Ein Blog über Religion und Politik

Kritisches zu Auden

Von 20. Februar 2007 um 14:25 Uhr

Mitblogger und Kommentator Augs gibt angesichts meines Auden-Kults folgendes zu bedenken:

Große Dichter sagen die Wahrheit, sehr häufig malgré eux. Ein bekanntes propagandistisches Gedicht von Auden (’Spain 1937′) endet so:

To-day the inevitable increase in the chances of death;
the conscious acceptance of guilt in the face of murder*;
to-day the expending of powers
on the flat ephemeral pamphlet and the boring meeting.

To-day the makeshift consolations; the shared cigarette;
the cards in the candle-lit barn and the scraping concert,
the masculine jokes; to-day the
fumbled and unsatisfactory embrace before hurting.

The stars are dead; the animals will not look;
we are let alone with our day, and the time is short and
history to the defeated
may say Alas but cannot help or pardon.

*Ursprünglich “the conscious acceptance of necessary murder”.

Die Frage sei erlaubt: Auf wen oder was mag man heute Audens Hymne auf die kämpfende, mordende Linke im spanischen Bürgerkrieg beziehen?

Kategorien: Debatte, Dichtung
Leser-Kommentare
  1. 1.

    @ Augs: Ich finde, das ist ein herrliches Zitat zur RAF-Begnadigungsdebatte. Conscious acceptance of necessary murder, damit fängt es immer an.

  2. 2.

    Sehr geehrter Herr Lau,

    Kunst, so auch Audens Lyrik ist in der Bedeutung grundsätzlich unabgeschlossen. Da mag dann jeder seine Zeile finden, wenn er es mit seinem Blick vereinbaren kann. Ich fand es schön, dass sich auf Ihrem Blog dieser Hinweis zu einem der wichtigsten englischen Dichter des letzten Jahrhunderts einfand und Sie das bekannte, wenn auch umstrittene Gedicht, 1. September 1939 wählten, zusammen mit dem Photo zweier Liebenden auf dem Weg, oder schon angekommen in Amerika. Dort starb dann diese Liebe schnell, wenn auch Freundschaft geblieben sein mag und beider Wege trennten sich. Auf dem Foto sitzen die Männer eng, optimistisch und kraftvoll. Wirkte die Liebe so auf sie? – Aber in Europa gingen zum zweiten Male im Jahrhundert die Lichter aus.

    Was könnte nun gesagt werden. – Auden selbst schrieb allenfalls in den Wochen während des Spanischen Bürgerkriegs in propagandistischer Absicht und hasste es. Da hatte er sich nach Spanien begeben, um einer Sache zu dienen von der er überzeugt war. Schießen wollte er nicht. Aber, obwohl Auden sich auch für allgemeine Ideen und vor allem seine Freunde und deren Anliegen einsetzen konnte, er war da ziemlich selbstlos, z.B. in der Hilfe für und in der Zusammenarbeit mit Isherwood oder dem Komponisten Britten, war er immer davon überzeugt, sich nur aus seiner eigenen Person heraus und stets momentaner eigener Überzeugungen verpflichtet, zu äußern. Folglich verwirklichte er das Prinzip der Unabgeschlossenheit auch an den beiden, nun hier vorgestellten Gedichten.

    Desillusionierung war das Ergebnis des Spanienaufenthalts. Aber eine skeptische Haltung, das Bewusstsein, immer auf die eigene Subjektivität zurückgeworfen zu sein, das bestimmte Audens Grundhaltung seit der Jugend.

    Daher ist in dem Gedicht 1.September 1939 nirgends von der Wahrheit oder dem richtigen Bewusstsein die Rede, sondern von der Stimme die ein Dichter hat, zumindest die lügenhaften Faltungen wieder aufzuheben. „Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen…“, diese Sensualität der Strasse, des Massenwahns, der Bewegung, das kotzte ihn an und ängstigte ihn zugleich.

    Tja, und was soll man zu „augs“ Interpretation und ihrer knappen Anmerkung sagen? – Zumindest gibt Auden eine ehrliche Antwort. Denn im Angesicht einer überzeugten und tatkräftigen Mörderbande, wird manche Verteidigung auch zum Mord. – Diese Feststellung ist, angesichts des „unsatisfactory embrace before hurting“, sicher nicht unangemessen. Zumal es bisher in der Weltgeschichte fast immer etwas mit „masculinity“ zu tun hatte. – Aber weder situativer Anlass noch die Absichten Audens lassen sich mit der aktuellen Entlassung Mohnhaupts, dem Gnadengesuch Klars oder der RAF-Geschichte verknüpfen. – Da war nun Ihre Seele und die “augs” aktiv.

