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Geldanlage in Zeiten niedriger Zinsen

 

Das Wachstum der Weltwirtschaft verlangsamt sich in diesem Jahr offenbar weiter, auf etwa drei Prozent; die Trendrate liegt bei vier Prozent. Bremseffekte gehen vor allem von China aus, wo Überinvestitionen und Strukturwandel Reibungsverluste verursachen. Zwar sieht es nicht nach einer neuen Rezession aus, jedoch überwiegen die Risiken, dass das Ergebnis am Ende schlechter ausfällt als zurzeit erwartet. Erfreulich ist, dass sich die Lage am Arbeitsmarkt zumindest in den OECD-Ländern weiter kräftig verbessert. Die Zuwachsraten der Produktivität gehen jedoch immer noch zurück, was nichts Gutes für die Zukunft erwarten lässt.

Da die globale Outputlücke erneut größer wird, gibt es keine Inflationsrisiken. Zudem spricht Einiges dafür, dass die Rohstoffpreise dauerhaft niedrig bleiben werden. Gemessen an den inflationsgeschützten Staatsanleihen liegen die mittelfristigen Inflationserwartungen weit unter den Zielwerten der Zentralbanken. Die extrem expansive Geldpolitik dürfte daher auf absehbare Zeit beibehalten werden, selbst in den USA.

Die Länder des Euroraums stecken ebenso wie Japan immer noch in einer Liquiditätsfalle, aus der sie ohne eine expansivere Fiskalpolitik nicht so schnell herauskommen werden. Die USA sind in dieser Hinsicht weiter, weil die Treasury schon während der Finanzkrise sehr massiv gegengesteuert hatte, nicht zuletzt durch die Rekapitalisierung der Banken und die Hinnahme gewaltiger Staatsdefizite. Der Euroraum hat hier einen gravierenden institutionellen Wettbewerbsnachteil – auch eine noch so expansive „unkonventionelle“ Geldpolitik ändert daran nichts, wenn die Finanzpolitik restriktiv ausgerichtet ist. Immerhin hat die EZB zur Abwertung des Euro beigetragen und so die preisliche internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessert.

Aktien sind historisch gesehen teuer, aber trotzdem im Vergleich zu Anleihen attraktiv; letztere verzinsen sich real kaum mehr. Ausnahmen sind neuerdings Unternehmensanleihen, nachdem die EZB diese in ihr Ankaufprogramm aufgenommen hat.

Die riskantesten Aktien sind solche, die mit fossilen Energien und Rohstoffen zu tun haben. Banken, die hohe Forderungen gegenüber diesen Sektoren haben, sind ebenfalls gefährdet.

Insgesamt werden die Aktienkurse 2016 aus zwei Gründen kaum nennenswert zulegen: Das Wirtschaftswachstum ist nur moderat, und die Bewertungen sind recht hoch.

Ausführliches zu den globalen Risiken und den Aussichten für Aktien, Bonds und Währungen finden Sie in meinem neusten Investment Outlook:

Wermuth’s Investment Outlook – Asset allocation at a time of low real interest rates, March 2016*) (pdf, 702 KB)

*) Der Investment Outlook von Dieter Wermuth ist in englischer Sprache verfasst und wird im Herdentrieb in loser Folge zum Herunterladen bereitgestellt. (UR)

100 Kommentare

  1.   Babendiek

    @ Wermuth

    Wieder einmal beklagen Sie, dass die Finanzpolitik in Europa „restriktiv“ sei. Dies trifft nun für Deutschland – das ja in dieser Hinsicht immer wieder an den Pranger gestellt wird – absolut nicht zu.

    Im November hat der Bund den Etat für 2015, der ursprünglich 299 Milliarden Euro betragen hatte, nachträglich auf 307 Milliarden aufgestockt.

    Das Budget für 2016 beträgt 317 Milliarden Euro. Dies ist abermals eine deutliche Erhöhung.

    Am Mittwoch (23. März) befasst sich das Bundeskabinett mit den Eckwerten der Etats für die Jahre 2017 bis 2020.

    Für das kommende Jahr ist ein Ausgabenvolumen von 325,5 Milliarden Euro geplant, 2,7 Prozent mehr als 2016. Bis 2020 sollen die Ausgaben der mittelfristigen Finanzplanung zufolge auf 348 Milliarden Euro steigen.

    Zugleich sollen keine neuen Schulen gemacht werden. Die zusätzlichen Ausgaben werden mit den höheren Steuereinnahmen (kalte Progression) sowie den sinkenden Zinsbelastungen finanziert.

