Es kommt also – um einmal mit Helmut Kohl zu sprechen – darauf an, was hinten herauskommt. Mit anderen Worten: Auf den realen und nicht auf den nominalen Zins an (dass der auch zurückgeht ist eine andere Geschichte).

Sloterdijk verwechselt also gewissermaßen wie einst Rudolf Scharping Brutto und Netto. Dass man den Blick für die Grundrechenarten verliert, wenn man sich auf metaphysische Höhen begibt, kann schon einmal passieren. Aber eigentlich sollte dem Blatt der klugen Köpfe das auffallen.

7 Kommentare

  1.   Yeti

    Herr Schieritz, im Blatt der “klugen Köpfe” befinden sich die klugen Köpfe hinter der Zeitung. Es sind also die Leser. Für die Redaktion wäre die Beschreibung eine reine Anmaßung, seitdem die Zahl der klugen Köpfe dort dramatisch sinkt. Das die Werbung einen wahren Kern hat, sehen Sie an der anhaltenden Niedergang der Auflagenzahlen.
    Zu Sloterdijk: Ihr Einwand ist korrekt, aber das Problem wird von Sloterdijk zutreffend beschrieben. Durch die Zinsmanipulation der Zentralbanken – nur weil sie im Moment nicht ganz so gut funktioniert, sollte man die Intention doch nicht vergessen – sollen die Zinsen der Staaten und der Wert der Schulden zugleich reduziert werden. Auf Kosten der “Sparer”, zu der auch die erwartbaren Leistungen der Sozialkassen gehören. Die Behauptung dahinter ist, dass man beliebig viele Schulden machen kann, wenn nur der Geldkreislauf fest kontrolliert wird. Aber die Schulden steigen ja trotzdem (ich sage: wegen der niedrigen Zinsen) munter weiter, und niemand gedenkt, sie je zurückzuzahlen. Herr Greenspan, Erfinder dieser neuen Art des Gelddruckens, hat ja dazu ein schönes Buch mit der Aussage geschrieben: Warum ich mich zwangsläufig irren musste, und doch Recht hatte (Karte und Gebiet). Die Finanzmärkte haben nicht so reagiert, wie die Geldpolitik und die Theorie es vorhergesagt haben, deshalb stimmt etwas mit den Finanzmärkten nicht. Die Kosten dieser Politik trug und trägt der Steuerzahler. Und die waren bekanntlich enorm. Viele Staaten haben schon eine konsequente Verschuldungspolitik verfolgt, und ganze Verfassungsordnungen sind davon hinweggefegt worden. Das liegt natürlich daran, dass die Annahme des sorgenfreien Schuldenmachens natürlich ein Witz ist. Die Krisen liegen also noch vor uns, nicht hinter uns. Die “Finanzkrise” wurde ja durch die Abdeckung der riesigen Schulden durch die Staaten gedeckelt. Sie fand im Grunde gar nicht statt, sondern wurde antizipiert und abgewendet.

    […]

    [Gekürzt. Bleiben Sie bitte sachlich und schweifen Sie nicht vom Thema ab. Danke. (UR)]

  2.   BMMMayr

    Es geht schon länger nicht mehr um Argumente um eine Sachfrage zu klären.

    Argumente werden als Waffen in einem Meinungskrieg benutzt, wichtig ist dass sie wirkungsvoll treffen, nicht was drin ist. Und da hilft ein prominenter Name mit Glaubwürdigkeit wie eben Sloterdijk. M. Lanz hat ja auch schon Tschiller äh Schweiger zu Pädophilen befragt.