    Grüße

    C. Leusch

    • 20. Februar 2007 um 17:14 Uhr
    • Christoph Leusch
  3. 3.

    @ Leusch
    “Da hatte er sich nach Spanien begeben, um einer Sache zu dienen, von der er überzeugt war. Schiessen wollte er nicht”.

    - Okay, kann man akzeptieren, manche sind besser am Schreibtisch. Und wenn man nicht mehr überzeugt ist, geht man eben.

    “Desillusionierung war das Ergebnis des Spanienaufenthaltes … das Bewusstsein, immer auf die eigene Subjektivität zurückgeworfen zu sein, das bestimmte Audens Grundhaltung seit der Jugend”.

    - Diese Desillusionierung kommt daher, dass sich jemand zu sehr als “Individuum” verstanden hat, als nicht eingebunden in einen universellen Kontext.
    Anders ist ECHTE Desillusionierung gar nicht möglich!!!
    Mein Credo: Wir sind alle falsch geprägt, und das schon seit sehr langer Zeit.

    “… diese Sensualität der Strasse, des Massenwahns, der Bewegung, das kotzte ihn an und ängstigte ihn zugleich”.

    - Das selbe Problem wie vorhin: das “Ich” und die “feindliche Umwelt”, psychologische Abgrenzung nach Aussen.

    Herr Leusch, Sie sind nicht der einzige, der so tickt.
    Auf einem blog von Spiegel-online meinte ein Kommentator, die Enthauptungen bei Idemeneo seien okay, da sie ein “Kulturprodukt” seien, während der Faschingswagen in DÜ (Klischee, Wirklichkeit) eine Beleidigung religiöser Gefühle seien.
    Auf dieser intellektuell-elitären Grundlage wirkt Pazifismus ziemlich unglaubwürdig, vor allem für das bunte Pack da draussen auf der Strasse, meinen Sie nicht auch?
    Aber vielleicht haben Sie ja nur Angst, dass Ihnen der Zeigefinger abfällt, wenn Sie zuviel Gemeinsinn und Mitgefühl entwickeln.

    • 20. Februar 2007 um 18:24 Uhr
    • iceman
  4. 4.

    ad Kommentar von iceman | 20.02.2007 | 6:24

    Lieber “iceman”,

    Ich habe versucht, über die beiden Gedichte, deren mögliche Bedeutung und Auden einige Dinge zu sagen. Mehr nicht. Dazu wollte ich klarstellen, dass die Verbindung Auden, 1937+1939, zu RAF-Terrorismus und Begnadigungsdebatte beim Verständnis der Gedichte nicht weiter bringt und die Verbindung konstruiert ist.

    Es besteht weder ein sachlicher, noch ein ideologischer , noch ein psychologischer Zusammenhang. – Die Mohammed-Karrikaturen und der Düsseldorfer Fastnachtwagen, das wäre schon wieder eine andere Diskussion; und die “Jecken” als
    “Pack”, da kann ich auch nicht folgen.

    Wenn man die Geschichte noch ein wenig weiter ansieht, dann steht am Ende des “1.September 1939″ Gedichts, Audens Credo doch nicht so einseitig auf Seiten von Individualität und Subjektivität, denn, so räumt er ein, vielleicht findet er wieder den vorsichtigen Mut eine bejahende Sprachfackel, die “affirming flame”, anzuzünden. – Das war jedenfalls 1939 so.

    Die nächste Desillusionierung für Leute seiner Intelligenz und Sensibilität erfolgte dann nur wenige Jahre später, als er in das kriegszerstörte Europa zurückkehrte.

    An Audens Geschick vielleicht lehrreich, im Bezug auf den von Ihnen genannten “universellen Kontext”, das gebe ich Ihnen gerne zu, ist die Tatsache, dass Intellektuelle aufgrund dieser Desillusionierungen im 20. Jh. dazu neigen, nicht Partei für einen Zusammenhang zu ergreifen, selbst wenn sie es wissentlich und emotional verantworten könnten.

    Noch einmal von einer anderen Seite:

    Wenn Sie selbst einmal, nur für die eigene Welt annehmen, sie sei nur halbwegs ordentlich, geplant und regelhaft und nur ein Bruchteil der Gefühle und Vorstellungen gelangte vor ihr inneres Auge zur Betrachtung und Klärung und dann müssten sie noch mit dem je anderen human und dialogisch umgehen, wie viel schwerer fiele es dann, solchen “universellen
    Kontext” einzugestehen, ihn anzunehmen und daraus eine Handlungsmaxime zu gewinnen.