    Von 2015 bis 2020 würde der Bundesetat also nach den vorläufigen Planungen um 49 Milliarden steigen. Dies entspricht einer Zunahme von gut 16 Prozent innerhalb von fünf Jahren.

    „Restriktive Finanzpolitik“ sieht anders aus.

  2.   Babendiek

    @ Wermuth

    Ein Schlüsselsatz in Ihrem Text ist für mich:

    „Die Länder des Euroraums stecken ebenso wie Japan immer noch in einer Liquiditätsfalle, aus der sie ohne eine expansivere Fiskalpolitik nicht so schnell herauskommen werden.“

    Die Liquiditätsfalle ist ein Theorem von J. M. Keynes, das heute in der Ökonomie weithin als obsolet gilt. Kerngedanke ist: Wenn die Zinsen auf null fallen, investiert niemand mehr – weder Unternehmen noch Haushalte. Alle warten drauf, dass die Zinsen wieder steigen.

    Dieses Theorem, eine Aussage über das Verhalten von Menschen, kann ja nur dann Gültigkeit beanspruchen, wenn es empirisch bestätigt worden ist. Genau dies ist jedoch nicht der Fall.

    In der aktuellen Situation haben wir zwar Null-Zinsen. Dennoch investieren die Unternehmen fröhlich. Dies zeigen die jüngsten Quartalszahlen des Statistischen Bundsamtes für die Entwicklung der Anlageinvestitionen. Preisbereinigt betrug deren Zunahme im

    1. Quartal 2015: 0,7 Prozent
    2. Quartal: 1,5 Prozent
    3. Quartal: 2,2 Prozent
    4. Quartal: 4,2 Prozent.

    Das ist doch einer recht starker Anstieg, vor allem im letzten Quartal. Mit irgendeiner Liquiditätsfalle ist diese Entwicklung nicht vereinbar.

    Die EU-Kommission immerhin ist für die ökonomische Entwicklung in Deutschland recht optimistisch. In der alljährlichen Winterprognose (Stand: Februar 2016) sagt sie voraus, dass das deutsche Sozialprodukt in den nächsten beiden Jahren um jeweils 1,8 Prozent zulegt.

    Auch in vielen ehemaligen „Krisenländern“ der Eurozone wendet sich die Entwicklung zum Besseren:

    Irland
    2016: 4,5 Prozent BIP-Wachstum gegenüber dem Vorjahr
    2017: 3,5 Prozent

    Italien
    2016: 1,4 Prozent
    2017: 1,3 Prozent

    Portugal
    2016: 1,6 Prozent
    2017: 1,8 Prozent

    Spanien
    2016: 2,8 Prozent
    2017: 2,5 Prozent

    Wo ist da eine Liquiditätsfalle?

  3.   Tiefenwahn

    In Japan versucht man seit über 20 Jahren, mit Notenbankpolitik und mit Fiskalpolitik die Stagnation zu überwinden, und was hat es gebracht? 240% Staatsverschuldung und trotzdem Rezession. Wieso soll hier in Europa etwas funktionieren, was bewiesenermaßen in Japan seit 20 Jahren nicht funktioniert? Irgendwie kommt mir das so vor, als ob wir alle wie Lemminge einer fiktiven Illusion hinterherlaufen, oder ist das nur so eine Art Solidaritätsgefühl, das wir hier in Europa doch gefälligst alle gemeinsam in die Katastrophe hinein rennen sollen? Wieso soll eine Schuldenaufnahme überwiegend zum Konsum hier für Europa eine Lösung bringen. Das sind doch nur Verzögerungstaktiken, die das eigentliche Problem der Überschuldung nur noch verstärken. Wäre es nicht vernünftiger, hier endlich reinen Tisch zu machen, und mal zu realisieren, dass viele der aufgelaufenen Schulden einfach nicht zurückbezahlt werden können. Ohne ein zumindest teilweises Streichen von Schulden wird es hier nie einen Neuanfang geben. Da können wir noch Jahrzehnte herumdoktern, und die nächsten Generationen verheizen. Bislang hatten doch all die Maßnahmen nur den Sinn, das Vermögen von Wohlhabenden, welche sich verspekuliert haben, auf Kosten der Steuerzahler zu retten. Das hat schon in Griechenland nicht funktioniert, und wird auch sonst nicht funktionieren.

