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Ich kann beim besten Willen keinen Schuldenberg erkennen

Ist der Sozialstaat an der vermeintlich ausufernden deutschen Staatsverschuldung schuld? Das ist die Frage, die die Politik bewegt und über die wir bekanntlich an dieser Stelle gerade eine kleine, aber feine Auseinandersetzung mit Rainer Hank von den Kollegen von Wirtschaftliche Freiheit führen. Im Kern geht es um die Frage, ob unser Wohlfahrtsstaat wie eine Krake immer mehr Ressourcen bindet und nicht mehr – beziehungsweise nur durch immer höhere Schulden – finanzierbar ist. Ich habe das bezweifelt. In seiner Antwort verweist Hank auf die in der Tat stetig steigende absolute Staatsverschuldung von inzwischen fast 1700 Milliarden Euro. Das ist die berühmte Schuldenuhr. Aber deren Aussagekraft geht gegen Null. Weiter„Ich kann beim besten Willen keinen Schuldenberg erkennen“

 

Die Chicago-Boys entdecken die Ungleichheit

Ich habe es zusammen mit dem Kollegen Marc Brost schon vor einiger Zeit geschrieben, Raghu Rajan, Ex-Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds und seines Zeichens freshwater Ökonom aus Chicago sieht es ähnlich:

„of every dollar of real income growth that was generated between 1976 and 2007, 58 cents wenth to the top 1 percent of households“

zitiert Martin Wolf aus Rajans neuem Buch, und weiter:

„the political response to rising inequality was to expand lending to households, especially low-income ones“

Weil die Amerikaner kein ordentliches Geld mehr verdienen konnten, hat man ihnen Kredite aufgeschwatzt, um die Nachfrage dort (und letztlich in der ganzen Welt) irgendwie aufrechterhalten zu können. Wie man es dreht und wendet: Die durch praktisch alle Analyse bestätigte wachsende Ungleichheit ist nicht nur ein moralisches Problem, sondern eine wesentliche Ursache unserer Kalamitäten.

Deshalb: Nicht in der Bankenregulierung, sondern in der Marko- und Verteilungspolitik liegt der Schlüssel zur Verhinderung künftiger Krisen.

 

Wer reich werden will, muss Keynes lesen

Reden kostet bekanntlich nichts – vor allem wenn man verbeamteter Wirtschaftsprofessor ist – und deshalb ist es kein Wunder, dass der Methodenstreit zwischen Keynesianern und Monetaristen die Meinungsseiten der Zeitungen überquellen lässt und sich beide Seiten ihre Modelle an den Kopf werden. Wirkt eine Ausweitung der Staatsverschuldung expansiv oder kontraktiv? Führt die Ausweitung der Zentralbankgeldmenge zu Inflation? Weiter„Wer reich werden will, muss Keynes lesen“

 

Darf Axel Weber noch zur EZB?

Ich bin on-the-record mit einem vorsichtigen endorsement von Axel Weber als Präsident der Europäischen Zentralbank. Nach seiner Entscheidung, gegen den Kauf von Staatsanleihen zu stimmen und seine Kritik am Kurs des EZB-Rats, dem er selbst angehört, auch noch öffentlich zu machen, wird er im Ausland skeptischer beurteilt. Paul Krugman hat im Handelsblatt gegen Weber Stellung bezogen, auch in der EU regt sich offensichtlich Widerstand, wollen ebenfalls die Düsseldorfer Kollegen erfahren haben (leider kein Link).

Ich bin unschlüssig. Ich halte den Kauf von Staatsanleihen in der Situation, in der Europa nun einmal war, für alternativlos und bin der Meinung, Differenzen im Zentralbankrat sollten auch da bleiben. Ich habe Weber in dem Artikel damals unterstützt, weil ich glaube, dass er viel pragmatischer ist, als viele denken, dass er gute Leute zur Bundesbank geholt und sie so nach vorne gebracht hat (wenn die Volkswirte in der Bundesbank nicht gewesen wären, wären wir in dieser Krise völlig untergegangen) und dass er sich allein durch die konservative veröffentlichte Meinung in Deutschland gezwungen sieht, den Falken zu spielen.

Wenn er erst einmal an der Spitze der EZB ist, so dachte ich, dann lernen wir den wahren Weber kennen und dann ist er souverän genug, die Kritik der monetären Taliban in deutschen Universitäten und Redaktionsstuben an sich abprallen zu lassen. Die meisten von ihnen stecken er und seine Leute analytisch locker in die Tasche.

Ich glaube immer noch, dass Weber ein kluger und pragmatischer Ökonom ist. Was ich mich frage ist: Wie souverän ist er wirklich?

 

Ist der Kapitalismus ein Kettenbrief?

Schönes Stück im Kapital mal wieder zu der Frage, ob der Kapitalismus ein Kettenbrief ist. Ich teile nicht alles, was die Kollegen schreiben, kann mit dieser Beschreibung aber ebenfalls nicht viel anfangen. Soll das erstens bedeuten, dass er notwendigerweise kollabieren muss? Dafür hält er sich schon ziemlich lange – und wie die Kollegen beim Kapital gezeigt haben, ist es keineswegs so, dass die Verschuldung der volkswirtschaftlichen Sektoren gemessen an der Wirtschaftsleistung immer weiter steigt (selbst wenn sie das täte, muss das noch nicht problematisch sein, denn das kann auch strukturelle Gründe haben wie zum Beispiel mehr Finanzintermediation). Weiter„Ist der Kapitalismus ein Kettenbrief?“

 

Stark wie die Mark?

Für die aktuelle Ausgabe der ZEIT habe ich ein Interview mit Jürgen Stark, Chefvolkswirt der EZB, geführt. Axel Weber hin oder her – wenn jemand in der Notenbank die Bezeichnung Falke verdient hat, dann ist es Stark. Kein Wunder also, dass er im Streit um Konjunkturprogramme und Exportüberschüsse die ordnungspolitisch korrekten Positionen vertritt (Strohfeuer bzw. nur die Defizitländer müssen sich anpassen).

Bemerkenswert aber, dass Stark sagt, in schweren Krisen dürfe man sich nicht auf Lehrbuchwissen verlassen und indirekt jene Bundesbanker kritisiert, die die EZB kritisiert haben. Ist denn nichts mehr heilig?

 

Paul Krugman erklärt uns den Krieg

Zumindest kann man das hier so verstehen:

„And it’s also important to send a message to the Germans: we are not going to let them export the consequences of their obsession with austerity. Nicely, nicely isn’t working. Time to get tough.“

Erstaunlich, wie drüben ein mechanistischer Keynesianismus Oberhand gewinnt, während hüben mit nicht-keynesianischen (also expansiven) Effekten einer restriktiven Haushaltspolitik argumentiert wird. Die Amerikaner sind ökonomisch vom Mars, wir von der Venus. Das gab es in der Form meines Wissens noch nie. Ich selbst war von der Literatur zu den nicht-keynesianischen Effekten bislang nicht überzeugt, aber für die nächste Ausgabe der ZEIT werde ich mich nun auf den neuesten Stand bringen.

 

Wird die EZB zur Bad Bank?

Es wird derzeit ja ganz munter darüber diskutiert, ob die Europäische Zentralbank durch ihr Programm zum Ankauf von Staatsanleihen zu einer Bad Bank wird, in der die privaten Banken ihre Risiken abladen.

Ich teile diese Einschätzung mit Einschränkungen – aber ich denke, es ist der Preis für die Abwendung der Katastrophe. Weiter„Wird die EZB zur Bad Bank?“