    Tiefer Zweifel und beständige Überprüfung der eigenen vorgefassten Urteile, erscheinen mir jedenfalls
    menschlich wahrer, ehrlicher und, ich gestehe es, sympathischer, als allzu feste Überzeugungen.

    Daher Freispruch für Auden und so manche Revolutionäre.

    Grüße und noch Helau

    Christoph Leusch

    • 20. Februar 2007 um 23:54 Uhr
    • Christoph Leusch
  5. 5.

    @ Jörg Lau
    Tja, das ist nun wieder typisch für große Dichter, daß sie mit ihren Wahrheiten die einen Zeitgenossen so und die anderen anders touchieren. Mir ist die RAF gar nicht in den Sinn gekommen, weil es bei denen um den Terror der 60 gegen die 60 Millionen und insoweit gar nicht um einen Bürgerkrieg ging, ihre Niederlage und das baldige Vergessen ihrer wahnwitzigen Ansprüche stand von Anfang an fest, vor allem stand die Amoralität ihrer Taten fest. Nein, mir ging es um den realen gerechten Krieg und was nach ihm bei einem Sieg des wirklich Guten kommt. Bei allem kindlichen Optimismus um die Zukunft präsentiert uns Auden (so verstehe ich ihn dieser Tage mindestens) die Gegenwart eines Bürgerkrieges so: sie gerät in eine zu finstere Verfassung, als daß danach jemals überhaupt eine Zukunft enstehen könnte. Und dieser Kern von Audens irritierendem Pessimismus am Ende von ‘Spain 1937′ reizt einen zu den Fragen: Ist der gerechte Krieg nicht schon deshalb böse, weil der eine reale gerechte Zukunft unmöglich macht? Wer bürgt dafür, das die Finsternis bald (the time is short!) aufhört damit die Überlebenden etwas vom Frieden haben? Ist Ausrottung der Besiegten unvermeidlich? Usw. Um eine Wendung ins Aktuelle zu wagen: Weiß man von irgendeinem Plan der USA (die “Guten”) für die Zukunft Irans (die “Bösen”) nach einem gewonnenen Krieg, der funktionieren könnte, d.h. der nicht die ewige Wiederholung sinnloser Gegenwart wäre wie jetzt im Irak?
    Lieber Herr Lau, Sie werden wahrscheinlich als einziger mein Posting lesen, neue spannende Themen in Ihrem Blog sind bestimmt längst unterwegs. Daher lasse ich das Kommentieren der interessanten Reaktionen auf Audens Gedichte lieber bleiben. Ich klebe aus verschiedenen Gründen nicht ewig am PC, gestern war ohnehin Faschingsdienstag (in BY praktisch Feiertag) und ich erlaubte mir, das Leben fern des Schreibtischs zu genießen.
    Zuletzt noch dies: Es ist schön, daß Sie uns u.a. mit großer Dichtung in Erinnerung rufen, daß es ein Englisch jenseits des Strategen- und Ideologensprechs gibt.
    Schönen Gruß

    • 21. Februar 2007 um 14:09 Uhr
    • augs
  6. 6.

    @ Christoph Leusch
    Audens Gedicht las ich ohne Vorkenntnisse über die historischen Hintergründe, und kann viel damit anfangen, weil es eine Weltsicht vertritt, die in monotheistisch geprägten Kulturen nie gefördert wurde, und deshalb fühlten sich unsere Dichter wohl auch so oft so einsam.
    Der Blick von ganz oben, die vielen kleinen leuchtenden Punkte, das ist schön.

    Es gab einmal eine Zeit, da mochte ich Wiener Zuckergebäck (und mag´s immer noch).
    Ich glaube nicht, dass Stefan Zweig, als er sich 1942 in Brasilien erschoss, völlig desillusioniert war.
    Ein Selbstmord bedeutet nicht zwangsläufig, dass der Glauben an eine bessere Zukunft verloren ging.
    Da war einfach keine Kraft mehr da, um den Zwängen der physischen Existenz noch nachzukommen.
    Der “innere Glutkern” war sicher noch vorhanden.
    Nur hat nicht jeder die Kraft, gegen die erstarrten Konventionen und Verrohung der Umwelt dauerhaft anzukämpfen, oder sie gelassen zu ertragen wie ein Julien Green.

    Ohne abwerten zu wollen, halte ich den geistigen Verschleiss an der Umwelt sogar für einen Ausdruck von geistiger Unreife.
    Aber die Prägung damals wog schwer, diese ganze Symbolik des Opferlamms, tief hineingetragen bis in die Moderne.