  4.   Dietmar Tischer

    @ Babendiek #2

    >Die Liquiditätsfalle ist ein Theorem von J. M. Keynes, das heute in der Ökonomie weithin als obsolet gilt. Kerngedanke ist: Wenn die Zinsen auf null fallen, investiert niemand mehr – weder Unternehmen noch Haushalte. Alle warten drauf, dass die Zinsen wieder steigen.>

    Unabhängig von der Höhe der Zinsen: Haushalte investieren nicht.

    Abgesehen davon will ich nicht darüber streiten, ob das Theorem in der Ökonomie als obsolet gilt.

    Eine Plausibilität für fehlende Nachfrage hat es m. A. n. schon im Fall von Deflation, d. h. einem Nachfrageattentismus bei FALLENDEN Preisen für Güter, die nicht zum unmittelbaren Bedarf gehören.

    Es mag dennoch sein, dass das Theorem obsolet im Sinne von irrelevant ist. Wenn so, dann vermutlich, weil es – wie Sie sagen – diesen Zustand in der Empirie nicht gegeben hat bzw. er nicht nachgewiesen wurde. Heute jedenfalls gibt es andere Gründe als null Zinsen, nicht oder nicht hinreichend zu konsumieren und zu investieren (in der Peripherie der Eurozone allemal).

    Wir haben seit 2011 in Europa und in der Eurozone fallende Inflationsraten, d. h. einen abnehmenden ANSTIEG der Preise, aber keine fallenden Preise:

    de.statista.com/statistik/daten/studie/156285/umfrage/entwicklung-der-inflationsrate-in-der-eu-und-der-eurozone/

    Sie kritisieren D. Wermuth demnach völlig zu Recht.

    Denn angesichts fallender Inflationsraten, die selbst bei stagnierenden Nominaleinkommen KAUFKRAFTSTEIGERND wirken, ist seine Logik geradezu umwerfend:

    Die Fiskalpolitik muss es richten.

    Warum muss sie es richten?

    Weil es der Privatsektor nicht richten kann.

    Warum kann er es nicht?

    Weil er in einer Liquiditätsfalle steckt.

    So geht ökonomisches Denken bei D. Wermuth:

    Um für eine Vorstellung zu argumentieren, wird IRGENDEINE Begründung aus der Schublade geholt – egal, ob die zur Realität passt oder nicht.

    Das ist aberwitzig.

  5.   Babendiek

    @ Tischer

    Mit dem, was Sie schreiben, stimme ich weitgehend überein. Nur in einem Punkt möchte ich Sie korrigieren: Auch Haushalte investieren – zum Beispiel in Wohneigentum, Wertpapiere und Lebensversicherungen.

    Laut der Theorie von der Liquiditätsfalle werden auch die Haushalte in Zeiten von Null-Zinsen völlig risikoavers: Sie investieren weder in Sacheigentum noch in die langfristige Geldanlage. Vielmehr wird das liquide Vermögen in so genannte „Spekulationskassen“ gesteckt – also sehr kurzfristig angelegt oder es werden zu Hause Geldscheine im Wäscheschrank deponiert.

    Auch dies ist derzeit in Deutschland nicht der Fall, wie ein Blick auf die jüngsten Entwicklungen zeigt. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Baugenehmigungen in Deutschland um 8,5 Prozent auf mehr als 300 000 Wohneinheiten. Dies war laut dem Statistischen Bundesamt der höchste Wert seit 15 Jahren.

    Zugleich erhöhten die Sparkassen 2015 die Kreditzusagen für Baudarlehen um fast ein Viertel auf 52 Milliarden Euro. Die Sparkassen sind die wichtigste Finanzierungsquelle für private Bauherren.

    Nun wird es aber ein bisschen dauern, bis die Eigenheime, die die Bauämter 2015 abgesegnet haben, tatsächlich gebaut worden sind und die Baufirmen die entsprechenden Umsätze buchen können. Will sagen: In der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung spiegelt sich die anziehende Bautätigkeit erst mit einer gewissen Verzögerung wieder.

    Noch größer ist im Allgemeinen der zeitliche Vorlauf zwischen den Investitionsentscheidungen von Unternehmen und dem bilanziell wirksamen Abschluss der Projekte.

    Damit will ich sagen: Mann muss doch erst einmal abwarten, welche Auswirkungen solche Entwicklungen wie die sprunghaft steigende Zahl von Baugenehmigungen hat.