    Man lese nur mal Fratzscher’s aktuelle Philippika:
    “Der Streit in Deutschland zwischen Wissenschaftlern über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Flüchtlingskrise – über die Kosten und, ja auch den Nutzen – ist skurril. In diesem Streit geht es zumeist um Glaubensbekenntnisse, wessen Theorie die richtige ist, und nicht um Empirie und Fakten.”

    berlinoeconomicus.diw.de/blog/2016/02/04/eine-wirtschaftswissenschaftliche-perspektive-zu-gefluechteten/

  3.   BMMMayr

    @1
    “Die Finanzmärkte haben nicht so reagiert, wie die Geldpolitik und die Theorie es vorhergesagt haben”

    Die Finanzmärkte haben nicht so reagiert, wie die MENSCHEN DIE AN EINE IRRIGE Theorie GLAUBEN es vorhergesagt haben. Es gab Wissenschaftler, deren Modell genau das vorhergesagt haben, was passiert ist.

  4.   BMMMayr

    @1
    “sollte man die Intention doch nicht vergessen – sollen die Zinsen der Staaten und der Wert der Schulden zugleich reduziert werden. Auf Kosten der “Sparer”, zu der auch die erwartbaren Leistungen der Sozialkassen gehören.”

    Die Intention ist richtig beschrieben, aber die Folgen nicht, die lassen sich empirisch überprüfen:

    krugman.blogs.nytimes.com/2011/12/04/british-debt-history/

    Jeder kann sich doch erinnern wie Großbritannien zwischen 1949 und 1975 im Chaos versunken ist und die Vermögenden wegen schleichender Enteignung gegen Queen und Prime Minister geputscht haben, oder?

  5.   Babendiek

    @ Schieritz

    Sie schreiben:

    “Diese beiden Größen ((Inflation und Zins)) sind voneinander abhängig. Im Moment liegt der Zins bei annähernd null Prozent – weil die Inflation auch fast null Prozent beträgt.”

    Dies ist nicht richtig. In der Tat betrug die Jahresteuerungsrate 2015 laut dem Statistischen Bundesamt lediglich 0,3 Prozent. Dies war aber allein den sinkenden Ölpreisen geschuldet. Ohne Berücksichtigung der Energie sind die Verbraucherpreise 2015 um 1,1 Prozent gestiegen.

    Die Ölpreise können aber nicht unbegrenzt fallen. Es ist im Gegenteil mit einer recht hohen Wahrscheinlichkeit zu erwarten, dass die Energiepreise im Lauf dieses und/oder des nächsten Jahres wieder kräftig steigen (wie die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen).

    Dann bekommen wir, falls die nominalen Zinsen weiterhin nahe Null liegen, in Deutschland negative reale Zinsen.

    In den USA und Großbritannien, wo der Staat zwecks Entschuldung in den Nachkriegs-Jahrzehnten eine recht heftige finanzielle Repression betrieben hat, gab es lange Zeiten, in denen die realen Zinsen deutlich negativ waren.

    In den 1970er Jahren betrugen die realen Zinsen in den USA zeitweise minus fünf Prozent! Dies läuft dann in der Tat a la longue auf eine “fiskalische Konfiszierung” hinaus!

  6.   Bausparfuchsfänger

    Sehr geschätzter Herr Schieritz,
    ich glaube Sie sind auch einem Trugschluß aufgesessen: das Endkapital in diesem Beispiel ist meines Erachtens EUR 360,- und nicht 375 weil man ja im „nullten“ Jahr startet. Nach einem Jahr und 4% Inflation beträgt das Kapital dann 960, und nach dem 25. Jahr eben nur noch 360 . Ich würde sagen, jetzt steht es zwischen Peter Sloterdijk und Ihnen 1:1.

  7.   Frankie (f.k.a.B.)

    @Babendiek #5

    “Ohne Berücksichtigung der Energie sind die Verbraucherpreise 2015 um 1,1 Prozent gestiegen. ”

    Ach, nehmen wir doch lieber die Lebensmittel aus der Betrachtung der Inflationsrate raus ( + 2,3% in 2015 ) und nehmen Heizung, Strom und Autofahren wieder rein, dann dürften wir eine “echte” Inflationsrate von -0,8% gehabt haben in 2015.
    Es wird sich doch in Gottes Namen und auf Teufel komm raus eine Gruppe im Warenkorb finden lassen, mit genau der Teuerung, die die eigene Arbeitsthese am besten stützt.