    Die Frage ist also, wie man sich vor diesem Verschleiss bewahren kann.
    Eskapismus ist besser als ein Leben mit Schaum vor dem Mund, ohne jeden Zweifel, aber m.E. suboptimal, weil das universelle Bewusstsein darunter leidet.
    Die Nische als Rettungsanker entspricht dem “kleinen Fahrzeug” im hinayana-Buddhismus, dem als Hauptmotiv die Weltentsagung zugrunde liegt.
    Im mahayana, dem mittleren Fahrzeug, dominiert das Mitgefühl, das Erbarmen.
    Ich finde aktive Sterbehilfe “gut”, und ich kann mir sogar vorstellen, ein Volk, eine Region, oder die Welt – in ganz extremen Ausnahmesituationen – auch mittels Krieg zu “befreien”, obwohl sich das von der reinen Lehre abhebt.
    Eine Entsprechung findet sich auch im Katholizismus, Papst J.P. hat ähnlich formuliert.

    Meine Kritik an Sie haben Sie sehr gut erfasst und hervorragend formuliert:
    “… die Tatsache, dass Intellektuelle aufgrund dieser Desillusionierung im 20. Jh. dazu neigen, nicht Partei für einen Zusammenhang zu ergreifen, selbst wenn sie es wissentlich oder emotional verantworten können”.
    Weiter schreiben Sie:
    “Wenn Sie selbst einmal, nur für die eigene Welt annehmen, sie sei nur halbwegs ordentlich, geplant und regelhaft, und nur ein Bruchteil der Gefühle und Vorstellungen gelangte vor ihr inneres Auge zur Betrachtung und Klärung, und dann müssten Sie noch mit dem je anderen human und dialogisch umgehen, wie viel schwerer viele es dann, solch einen “universellen Kontext” einzugestehen, ihn anzunehmen, und daraus eine Handlungsmaxime zu gewinnen.
    Tiefer Zweifel und beständige Überprüfung der eigenen vorgefassten Urteile erscheinen mir jedenfalls menschlich wahrer, ehrlicher und, ich gestehe es, sympathischer, als feste Überzeugungen”.

    Lieber Herr Leusch, da rennen Sie bei mir alle offenen Türen ein, das ist schon “eingepreist”, löst aber das moralische Dilemma (?) eines nicht-radikalen Pazifisten nicht.
    Die materielle Welt und ihre Zwänge sind immer da, mindestens als Parallelwelt zur vorhandenen inneren Schau, und begleiten einen selbst dann, wenn man Kenntnis davon hat, dass es keine festen und unveränderlichen Strukturen gibt.
    Und deshalb geht es auch nicht darum, etwas als “sympathisch” oder “menschlich wahrer” zu empfinden.
    Wer derart selektiert, gerade auf der Gefühlsebene, der hat den universellen Ansatz schon verloren.
    Und ich denke schon, dass es halbwegs belastbare Massstäbe gibt, nach denen man existenzielle humanitäre Werte bemessen kann.
    In Zeiten akuter Bedrohung sind sie schwer zu verteidigen mit butterweichem Relativismus, und auch durch einen blossen Verzicht auf verbale Schlagworte oder Denkverbote (PC) werden die negativen Folgen einer unangemessenen Passivität nicht behoben.
    Sie dienen bestenfalls als Feigenblatt für einen selber, und auch das zeugt von zu starker persönlicher Anhaftung.

    Man kann noch so viel filtern, abwägen, gewichten – und das sollte man tun -, es bleibt immer die Gefahr der eigene Fehleinschätzung.
    Der Ausweg aus diesem Dilemma kann nicht in Passivität liegen, sondern eher in der Bildung persönlicher Reserven an Zivilität, um in Konfliktfällen vor eigenen Überreaktionen besser gefeit zu sein.
    Etwas schlichter: Man muss niemanden hassen – im Gegenteil!
    Mehr geht nicht, mehr ist nicht drin, jedenfalls nicht bei mir, wenn ich die Kommentare von kayvan, fritzfernando und einigen anderen lese, oder wenn ich Bilder sehe von überdimensionierten Konterfeis schwarz betuchter Geistlicher, an denen Truppenaufmärsche und mobile Raketen vorbeidefilieren.
    Mir ist schon klar, warum Sie die Berichterstattung über Ehrenmorde so sehr ablehnen, aber Sie können die äussere Wirklichkeit nicht einfach “weg retouschieren”.
    Deshalb auch mein Hinweis auf die Weisheit der Narren:
    “Klischee” und “Wirklichkeit”.

    • 24. Februar 2007 um 20:16 Uhr
    • iceman
  7. Kommentar zum Thema

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