    Die EZB neigt hingegen zu einem völlig unangemessenen Aktionismus. Dies gilt vor allem für die jüngsten geldpolitischen Entscheidungen.

  6.   Dietmar Tischer

    @ Babendiek

    Da wir uns bezüglich D. Wermuth und der Liquiditätsfalle einig sind, müssen wir die Dinge nicht auf einem Nebengleis vertiefen.

    Nur meine Meinung dazu, ohne zu behaupten, dass Sie falsch liegen:

    Der Wohnungsbau von Haushalten als Investition, d. h. Bildung von produktiven Sachkapital, ist unter Ökonomen nicht unumstritten, auch wenn er erst einmal wie eine Investition wirkt und natürlich Vermögensbildung ist.

    Private Haushalte investieren in der Tat, wenn sie als Selbständige ein Unternehmen ohne eigene Rechtspersönlichkeit betreiben. Was sie von ihrem Einkommen sparen, d. h. nicht für den Konsum ausgeben, wird zumindest teilweise ins Unternehmen investiert. Wie viel das bezüglich aller Investitionen in der Volkswirtschaft ist, kann dahingestellt bleiben. Ich habe jedenfalls zu pauschal geurteilt.

    Ich würde den Kauf von Wertpapieren und die Einzahlung in Kapitallebensversicherungen nicht als Investition im Sinne von Bildung produktiven Sachkapitals ansehen. Denn diese Geldströme schaffen PER SE kein produktives Sachkapital. Sie schaffen allenfalls die Voraussetzungen, dass andere es schaffen können – wenn sie denn wollen.

    Ich weiß, dass dies selbstverständlich anders gesehen wird und man z. B. von Finanzinvestitionen spricht. Aber die Bildung von produktiven Sachkapital ist nun einmal der entscheidende Faktor für eine wachsende Volkswirtschaft.

    Wie auch immer, Ihre Verweise auf das Wachstum in Europa und den Wohnungsbau bei uns – so bescheiden das alles auch sein mag auf teilweise tiefem Niveau – widerlegt das Gerede von der Liquiditätsfalle.

  7.   Torres

    @babendiek und tischer

    Es hilft wenig weiter, einzelne Maßnahmen als Negation restriktiver Fiskalpolitik zu deuten. Entscheidend ist die Summe aller Maßnahmen und da der Staat netto Sparer ist (durch die Schwarze Null) kann in der Tat von Restriktiver Fiskalpolitik gesprochen werden, welche so in den USA nicht stattgefunden hat, da hier Budgeteinbußen in Kauf genommen wurden. Zweitens möchte ich anmerken, dass Haushalte per Definition nicht investieren, insofern man die Summe aller Haushalte als makroökonomische Kennziffer interpretiert.
    Die Sparquote aller Haushalte ist schon immer positiv gewesen und wird sich aus der Natur der Sache heraus auch nicht verändern. Das Problem der Nullzinsen resultiert zum Teil auch daraus, dass in den vergangenen Jahren auch die Unternehmen zunehmend zu NettoSparern geworden sind, was weitestgehend im Widerspruch zu den fünfzig Jahren davor steht. Per Saldo brauchen Unternehmen also keine Kredite mehr um Investitionen zu tätigen. Doch wenn DAS Zugpferd einer Marktwirtschaft im Geldmarkt Kreditor statt Kreditnehmer wird, ja wer soll dann noch Kredite aufnehmen? Falls es jemanden gibt, der glaubt man brauche keine Kredite zum Investieren, dem sei gesagt, was einzelwirtschaftlich gilt, gilt noch lange nicht gesamtwirtschaftlich. Zu glauben die monetäre Seite der Volkswirtschaft hätte nichts mit der Realwirtschaftlichen Seite zu tun, ist ein Trugschluss.

    Es liegt auf der Hand, dass es problematisch wird, einen Zins über Null zu erreichen wenn alle drei inländischen Sektoren per Saldo positive Sparquoten besitzen (Auch wenn der Zins ein europäisches Resultat ist und kein Inländisches.) Wer soll das Angebot auf dem Geldmarkt nutzten? Das Ausland wird aus verschiedenen Gründen verhindern wollen dauerhaft die Schuldenposition, also eine negativen Saldo, zu übernehmen. Wenn man ausschließt die Unternehmen wieder in die Schuldenposition zu bringen, was Vor- und Nachteile hätte, so muss der Staat, gerade in Zeiten in denen eine Staatsanleihe zu weniger als 1-2% zu bekommen ist, investieren! Natürlich gibt es etliche Bereiche in denen eine Rendite von >2% zu finden ist.

    Ich halte es nicht für richtig, den Befund als Liquiditätsfalle zu bezeichnen, aber die Forderung nach expanisver Fiskalpolitik teile ich ausdrücklich. Nebenbei bemerkt, an alle Ideologen, (@s.oben) die Keynes per Dogma ablehen und als obsolet bezeichen, kann man aus einer keynesianischen Interpretation durchaus zu dem Schluss kommen, dass Steuererleichterungen eine sinnvolle gar notwendige Maßnahme darstellen. Ich würde mir viele Dinge nicht zu sehr mit Dogmen verbauen. Bleiben wir bei den Fakten. Beste Grüße

  8.   Dietmar Tischer

    @ Torres # 7

    Erst einmal:

    Willkommen im Club der „Es-ist-nicht-die-Liquiditätsfalle“.

    Ansonsten:

    Sie zählen mich zu den Ideologen, was falsch ist, weil ich a) meine Überzeugungen revidiere, wenn sie falsch sind (wofür es Gründe geben muss und nicht nur andere, entgegengesetzte Auffassungen), und b) Sie mir mit diesem Begriff Überzeugungen unterstellen, die ich nicht habe, nämlich eine dogmatische Ablehnung von Keynes, die ihn als obsolet bezeichnet.

    Vielmehr:

    Ich bin der Meinung, dass es u. U. sehr wohl angebracht ist, den Nachfrageausfall im privaten Sektor durch Fiskalpolitik zu kompensieren. Das war beispielsweise nach der Lehman-Krise der Fall als das BIP um 5% einbrach.

    Ich bin auch der Meinung, dass man im Falle eine Deflation, also einer Nachfrageverweigerung in der Erwartung weiter fallender Preise (wenn es die tatsächlich gibt), durchaus Keynessche Fiskalpolitik betreiben sollte.

    Da ich die Probleme in den entwickelten westlichen Volkswirtschaften im Wesentlichen als Anpassungsprobleme auf der Angebotsseite verstehe, damit u. a. auch das Verschuldungsproblem, bin ich nicht der Meinung, dass eine Fixierung auf die Nachfrageseite diese Probleme lösen kann. Insofern teile ich nicht die Meinung derer, die wie Sie mit Keynes eine aktivere Fiskalpolitik begründen.

    Vielleicht denken Sie anhand dieser Feststellungen einmal darüber nach, wer von uns beiden der Dogmatiker ist.

    Zur „schwarzen Null“:

    Es gibt Gründe dafür und dagegen, dass sich unser Staat mehr verschulden sollte. Der Verweis auf eine vermeintliche Outputlücke (D. Wermuth) ist m. A. n. kein Grund, weil – wenn es überhaupt eine Outputlücke geben sollte – diese meinem Verständnis nach nicht mit Fiskalpolitik geschlossen werden kann (s. o.) Der Verweis auf niedrige Zinsen ist eine Begründung, aber keine gute, sondern in der Einseitigkeit eine irreführend.

    Entscheiden aus meiner Sicht ist die Beantwortung dieser Frage:

    WAS ist der realwirtschaftliche Effekt einer Neuverschuldung in Bezug auf die Einengung des fiskalischen Handlungsspielraums , der mit höherer Verschuldung verbunden ist (bei der bereits bestehenden, nicht geringen Staatsverschuldung speziell dann, wenn die Zinsen wieder steigen sollten)?

    Die Effekte, die ich erkennen kann, ermutigen mich nicht, Befürworter einer Neuverschuldung zu werden. Gerade wurden des lieben Koalitionsfriedens wegen (genauer: der Pulverisierung der „Volkspartei“ SPD bei den letzten Landtagswahlen wegen) einige Mrd. zusätzliche Ausgaben im Haushalt 2017 beschlossen für das Ziel „Stärkung des sozialen Zusammenhalts“.

    Gute Nacht, Deutschland, kann ich da nur sagen.

  9.   Babendiek

    @ Torres

    Nach allgemeinem Verständnis bedeutet restriktive Finanzpolitik: Der Staat kürzt die Ausgaben und/oder erhöht die Steuern.

    Weder das eine noch das andere ist in Deutschland derzeit der Fall. (Eine restriktive Finanzpolitik ist übrigens nach Keynes sinnvoll und geboten, wenn die Konjunktur im Aufschwung zu überhitzen droht.)

    Expansive Finanzpolitik bedeutet hingegen: Der Staat erhöht die Ausgaben und/oder kürzt die Steuern.

    Zumindest ist die erste Bedingung ist in Deutschland glasklar erfüllt: Laut der mittelfristigen Finanzplanung sollen die Ausgaben des Bundes von 2015 bis 2020 um rund 16 Prozent auf knapp 350 Milliarden Euro steigen. Wie gesagt: Wir sehen in Deutschland derzeit definitiv keine restriktive, sondern eine expansive Finanzpolitik.

    Es ist übrigens auch falsch, den deutschen Staat als Nettosparer zu bezeichnen. Der Bund hat es gerade mal zwei Jahre geschafft, keine neuen Schulden zu machen. Der Haushaltsüberschuss, der 2015 erzielt wurde, wird auf 2016 vorgetragen, um Hilfen für die Flüchtlinge zu finanzieren.

    Die deutsche Staatsverschuldung beträgt nach wie vor rund zwei Billionen Euro. Wo sind da bitte Netto-Ersparnisse?

    Es ist ebenfalls falsch, die Unternehmen – als Gruppe – als Nettosparer zu bezeichnen. Im Gegenteil: Laut einer aktuellen Untersuchung der TU München beträgt die Nettoverschuldung aller deutschen Börsenunternehmen rund zehn Prozent der Bilanzsumme.

    Die Unternehmen nehmen weiter munter Kredite auf. Nur steigt das Volumen nicht oder nur schwach. Dies hat seinen Grund auch darin, dass die Firmen zunehmend auf Anleihen und Schuldscheine ausweichen – nicht nur Konzerne, sondern auch Mittelständler. Unternehmen mit erstklassiger Bonität zahlen kaum mehr als der Bund.

    Lustig finde ich Ihre Schlussbemerkung:

    „Ich würde mir viele Dinge nicht zu sehr mit Dogmen verbauen. Bleiben wir bei den Fakten.“

    Ich denke mal, dass hier kein Blogger in seinen Beiträgen so viele Fakten präsentiert wie ich. Als dogmatisch empfinde ich vielmehr Ihren Beitrag. Sie wollen offenbar keinerlei Kritik an Gottvater Keynes zu lassen.

  10.   Babendiek

    Noch ein paar Fakten zum Thema Staatsverschuldung und Wirtschaftswachstum

    Ich weiß wirklich nicht, woher Keynesianer ihre unbeirrbare Überzeugung nehmen, dass ein Staat mit immer mehr Schulden langfristig das Wachstum der Wirtschaft ankurbeln kann.

    Dies zeigt ein einfacher Vergleich zwischen Japan und der Schweiz, also den beiden Industrienationen mit jeweils der höchsten und der geringsten Staatsverschuldung. Betrachtet wird die Entwicklung in den letzten zehn Jahren. Alle Angaben stammen von Statista.

    2006 hatte die Staatsverschuldung in Japan bereits exzessive Ausmaße erreicht. Sie betrug exactamente 186,4 Prozent des Bruttoinlandsproukts. Bis 2015 steigerte die Regierung die Schuldenquote noch einmal kräftig auf 245,9 Prozent.

    Und was hat das alles gebracht? Nichts. Die stimulierende Effekte auf die Wirtschaft hatten den Grenzwert Null.

    Von 2006 bis 2015 erhöhte sich Sozialprodukt in Japan INSGESAMT um lediglich fünf Prozent. Dies entspricht einem Wachstum von durchschnittlich 0,5 Prozent pro Jahr – ein Desaster.

    Und nun zur Schweiz. Dort lag die Staatsverschuldung 2006 bereits auf einem recht niedrigen Niveau: Sie betrug genau 42,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Bis 2015 senkte die Schweiz die Schuldenquote auf 34,4 Prozent.

    Was passierte in dieser Zeit mit der Wirtschaft? Genau: Sie blühte und gedieh.

    Von 2006 bis 2015 stieg das Sozialprodukt der Schweiz um insgesamt 22 Prozent. Dies entspricht einem jährlichen Wachstum von durchschnittlich etwa zwei Prozent. Es gibt nicht viele reife Industrienationen, die diese Werte übertreffen.

    Sage jetzt bitte niemand, diese Beispiele seien willkürlich herausgegriffen. Auch Frankreich und Italien, zwei weitere Champions beim Schuldenmachen, haben in den vergangenen zehn Jahren ein sehr schwaches Wachstum erlebt.